Berichte 27.12.2019 | 23:08von Colin McGourty

Schnellschach-WM 1: Duda stoppt Firouzja-Express

Jan-Krzysztof Duda führt nach dem ersten Tag mit 4,5/5 bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft in Moskau nach dem Sieg über Alireza Firouzja in Runde 5 zusammen mit Wang Hao, Shakhriyar Mamedyarov, Ilia Smirin und Leinier Dominguez. Zuvor hatte der 16-jährige Iraner, der nun unter der FIDE-Flagge spielt, in aufeinander folgenden Runden erst Anton Korobov und dann auch noch Sergey Karjakin geschlagen. Magnus Carlsen und Maxime Vachier-Lagrave gehören zu den neun Spielern, die nur einen halben Punkt Rückstand auf die Führenden haben, wobei Magnus das Ergebnis als "das, was ich brauche" beschreibt.

Die polnischen Großmeister Jan-Krzysztof Duda und Mateusz Bartel nehmen es in Runde 1 mit den russischen Großmeistern Maxim Vavulin und Sergey Karjakin auf | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien der Schnellschach-WM kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar zur ersten Runde:

Ein holpriger Start

Das Luzhniki-Fußballstadion in Moskau ist ein spektakulärer Austragungsort der Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaften, doch der erste Tag begann holprig. Valentina Gunina beschrieb die Kälte in der Spielhalle als "einfach einen Alptraum", was vor allem für die weiblichen Teilnehmer durch die strenge Kleiderordnung noch verstärkt wurde. In diesem Zusammenhang entschuldigte sich der FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich persönlich:

Ich entschuldige mich bei den Teilnehmern der Schnellschach-WM in Moskau für die Unannehmlichkeiten, die durch fehlerhafte Geräte entstanden und zu den niedrigen Temperaturen in der Spielhalle geführt haben. Wir versuchen alles, das Problem alsbald im Sinne der Spieler zu lösen.

Das andere Problem, für das sich die FIDE in der Öffentlichkeit nicht zu entschuldigen schien, war eher ein Problem für die Zuschauer - in den ersten paar Runden waren die digitalen Bretter und die von ihnen produzierten PGN-Dateien so durcheinander, dass es fast unmöglich war, die Partien zu verfolgen. Diese Dinge passieren jedoch zu Beginn großer, komplizierter Turniere häufiger und in Runde 3 funktionierte alles einwandfrei, wobei die Züge der fehlerhaften Partien später bis auf einige bei den Frauen wiederhergestellt wurden.

Magnus Carlsen sagte, dass er "das bekam, was er von Tag 1 brauchte" | Foto: David Llada, Turnierseite

Die Nr. 1 der Setzliste, Magnus Carlsen, begann in der Zwischenzeit das Turnier, noch bevor ein einziger Bauernzug passierte, mit folgender Nachricht:

Hatte gehofft, gegen Azamat Bagatov zu spielen.

Azamat Bagatov ist der kamerascheue kasachische Produzent in Sascha Baron Cohens fiktionaler Dokumentation Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen:

Magnus kämpfte schon in früheren Schnellschach-Weltmeisterschaften gegen weniger bekannte Gegner, aber diesmal hätte die erste Partie nicht besser laufen können. Es war Azamat, der das Schicksal mit Carlsens eigener Spezialwaffe, dem ...Dd6-Skandinavier, in Versuchung führte. Die zukünftigen Gegner des Norwegers werden wahrscheinlich genau darauf achten, wie Weiß einen vernichtenden Sieg errang:


Schwarz ist nur einen Zug davon entfernt, die Entwicklung zu beenden. Doch Carlsens 19.f5! setzt diesem Traum ein abruptes Ende: 19…exf5 20.Lc7! Dc8 21.Dd6! Nun wird nicht mehr rochiert und falls Urageliyev einen Springer auf e4 zu platzieren versucht, würde Magnus schlicht die Qualität opfern, um die Stellung weit aufzureißen. Die Partie war nach 26 Zügen dann auch vorbei.

Magnus Carlsen kommt gut ins Turnier, gewinnt seine Partie und MVL schafft gleichzeitig nur ein Remis bei der Schnellschach-WM in Moskau. Entschuldigt die Probleme mit den Partien - hoffentlich sind die Bretter/pgns im Spielsaal für die späteren Runden repariert

Aber für Magnus war nicht alles einfach. Sowohl gegen Hrant Melkumyan als auch gegen Rauf Mamedov spielte er ...f6 unter zweifelhaften Umständen und war in Schwierigkeiten. Er fasste später zusammen:

Ich glaube, es gab ein paar Schwarzpartien gegen Melkumyan und Mamedov, in denen ich etwas schlechter stand. Dann gab es dieses Endspiel gegen Savchenko, das ein objektives Remis war und ich habe es geschafft, aus diesen drei Partien zwei Remis und einen Sieg zu holen. Das war natürlich riesig für mich. Das hat dazu beigetragen, dass ich ein gutes Ergebnis hatte.

