Berichte 08.11.2013 | 23:00von IM Georgios Souleidis

Schach-WM Anand-Carlsen, 1. Partie: Die Notbremse

Endlich hat die Veranstaltung des Jahres, auf die alle Schachfans gewartet haben, begonnen. Viswanathan Anand und Magnus Carlsen kämpfen im indischen Chennai um die Weltmeisterschaft. Die 1. Partie endete schnell remis, nachdem der Herausforderer aus Norwegen mit Weiß dem Titelverteidiger keine Probleme stellen konnte. 

Nichts ist vergleichbar mit der Erwartungshaltung vor einem WM-Kampf und obwohl die Spieler kein Feuerwerk abbrannten, zeigt uns chess24-Mitarbeiter und Großmeister Jan Gustafsson, was wir von einer Partie lernen können, in der Magnus Carlsen nach eigener Aussage in der Pressekonferenz „die Handbremse ziehen musste“. 

Nach Monaten der Vorbereitung für Spieler und Organisatoren, nach Monaten der Spekulation für Schachfans und Experten…reduziert sich alles auf eine schmale Bühne hinter einer Glaswand im Hotel Hyatt Regency in Chennai.

Carlsen zeigte sich inmitten des grellen Scheinwerferlichts erstaunlich nervös, als er auf Anand wartete. Später gab er zu, dass er „Schmetterlinge im Bauch hatte." | Foto: Anastasia Karlovich 


WM-Veteran Anand unterzieht sich einer finalen Überprüfung, bevor er die Bühne betritt. | Foto: Anastasia Karlovich


Die Medienpräsenz einiger indischer Großmeister scheint jetzt schon eines der Highlights dieser WM zu werden. Als sich die Spieler auf die Partie vorbereiteten, witzelte Parimarjan Negi:

Parimarjan Negi: Die indischen Spieler warten atemlos, um zu sehen, ob hier ein Turnier pünktlich beginnen kann.

Die Befürchtungen waren unbegründet, denn am Samstag den 9. November 2013 um 15 Uhr startete das Match planmäßig in Chennai. Rüber zu Jan Gustafsson:


1.
♘f3  Für mich ist es äußerst aufregend, die ersten Züge einer Weltmeisterschaft zu beobachten. Jeder Zug gibt den Spielern, den Teams und uns Fans Informationen über die jeweilige Matchstrategie.  

FIDE-Präsident Kirsan Ilyuzmhinov führt symbolisch den ersten Zug durch - Carlsens 1.Sf3 | Foto: Anastasia Karlovich

Lasst uns mit dem ersten Zug beginnen: 

  • Mit 1.Sf3 zeigt Magnus, dass er nicht besonders interessiert ist herauszufinden, was Anand gegen seinen Hauptzug 1.e4 vorbereitet hat. Er möchte den wettkampferprobten Inder lieber überraschen - mit 1.Sf3 begann Carlsen weniger als 10% seiner Partien. 
  • 1.Sf3 statt 1.d4 deutet auch darauf hin, dass Carlsen die Grünfeld-Indische Verteidigung erwartet - Anand spielte so gegen Topalov, auch wenn nicht besonders erfolgreich. 
  • 1.Sf3 gibt Weiß mehr Möglichkeiten einen Anti-Grünfeld-Aufbau zu wählen und da niemand derzeit eine Ahnung hat, was man gegen Grünfeld spielen soll, wird 1.Sf3 sehr häufig angewandt, wenn 1.d4-Spieler das Schlimmste erwarten.

1... d5 Anand ist an der Reihe, uns ein paar Infos zu geben: Grünfeld ist wahrscheinlich nicht seine Hauptwaffe. Da Weiß mit 2.d4 in das Damengambit überleiten kann, ist es unwahrscheinlich, dass Anand 1...d5 nur gegen 1.Sf3 vorbereitet hat. Es ist viel wahrscheinlicher, dass er alles, was damit zusammenhängt, auch gegen 1.d4 spielen möchte.

1... ♘f6 2. c4 g6 3. ♘c3 d5 4. cxd5 ♘xd5 5. g3 wäre ein typischer Anti-Grünfelder.

