Berichte 14.11.2013 | 23:00von IM Georgios Souleidis

Schach-WM Anand-Carlsen, 5. Partie: Erste Entscheidung

Magnus Carlsen eroberte nach seinem Sieg in der 5. Partie gegen Viswanathan Anand die Führung bei der Schach-Weltmeisterschaft in Chennai. Es war eine typische Gewinnpartie für Carlsen – obwohl er nichts aus der Eröffnung herausholte, übte der Norweger so lange Druck aus, bis sein Gegner nach fünf Stunden zusammenbrach, just in dem Moment, als das Remis unausweichlich schien. In einer exklusiven Analyse kommentiert chess24-Mitarbeiter Jan Gustafsson die erste entschiedene Partie des Matches.

Man sieht Magnus Carlsen nicht jeden Tag mit so einem breiten Grinsen im Gesicht | Foto: JM Mahesh 


Die Carlsen-Familie verbrachte den Ruhetag am Donnerstag in einem Luxusressort südlich von Chennai. Magnus Schwester Ellen tweetete das folgende Foto:

Carlsen kehrte mit neuer Energie ins hektische Chennai zurück und konnte Anand schnell unter Druck setzen. Dieser verlor letztendlich auf eine Art und Weise, die er vor Beginn des Wettkampfs unbedingt vermeiden wollte.

Die Spieler hinterlassen während und nach der Partie einen unterschiedlichen Eindruck. | Foto: Anastasia Karlovich


Jan Gustafsson kommentiert die heutige Partie:

1. c4 Eine Neuerung! 1.Sf3 lief nicht so toll, so dass Carlsen abweicht. 

Ein Blick hinter den Kulissen. | Foto: Anastasia Karlovich

1.c4 ist einer dieser Züge, bei dem man sich fragt, warum fängt er nicht gleich mit 1.d4 an? Heutzutage wird 1.c4 gespielt, um verschiedene Eröffnungen wie Grünfeld-Indisch oder Nimzowitsch-Indisch aus dem Weg zu gehen. Der Preis, den man dafür zahlen muss, ist, dass Schwarz 1...c5 und insbesondere 1...e5 - für mich beängstigender - spielen kann. Immer, wenn ich 1.c4 spiele, blicke ich bangend meinen Gegner an und denke: "Spiele nicht e5, spiele nicht e5." Manchmal klappt es aber nicht...

1... e6 "Vishy" zieht es vor, nur ein Feld vorwärts zu gehen mit dem e-Bauern. Das erfolgt in der Regel mit der Idee, d5 folgen und die Partie in Damengambit-Territorium lenken zu lassen. Das passt gut zu 1...d5, was der Inder gegen 1.Sf3 wählte.

2. d4 Magnus hat nichts gegen Nimzo-Indisch oder Damenindisch einzuwenden. Um diese Eröffnungen zu vermeiden, müsste Weiß mit

2. ♘c3 beginnen und  nach 2... ♘f6 (2... ♗b4 3. ♕b3 c5? 4. ♘b5! d6 5. ♕g3! ) 3. e4  folgen lassen.

2... d5 3. ♘c3 c6 Eine trickreiche Zugfolge, die das "Dreieck" installiert. Zufällig behandelt das Sherbakov in einem aktuellen und exzellenten Buch. Schwarz hält sich die Option offen, in die Semislawische Verteidigung überzugehen, die seit vielen Jahren zum Repertoire Anands gehört, und verhindert eine Zugfolge wie

3... ♘f6 4. cxd5 exd5 5. ♗g5 Es gibt allerdings einen Nachteil - den nächsten weißen Zug:

4. e4 Die prinzipiellste Wahl. Das enthält normalerweise ein Bauernopfer und erfordert sehr viel Theoriewissen von Weiß, was nicht ganz zu Magnus passt. Anish Giri zeigte sich etwas verwundert auf Twitter:

Anish Giri: Wow, MagnusCarlsen spielt die schärfste Variante! Hat er den Verstand verloren?

4... dxe4 5. ♘xe4 ♗b4+ 6. ♘c3 Und wieder Giri:

Anish Giri: 6.Sc3! Ich nehme meine Worte zurück, immer noch der gleiche Magnus :)

6. ♗d2 ist die Hauptvariante, die zu schönen und chaotischen Stellungen führt nach 6... ♕xd4 7. ♗xb4 ♕xe4+   8. ♗e2 (oder 8. ♘e2 Ich habe viel zu viele Stunden auf die verrückten Varianten geschaut, die danach entstehen. Sie sind angsteinflößend für Schwarz, aber Magnus spielt einen seinem Charakter angemessenen Zug, den ich in meinen Notizen nur kurz erwähne im Vergleich zu 6.Ld2, dem ich seitenlange Analysen widme.)