Die herausragende Turmendspieltechnik des Weltmeisters lässt Boris Savchenko ziemlich fassungslos zurück

Magnus beschrieb seine Ausbeute von 4/5 mit einem halben Punkt hinter der Spitze als "das, was ich brauche." Auf die gleiche Anzahl an Punkten kommt die Nr. 2 der Setzliste und die Nr. 1 der Live-Weltrangliste Maxime Vachier-Lagrave, auch wenn die französische Nr. 1 gegen den spanischen IM Renier Castellanos nicht über ein Remis hinauskam - und gegen den spanischen GM Alvar Alonso in Runde 3 sogar auf Verlust stand.Die erste Partie des Titelverteidigers Daniil Dubov, dessen 5-facher World Chess Problem Solving Champion-Gegner Kacper Piorun nicht widerstehen konnte, ein exquisites Mate-in-3 zuzulassen, war nicht wackelig:

Maxime Vachier-Lagrave und Levon Aronian müssen anerkennen, dass sie nicht am Kandidatenturnier 2020 teilnehmen werden | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die erste Partie des Titelverteidigers Daniil Dubov gegen den fünffachen Weltmeister im Problemlösen Kacper Piorun sah ein hübsches Matt in drei Zügen:


42.Dg7+! Lxg7 43.fxg7+ Kg8 44.Sh6#  

Für Dubov wird die Titelverteidigung nicht leicht, aber einen guten Start hat er schon einmal erwischt | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Einige der Starts von anderen Spielern müssen hier noch erwähnt werden. Unter anderem auch Peter Svidler und das "Bild" seines offiziellen Ausweises:

Er schmuggelte seinen Springer von e6 nach d3 und musste dabei einen kurzen Moment des Grauens überstehen, als dieser das Feld c5 betrat:


Auf d3 zementierte der Springer die Stellung und Peter gewann später, aber 44...Dxh4!! hätte hier die schwache Grundreihe voll ausgenutzt, wobei ...Dxf2! ein amüsanter Folgezug ist, wo auch immer der Turm hinzieht. Weiß hätte dann verloren, aber stattdessen folgte 44...Df5? und das war der letzte von vielen Fehlern für Sethuraman in dieser Partie.

Und dann war da noch Alexander Grischuk, der wie Svidler, Levon Aronian und viele andere Spitzenspieler den ersten Tag mit 3,5/5 beendete. Gegen seinen 19-jährigen Landsmann Alexey Sarana konnte er zwar keinen Mehrbauern verwerten, aber die Nachspielzeit gewann er locker:

Erziehung der Jugend

Und wieder einmal ist kein Interviewer vor Grischuk sicher!

Alireza Firouzja hat es eilig

Ein 16 Jahre altes Mitglied des 2700er-Klubs: Alireza Firouzja | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

16-year-old Alireza Firouzja could have been forgiven for feeling very nervous as he began his first tournament playing under the FIDE flag. GM Ian Rogers filled in some of the gaps in the story of Alireza leaving the Iranian Chess Federation:

Hintergrundgeschichte zur Entscheidung des 16 Jahre alten Firouza, nicht mehr für den Iran zu spielen: Grund hierfür ist eine Warning des IOC im Oktober an das Nationale Olympische Komittee des Iran, das NOK mit einem Bann zu belegen, falls Iraner wieder nicht gegen Israelis antreten sollten. Daraufhin wies die iranische Regierung den Schachverband an, an keinen Turnieren mit israelischer Beteiligung teilzunehmen. Eine Katastrophe für Firouzas Ambitionen.

Seine Landsfrau und zweifache Silbermedaillengewinnerin der Schnellschach- und Blitz-WM der Frauen in 2018, Sarasadat Khademalsharieh, bot ihre Hilfe an:

Die iranische Spielerin Sara Khadem spricht über ihre Ansichten zur Thematik, dass Firouzja unter FIDE-Flagge spielt

Auf dem Schachbrett braucht Alireza jedoch wenig Unterstützung. Nach einem hartumkämpften Remis gegen den Schweizer GM Noel Studer an Brett 69 in Runde 1 gab er so richtig Gas. In Runde 3 setzte er Anton Korobov in Windeseile und mit Stil außer Gefecht: 


27.Sxh5! gxh5 28.Txg8+ Kxg8 29.Dg3+ Kh8 30.Sf6! danach sammelte er den d7-Läufer nach 30...Df8 auf. Einer der Gründe leigt in 30…Sxf6? 31.exf6 und Weiß greift nicht nur den c7-Turm an und die Dame auf e7, sondern droht auch noch Matt auf g7.