2. g3  Kein 2.d4, keine Hauptvarianten. 2.g3 hat dank Vladimir Kramnik in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Magnus sendet seinem Gegner die Nachricht: "Lass uns schnell von den Hauptwegen abweichen und einfach Schach spielen". Das ist keine Überraschung, da wenige Anands Vorteil über Carlsen in weit analysierten Hauptvarianten anzweifeln würden, oder Carlsens Vorteil in langen Partien und Endspielen. Allerdings ist "Vishy" hier noch lange nicht auf fremden Territorium.

2... g6 Ein cleverer kleiner Zug. Indem Schwarz Sf6 zurückstellt, erhält er sich die Option mit Lg7 nebst e5 das Zentrum zu besetzen. Um das zu verhindern, muss Weiß d4 spielen, wodurch symmetrische Stellungen entstehen, die für Schwarz zufriedenstellend sind.

3. ♗g2

3. c4 ist der andere prinzipielle Weg, um die schwarzen Absichten zu stören.

3... ♗g7 4...e5 könnte danach geschehen, so dass Norwegens Bester eine Entscheidung treffen muss.

4. d4 Gibt keinen Raum preis, aber jetzt herrscht Symmetrie.

4... c6 Ein weiterer interessanter Moment. Der natürlichste und populärste Zug ist

4... ♘f6 Es spricht nichts dagegen, erlaubt aber 5. c4 mit Übergang in eine Variante der Grünfeld-Indischen Verteidigung mit g3, was vielleicht nicht in Anands Vorbereitung passte. Nach 5... dxc4 kann Schwarz zufrieden sein, aber mit 4...c6 versucht Anand ein frühes c4 von Weiß zu erschweren. 

5. 0-0

5. c4 dxc4 würde einen Unterschied machen. Es gibt keinen direkten Weg für Weiß, um den Bauern zurückzugewinnen. Allerdings endet die Geschichte nicht an dieser Stelle. Eine Variante wie 6. ♘a3 b5 7. ♘xb5 cxb5 8. ♘d2 ♕xd4 9. ♗xa8 ♘f6 mit Kompensation für die Qualität würde Spaß bereiten, doch Magnus hatte so etwas nicht im Sinn.

5... ♘f6 6. b3 Bereitet c4 vor, ohne einen Bauern zu geben.

6. c4 dxc4 Seit Romanishin-Anand 1994 wird diese Stellung als zufriedenstellend für Schwarz betrachtet. Damals war Carlsen noch ein kleines Kind, doch vor dem Match hat er sich vielleicht Anands Partien angeschaut.

6... 0-0 7. ♗b2 Ein recht natürlicher Zug. Wie üblich ist

7. c4 eine Alternative. Das ist zwar flexibler als 7.Lb2, gibt Schwarz aber die Option 7... dxc4 8. bxc4 c5 zu spielen. Danach entsteht eine theoretisch bekannte Variante, die Boris Avrukh zuerst in seinen 1.d4-Büchern für Weiß und später in seinen Grünfeld-Büchern für Schwarz empfohlen hat.

7... ♗f5 Ein vernünftiger Entwicklungszug. Ich sehe nicht so viele nützliche Alternativen.

7... a5 mit der Idee den a-Bauer weiter vorzustoßen, ist die einzige Alternative, die mir in den Sinn kommt.

8. c4 Endlich!

8... ♘bd7 Ein weiterer normaler Entwicklungszug. Wir haben die Theorie noch nicht verlassen, da es aktuelle Partien starker Großmeister mit dieser Stellung gibt. Betrachtet man die nächsten beiden Züge, bin ich mir ziemlich sicher, dass Carlsen sich auf sich verließ, während Anand noch "in seinem Buch" war.

9. ♘c3? Welcher Zug könnte offensichtlicher sein? Es ist allerdings ein Fehler, denn er erlaubt eine forcierte Sequenz, nach der Schwarz sehr gut steht.

