Berichte 04.11.2019 | 15:16von Colin McGourty

Russischer Doppelsieg: Sieben Erkenntnisse der Mannschafts-EM

Russland hat bei der Mannschafts-EM 2019 in Batumi zweimal Gold gewonnen. In einer atemberaubend spannenden Schlussrunde stellte Kirill Alekseenko im Open den wichtigen Sieg gegen Polen sicher, doch die Ukraine hätte noch vorbeiziehen können, wenn Vassily Ivanchuk mit Dame gegen Turm keine Festung seines Gegners Ivan Saric zugelassen hätte. England bezwang dank einer Gewinnpartie von David Howell Deutschland und holte Bronze, während bei den Damen Georgien und Aserbaidschan hinter den Russinnen die weiteren Medaillen holten.

Beide russischen Teams holten in Batumi Gold | Foto: Dr. Mark Livshitz, Russischer Schachverband

1. Es war (wieder einmal!) das Turnier der Russen

Ende gut, alles gut für die favorisierten russischen Teams in Batumi. Wie 2015 in Reykjavik holten sowohl die Herren als auch die Damen ohne eine einzige Turnierniederlage den Sieg. Die Männer holten wie damals sechs Siege und drei Unentschieden, darunter ein 2,5:1,5 gegen die Silbermedaillengewinner aus der Ukraine.

Hier der Endstand:

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3 
11RussiaRUS963015224,522,5
28UkraineUKR962114236,522,5
32EnglandENG962114219,022,5
45ArmeniaARM961213222,522,5
515CroatiaCRO952212187,019,0
64AzerbaijanAZE951311197,520,5
76SpainESP943211184,522,0
89GermanyGER943211180,018,5
913FranceFRA943211169,020,5
1012Czech RepublicCZE951311166,019,5
1114GeorgiaGEO934210171,021,0
123PolandPOL942310170,019,5
1311IsraelISR926110158,519,5
1418GreeceGRE942310157,019,5
1519SloveniaSLO950410156,019,5
1617TurkeyTUR942310139,017,5

Die Damen holten 7 Siege und 2 Unentschieden und gewannen damit zum sechsten Mal innerhalb von sieben Austragungen.

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3 
11RussiaRUS972016256,026,0
22GeorgiaGEO971115257,025,5
35AzerbaijanAZE962114230,022,5
43UkraineUKR960312173,519,0
514NetherlandsNED960312144,519,5
68RomaniaROU951311184,022,5
713ArmeniaARM943211181,520,5
810TurkeyTUR951311168,519,0

2. Aber es war extrem spannend

Vor der vorletzten Runde lagen beide russischen Mannschaften allein in Führung und hofften vermutlich auf einen souveränen Abschluss, doch es wurde noch einmal richtig dramatisch. Die russischen Damen hatten zwei Punkte Vorsprung, doch dann unterlag Valentina Gunina der glänzend aufgelegten 18-jährigen WIM Anna Sargsyan aus (die mit 7 aus 8 und einer Elo-Leistung von 2626 hinter Nana Dzagnidze und deren 2639 das zweitbeste Ergebnis des Turniers holte). Gunina hatte sieben Mal Weiß bekommen, schnitt aber mit 4,5 Punkten eher schwach ab.


Die Russinnen standen damit am Rande der Niederlage, während gleichzeitig Georgien gegen die Ukraine gewann, und am Ende lautete die entscheidende Frage, ob Kateryna Lagno das Remisendspiel Turm+Läufer gegen Turm gegen Siranush Ghukasyan gewinnen würde. Und sie schaffte es tatsächlich nach 112 Zügen, den Wettkampf noch zu retten!

Damit rettete die Goldmedaillengewinnerin an Brett 2 den Russinnen ein wertvolles Unentschieden gegen die Armenierinnen und diese blieben vor der letzten Runde allein in Führung. Dort erledigten sie ihre Aufgabe gegen die Türkei souverän mit 3,5 zu 0,5, und verhinderten, dass durch den Verlauf des parallelen Duells zwischen Georgien und Georgien II irgendwelche Diskussionen aufkamen!