6... c5 Das wird als befriedigend für Schwarz angesehen, doch dieses Territorium ist bislang noch recht unerforscht.

7. a3 ♗a5 In meinen Notizen steht

7... ♗xc3+ 8. bxc3 ♘f6 9. ♘f3 ♕a5 , aber auch 7...La5 ist ein absolut spielbarer Zug.

8. ♘f3 ♘f6 9. ♗e3 ♘c6 Fordert Weiß heraus, auf c5 zu nehmen. Alternativen sind

9... ♘e4 10. ♕c2 ♘xc3 11. bxc3 cxd4  und

9... 0-0

10. ♕d3 Ein seltsam aussehender Zug, der gleich drei Ziele verfolgt - Decken von e4 und c3 und Vorbereiten der langen Rochade. Die gierige Alternative

10. dxc5 ♕xd1+ 11. ♖xd1 ♘e4 12. ♖c1 ♘xc3 13. bxc3 e5 überzeugt nicht, aber

10. ♖c1 sieht vernünftig aus.

10... cxd4 11. ♘xd4 ♘g4! Holt sich einen der weißen Läufer. Schwarz muss hier zufriedenstellend stehen, was die Harmlosigkeit von 6.Sc3 unterstreicht.

12. 0-0-0 ♘xe3

12... ♘xd4 scheint ein weiterer Weg zu sein, um auszugleichen. 13. ♗xd4 (13. ♕xd4 ♕xd4 14. ♗xd4 e5 ) 13... e5! 14. ♗c5 ♕xd3 15. ♖xd3 b6 16. ♗e3 ♘xe3 17. ♖xe3 ♗xc3 18. ♖xc3 ♗b7

13. fxe3 Lasst uns kurz innehalten. Schwarz hat das Läuferpaar und die etwas bessere Bauernstruktur. Weiß hat dagegen einen kleinen Entwicklungsvorsprung und etwas mehr Kontrolle im Zentrum. Weiß hat keine Drohungen, so dass "Vishy" seine Entwicklung fortsetzen wird, oder?

13... ♗c7 Ich verstehe diesen Zug nicht. Es kann keine gute Idee sein, Carlsen in ein angenehmeres Endspiel locken zu wollen.

13... 0-0 war eine offensichtliche und gute Wahl. 14. ♘xc6 bxc6 15. ♕xd8 ♗xd8 mit einer besseren Endspielversion als in der Partie. Falls "Vishy" dieses Finale vermeiden wollte, was gegen einen Endspielvirtuoso wie Magnus nach einer vernünftigen Idee klingt, dann standen ihm die folgenden zwei Züge zur Verfügung:

13... ♕e7  und

13... ♘xd4 14. exd4 0-0 führen zu einem jeweils spielbaren Mittelspiel.

Garry Kasparov: Wieder holte Carlsen so gut wie nichts aus der Eröffnung. Ich bin erstaunt, dass Anand in das Endspiel ging. Er konnte auf d4 nehmen, die Damen auf dem Brett behalten und eine ganze andere Partie spielen.

14. ♘xc6 Sieht sofort seine Chance.

14. ♘db5 ♗e5 sollte in Ordnung sein für Schwarz.

14... bxc6 15. ♕xd8+ ♗xd8 16. ♗e2 Mit der Idee Lf3.

16. g3 Der Computer favorisiert diesen Zug mit der gleichen Idee: den Läufer so schnell wie möglich auf die lange Diagonale zu stellen. Ich vermute, dass irgendwo am Horizont der Bauer auf h2 nicht hängt, z.B. 16... ♗b6 17. ♗g2 ♗xe3+ 18. ♔c2 ♗d7 19. ♖he1 ♗b6 20. ♘e4 ♗c7 21. c5  Ja ich weiß, das ist ein wenig an den Haaren herbeigezogen.

16... ♔e7 Eine weitere etwas passive Fortsetzung.

