Features 07.03.2017 | 14:24von Macauley Peterson

Schach-Podcasts, damals und heute

Wenn man "Schach" hört, denkt man wohl eher nicht ans Radio. Eine Handvoll Schachfans und Profis möchte das jedoch mithilfe des modernen Ablegers dieses Mediums ändern: Audiodateien, die on-demand heruntergeladen werden können - auch bekannt als Podcasts (ein Mix aus Apples "iPod" und dem Wort "broadcast"). Hier schauen wir uns diesen relativ brachliegenden Bereich der Schachmedien an, dem zuletzt neues Leben eingehaucht wurde.

Wenn man im iTunes Store bei den Podcasts nach "chess" sucht, findet man diese Namen!

Das erste Element, das einem ins Auge springt, wenn man nach Schachpodcasts sucht, stellt sich als falsche Fährte heraus: "Chess Official Podcast" ist in Wirklichkeit ein DJ / Musikproduzent aus den Niederlanden namens Chesrey Edwardson! Es gibt scheinbar keinen eindeutigen Bezug zu unserem Spiel der Könige. Er produziert offenbar seit circa einem Jahr monatlich einstündige Portionen "funky / progressive / electro house" Musik. Ich gebe zu, diese sind manchmal ziemlich eingängig — während ich diesen Post schreibe, höre ich mir seinen letzten Track an!

Aber unser Fokus hier betrifft das gesprochene Wort. Schachmedien stützen sich natürlich auf Diagramme, Listen der Züge und Fotos, um die Events festzuhalten und sie den Massen zugänglich zu machen. Oft beklagen sich Leute, dass Schach nicht im Fernsehen gezeigt wird, und dafür gibt es viele Gründe. Nicht zuletzt findet die Anstrengung ja in den Köpfen der Spieler statt, es gibt also das immanente Problem, wie man eine Partie und den Sport in ein visuelles Medium verwandeln kann. Natürlich stellt das auch für ein Medium, das ganz auf visuelle Hilfsmittel verzichtet, eine Herausforderung dar!


Obwohl das gesprochene Wort schneller ankommt, kann man es nicht mit nach Hause nehmen.

-Kingman Brewster

Kingman Brewster klingt wie der Künstlername eines Großmeisters im Chessboxing-Ring, oder? Oder vielleicht wie der Spitzname des örtlichen Schachzockers in der Kneipe! Im Zitat ging es um die Vorteile des ‌geschriebenen Wortes, aber die Schlussfolgerung ist auch, dass wir uns eher auf unsere visuellen Sinne verlassen als auf unser Gehör, um uns die Welt zu erklären.

Ob ihr es glaubt oder nicht, es gibt eine lange Geschichte von Schachsendungen im Radio, und zwar nicht nur als Mittel, um die Züge durchzugeben — wie das berühmte Match der USA gegen die UdSSR 1945. Ein recht junges Beispiel ist Dominic Lawsons Interviewreihe, Across the Board in der BBC 4 im Vereinigten Königreich. Fünfzehn Folgen, davon welche mit Magnus Carlsen und Garry Kasparov (beide aus dem Jahr 2015), kann man herunterladen, aber die neueste ist vom Juni 2016.

Schach-Podcasts damals

Schachpodcasts gibt es bereits seit mehr als zehn Jahren. Die ehemalige Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk war eine frühe Wegbereiterin und startete mit der erdrückend geskripteten Sendung "Chess is Cool" — eine Art Reisebericht, der 2005 begann und bis Ende 209 35 Folgen beinhaltete. Das ganze Set ist immer noch verfügbar, auf der Vintage-Seite www.kosteniuk.com/podcast.

Chess KillerTips war ein ehrgeizigeres Video-Podcast-Format, in dem Kosteniuk in jeder kurzen Folge (insgesamt gab es 63) eine Stellung vorstellte. Auch dieses Format endete 2009, ist aber noch auf iTunes und auf www.chesskillertips.com verfügbar. (Übrigens habe ich Alexandra kürzlich zufällig in Hamburg getroffen und erwähnt, dass ich an diesem Artikel schreibe, und sie erzählte verwirrt, dass sie immer noch Anfragen von Fans erhält, die sich wünschen, dass ihre Shows Jahre später wieder aufgegriffen werden!)

