Berichte 29.12.2018 | 13:12von Colin McGourty

Schnellschach-WM, Tag 3: Dubov und Ju Wenjun holen den Titel

Der russische Großmeister Daniil Dubov ist neuer Schnellschach-Weltmeister. Der 22-Jährige besiegte am Schlusstag mit Schwarz Korobov und Wang Hao und wurde am Ende mit 11 aus 15 ungeteilter Erster. Für seinen Triumph bekam er $60.000 Preisgeld, während Shakhriyar Mamedyarov (Silber), Hikaru Nakamura (Bronze), Vladislav Artemiev und Magnus Carlsen mit einem halben Punkt Rückstand jeweils $36.250 erhielten. Bei den Damen verteidigte die Chinesin Ju Wenjun ihren Titel und durfte sich über ein Preisgeld von $40.000 freuen. Gewinnt sie auch beim Blitzen, ist sie dreifache Weltmeisterin.

Verdientes Rampenlich für den neuen Schnellschach-Weltmeister Daniil Dubov | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien der Schnellschach-WM könnt ihr hier nachspielen:

Und hier das Video von der Live-Übertragung mit Peter Leko und Evgeny Miroshnichenko:

Blicken wir auf einige Erkenntnisse, die man in St. Petersburg ziehen konnte:

1. Dubov triumphiert unter schwierigen Bedingungen

Einige Tage vor der Schnellschach-WM in St. Petersburg verstarb Daniil Dubovs Großvater Eduard Dubov – Mathematiker, Schachschiedsrichter und Elo-Beauftragter seines Landes – mit achtzig Jahren in Moskau. Dubov bezeichnete vor allem „die Art und Weise, auf die er gestorben ist“ als tragisch. Russische Medien berichten, dass Dubovs Großvater schwer unterkühlt auf der Straße gefunden worden sei und er am nächsten Tag verstorben sei, ohne das Bewusstsein noch einmal erlangt zu haben. Dubov bezeichnete die Umstände als mysteriös, fügte aber an, dass er glaube, mit seinem Antreten dem Wunsch des Großvaters gefolgt zu sein.

Vor allem dank fünf Schwarzsiegen erzielte Daniil Dubov 11 aus 15 und machte seinen Großvater damit postum stolz.


Mit 2860 erzielte er zudem die beste Elo-Leistung und kletterte mit einem Zuwachs von 55,8 Punkten auf Platz 12 der Weltrangliste. Hinterher relativierte er seinen Erfolg jedoch:

Manchmal spielt man gut und gewinnt deswegen, aber manchmal hat man auch einfach nur Glück. Was dieses Turnier betrifft, gilt für mich vor allem Letzteres. Ich habe nicht sonderlich gut gespielt!

Einige glückliche Momente waren sicher dabei – Grigoriy Oparin verpasste trotz überlegener Stellung den Sieg und Kacper Piorun patzte in einem remislichen Damenendspiel, doch auf der anderen Seite verpasste Dubov in Runde 5 einen Sieg gegen Yu Yangyi. Große Bedeutung hatte die 12.Runde:

Die wichtigste Partie war diejenige gegen Korobov. Ich war mit einem Remis gestartet und hatte Schwarz. Ich hatte gar nichts, und die Partie war im Grunde totremis. Doch er wollte mehr und stellte die Partie ein. Wir saßen an Brett 6, und natürlich hat man nach einem solchen Geschenk eine gute Chance, das ganze Turnier zu gewinnen. Zumindest hatte ich danach das Gefühl, dass alles für mich laufen könnte.

Die Partie gegen Korobov war der Schlüssel für Dubovs späteren Sieg | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite


Korobov hätte in dieser symmetrischen Stellung mit 38.Db2 fortsetzen können, doch stattdessen gab er seine Dame mit 38.Dxe4?! Td1+ 39.Txd1 Dxe4, wonach Weiß den f-Bauern gewinnt, dabei aber die Koordination seiner Figuren einbüßt. 44.Tf8? war der letzte Fehler: 


Nach 44...Dc5! 45.Sh8+ Kh7! verliert Weiß immer eine Figur (der weiße König steht zu ungeschützt), und danach beendete Dubov die Partie mit chirurgischer Präzision. Durch diesen Sieg lag Dubov punktgleich mit Yu Yangyi in Führung, und durch einen Sieg gegen dessen Landsmann Wang Hao in der Vorschlussrunde setzte er sich sogar mit einem halben Punkt Vorsprung allein an die Spitze. Gegen Mamedyarov Schwarz zu haben, ist sicher keine leichte Aufgabe, aber Dubov stand bereits besser, als er nach 24 Zügen das Remis akzeptierte.