16... ♗b6 sieht natürlich aus, um die weiße Schwäche sofort anzugreifen. 17. ♗f3 (17. ♖d3 sieht schwerfällig aus: 17... ♗a6 18. b3 ♔e7= ) 17... ♗xe3+ 18. ♔c2 ♗d7 sollte für Schwarz haltbar sein nach z.B. 19. ♖he1 ♗b6 20. ♘e4 ♔e7 21. c5 ♗c7 22. ♘d6 ♖hd8

17. ♗f3 ♗d7 18. ♘e4

18. c5

18... ♗b6 Wieder provoziert Anand möglicherweise ungünstigen Figurentausch, um die Stellung zu vereinfachen.

18... ♗c7 19. c5 ♖hb8 20. ♔c2 ♗e5 war eine bessere Wahl.

19. c5 f5 20. cxb6 fxe4 21. b7! Ein wichtiger Zwischenzug, der zu einem stabilen strukturellen Vorteil führt.

21. ♗xe4 axb6=

21... ♖ab8 22. ♗xe4 ♖xb7 Die Stellung hat eine weitere Transformation erfahren. Aufgrund der isolierten Bauern auf e6, c6 und a7 steht Weiß etwas besser. Aber auch das sollte haltbar sein. Was es allerdings auch ist - kein Spaß. Das beinhaltet auch die Kommentierung dieser Partie - ich habe wirklich keine Ahnung, was ich über die folgenden Manöver groß sagen soll und beschränke mich auf einige allgemeine Kommentare.

23. ♖hf1 ♖b5!  

Hikaru Nakamura: Total verwirrt über Anands Spiel in den letzten zwei Partien. Zuerst scheint er auf falsche Wege zu geraten, bevor er anfängt am Rande des Abgrunds die besten Züge zu finden...Tb5.

24. ♖f4 Mit der Idee auf der f-Linie zu verdoppeln und irgendwo auf dem Weg weitere Schwäche zu provozieren.

24. ♖d4 mit der Idee, die d-Linie zu nutzen, könnte vielversprechender sein.

24... g5 25. ♖f3 h5

25... ♗e8 26. ♖df1 ♖c5+ 27. ♔b1 ♖e5 wäre nah am Ausgleich.

26. ♖df1 ♗e8 27. ♗c2 ♖c5

27... ♖e5 hätte den nächsten weißen Zug gestoppt.

28. ♖f6 h4 29. e4

29. b3 a5 30. ♔d2

29... a5 30. ♔d2 ♖b5 31. b3

31. ♔c3 ♖c5+ 32. ♔d3

31... ♗h5 32. ♔c3 ♖c5+ 33. ♔b2 ♖d8

33... g4 gibt der Computer an. Anand hat die Stellung gut zusammengehalten, auch wenn er seinen nächsten Zug während der Pressekonferenz hart kritisierte.

33... ♖g8 34. ♖h6 ♗g6 35. ♗d3

34. ♖1f2 ♖d4 Sieht eigentlich in Ordnung aus, so dass Anand wohl falsch lag, dies als den entscheidenden Fehler zu brandmarken.

35. ♖h6 ♗d1! 36. ♗b1 ♖b5! 37. ♔c3 c5

37... e5 wäre vielleicht einfacher gewesen.

38. ♖b2 e5 39. ♖g6 a4 Forciert die Ereignisse.

39... g4 mit der Idee 40. ♗d3 ♖xb3+ war ebenfalls möglich.

40. ♖xg5

40. bxa4 könnte vielversprechender sein, aber Schwarz sollte auch dann nach z.B. 40... ♖xb2 41. ♔xb2 ♗xa4 42. ♖xg5 ♔f6 43. ♖g4 h3 44. gxh3 ♖d2+ 45. ♔c3 ♖xh2  überleben.

40... ♖xb3+ 41. ♖xb3 ♗xb3 42. ♖xe5+ ♔d6 43. ♖h5 ♖d1 44. e5+ ♔d5 45. ♗h7 Beide Seiten haben starke, logische Züge gespielt. Carlsen gewann einen Bauern, aber Anands aktive Kräfte sollten das Gleichgewicht halten.

45... ♖c1+? Das ist der entscheidende Fehler. Stattdessen führte

45... ♖a1! 46. ♗g8+ ♔c6 47. ♗xb3 ♖xa3! zum Remis, z.B. 48. ♖xh4 (48. ♔c4 axb3 49. ♖h6+ ♔d7 50. ♖b6 ♖a2= ) 48... ♖xb3+ 49. ♔c2 ♖b4 50. ♖h3 ♖g4 51. g3 ♖e4=

Hikaru Nakamura: Wirklich perplex ab Anands 39. Zug. Aber besonders 45...Tc1??