Georgien schlug Georgien 2 und holte Silber | Foto: Turnierseite

Und Aserbaidschan gewann Bronze | Foto: Turnierseite

Im Open waren die beiden Schlussrunden echte Thriller. Russland ließ gegen England überraschend Daniil Dubov pausieren, was zunächst gut zu funktionieren schien. Nikita Vitiugov schlug Luke McShane, und Dubovs Ersatz Maxim Matlakov stand gegen Gawain Jones auf Gewinn. Er ließ diesen aber aus, und danach gelang es Mickey Adams, den ansonsten stocksoliden Dmitry Andreikin in einem remislichen Turmendspiel zum 2:2 niederzuringen.


Dieser Ausrutscher hätte den Russen womöglich nichts ausgemacht, wenn Deutschland gegen die Ukraine zumindest nicht verloren hätte. Auch dieses Match stand auf des Messers Schneide. Georg Meier verpasste gegen Andrei Volokitin im 31.Zug eine Remischance, und am vierten Brett ging es sogar noch dramatischer zu. Nach 33 Zügen versuchte Vladimir Onischuk, der an Brett 4 die Silbermedaille holte, das inspirierte 33…Kf7!?, anstatt den Turm auf e8 zu schlagen (wonach Weiß nach 34.Tg1 leicht besser gestanden hätte):


Das bot dem 22-jährigen Rasmus Svane die Chance, die Partie mit 34.De3! zu gewinnen und für den Ausgleich zu sorgen, doch mit weniger als einer Minute auf der Uhr spielte er das viel „logischere“ 34.Te2?! Die Pointe der schwarzen Idee wurde mit 34…Lg4! schnell deutlich, worauf Schwarz besser stand, Weiß aber nicht mit 35.Tf1? (35.Sh2!) 35…Lxf3+ 36.Txf3 Txf3 37.Dd2 Tf1+! und Matt in 2 untergehen musste.


Damit lag die Ukraine nicht nur gleichauf mit den Russen, sondern war auf einmal aufgrund der besseren “olympischen Sonneborn-Berger-Wertung” sogar Favorit, sofern beide Teams ihre letzten Begegnungen gewinnen würden. Einfach wurde das aber nicht, und nach einem Remis von Daniil Dubov nach abermals kreativer Eröffnung…

…und Remis an den Brettern 2 und 3 wurde Kirill Alekseenko ziemlich überraschend zum Helden. Er opferte gegen Kacper Piorun einen Bauern, was bei bestem Spiel aber zu Remis geführt hätte, doch dann folgte 32…Te4? (32…De6! war der einzige Zug):


33.Sg4! h5 34.Df6+! Kh7 35.Df8! und nach 35…hxg4 36.Tf7+ Dxf7 37.Dxf7+ waren die schwarzen Figuren und Bauern zu unkoordiniert, um der weißen Dame Paroli zu bieten.

Auf dem Papier hatten die Ukrainer mit den Kroaten die deutlich leichtere Aufgabe zu lösen, und im Endeffekt hätten beide Teams gewinnen können. An den hinteren Brettern gab es für jedes Team einen Sieg.

Damit hätte Vassily Ivanchuk den Sieg für die Ukraine sicherstellen können, wenn er seine brillante Partie gegen Ivan Saric zum Gewinn geführt hätte. Im Interview mit Evgeny Surov von Chess-News.ru bereute er hinterher seinen Zug in dieser Stellung:


Zunächst war natürlich der Bauernzug 46.f5 völlig unnötig. Die logischste Entscheidung war 46.a4, da Schwarz einen schwarzfeldrigen Läufer hat! Der potentielle Angriff des Bauern muss verhindert werden, wonach Schwarz keine Drohungen mehr hat. Danach spielt sich die Partie mehr oder weniger von allein. Mit f5 habe ich den Gewinn noch nicht vergeben, aber danach wurde es schon kompliziert, und es kam, wie es kam.        

Nach 46.f5 gxf5+ sieht es so aus, als würde 47.Dxf5! immer noch gewinnen, aber nach 47.Kxf5? Lc5! war es für 48.a4 und dem Verhindern von Lxa3 zu spät, da 48…Tf2+ und 49…d2 das Remis erzwingen würde. Allerdings war Ivanchuk überzeugt, dass das anschließende Endspiel mit Dame gegen Turm noch gewonnen wäre:


Dabei wusste er nicht zu wenig, sondern zu viel! Er meinte, er hätte sich diese Stellung schon einmal angesehen:

Ich war sicher, dass ich auf Gewinn stehe, da ich das Endspiel mit Dame und g-Bauer gegen Turm und f-Bauer analysiert hatte und mich daran erinnerte, dass es gewonnen ist. In diesem Fall stand der König aber auf d7. Das wurde mir hinterher klar. Hier aber ließ der Turm den König nicht nach d7 kommen. Mir ist klar, wie es zu dem Fehler kam, aber als Spitzenspieler sollte man diese Stellungen natürlich kennen.