Selbst eingestellte Podcasts überleben im iTunes-Store für die Nachwelt...

Ebenfalls lehrreich sollte das amateurhafte, aber liebenswerte "PE's Chesscast" sein (PE steht übrigens für Pink Elephant), ein Video-Podcast mit süßen Stories und nützlichen, wenn auch unbeholfen dargestellten Lektionen.

Leider scheint der pinke Elefant wie der Dodo ausgestorben zu sein, da die Show zuletzt 2011 aktualisiert wurde und die Videos nicht mehr abgespielt werden.

Ich frage mich, was aus dem Typen geworden ist! Er ist sicherlich nicht zum Pink Elephant Indie Radio gewechselt.

Internationale Meister auf einem Roadtrip irgendwann vor 2009

Ich selbst nahm die Herausforderung 2009 an, da ich mich von diesen früheren Versuchen inspirieren ließ und auch daheim mit vielen Radiosendungen aufwuchs (abgesehen von einer Folge Nichols & May ab und zu). Im Februar und März 2009 wurden zwei Pilotfolgen meines eigenen Schachpodcasts A Full English Breakfast unter der damals aktiven Marke "chess.fm" veröffentlicht, Mitmoderatoren waren die damals schockierend jung aussehenden Lawrence Trent und Stephen Gordon:

Die Show war das Ergebnis einer späten Quasselrunde über den Zustand der Schachmedien beim Gibraltar Chess Congress (damals GibTel, jetzt Tradewise). Die Idee dahinter war eine Kombination aus ernsthaften Schachnachrichten und Interviews mit dem etwas unreifen Wortgeplänkel meiner Mitmoderatoren. Es stand unter dem Motto "Tony Miles meets Ali G" und machte viel Spaß. Letztlich war es aber auch jede Menge Arbeit — zuviel, als dass wir sie damals als Trio weiter hätten leisten können.

Hört euch mal Lawrences damaligen East London Dialekt an. Er hat sich seitdem eine vornehmere Mundart zugelegt!

Nach einer Pause von anderthalb Jahren gab es im Oktober 2010 einen Relaunch mit etwas besseren Produktionswerten und einem professionelleren Format. Wir freuten uns schnell über eine Zuhörerschaft und zogen die Aufmerksamkeit von Mitgliedern der Schachelite auf uns, die sich in der Regel gerne beteiligten und dabei auch das Intro unserer Show aufnahmen. Während meiner Reisen als Schachjournalist in den darauffolgenden Jahren gelang es mir, die meisten Mitglieder der Top 20 (plus Anatoly Karpov!) zu bekommen, angefangen mit Magnus Carlsen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich die Aufnahme mit ihm am Vorabend des Pearl Spring Turniers direkt vor dem MingFa Pearl Spring Hotel in Nanjing, China machte. Er war damals bereits Weltranglistenerster:   

Wir verbrachten relativ viel Zeit dieser Folge mit einem Gespräch über die FIDE-Wahlen, die Kirsan Ilyumzhinov gewonnen hatte, und die Nachteile der "ein Verband eine Stimme"-Politik. Es ist erstaunlich, wie wenig sich seitdem verändert hat!

Nach etwa dreißig Folgen verstummte der Podcast Ende 2012, abgesehen von einer kurzen "Wiedervereinigungsshow" Ende 2013. Neulich erst, im April 2016, sagte ich, er sei "offiziell tot".

Schach-Podcasts heute

Ein Neuzugang (der ehrlich gesagt einen eigenen Post verdient hat) ist Ben Johnson's Perpetual Chess Podcast. Ben ist ein Spieler auf Meisterniveau, der seit Jahrzehnten in der Schachszene der USA zuhause ist und es als seine Mission ansieht, Schachenthusiasten "unzensierte Interviews mit den vielen faszinierenden Figuren der Schachwelt" zu liefern.