Nach einem überraschenden Remis gegen Shak wurde der Traum wahr | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Damit hatte er den geteilten ersten Platz schon sicher, und als alle anderen Partien remis ausgingen, stand er als neuer Weltmeister fest.

Rk.SNo NameFEDRtgIPts. TB1  TB2  TB3 Krtg+/-
125GMDubov DaniilRUS272311,02860132,5140,52055,8
26GMMamedyarov ShakhriyarAZE278610,52846131,5138,52024,0
32GMNakamura HikaruUSA284410,52833125,5131,020-1,4
43GMArtemiev VladislavRUS281210,52828131,5139,0209,0
51GMCarlsen MagnusNOR290310,52779121,5127,020-34,4
6169GMFirouzja AlirezaIRI241210,02848130,0136,020157,4
711GMYu YangyiCHN275810,02820132,0138,52026,4
816GMGiri AnishNED273910,02815129,5135,52030,2
98GMKarjakin SergeyRUS277410,02794126,5133,5206,8
1043GMPetrosian Tigran L.ARM267610,02791125,0132,02044,8
1115GMKorobov AntonUKR274010,02780132,0139,02019,0
1235GMMatlakov MaximRUS269010,02765124,5132,02031,6
1338GMDuda Jan-KrzysztofPOL268310,02759117,5124,02032,6
1429GMAnton Guijarro DavidESP270810,02750124,0130,02017,6
1519GMGrischuk AlexanderRUS273210,02746122,0129,5205,6
1621GMJakovenko DmitryRUS273110,02731114,0119,020-0,4
1759GMPonkratov PavelRUS265010,02679112,5118,02014,4
1822GMAndreikin DmitryRUS27259,52801134,0139,52033,6
197GMWang HaoCHN27829,52772130,0136,020-0,6
2040GMZubov AlexanderUKR26819,52770124,0129,52039,0
2131GMOparin GrigoriyRUS27019,52764129,0135,52027,4
2212GMKamsky GataUSA27579,52745127,5134,020-1,6
2324GMAnand ViswanathanIND27239,52741126,0131,02010,0
2464GMAlekseenko KirillRUS26359,52712122,5128,02035,0
2541GMFridman DanielGER26779,52707117,5123,02013,4
2627GMJobava BaadurGEO27189,52679110,5116,520-14,0
2732GMCheparinov IvanGEO26979,52676119,5126,020-4,6
2850GMKovalenko IgorLAT26659,5256496,0101,020-33,6

War dies die beste Leistung seiner Karriere? “Ich denke schon, ja. Das kann man durchaus so sagen!” Zuvor hatte er bereits 2016 die Bronzemedaille bei der Blitz-WM gewonnen, ehe er im Vorjahr auf eine Teilnahme verzichtete. Gegenüber dem norwegischen Fernsehen meinte er:  

Ich hoffe wirklich, dass das Folgen hat. Vor zwei Jahren wurde ich bei der Blitz-WM Dritter, bekam danach aber keine einzige Turniereinladung. Vielleicht bekomme ich jetzt wenigstens eine. 

Unterm Strich war es sicher kein schlechtes Turnier für jemanden, der vor einigen Tagen noch sagte: “Ich hasse Schnellschach!”

2. Der Usurpator kam aus Carlsens eigenem Lager

Vor dem Turnier hatte Magnus Carlsen noch zu Jan Gustafsson gesagt:

Ich will wieder das Triple. Kein Usurpator wird überleben!!

