Berichte 17.11.2013 | 23:00von IM Georgios Souleidis

Schach-WM Anand-Carlsen, 7. Partie: Fachmännisches Remis

Die 7. Partie der Schachweltmeisterschaft in Chennai endete mit einem fachmännischen Remis. Es war ein Resultat, das beiden Spielern scheinbar in den Kram passte – Magnus Carlsen behält die Zwei-Punkte-Führung und ist dem WM-Titel einen Schritt näher gekommen, während Viswanathan Anand die Talfahrt nach zwei Niederlagen stoppte. Trotzdem inspirierte dieser Tag weder Fans noch Experten. Jan Gustafsson erinnerte die Partie an „Die Asche meiner Mutter“ – eine lange, langweilige und depressive Erfahrung.“

Für die indischen Schachfans ist es zur Zeit nicht einfach. | Foto: Anastasia Karlovich


Anand konnte am sonntäglichen Ruhetag seine Strategie neu justieren, nachdem die Niederlagen in Partie 5 und 6 alles über den Haufen warfen. 

Optionen,Optionen... | Foto: Anastasia Karlovich


Als er auf der Pressekonferenz gefragt wurde, was er am freien Tag gemacht hat, antwortete Anand:

Nichts Spezielles – das Wetter erlaubt nicht viel. Es ist schön hier zu sein, aber man kann nicht wirklich rausgehen. Dementsprechend blieb ich im Hotel und arbeitete ein wenig.


Regen ist eine Sache, die Chennai mit Limerick teilt, aber obwohl das Fünf-Sterne-Hotel Hyatt Regency eine Welt weit weg (oder zumindest eine Straße) von der elenden Armut Irlands aus dem mittleren 20. Jahrhundert ist, erinnerte sich Großmeister Jan Gustafsson an die Filmversion von „Die Asche meiner Mutter“, als er seine Kommentare zur heutigen Partie aufschrieb:


Die 7. Partie. Wird Anand, nachdem er zwei Partien in Folge verloren hat, alles auf eine Karte setzen, oder eher eine solide Partie ansteuern, um seine Form wiederzufinden? 

Nach guter alter russischer Tradition sollte man nach zwei Niederlagen ein Remis anstreben. Auch wenn Anand derjenige war, der die russische Dominanz brach, ist er mit diesen Prinzipien vertraut. Allerdings verbleibt kaum Zeit für ein Comeback im Match.

1. e4 Ein kleiner Indikator, dass Anand diese Partie in seinem vertrauten Territorium spielen möchte, obwohl er gegen die Berliner Mauer in seinen letzten Versuchen nicht viel erreichte. Stammtisch-Generäle wie euer Kommentator würden in so einer Situation eher zu 1.d4 greifen, um auf den vollen Punkt zu spielen.

1... e5 2. ♘f3 ♘c6 3. ♗b5 ♘f6 Entwickelt den Springer und greift einen zentralen Bauern an.

4. d3 Bislang folgen die Spieler der 6. Partie. Geben die Leute die Suche nach einem Vorteil nach

4. 0-0 ♘xe4 5. d4 ♘d6 6. ♗xc6 dxc6 7. dxe5 ♘f5 8. ♕xd8+ ♔xd8 auf?

4... ♗c5 5. ♗xc6 Hier kommt die Abweichung. Falls ihr in eurer Datenbank nach diesem Zug sucht, findet ihr unter den sechs stärksten Spielern, die diesen Zug angewandt haben, Carlsen, Carlsen, Carlsen und Anand, Anand, Anand. Beide Spieler befinden sich somit weiterhin auf gewohnten Terrain.

Die schachliche Rechtfertigung für den verzögerten Abtausch liegt am Läufer c5, der hier etwas deplatziert steht bei der entstehenden Struktur (er geht häufig nach d6, um den Weg für den c-Bauern freizumachen). Die resultierende Struktur ist absolute Geschmackssache. Sie gilt als nicht besonders gefährlich für Schwarz und er hat einen klaren Plan - Sd7, 0-0, Ld6, Te8 und c5 in den meisten Fällen - aber auf der anderen Seite sind die Chancen auf Aktivität aufgrund der sehr soliden weißen Struktur sehr limitiert.

Mir persönlich gefällt die Struktur nicht, seitdem ich gegen Luke McShane eine 124zügige Partie verlor. Mich erinnert diese Struktur an den Film "Die Asche meiner Mutter": Eine lange, langweilige und depressive Erfahrung. 


Ich bezweifle, dass Magnus die gleichen Gefühle empfindet, bedenkt man seine schachlichen Vorlieben und die Art und Weise, wie er McShane in dieser Struktur mit Schwarz schlug. 

