Berichte 27.10.2016 | 11:55von Colin McGourty

Russisches Superfinale, R9-10: Kosteniuk gewinnt ein Auto

Alexandra Kosteniuk dominierte die russische Landesmeisterschaft von Beginn an | Foto: Russische Schachföderation

Alexandra Kosteniuk hat elf Jahre nach ihrem ersten Sieg 2005 zum zweiten Mal die russische Frauenmeisterschaft gewonnen. Sie liegt nach zwei haarsträubenden Siegen hintereinander eine Runde vor Schluss uneinholbar in Führung und meinte, dass das Auto, das für den Sieger bereit steht, ihre Motivation steigerte... aber sie benötigt noch einen russischen Führerschein! Im Männerturnier ist hingegen noch nichts entschieden, allerdings hat sich Vladimir Fedoseev zu Alexander Riazantsev an die Spitze gesellt. Peter Svidler hat ebenfalls noch Chancen auf den Turniersieg und hat erneut seine Abenteuer in brillanten Partiezusammenfassungen mit uns geteilt.

Alexandra Kosteniuk hat in diesem Jahr die russische Landesmeisterschaft dominiert und liegt nach sieben Siegen, zwei Remisen und einer Niederlage eine Runde vor Schluss anderthalb Punkte in Führung. Ihr könnt alle Partien mit dem Selektor unterhalb nachspielen (bzw. den Mauszeiger über den Namen einer Spielerin bewegen, um deren Ergebnisse anzuzeigen):

In den letzten beiden Runden triumphierte Entschlossenheit über die Nerven, aber sie hätten auch ganz anders ausgehen können:


Hätte Ekaterina Ubiennykh 36. fxe6! gespielt, wäre ihr dadurch ein schöner Gewinn gelungen. Der Turm auf e2 kann aufgegeben werden, da nach 36. ... Sf4+ 37. Kh1! Sxe2 38. Tf7+ der weiße Turm und die Läufer die schwarzen Figuren nach Belieben einsammeln können. Nach 36. Tg4? Sf4+ 37. Txf4 Dxf4 38. fxe6 fand der schwarze König jedoch ein Versteck auf e7, und der e2-Turm konnte das Geschehen nicht beeinflussen.

Kosteniuks Belagerung gegen Ovod funktionierte doch noch, gerade als sie gescheitert schien | Foto: Alexey Ziler

Die zehnte Runde verlief noch dramatischer. Alexandra belagerte Evgenija Ovod und brachte nicht weniger als vier Figuren in Stellung, um den schwachen schwarzen f7-Bauern anzugreifen. Evgenija blieb irgendwie in der Partie und hatte schlussendlich echte Gewinnchancen, als ihr a-Freibauer zu Laufen begann. Er war jedoch zu schnell, und Kosteniuk nützte ihre Chance!


61. Txc4! dxc4 62. Sxc4 Db3 63. Sxa3 Die Stellung war ausgeglichen, aber Kosteniuk konnte die Schwäche des schwarzen Königs ausnutzen, um Material zu gewinnen und aus einem trickreichen Endspiel Dame gegen Turm und Bauern schlussendlich siegreich hervorzugeheng.

Natalija Pogonina (Siege über Gunina und Kashlinskaya) und Anastasia Bodnaruk (Remis gegen Girya, Sieg über Goryachkina) blieben Alexandra auf den Fersen, doch sie schaffte es als erste über die Ziellinie. Sie nimmt rund 7250 Euro für den ersten Preis mit nach Hause, aber auch einen Renault Captur, der noch mehr wert ist. Kosteniuk, die nicht mehr in Russland wohnt, verriet, dass sie die russischen Verkehrsregeln gelernt hat, aber noch eine ärztliche Untersuchung durch einen Neurologen bestehen muss - sie meinte, dass sie diese nach den Aufregungen der letzten beiden Runden besser ein wenig verschiebe!