Schon in der nächsten Runde gelang Alireza ein beeindruckender technischer Sieg gegen Sergey Karjakin, einen jener Spieler, die immer zu Siegen im Schnell- und Blitzschach fähig sind. Wer könnte ihn jetzt noch aufhalten?

Spielt Alireza Firouzja so weiter, hat FIDE-Land bald seinen ersten Weltmeister

Fünf Führende

Die Antwort war der 21-jährige Jan-Krzysztof Duda, der zu Beginn der Partie in Runde 5 keine Angst zeigte, indem er die Pirc/Moderne Verteidigung wählte, zu der Spieler normalerweise nur greifen, wenn sie zwingend gewinnen müssen. Firouzja opferte am Ende zwei Bauern und dann seine Dame. Doch hatte er die Rechnung nicht mit dem Wirt gemacht!


Duda ständ völlig auf Gewinn, wenn er seine Dame einfach wegziehen würde. Aber er dachte sich, "warum nicht?" und gab die Dame mit 28…Dxf3! stattdessen zurück. Mit zwei Bauern mehr erzwang er nach 29.Txe7+ Kf8 30.gxf3 Kxe7 31.Txd3 Td6! ein gewonnenes Bauernendspiel:

Duda stoppt den Firouzja-Express, während Carlsen und Mamedyarov sich Siege in der letzten Runde des Tages krallen

Alexei Shirov bezwang auf sehenswerte Weise Hikaru Nakamura in Runde 4 in einem Leichtfigurenendspiel, verlor in Runde 5 dann aber gegen Wang Hao. Der Chinese zeigte, dass seine Qualifikation für das Kandidatenturnier keine Eintagsfliege war und zog mit diesem Sieg auf 4,5/5 davon.

Nicht wirklich locker, aber Shakhriyar Mamedyarov hat nach dem ersten Tag eine perfekte Ausgangsposition | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Shakhriyar Mamedyarov stand in Runde 1 (Robert Ruck) und in Runde 2 (Evgeny Alekseev) auf verlorenem Posten, holte aus diesen Partien aber 1,5/2 und schlussendlich starke 4,5/5, ohne gegen absolute Topleute gespielt zu haben. Leinier Dominguez spielte deutlich überzeugender, nachdem er unglücklich in Runde 1 nicht über ein Remis hinaus kam. Mit 4 Siegen in Folge, unter anderem gegen Nikita Vitiugov und Anish Giri, zeigte er dann eine starke Leistung.

Dominguez gesellt sich zu Smirin, Mamedyarov und Duda in das Führungsquartett bei der Schnellschach-WM und führt mit den anderen zusammen mit 4,5/5 nach seinem Sieg über Giri.

Das letzte Mitglied der Spitzengruppe ist der 51-jährige israelische GM Ilia Smirin, der mit dem einzigen 4/4-Start die Skalpe von Maxim Matlakov, Bartosz Socko und Gadir Guseinov für sich beanspruchte. In einer schwierigen Stellung hatte Gadir den b2-Bauern gefressen...


27.Lxg6! war der Gewinnzug, da 27…hxg6 28.Txh8+ Lxh8 29.Lh6+ die Dame gewinnt.

Ilia Smirin könnte als Ü50 Spieler zusammen mit Vishy Anand, Boris Gelfand und Vassily Ivanchuk ein bärenstarkes Team abgeben! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Er remisierte in Runde 5 gegen MVL und als man ihn fragte, wie es sich anfühlt, gegen die "jungen Löwen" anzutreten, kommentierte Smirin, dass er zuletzt Wildtier-Dokumentationen gesehen hätte. Und "Löwen werden manchmal von anderen Tieren besiegt, durch ihre Beute - ich hoffe, das genauso tun zu können!"

Olga Girya ist eine von drei Spielerinnen, die in Moskau noch eine weiße Weste besitzen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Bei den Damen wurden inzwischen 4 von 12 Runden gespielt, wobei Meri Arabidze, Olga Girya und Irina Bulmaga die einzigen Spielerinnen mit einem perfekten Score von 4/4 waren. Es war ein schwieriger Start für die Top-Favoriten, denn die Favoritin Anna Muzychuk verlor in Runde 2 gegen Monika Socko, während die Zweitgesetzte Alexandra Kosteniuk in der ersten Runde des Tages gegen Baira Kovanova das Nachsehen hatte. Die Partien könnt ihr hier nachspielen:

Im Open stehen also noch 10 Runden aus. In Runde 6 lauten die Paarungen unter anderem Carlsen-Wang Hao, Smirin-Dominguez und Mamedyarov-Duda. Es ist also alles angerichtet, um die Führung durcheinanderzuwirbeln.

Live-Kommentierung in 5 Sprachen, unter anderem mit Sergey Shipov in Russisch | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

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