Trotz seines desaströsen Starts mit 0 aus 2 kämpfte er sich zurück und bekam durch beeindruckende Siege gegen Grigoriy Oparin und Dmitry Andreikin sogar noch Titelchancen, doch am Ende schaffte er mit Schwarz gegen Hikaru Nakamura nicht den notwendigen Sieg für einen Stichkampf. Zuvor hatte er bereits gegen Vishy Anand …

… und in der ersten Partie des Tages gegen Daniil Dubov ein Remis abgegeben. Dieses Duell dauerte nur 26 Züge, und einer der Gründe war, dass Dubov einer der Sekundanten des Weltmeisters bei dessen Titelverteidigung on London war.

Caruanas Hauptsekundant Rustam Kasimdzhanov meinte zu Andre Schulz:

Wer außer Peter Heine Nielsen hat Carlsen unterstützt?

Laurent Fressinet, soweit ich weiß, und wie ich gehört habe, auch Daniil Dubov. Mehr weiß ich nicht.

Peter Heine Nielsen, Laurent Fressinet, Jan Gustafsson, Nils Grandelius und Daniil Dubov sind mittlerweile als Sekundanten bestätigt worden – vielleicht kommen ja noch ein paar Schnappschüsse aus Thailand dazu!    

Sieg für Team Carlsen | Foto: Maria Emelianova, Turnierseite

Dubov meinte während des Turniers auf die Frage, ob er Zeitungen lese:

Eines habe ich von Magnus gelernt. Das Wichtigste ist, dass man sich nicht darum schert, was andere sagen. 

Später fügte er hinzu, “Ich war in seinem Team, vermutlich hat er mir also zu viele Lektionen erteilt!” Offenbar war es nicht besonders gut, dass Magnus den Usurpator in seinem eigenen Königreich hatte, aber er war nicht sonderlich enttäuscht:

„Carlsen über Dubov: "Das ist wirklich sehr cool! Wenn schon ein anderer gewinnt, dann wenigstens einer aus meinem Team. Großen Glückwunsch, das gönne ich ihm.”

3. Drei WM-Titel sind möglich … für Ju Wenjun

Während der Ausgang beim Open bis zum Schluss offen war, dominierte Ju Wenjun das Damenturnier von Anfang bis Ende und musste dabei gegen sämtliche Konkurrentinnen antreten. Wie im Vorjahr blieb sie ungeschlagen und beendete das Turnier einen Punkt vor Sarasadat Khademalsharieh (Silber) und Aleksandra Goryachkina (Bronze):  


Wie an den Vortagen begann sie mit einem Sieg, da Kateryna Lagno in eine bekannte Falle tappte:


14.Sdb5! gewann einen Bauern, da 14…cxb5 an 15.Lxd6 scheitert, weil 15…Dc6 wegen 16.e5 nicht geht. Wenjun überspielte dann auch noch Goryachkina und sicherte sich mit einem kurzzügigen Remis gegen Khademalsharieh zumindest einen Stichkampf. Wirklich knapp wurde es nur in der Schlussrunde gegen Zhansaya Abdumalik, doch am Ende hätte auch eine Niederlage zum Titel gereicht.

Bemerkenswert souveräner Sieg für Ju Wenjun, die das Damenschach dominiert | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Damit kann die Chinesin nach zwei (!) Weltmeisterschaften im Turnierschach und der Mannschafts- und Einzelgoldmedaille bei der Olympiade ihr Jahr mit dem Sieg bei der Blitz-WM krönen und alle drei Titel gewinnen.

4. Anish Giri gegen Russland

Als Magnus Carlsen erfuhr, dass Anish Giri an der Schnellschach- und Blitz-WM teilnehmen würde, reagierte er mit einem Witz…

…aber bislang hat Anish Giri gut abgeschnitten! Zwar musste er gegen Artemiev oder Bocharov, also die Spieler, die Carlsen erwähnte, nicht antreten, aber ansonsten fuhr er gegen die acht Russen, gegen die er gespielt hat, drei Siege und fünf Remis ein. 

Anish Giri kämpft im Hintergrund | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Ungeachtet dessen landete Carlsen drei Plätze vor Giri, der sieben seiner letzten acht Partien remisiert.  

