Berichte 12.11.2013 | 23:00von IM Georgios Souleidis

Schach-WM Anand-Carlsen, 4. Partie: Kampfschach pur

Mit einer gewaltigen Anstrengung gelang Weltmeister Viswanathan Anand in der bislang besten Partie des Wettkampfs ein Remis in allerletzter Sekunde. Obwohl Magnus Carlsen enttäuscht sein wird, dass er den herausgespielten Vorteil nicht in einen vollen Punkt umwandeln konnte, kann der Norweger Hoffnung daraus ziehen, dass er seinen Gegner sechs Stunden lang quälen konnte. Der chess24-Mitarbeiter und Großmeister, Rustam Kasimdzhanov, beschreibt diese Fähigkeit in seiner Analyse als „Carlsens Geheimnis für seine herausragenden Resultate.“

Psychologische Kriegsführung? | Foto: Anastasia Karlovich

Die Spieler teilen sich mit 2:2 die Punkte, doch das Match nahm in den beiden letzten Partien enorm an Fahrt auf. Obwohl es traditionell von Vorteil ist, mit Weiß zu beginnen, scheint Schwarz bislang alles unter Kontrolle zu haben. Boris Gelfand lieferte während seiner Kommentierung für Chess TV die folgende Erklärung: „Es ist viel einfacher, sich mit Schwarz vorzubereiten, da man die Richtung des Spiels viel besser lenken kann.“

Es ist trotzdem ein Rätsel, warum der Weltmeister zu Beginn der Partie überrascht schien, als Carlsen die Spielweise seines einzigen bestätigten Sekundanten, Jon Ludwig Hammer, kopierte. Rustam Kasimdzhanov zeigte sich über den Verlauf der Eröffnung verblüfft.

1. e4 e5 2. ♘f3 ♘c6 3. ♗b5 ♘f6! Die Berliner Verteidigung, mit der Vladimir Kramnik Garry Kasparov im WM-Kampf 2000 in London stoppte. Mal sehen, was Anand präpariert hat.

4. 0-0 ♘xe4 5. d4 ♘d6 6. ♗xc6 dxc6 7. dxe5 ♘f5 8. ♕xd8+ ♔xd8 9. h3 ♗d7 10. ♖d1 ♗e7 11. ♘c3 ♔c8 12. ♗g5 h6 13. ♗xe7 ♘xe7 14. ♖d2 c5 15. ♖ad1 ♗e6 Beide Seiten haben Standardzüge gespielt und schon gefällt mir die schwarze Stellung ein wenig besser - wahrscheinlich galt das auch für "Vishy". Was hatte er also in petto gegen die Berliner Verteidigung? Und, ist es schlau gegen Magnus in der Eröffnung alles abzutauschen? Oder war die Berliner Verteidigung, genauso wie Caro-Kann in der 2. Partie, eine Überraschung?

16. ♘e1 ♘g6 17. ♘d3 Nach dem etwas seltsamen Manöver des Springers nach d3 hat Weiß schon Probleme. Der Bauer e5 ist schwach und der Haufen weißer Figuren im Zentrum harmoniert nicht wirklich.

17... b6 18. ♘e2

18. b3 c4 19. bxc4 ♗xc4=/+ könnte auf Dauer wegen der kaputten Struktur ohne Kompensation riskant sein.

18... ♗xa2!

Bobby Fischer verlor die erste Partie des WM-Kampfs gegen Boris Spassky, nachdem er eine wie einen Patzerzug aussehende Fortsetzung wählte.

Warum nicht? Es sieht wie Bobby Fischers Lxh2 in der 1. Partie des WM-Kampfs 1972 gegen Boris Spassky aus - Lxh2 verlor eine Figur, Lxa2 gewinnt aber einen Bauern.

19. b3 c4! 20. ♘dc1 cxb3 21. cxb3 ♗b1 Der Läufer findet wieder raus, aber Weiß erhält ein wenig Zeit, um Gegenspiel aufzubauen. Objektiv sollten die weißen Chancen auf Gegenspiel gering sein, aber Schwarz muss sehr genau agieren. Und das ist auch für Magnus Carlsen nicht einfach.