5... dxc6

5... bxc6? 6. ♘xe5

6. ♘bd2 Wahrscheinlich der Hauptzug. Alternativen sind so gut wie alle vernünftigen Züge wie

6. 0-0

6. h3 oder

6. ♗e3

6. ♘xe5 ♕d4 ist aber nicht vernünftig.

6... ♗g4 Das ist aber etwas ungewöhnlich. Häufiger trifft man auf Züge wie

6... 0-0 , mit der Idee, sich mit Te8, Sd7, Lf8 (d6) und c5 aufzubauen, und

6... ♗e6 , mit der Idee den Läufer zu entwickeln, bevor man Sd7 spielt.

7. h3 ♗h5

7... ♗xf3 8. ♘xf3 würde ohne Konzession auf weißer Seite das Läuferpaar geben, was nicht Carlsens Idee war.

8. ♘f1 Das bekannte Springermanöver - erinnert ihr euch an Partie 5? Weiß möchte dieses Mal die unangenehme Fesselung seines Springers auf f3 loswerden, ohne das schwächende g4 zu spielen.

8. ♘b3 ist kein typischer Zug in dieser Struktur, aber Houdini besteht darauf. Schwarz sollte nichtsdestotrotz keine Probleme haben nach 8... ♗d6 (8... ♗b6? 9. g4 ♗g6 10. ♘xe5 is the point.) 9. g4 ♗g6 10. ♘a5 ♗b4+ 11. ♗d2 ♗xa5 12. ♗xa5 ♕d6

8... ♘d7 9. ♘g3 ♗xf3 Gibt letztendlich doch den Läufer für ein bißchen Zeitgewinn und um die Wirkung des Springers auf g3 einzuschränken (siehe nächsten schwarzen Zug).

9... ♗g6 lässt den Läufer auf dem Brett, aber außer Spiel. Ihn mit f6 nebst Lf7 zu reaktivieren, würde Zeit kosten und den weißen Springern schöne Felder am Königsflügel geben.

10. ♕xf3 g6 11. ♗e3 ♕e7 Beide Seiten verzögern die (kurze) Rochade, um dem Gegner nicht die Möglichkeit zu geben, auf die andere Seite zu rochieren und einen Königsangriff zu starten.

12. 0-0-0 0-0-0 Beide Könige finden auf dem sicheren Damenflügel ein Plätzchen. Nach der Entwicklungsphase ist es Zeit für ein Zwischenfazit: Weiß hat einen Minivorteil wegen seiner besseren Struktur. Falls er irgendwann d4 spielen könnte, um seinen d-Bauern gegen den schwarzen e-Bauern zu tauschen, dann würde seine 4 zu 3-Majorität am Königsflügel ein Faustpfand sein - Weiß könnte einen Freibauern bilden, während es mit der schwarzen Majorität am Damenflügel nicht so einfach ist. Weiß wird diesen Plan allerdings nicht so einfach durchsetzen können, während Schwarz keine Schwächen oder schlechte Figuren hat. Zusammengefasst haben beide Seiten vielleicht erreicht, was sie wollten - Anand eine risikolose Stellung mit einem Minivorteil und Carlsen eine Stellung, die er seiner Meinung nach einfach halten kann. Und natürlich wird ihn jedes Remis dem Titel näher bringen.

13. ♘e2 ♖he8 Schwarz kontrolliert das Zentrum und verhindert d4, weil der Bauer auf e4 fallen würde.

14. ♔b1 b6 15. h4 Liebäugelt mit Aktivität am Königsflügel.

15... ♔b7 Das sieht für mich etwas seltsam aus. Prinzipiell ist der Zug absolut spielbar, aber mir würde eher in den Sinn kommen, die weiße Expansion am Königsflügel mit

15... h5 zu bremsen.

16. h5 Natürlich.

16... ♗xe3 17. ♕xe3 Ein weiterer interessanter Moment - interessant im Kontext einer sehr langweiligen Partie und Struktur. In "Die Asche meiner Mutter" ist es der Moment, als der Regen aufhört und der Protagonist gezeigt wird. Nun ja, Anand hatte hier die Möglichkeit die Stellung mit

17. fxe3 zu verschärfen. Damit hätte er die Möglichkeit erhalten, auf der halboffenen f-Linie Druck auszuüben. Allerdings hätte das vielleicht unangenehme Erinnerungen aus der 6. Partie hervorgerufen, so dass Anand verständlicherweise die Struktur nicht verändert.

17... ♘c5 18. hxg6 hxg6 19. g3 Weitere Figurenpaare und Bauern gehen vom Brett. Schwarz muss sich ein wenig auf den Durchbruch f4, der seine Stellung im Zentrum angreifen würde, aufpassen, doch auch dann wäre das Remis nicht weit.