5. Das iranische Schach profitierte vom Ausrichterwechsel

Eine der beeindruckendsten Leistungen zeigte der 15-jährige Iraner Alireza Firouzja, der nur teilnehmen konnte, weil das Turnier nicht wie geplant in Saudi-Arabien stattfand. Trotz Niederlagen gegen Andreikin, Dubov und Korobov kämpfte er sich als Nummer 169 der Setzliste mit acht Siegen auf Platz 6 in der Endabrechnung. Seine Elo-Leistung von 2848 wurde nur von Dubov übertroffen.

Bei den Damen holte die Nummer 25 der Setzliste, Sarasadat Khademalsharieh, mit sieben Siegen, einer Niederlage und vier Remis die Silbermedaille. Das siebenzügige Remis gegen Ju Wenjun war letztlich die richtige Entscheidung.

In der nächsten Runde schlug sie Mariya Muzychuk, die nach zwei Niederlagen am Schlusstag noch auf Platz 11 abrutschte:

Rk.SNo NameFEDRtgIPts. TB1  TB2  TB3 Krtg+/-
12GMJu WenjunCHN258410,0270888,092,52034,4
225IMKhademalsharieh SarasadatIRI24029,0258583,087,02058,4
311GMGoryachkina AleksandraRUS24779,0256384,089,02027,2
41GMMuzychuk AnnaUKR25958,5257783,589,520-3,0
516GMTan ZhongyiCHN24428,5256585,089,02039,8
615IMAbdumalik ZhansayaKAZ24448,5253386,090,52028,8
75GMLagno KaterynaRUS25398,5248879,083,020-10,6
83GMLei TingjieCHN25458,5247277,082,020-16,8
917IMBodnaruk AnastasiaRUS24428,5245967,572,5206,4
1030IMSaduakassova DinaraKAZ23818,0255586,592,52056,2
118GMMuzychuk MariyaUKR24938,0254790,597,02017,8
1226GMGunina ValentinaRUS23968,0250582,086,52037,8
1318IMArabidze MeriGEO24318,0244075,580,5203,4
149GMHarika DronavalliIND24848,0239870,575,520-23,0
1524WIMShuvalova PolinaRUS24118,0233469,574,520-21,8
1640IMGaponenko InnaUKR23208,0229772,576,020-1,4

Goryachkina verlor gegen Ju Wenjun, gewann mit zwei Siegen danach aber noch Bronze | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

6. Die Favoriten landeten am Ende vorn …

Obwohl viele Favoriten zu Beginn einen schweren Start hatten, landeten sie am Ende im absoluten Vorderfeld. Die drei Turnierfavoriten gemäß Elo (Carlsen, Nakamura und Artemiev) hatten vor der Schlussrunde noch die Chance auf Gold, und auch die Nummer 6 Shakhriyar Mamedyarov mischte bis zum Schluss mit.

Wirklich zufrieden mit dem Remis war nur der Schiedsrichter | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

7. aber es gab Ausnahmen

Titelverteidiger Vishy Anand wurde 23. (und war damit sogar einen Platz besser als auf der Setzliste!) und andere Topspieler wie Ian Nepomniachtchi, Peter Svidler und Boris Gelfand taten sich am Schlusstag ebenfalls schwer, doch ein paar andere erwischte es richtig übel. Die Nummer 5 der Setzliste Levon Aronian verlor fünf Partien und landete am Ende auf dem 103.Platz, was ihn 84 Elo-Punkte kostete. Die Nummer 4 Vladimir Fedoseev, der im Vorjahr in Riad noch Zweiter geworden war, verlor genauso oft, büßte aber noch mehr Elo ein.

Aronian muss beim Blitzen neu angreifen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Zum Teil hatte es sicher damit zu tun, dass die Spieler das Schnellschachturnier schon abgehakt hatten und ihre Kräfte fürs Blitzen aufsparten. Da es keinen Ruhetag gibt, geht es bereits heute mit zwölf Runden Blitzschach weiter, ehe am Sonntag weitere neun Runden folgen.

Die Paarungen stehen bereits fest:

Seid wieder live dabei, wenn es am Samstag um 13 Uhr weitergeht: Open | Frauen

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