Kosteniuk: "Wenn alles schief läuft, kann mein Mann (GM Pavel Tregubov) fahren"

Im Männerturnier sind wir noch immer weit davon entfernt, den Gewinner zu kennen... acht Spieler liegen nach der Fortsetzung der Remisserie vor der letzten Runde am Donnerstag nur einen Punkt hinter der Tabellenspitze:

Ein einziger Sieg in den Runden 9 und 10 spiegelt zwar nicht die ganze Action wieder, die wir zu sehen bekamen, aber es ist vermutlich auch keine Übertreibung zu sagen, dass die Partiezusammenfassungen Peter Svidlers - in denen er verrät, was im Kopf eines Supergroßmeisters während der Partie vorgeht - der beste Teil des Männerturniers waren. Auch seine letzten beiden Videos enttäuschten nicht und haben 102 Minuten Laufzeit:

Das Urteil der Fans fiel ziemlich einstimmig aus:


Beide Partien verliefen enorm dramatisch, und Peter beschrieb die erste davon als "vermutlich die am meisten verlorene Stellung, die ich in meinem Leben nicht verloren habe - es wäre zumindest fair, sie für diese engere Auswahl zu nominieren". Nachdem nur noch wenige Runden übrig waren, benötigte Svidler einen Sieg, wählte eine unkonventionelle Eröffnung und war gut aus ihr herausgekommen, als er 16. ... Ld5 spielen konnte:


Svidler:

Das war in der Partie das erste Mal, dass ich fühlte, meine Eröffnungswahl sei keine so schlechte Idee gewesen. Ich bekam fast genau das, was ich heute aus der Partie herausholen wollte, nämlich eine sehr unklare, spielbare Stellung, die nicht leicht einzuschätzen ist, aber es sieht zweischneidig aus, und ich denke, dass das Gefühl, das Schlimmste sei vorbei, mir heute einen Streich gespielt hat, da ich denke, eine Weile beim Einschätzen der sich ergebenden Struktur viel zu optimistisch gewesen zu sein.

Zehn Züge später brach Peter mit 26. ... f5?! alle Brücken hinter sich ab, nur um zu bemerken, dass er wenig später in großen Schwierigkeiten steckte. Nach weiteren zehn Zügen war Bocharovs 26. Se1! der Moment, in dem es unserem Mann dämmerte, dass der b4-Bauer womöglich nicht mehr lange auf dieser Welt sein würde:


Was folgte war ein Endspiel, das ein relativ leichter Sieg für Weiß sein hätte sollen, aber da Dmitry schon bald mit dem Zeitaufschlag spielte, entstand daraus eine verrückte Nervenschlacht, die Svidler so zusammenfasste: "die restliche Partie fühlt sich ehrlicherweise so an, als ob wir einfach Knöpfe gedrückt hätten".

Peter Svidler lebt gefährlich... | Foto: Alexey Ziler

Eine oder zwei sichere Chancen gingen an Peter vorüber, bis die letzte Wendung im 70. Zug kam:


70. Ke3! Lxg3 71. g7 Tg1 72. c8=D+! Kxc8 73. g8=D+ ist für Bocharov noch immer gewonnen, aber nach 70. Kxf3? Th3! war das Remis unvermeidlich.

Dieses Mädchen war perfekt gekleidet, um die Großmeister zu trollen | Foto: Alexey Ziler

An den anderen Brettern erlebten wir einen ausgefallenen Tag, an dem Alexander Grischuk Evgeny Tomashevsky mit 1. Sf3 Sf6 2. b3 überraschte und seinen Gegner dann im vierten Zug mit einer noch ungewöhnlicheren Wahl zehn Minuten zum Nachdenken brachte. Grischuk kam dem Sieg nahe. 

Tomashevsky sah angemessen eingeschüchtert aus | Foto: Alexey Ziler

Das war nichts im Vergleich zu Aleksey Goganov, der nach 1. Sf3 d5 2. g3 Sd7 selbst zehn Minuten nachdachte, ehe er 3. c4 spielte, einen Zug, nach dem der Computer Schwarz im Vorteil sieht. Da die schwarzen Steine vom alleinigen Spitzenreiter Alexander Riazantsev geführt wurden, bedeutete das für die Verfolgergruppe schlechte Nachrichten; es sah auch lange Zeit so aus, als ob Alexander gewinnen würde, doch stattdessen endeten alle sechs Partien remis.

Die Partie, mit der Riazantsev seinen Vorsprung auf die Verfolgergruppe beinahe auf einen ganzen Punkt ausgebaut hätte | Foto: Alexey Ziler

In der zehnten Runde gab es eine entschiedene Begegnung: Dmitry Bocharovs fünfte Niederlage mit Schwarz in Novosibirsk. Sie war sehr unterhaltsam, aber Dmitrys Angriff am Königsflügel in einem Caro-Kann war zu schwach, um es mit der zusätzlichen Dame aufzunehmen, die Vladimir Fedoseev am Damenflügel aufs Brett brachte!