Mit dem König auf d7 in der Diagrammstellung steht Weiß auf Gewinn, wobei 62.Df6! der schnellste Gewinnweg ist, da Weiß in ein gewonnenes Bauernendspiel abwickelt. So aber war die Stellung totremis und Gold ging an die Russen statt an die an Nummer 8 gesetzten Ukrainer. Ivanchuk fasste zusammen:

So etwas ist nicht nur in einem Mannschaftswettbewerb, sondern auch in einem Einzelturnier ärgerlich, aber so ist Schach. Lasker hatte offenbar recht, als er sagte, dass nichts schwieriger sei, als eine gewonnene Stellung zu gewinnen.

Das brachte den Russen den Sieg, obwohl die meisten Team-Mitglieder noch erschöpft vom Grand Swiss auf der Isle of Man waren.

3. Können die Russen mit jedem Herrenteam gewinnen?

Aufgrund der vielen starken Spieler ist es immer schwer, ein russisches Team zu nominieren. Hier ein Selfie der Sieger von 2015:

Vom Damenteam 2019 waren Goryachkina, Gunina und Lagno schon damals dabei, aber bei den Männern fehlten Svidler, Grischuk, Tomashevsky, Nepomniachtchi und Jakovenko komplett. So weit muss man aber gar nicht zurückgehen, denn die Mannschafts-WM gewannen die Russen dieses Jahr mit Karjakin, Nepomniachtchi, Grischuk, Andreikin und Artemiev, womit Andreikin als einziger Spieler bei beiden Turnieren dabei war.

In Batumi lösten die beiden jungen Spieler Kirill Alekseenko und Daniil Dubov (der an Brett 4 mit einer phänomenalen Elo-Leistung von 2804 den Brettpreis gewann!) die Erwartungen der Jugend ein, und mit Vladislav Artemiev wurde der stärkste Nachwuchsmann gar nicht eingesetzt. Die Zukunft des russischen Teams sieht gar nicht so schlecht aus!

4. England ist wieder da

Die Zukunft des englischen Teams sieht sicher nicht ganz so rosig aus, da die Spieler nicht mehr so jung sind, aber ein so gutes Abschneiden gab es seit den Schacholympiaden 1984, 1986 und 1988 (jeweils Silber) sowie 1990 (Bronze) nicht.

Pert, Jones, Howell, McShane & Adams holten Bronze für England | Foto: Turnierseite

Mickey Adams, Luke McShane und Gawain Jones erspielten alle über 2700, und David Howell holte in der Schlussrunde gegen Daniel Fridman den entscheidenden Punkt. Sein Teamchef war begeistert:

"Mit Weiß in der letzten Runde in der Eröffnung nichts rausgeholt? Kein Problem!"

Zwar könnte man meinen, der dritte Platz sei für die Nummer 2 der Setzliste nichts Besonderes, aber das Turnier war sehr stark besetzt. Armenien war wie immer ein relevanter Konkurrent und wurde Vierter, während Aserbaidschan darunter litt, dass Teimour Radjabov nicht mitspielte (Shakhriyar Mamedyarov spielte siebenmal remis, und das Team wurde Sechster).

Allerdings hatte England in diesem Jahr schon einiges vorzuweisen…

"Bestes Ergebnis von England seit wie vielen Jahren?

Nigel Short: Wir wurden bei der Mannschafts-WM Zweiter, wenn ich mich recht erinnere."

Und bei der Olympiade 2018 wurden sie Fünfter.

5. Man sollte die erfahrenen Spieler nicht abschreiben

Viele junge Spieler waren in Batumi am Start, wie der 12-jährige Franzose Marc Maurizzi, doch war es eine Freude, das gute Abschneiden der älteren Spieler zu verfolgen. Über den 50-jährigen Vassily Ivanchuk und den 47-jährigen Mickey Adams haben wir schon gesprochen, aber auch ein anderer 47-Jähriger, Alexei Shirov, zeigte nach einer starken Leistung auf der Isle of Man mit Gold an Brett 3 und einer Elo-Leistung von 2781 einen tollen Auftritt – und das trotz eines einzügigen Figureneinstellers in Runde 7. 