9. ♘bd2  ist korrekt. Der Zug ist passiver, doch unterstützt den Bauern auf c4. Seltsamerweise spielte Laurent Fressinet diesen Zug in einer kürzlich ausgetragenen Partie. Ich sage seltsamerweise, weil angenommen wurde, dass der Franzose zum Team Carlsen gehört. Und da wir über Teams sprechen: Anand führte einige Änderungen durch für dieses Match. Kasimdzhanov verließ das Team (um für eine verdächtige Webseite zu arbeiten) , Nielsen verließ das Team, Ganguly verließ das Team...Er kündigte Leko, Sasikiran und Sandipan an, während Wojtaszek schon bei den letzten WM-Kämpfen dabei war. Und was das Team Carlsen betrifft...er hält sich sehr bedeckt und gab nur seinen Kumpel Jon Ludwig Hammer als einzigen offiziellen Sekundanten bekannt. Zurück zur Partie: Sc3 nicht gut - besorgt dir ein paar Trainer Magnus!

9... dxc4! Eine sehr konkrete Antwort. Schwarz möchte ausnutzen, dass der Bauer auf c4 nicht genügend gedeckt ist. Es tut mir leid, dass ich die ganze Zeit nur über dieses Feld spreche, aber es ist offensichtlich das Schlüsselfeld - ansonsten passiert nicht viel auf den anderen Feldern wie z.B. g2 oder c8. Wie auch immer, auch Computer geben diesen Zug sofort an und ich bin mir sicher, dass er Teil von Anands Vorbereitung war.

10. bxc4 ♘b6 Die logische Folge. Positionell ist der Zug anrüchig, aber im konkreten Fall ist er stark. Plötzlich hat Weiß keinen guten Weg, um seinen Bauern auf c4 zu decken.

11. c5 Er kann nicht verteidigt, aber vorgezogen werden. Ich habe aus alten Büchern gelernt, dass ein Feld auch dann schwach verbleibt, wenn der schwache Bauer vorzieht. Ihr dürft gerne Kommentare posten, falls ihr wisst, wer diese Theorie mal aufgestellt hat...hört sich irgendwie Nimzowitschy an!

11. ♕b3 ♗e6 löst nicht das Problem. 12. d5 (12. ♘e5 ) 12... cxd5 13. cxd5 ♘fxd5 14. ♘g5 könnte Weiß etwas Kompensation für den Bauern geben, aber kaum mehr. 14... ♘f4 15. ♘xe6 ♘xe6

11. ♘e5 ♘fd7!

11... ♘c4 Alles mit Tempo! Weiß muss eine weitere heikle Entscheidung treffen. 

12. ♗c1 Zurück ins Körbchen. Weiß hat immer noch eine bessere Struktur (mehr Bauern im Zentrum), so dass Schwarz aktiv spielen muss, bevor Weiß seine Koordination wieder herstellt. 

12. ♕b3 ist der Zug, den Anand laut seiner Aussage bei der Pressekonferenz erwartet hatte. Darauf hinterlässt 12... ♗e6 13. ♕c2 b6 also looks fine for Black.

12... ♘d5! Sehr schnell gespielt - Schwarz greift den schwach gewordenen Springer auf c3 an.

Tarjei J. Svensen: EILMELDUNG: In der Nähe von Anands schwarzen Figuren wurde eine Fliege gefunden.

Tarjei J. Svensen: Offensichtlich wurde ein geheimnisvoller Mann gesichtet, wie er mit diesem Werkzeug den Saal verließ.

Parimarjan Negi: @TarjeiJS Ich frage mich, ob Magnus jemals Fliegen in Norwegen gesehen hat. Willkommen in Indien 

13. ♕b3 Die beste Option.

13. ♘xd5 cxd5 sieht gut aus für Schwarz. (13... ♕xd5 sieht auch gut aus.)

13. ♕e1 erwähnte Magnus Carlsen während der Pressekonferenz. Hierauf unterschätzte er die Antwort 13... ♘b4!

13... ♘a5 Wieder mit Tempo! Egal wohin die weiße Dame geht, Schwarz hat die Möglichkeit die Züge zu wiederholen.