Die Show begann erst vor drei Monaten und die Gästeliste beinhaltete bis jetzt bereits unseren Jan Gustafsson von chess24 sowie Peter Svidler, außerdem die Landesmeisterin der USA Nazi Paikidze — die aktuell in Interviewanfragen ertrinkt, da sie die Weltmeisterschaft der Damen in Teheran boykottiert.

Ben ist ein geschickter Interviewer und ich habe bis jetzt in jeder Folge etwas Neues gelernt — selbst in Folgen mit Spielern, die ich eigentlich gut kenne. Ich habe alle dreizehn Folgen ganz angehört und diese Zeit hat sich wirklch gelohnt.

Dreizehn Folgen bis jetzt!

Ben Johnson












Direkt bevor der Perpetual Chess Podcast entstand, schrieb mir Trent eine Mail mit dem Vorschlag, The Full English Breakfast wieder aufleben zu lassen. Das war nicht das erste Mal, dass dieser Gedanke aufkam. Tatsächlich hatte ich das immer im Hinterkopf, vor allem aufgrund unserer treuen Fanbasis. Bemerkenswerterweise wurden wir beide in den letzten Jahren unabhängig voneinander von einzelnen Hörern der Show bei Schachevents angesprochen und gefragt, ob wir die Show wieder neu starten würden. Anscheinend nähren gelegentliche Tweets und Facebook-Posts immer wieder kurz diese Hoffnung.

Mit neuem Elan haben wir also angefangen, neue Pläne zu schmieden. Die erste Episode einer neuen Reihe von Folgen ist vor fünf Tagen online gegangen! Mit etwas Glück ist die Show diesmal langlebiger.

Wie geht es weiter?

Was das gesprochene Wort im Allgemeinen unter anderem so praktisch macht, ist, dass man zuhören kann, während man zur Arbeit pendelt oder Sachen macht, für die man nicht seine ganze Aufmerksamkeit benötigt. Bei mir ist das oft Abwaschen oder meinen kleinen Sohn herumtragen, damit er einschläft. Heute erlebt Podcasting einen kleinen Boom, der vor allem auf den Anstieg in der Benutzung von Mobilgeräten zurückzuführen ist.

Die Prozentzahl der Amerikaner, die im letzten Monat einen Podcast gehört haben, steigt seit 2013 konstant an. Quelle: Pew Research Center

Die Gesamtanzahl der verfügbaren Podcasts steigt ebenfalls und verdoppelt sich ungefähr alle zwei Jahre:

Anstieg der Anzahl von Podcasts, die von Libsyn gehosted werden, einem führenden Hosting-Dienstleister für Podcasts. Quelle: Pew Research Center

Interessanterweise setzt sich der Trend nicht fort, wenn es um ‌Schach geht. Man findet heute nicht mehr aktive Schach-Podcasts als in den letzten Jahren. Einige sind entstanden und wurden wieder eingestellt, aber Perpetual Chess ist der erste Versuch, der aussieht als habe er Zugkraft. Es handelt sich im Grunde noch um unerforschtes Gebiet und ich zumindest bin gespannt darauf, wie es sich entwickelt!

Hört ihr euch Podcasts an? Was sind eure Lieblingssendungen?

Was wäre eurer Meinung nach ein interessantes Showformat für chess24?

Teilt es uns in den Kommentaren mit!

Macauley Peterson

Macauley ist zur Zeit Content Director bei chess24. Seine Artikel erschienen im Chess Life Magazine und in Chess Life Online (U.S.A.), New in Chess (Netherlands), "64" (Russland), Chess (U.K.), Jaque, Peón de Rey (Spanien), Torre & Cavallo (Italien). Er ist ein ehemaliger "Schachjournalist des Jahres", wozu ihn die Chess Journalists of America wählten. Macauley ist Co-Produzent der preisgekrönten Doku über Magnus Carlsen aus dem Jahre 2016. Besucht Macauleys Profil.




Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 1

Guest
Guest 7862451476
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options