Hikaru Nakamura: Eine weitere recht langweilige Eröffnung von Anand, die zu heftigem Figurentausch nebst hoher Remiswahrscheinlichkeit führte. Es dürfte bessere Wege geben, um alles auf eine Karte zu setzen.

19... a5

19... f5 sieht auch gut aus.

20. ♖h7

20. f4 könnte mit 20... f5! beantwortet werden. Anand fesselt deswegen den f-Bauern und bereitet f4 vor.

20... ♖h8 Weitere Figuren werden abgetauscht.

21. ♖dh1 ♖xh7 22. ♖xh7 ♕f6 Bereitet einen weiteren Turmtausch vor. Der Vorstoß f4 kommt jetzt, aber Carlsen hat alles unter Kontrolle.

23. f4 ♖h8 24. ♖xh8 ♕xh8 25. fxe5 ♕xe5 Anand hat die gewünschte Strukturänderung erreicht, doch er wird nichts davon haben, da Schwarz mit dem Vorstoß f5 weitere Vereinfachungen durchführen wird.

26. ♕f3

26. ♘c3 würde f5 für einen Moment stoppen, aber 26... ♘e6! erneuert die Drohung. (26... f5 27. d4 )

26... f5 27. exf5 gxf5 Die Schwächen f5 und g3 heben sich auf und der schwarze Doppelbauer ist gut geschützt. Weitere strukturelle Änderungen können nicht forciert werden. Die Stellung ist remis und die Spieler verschwenden keine Zeit, eine dreimalige Zugwiederholung zu finden.

28. c3

28. d4 ♘e4! ist ein nettes Detail: 29. dxe5 ♘d2+ 30. ♔c1 ♘xf3 31. e6 ♔c8!

28... ♘e6 29. ♔c2 ♘g5 30. ♕f2 ♘e6 31. ♕f3 ♘g5 32. ♕f2 ♘e6 Und remis. Die Partie war genauso aufregend, aber dafür weniger deprimierend und kürzer als der erwähnte Film. Hmm, vielleicht doch nicht, denn Beides dauerte ungefähr drei Stunden. Bezüglich des Matches ist eine weitere Weißpartie für Anand verloren gegangen. Seine Chancen auf ein Comeback sind dünner als Christian Bale in "The Machinist" - so nebenbei, ein weiterer Wohlfühl-Film.

1/2-1/2

Schach ist nicht nur Spaß... | Foto: Anastasia Karlovich


Jan war nicht der Einzige, der von der heutigen Partie unbeeindruckt blieb:

Hikaru Nakamura: Es ist ein wenig traurig, die großartige Blitz-, Rechen- und geniale Taktikmaschine der 90er und 00er-Jahre so spielen zu sehen.

Garry Kasparov wurde einstmals dafür kritisiert, dass er fast kampflos seinen WM-Titel an Vladimir Kramnik verlor, aber er verlor keine Zeit, um Salz in die Wunde zu streuen:

Garry Kasparov: Was soll man über die 7. Partie sagen? Anand spielte, als ob er derjenige ist, der mit zwei Punkten führen würde und Vorteil in ruhigen Stellungen hätte. Das ist aber Carlsen...

Der beste Moment der Pressekonferenz war – und dass sagt schon alles über sie aus – als Carlsen auf einen langen Monolog eines indischen Journalisten kurz innehielt, bevor er antwortete: „Das war aber eine lange Frage.“ Wenigstens die Körpersprache beider Spieler war positiv und insbesondere „Vishy“ war im Vergleich zu den beiden vorherigen Treffen mit der Presse entspannter:

Licht am Ende des Tunnels. | Foto: JM Mahesh


Es ist ein wiederkehrendes Thema, dass Magnus um jeden Preis eine lange Partie will, aber er kann auch pragmatisch sein.

Journalist: Sind sie enttäuscht, dass die heutige Partie relativ kurz war?

Carlsen: Nein, das ist in Ordnung. Ich führe im Match und gewann meine letzte Schwarzpartie. Das passt schon.


Die Zeit läuft ab für den Weltmeister, der nun mindestens zwei der nächsten fünf Partien gewinnen muss, um sich Chancen auf die Titelverteidigung zu bewahren.

Rtg123456789101112PtsPerf
Magnus Carlsen2870½½½½11½     4.52877
Viswanathan Anand2775½½½½00½     2.52768


Wird es Zeit ein paar Brücken hinter sich abzubrechen? Garry Kasparov hat kaum Zweifel:

Garry Kasparov: Mit einem minimalen Vorteil gegen Carlsen zu gewinnen, ist fast unmöglich. Sogar objektiv schlechtere, aber chaotische Stellungen bieten jetzt mehr Hoffnung.

Anand führt in der 8. Partie die schwarzen Steine. Sei dabei!


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