Alexei Shirov neben Paco Vallejo, der auch wieder auf dem Weg ist, die 2700 zu knacken | Foto: Turnierseite

Den Schweden Jonathan Westerberg besiegte er in Runde 9 sehr stilvoll:


14.g3!!, mit der Drohung Lh3+, verliert zwar einen Turm, aber nach 14…Dxh1 15.Dd6+ kam der schwarze König nicht mehr zur Ruhe.

Die vielleicht stärkste Leistung der alten Garde zeigte aber vermutlich die 56-jährige Pia Cramling, die mit 8 aus 9 und einer Elo-Leistung von 2621 Silber an Brett 1 gewann:


Damit war sie zweifellos ein gutes Vorbild für ihre Tochter Anna, die ebenfalls dem Team angehörte!

6. Eine Gedenkminute für die Niederlande (und Polen)

Kapitän Jan und Anish am Spitzenbrett - wer sollte die beiden aufhalten? (in diesem Fall die Türkei)

Bei den Niederländern erreichte nur Jorden van Foreest mit 4 Siegen und drei Siege das erwartete Niveau, ehe auch er beim 0,5 zu 3,5 in der Schlussrunde gegen Georgien verlor. Damit rutschte das an 9 gesetzte Team trotz eines starken Starts mit zwei schönen Siegen von Anish Giri auf Platz 17 ab. Giri selbst verlor keine Partie, kam einer Niederlage aber spätestens in der Schlussrunde sehr nah.

Mit Schwarz ist es frühmorgens gegen Baadur Jobava nie leicht, und Giri konnte sich in totaler Verluststellung nur retten, weil sein Gegner am Ende zweimal fehlgriff. Zum ersten Mal mit 39.Dh6:


Laut Computer gewinnt 39.Sf3! wohl schnell, doch in der Partiefolge konnte Giri mit 39…Tf6!! erbitterten Widerstand leisten. Schlagen auf f6 verliert sogar, doch nach dem Rückzug 40.Df4! hätte Weiß immer noch besser gestanden und hätte 30 zusätzliche Minuten bekommen, um in die Stellung einzudringen. Stattdessen machte er aber den zweiten Fehler und nahm das schwarze Remisangebot an…

Die holländischen Damen machten die Schlappe der Herren einigermaßen wett, da sie als Nummer 14 des Turniers auf Platz 5 landeten. Für Polen gilt das nicht. Die Damen wurden als Nummer 4 nur Zwölfte, während die Männer den selben Platz als Nummer 3 der Setzliste erzielten. Jan-Krzysztof Duda und Radek Wojtaszek verloren vorn zwar keine Partie, aber das Wunder von der Olympiade blieb an den hinteren Brettern dieses Mal aus. Vielmehr schnitten alle Spieler unter den Erwartungen ab.

7. Die ECU muss etwas an der Übertragung ändern

Die Mannschafts-EM war ein gut organisiertes Turnier. Die Spieler waren mit dem Hotel und dem Spiellokal zufrieden, und alles lief nach Plan. Eine Sache allerdings störte empfindlich – die 15-minütige Verzögerung der Zugübermittlung zur Verhinderung von Betrug. 

Es ist nicht schön, wenn man das Ergebnis 15 Minuten vor dem sichtbaren Ende der Partien erfährt... | Foto: Dr. Mark Livshitz, Russischer Schachverband

Wo lag das Problem? Das Video aus dem Spielsaal war im Gegensatz nicht zeitverzögert, daher erfuhr man permanent die Ergebnisse der Partien, die online noch übertragen wurden. Die naheliegende Lösung wäre, auch die Videoübertragung mit 15 Minuten Verzögerung zu senden, aber das hilft nur zum Teil. Es löst nicht das Problem, dass Journalisten oder Zuschauer vor Ort via Twitter oder anderweitig die Ergebnisse veröffentlichen und damit erneut die Spannung kaputtmachen. Die einzige Lösung wäre, die Zeitverzögerung bei jedem Turnier abzuschaffen, das live übertragen werden soll. Aktuell ist die Medizin schlimmer als die angebliche Krankheit.

Ungeachtet dessen, werden die nächsten Wochen aufregend. Schon in einer Woche steht der Europacup 2019 an, und dann gibt es davor auch noch den FIDE Grand Prix Hamburg und die Superbet Rapid & Blitz Grand Chess Tour in Bukarest. Das wird ganz schön stressig!

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