14. ♕a3 sieht besser aus als die einzige Alternative

14. ♕b2 , da man die Dame nicht auf der Diagonale des gegnerischen Läufers auf g7 stellen möchte. Das könnte aber trügerisch sein, denn die Computer bevozugen Db2. Den Unterschied sieht man nach 14... b6 15. cxb6 axb6 und das Feld b2 ist plötzlich viel sicherer als das Feld a3 - schau dir den Turm auf a8 an!

14... ♘c4 15. ♕b3 ♘a5 Wiederholt ein Mal die Züge. Weiß konnte nach seinem schwachen Zug 9.Sc3 diesen Remismechnismus gar nicht vermeiden.

15... b5 erwähnte Anand während der Pressekonferenz: 16. cxb6 ♘a5 17. ♕b2!

16. ♕a3 ♘c4 Anand ist mit einem mühelosen Remis in der 1. Partie und dazu nocht mit Schwarz mehr als zufrieden.

16... b6! war der Weg, um weiterzuspielen. Auch wenn Schwarz nicht unbedingt besser steht, gibt es für Weiß keinen offensichtlichen Weg seine Figuren zu entwirren. 17. ♘e5 (17. ♖e1 ♘xc3 18. ♕xc3 ♗e4 und ich bevorzuge Schwarz.) 17... ♘c4! 18. ♘xc4 ♘xc3  ist eine Schlüsselidee.

Was haben wir gelernt heute? Carlsen vermeidet sein übliches Repertoire. Anand ist in den Nebenvarianten ebenfalls gut vorbereitet, Carlsen weniger. Anand ist offensichtlich zufrieden mit Schwarz zu remisieren, da er eine recht gute Stellung nicht weiterspielte.

1/2-1/2

Es war eine kurze Partie, was zweifellos auch weniger Zeit zum Ausruhen für die Sekundanten bedeutet:

Pentala Harikrishna: Ich fühle mit den Sekundanten. Deren Schlafzeit = 1 Std. 30. Min. :-)

Es gab einige Spekulationen, dass GM Sergey Karjakin einem der Spieler als Sekundant dienen würde. Falls er es wirklich tut, dann hat er seine Aufgabe missverstanden, denn aus Ägypten sendete er die folgenden Grüße:

'

Sergey Karjakin: Manchmal ist es spannender mit Galia Kamalova einem Fisch zuzuschauen, als online eine Schachpartie zu verfolgen.

In der Pressekonferenz zeigte sich Anand zufrieden über den gelungenen Start. Auf die Frage, ob er am Ende hätte weiterspielen können, antwortete er:

Ich habe nichts Besonderes gesehen. Ich vermute, dass der Computer einen leichten Vorteil für Schwarz zeigt, weil der Nachziehende eine Figur mehr im Spiel hat, aber ich weiß nicht, ob es etwas Substantielles ist. Ich habe keine forcierte Variante gesehen, die das Weiterspielen hätte rechtfertigen können.


Carlsen war weniger erfreut über den Ausgang der Partie:

„Vishy“ sagte, dass ein komfortables Remis mit Schwarz befriedigend wäre. Dementsprechend ist ein kurzes unkomfortables Remis mit Weiß unbefriedigend. Da es ein langes Match ist, ist allerdings kein Schaden entstanden. Manchmal muss man einfach die Notbremse ziehen und genau das habe ich heute getan, weil ich schon nach zehn Zügen meinen Chancen verspielt hatte.


Für einen Moment verlor Carlsen auf die Frage, ob er sich in Indien heimisch fühle, seine Contenance: „Ich bin doch immer noch hier, oder?“ Schnell fing er sich aber wieder: „Ich habe mich an die Umgebung gewöhnt und normalerweise spiele ich ja nie in Norwegen. Es ist alles in Ordnung. Falls sie fragen, ob ich eine  Art Feindschaft mir oder gegenüber meinem Team erkenne, dann kann ich eindeutig mit Nein antworten." | Foto: Anastasia Karlovich


Die komplette offizielle Liveübertragung zur 1. Partie, inklusive der Pressekonferenz, kann man sich als Aufzeichnung anschauen:


In der 2. Partie werden wir morgen herausfinden, was Anand mit Weiß vorbereitet hat – nicht verpassen!


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