Die Partie dauerte noch ein paar Züge an, bis die Zeitkontrolle geschafft war, aber es war einfach zu viel Weiß auf dem Brett.

Die Schachfans konnten zusehen, wie Fedoseev seine Partie mit Hilfe einer Schachsoftware präsentierte, die hier bei chess24 entwickelt wurde | Foto: Alexey Ziler

Die Partie, für die wir die besten Sitzplätze hatten, war natürlich Svidlers Begegnung mit dem 19-jährigen Grigoriy Oparin. In ihr kamen einige mutige Züge vor, die den Computer und auch so manchen menschlichen Zuschauer die Stirn runzeln ließen:

Svidler spielt remis gegen Oparin. Noch eine Partie, in der er womöglich zu kämpfen hat, um alle seine Entscheidungen zu erklären!

Peter antwortete in typischer Manier:

Ich verstehe, warum ich gemacht habe, was ich gemacht habe, und ich bin einigermaßen zufrieden mit der Denkweise. Das war kein besonders gut konstruierter Satz. Ich entschuldige mich dafür.

Er behielt sich den Tadel für seine Eröffnungsvorbereitung vor; er dachte viel darüber nach, Najdorf zu spielen, hatte einen Heureka-Moment, der in Verbindung zu einer Stellung stand, die er in einer anderen Eröffnung erreichen konnte, und erreichte sie danach nicht. Stattdessen...

Mein Gegner spielte eine Variante, die er schon einmal gespielt hat, und ich habe irgendwie darauf vergessen, sie genau, oder ungenau, zu prüfen. Die Vorbereitung verlief nicht so, wie sie in den Handbüchern beschrieben wird.

Die Stunde der Wahrheit kam nach 14. ... Tc8, als Peter beschloss, etwas unternehmen zu müssen, um seinen gewissenhaften jungen Gegner aus seiner häuslichen Vorbereitung zu bringen:


15. d5!? war der von ihm gewählte Zug, womit er auf Aktivität setzte, ehe Schwarz seinen Damenflügel entwirren kann. Dadurch wurde Pandoras Taktikbüchse geöffnet, aber das war dem siebenfachen russischen Landesmeister nur Recht:

Ich schaffe zumindest ein sehr konkretes taktisches Scharmützel, aus dem ich mich korrekt herausrechnen können sollte.

Der Zug erfüllte auch seinen anderen Zweck, da Grigoriy 23 Minuten lang nachdachte. Die schlechte Nachricht war für Peter, dass er mit 15. ... Df5 den besten Zug spielte, aber die Partie war offen und Svidler zeigte einige wunderschöne taktische Tricks. Er schaffte das, ohne die Partie mit dem Computer zu analyiseren:

Nach dem Eröffnungsdebakel brauchte ich wirklich keine weiteren schlechten Nachrichten in der Form des Computers, der meine wunderschönen Opfer völlig widerlegt!

Nun, hier gibt es gemischte Nachrichten. Der Computer ist kein Fan des Opfers, von dem Peter hier sprach - 18. ... dxc4 19. Sxe6!? fxe6 20. Txe6:


Der Zyniker schlägt das höhnische 20. ... Kh8!! vor und gibt Schwarz einen Vorsprung von zwei Bauern. Es gibt noch einen weiteren Zug, von dem Peter sagte, er "wäre die Krönung meines vorangegangenen Spiels" - 18. ... a6 19. Tbd1 dxc4 20. Sxe6 b5 21. Sd8!!


Der Zug ist einwandfrei, allerdings nicht ganz so stark wie von Peter erhofft, doch bestimmt sehr schön... es ist nicht einfach, im Computerzeitalter wie Tal zu spielen!

Der Winter ist in Sibirien angekommen... | Foto: Russische Schachföderation

Die Tabelle könnte vor der letzten Runde nicht enger sein, besonders deswegen, weil beide Spitzenreiter mit Schwarz auf starke Gegner treffen.

Hier geht es zur Entscheidung (Männer | Frauen) mit Kommentar auf Englisch durch Evgenij Miroshnichenko und Pavel Tregubov weiter (Ihr könnt frühere Runden auf der Livestream-Seite von ChessCast Revue passieren lassen).

Weitere Links:


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