46. ♔b2 ♖g1 47. ♗g8+ ♔c6

47... ♔d4 48. ♗xb3 axb3 49. ♖xh4+ ♔xe5 50. g3 sollte ebenfalls gewinnen, soweit ich das sagen kann. Mit Turmendspielen kenne ich mich nicht gut genug aus und die Karsten Müllers der Welt könnten auch hier ein Remis finden. Jedenfalls sind Remischancen am Brett gegen Carlsen nicht besonders groß, so dass für mich 45...Tc1 weiterhin der entscheidende Fehler bleibt.

48. ♖h6+ ♔d7 49. ♗xb3 axb3 50. ♔xb3 ♖xg2 51. ♖xh4 ♔e6

51... ♔c6 wäre vielleicht zäher gewesen. 52. a4±

52. a4! Priorität! Der a-Bauer wir vorwärts geschoben, um die schwarzen Kräfte zu binden, danach erledigt der h-Bauer den Job.

52... ♔xe5 53. a5 ♔d6 54. ♖h7! Ein weiterer instruktiver Moment. Indem Weiß die 7. Reihe für den schwarzen König abschneidet, erlaubt er seinem a-Bauern bis nach a7 zu laufen.

54... ♔d5 55. a6 c4+ 56. ♔c3 ♖a2 57. a7 ♔c5 58. h4  

Carlsen landet den ersten Treffer! Anand zeigte in den Wettkämpfen gegen Topalov und Gelfand Comeback-Fähigkeiten - wird er wieder in der Lage sein zurückzuschlagen?

1-0

Ein guter Tag für Norwegen! Carlsen stellt sich den Fragen seiner Landsleute. | Foto: JM Mahesh


Computer, bewaffnet mit Tablebases (Datenbanken, die in Stellungen mit sieben oder weniger Figuren die perfekte Spielweise anzeigen), zeigen an, dass es nach 52…Kxe5 ein Matt in 33 Zügen gibt. Der frühere Weltmeister Garry Kasparov war von Carlsens Art und Weise, dieses Endspiel zu gewinnen, beeindruckt. Seine Zusammenfassung lautet:

Garry Kasparov: Tarrasch sagte: "Vor dem Endspiel haben die Götter das Mittelspiel gesetzt". Traurig für Anand, dass die Götter das Endspiel für Carlsen schufen!

Das Treffen nach der Partie folgte dem bekannten reziproken Gesetz – je aufregender die Partie, desto kürzer die Pressekonferenz. Ihr könnt sie euch im folgenden Video anschauen:


Der junge Norweger war über den Durchbruch im Match natürlich erfreut:

Es war eine gute Kampfpartie – etwas chaotisch zwischendurch, aber letztendlich habe ich den Punkt geholt, so dass ich sehr, sehr glücklich bin.


Anand war sichtlich ernüchtert, musste aber die durch Computerbeweise gestärkten Fragen der Journalisten über sich ergehen lassen.

Wie Jan in seinen Kommentaren erwähnte, meine „Vishy“, dass 34…Td4 der Anfang vom Ende war: „Das sieht stark aus, war im Endeffekt aber ein Fehler.“ | Foto: JM Mahesh


Auf die rettende Option 45…Ta1! statt 45…Tc1+? antwortete er:

Es ist möglich, aber irgendwie übersah ich, dass das Turmendspiel so schwierig sein wird. Ich dachte, dass ich Gegenspiel haben würde, aber da habe ich mich getäuscht.


Immerhin führt der Weltmeister in den nächsten zwei Partien die weißen Steine und insgesamt verbleiben sieben Partien, um den Ausgleich herzustellen. Positiv gestimmt müsste er eigentlich auch sein, weil er bei den beiden vorherigen Weltmeisterschaften nach einer Niederlage direkt zurückschlug. Während der Pressekonferenz machte er aber trotzdem einen enttäuschten Eindruck:

Journalist: Können sie Mut aus der Tatsache schöpfen, dass sie gegen Topalov und Gelfand jeweils nach einer Niederlage ein Comeback schafften?

Anand: Ich hätte natürlich ein anderes Ergebnis bevorzugt, aber ich werde es natürlich versuchen.


Ob sich Geschichte wiederholt, erfahren wir morgen in der 6. Partie!


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