22. f4 ♔b7 23. ♘c3 ♗f5 24. g4 ♗c8 25. ♘d3 h5! 26. f5 ♘e7 27. ♘b5

27. ♖c1 ist vielleicht ein besserer Zug, um dem Springer neben b5 weitere Optionen offen zu halten.

27... hxg4

27... a6! vermeidet Komplikationen, aber Magnus hatte eine andere Idee. 28. ♘d4 hxg4 29. hxg4 a5 führt mit Zugumstellung zu einer Variante, die wir später besprechen.

28. hxg4

28. ♖c1 war ein sehr interessanter Weg, um um die Initiative zu kämpfen. Schwarz steht besser, aber die Stellung ist sehr kompliziert. 28... ♘d5 29. e6 fxe6 30. ♘e5! a5! (30... a6 31. ♖xc7+ zeigt die mögliche Gefahr, es folgt ein selten schönes Matt: 31... ♘xc7 32. ♘d6+ ♔b8 33. ♘c6# ) 31. hxg4 c5 32. ♘f7 ♖f8 33. ♖e1 ♔c6!=/+

28... ♖h4

28... a6 29. ♘d4 a5 war vielleicht sauberer.: 30. ♔f2 a4 31. bxa4 ♖xa4 32. ♘f4 c5 33. e6 ♖xd4 34. ♖xd4 cxd4 35. exf7 ♖f8 36. ♘e6 ♗xe6 37. fxe6 ♘d5 38. ♖xd4 ♘c7

29. ♘f2 ♘c6 30. ♖c2 a5 31. ♖c4 Nun ist es schwierig für Schwarz Fortschritt zu erzielen. Schwarz hat Optionen, aber sie beinhalten Risiken.

31... g6

31... ♗xf5 32. ♖xc6 ♔xc6 33. ♘d4+ ♔b7 34. ♘xf5 ♖hh8 35. ♘xg7 b5 sieht interessant aus, ist aber offensichtlich völlig unklar.

32. ♖dc1 ♗d7 33. e6 fxe6 34. fxe6

34. fxg6? ♖g8

34... ♗e8 35. ♘e4! Anand verteidigt sich sehr kreativ! Er gibt weiteres Material und kämpft um die Initiative - und Magnus wankt!

Chess In Translation: "Bevor Anand den Zug ausführte, beschrieb Shipov 35.Se4 als "wie Kasparov auf Dominanz spielen." 

Ian Rogers: "@ChessinT Erstaunlich, dass Kasparov vor zehn Minuten in Chennai nur 35.Se4 analysieren wollte."

35. ♔g2 ♖h7 36. ♘e4 ♖e7

35... ♖xg4+ 36. ♔f2 ♖f4+? Das lässt den Gewinn aus. Schwarz hatte mit 

36... ♖d8 einen sehr starken Zug in petto. Es stellt sich heraus, dass der Turm auf g4 tabu ist. 37. ♔e3 (37. ♘ed6+? cxd6 38. ♖xg4 ♘e5−+ ; 37. ♘c5+? bxc5 38. ♖xg4 ♘e5−+ ) 37... ♖d5! 38. ♘bc3 ♖e5 39. ♔f3 ♖gxe4! 40. ♖xe4 ♖xe6! 41. ♖xe6 ♘d4+ 42. ♔e3 ♘xe6 und Schwarz sollte diese Stellung gewinnen. Das ist zwar auch für Magnus nicht einfach, aber was wäre das für eine Möglichkeit gewesen!

37. ♔e3 ♖f8  

Jon Ludwig Hammer: "Eier (Lxa2), Berechnung (a5) und Technik (g6). Weiter geht´s Vishy! 

Anish Giri: "@gmjlh Nerven (Tf4+), Nerven (Tf8), Nerven (0.00).

37... g5 38. ♖g1

38. ♘d4 ♘xd4 39. ♖xc7+ ♔a6 40. ♔xd4 Jetzt ist es remis.

40... ♖d8+ 41. ♔c3

41. ♔e3 ♖d5 42. ♖g7=

41... ♖f3+ 42. ♔b2 ♖e3 43. ♖c8 Der Großteil der Turmendspiele mit 2 vs. 1 Bauern sind remis - lasst dich nicht vom Computer in die Irre führen. Es gibt einen weiteren interessanten Moment in der Partie.

43... ♖dd3 44. ♖a8+ ♔b7 45. ♖xe8 ♖xe4 46. e7 ♖g3 47. ♖c3 ♖e2+ 48. ♖c2 ♖ee3 49. ♔a2 g5 50. ♖d2 ♖e5 51. ♖d7+ ♔c6 52. ♖ed8 ♖ge3 53. ♖d6+ ♔b7 54. ♖8d7+ ♔a6 55. ♖d5 ♖e2+ 56. ♔a3 ♖e6! und hier ist er - das Geheimnis von Carlsens Erfolg: Eine Remisstellung nach sechs Stunden und er findet weiterhin irgendwelche kleinen Tricks.

57. ♖d8! Mit kaum noch Zeit auf der Uhr wurde "Vishy" etwas nervös, riss sich zusammen und fand die Rettung.

57. ♖xg5 b5 ist plötzlich matt!

57... g4 58. ♖g5 ♖xe7 59. ♖a8+ ♔b7 60. ♖ag8 a4 61. ♖xg4 axb3 62. ♖8g7 ♔a6 63. ♖xe7 ♖xe7 64. ♔xb3 Eine großartige Partie und eine tolle Verteidigungsleistung von Anand. Magnus könnte nach dem stotternden Start mit dieser Partie das Selbstvertrauen finden, das er braucht. Wir müssen abwarten und sehen, was die nächste Partie bringt.

1/2-1/2

Anand: "Irgendwas ging völlig schief in der Eröffnung." | Foto: Anastasia Karlovich


In der Pressekonferenz war Anand über sich erbost, gleichzeitig aber auch erleichtert:

Irgendwas ging völlig schief in der Eröffnung. Ich spielte einen unlogischen Zug nach dem anderen und dann übersah ich irgendwas mit 18.Se2 – und plötzlich…stehe ich auf Verlust. Ich übersah nicht 18…Lxa2, aber davor bin ich schon vom rechten Weg abgekommen und falls ich nicht 18.Se2 spiele, ist auch nicht klar, was ich überhaupt spielen soll.


Auf die Frage, ob er sich über die lange Partie gefreut hätte, äußerte sich Carlsen mit einer gehörigen Portion Sarkasmus: “Total, ich bin glücklich über die lange Partie. Ich hatte einen Vorteil und konnte nicht gewinnen. Das ist wirklich der Hammer“. | Foto: Anastasia Karlovich

Carlsen war enttäuscht, gab aber zu, dass sein Gegner immer wieder gute Ressourcen fand. Er rechtfertigte seine Entscheidung, das Endspiel lange weiterzuspielen, mit dem Trick, den er im 56. Zug aufstellte.


Anand stimmte zu:

Ich prüfte alles und dachte das war´s. Plötzlich spielt er 56…Te6 und gewinnt nach Txg5 und b5. Ich hatte eine Minute auf der Uhr und konnte von Glück reden, dass ich Ta8+ nebst Tag8 spielen kann, um die Zeitkontrolle zu schaffen. Für Grischuk [ein Spieler, der ständig in Zeitnot gerät, Anm. d. Red.] wäre das ein Tag wie immer gewesen, doch für mich ist es ungewöhnlich unter eine Minute zu geraten. 


Bislang kommt keine Pressekonferenz ohne Kontroverse aus und dieses Mal spielte der frühere Weltmeister Garry Kasparov eine Rolle.

Guck mal, wer da ist! Kasparov im Restaurant des Hyatt-Hotels. | Foto: Eric van Reem


Ein norwegischer Journalist fragte Anand gleich zwei Mal, warum sein Team darum gebeten hätte, dass Kasparov nicht in der ersten Reihe der Zuschauerränge sitzen soll. Anand antwortete, dass er nichts davon wüsste – es ist einfach, sich vorzustellen, dass sein Team ihm nichts darüber gesagt hat – und Carlsen fand die Fragen über Kasparov irgendwann nervig:

Ich denke, dass die heutige Partie genügend Stoff geliefert hat, lasst uns also darüber reden.


Kasparov war nicht anderer Meinung: "Eine tolle 4. Partie in Chennai. Ein wahres Vergnügen sie zu verfolgen. Ein hochklassiger Kampf, der den Spielern und dem Kampfschach Ehre bereitet."



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