Berichte 13.07.2019 | 21:23von Colin McGourty

Riga GP: R1, Tag 1: Der Rausis-Effekt

Maxime Vachier-Lagrave gewann seine erste klassisches Partie seit 22 erfolglosen Anläufen, indem er David Navara schlug, um den einzigen Sieg des ersten Tages des Rigaer FIDE Grand Prix zu holen. Der Betrugsfall Rausis mag seinen Beitrag hierzu geleistet haben, da Navara sagte, er hätte in seiner Vorbereitung eine Variante übersehen, weil er damit beschäftigt war, die Schachnachrichten zu lesen. Alexander Grischuk war "vor der Partie sehr gut gelaunt, weil Rausis endlich beim Betrug erwischt wurde", was ihn dazu brachte, eine riskante Variante zu wählen. Das hat sich gegen Nikita Vitiugov fast ausgezahlt, aber es war das Ende, das eines von mehreren lebhaften Partien war, was das Remis schlussendlich erzwang.

MVL mit seinem ersten Sieg seit Langem... und dem einzigen Sieg des Tages! | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Alle Partien des FIDE Grand Prix aus Riga kannst du hier nachspielen:

Und den Live-Kommentar des Tages von GM Evgeny Miroshnichenko und WGM Dana Reizniece-Ozola findest du hier:

Der Stand der Dinge

Alexander Grischuk ist derzeit Zweiter, aber der Führende Nepomniachtchi spielt in Riga auch nicht mit | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Bevor wir uns dem Freitag widmen, fassen wir erstmal zusammen, um was es beim FIDE Grand Prix überhaupt geht. Die Serie besteht aus 22 Spielern und vier Knockout-Turnieren mit je 16 Spielern, wobei jeder Spieler (mit Ausnahme von Boris Gelfand, der nur eine Wildcard für Tel Aviv besitzt) in drei von ihnen antritt. 8 Punkte kann man holen, wenn man den Grand Prix gewinnt, mit einem Extrapunkt für jedes Match, das man ohne Tiebreaks beendet. Das Ziel ist es, am Ende unter den ersten beiden zu landen und sich so für das Kandidatenturnier 2020 zu qualifizieren, indem der nächste Herausforderer des Weltmeisters Magnus Carlsen ermittelt wird.

Das Turnier in der Nationalbibliothek Lettlands in Riga ist die zweite Etappe nach dem Grand Prix von Moskau, der im Mai stattfand. Gewonnen hat den Ian Nepomniachtchi, der die Tabelle deshalb auch anführt (er spielt wie Radjabov und Wojtaszek ab Samstag in Dortmund):

No.PlayerFedRatingMoscowRigaHamburgTel AvivTotal
1Ian Nepomniachtchi277599
2Alexander Grischuk276677
3Radoslaw Wojtaszek273755
4Hikaru Nakamura275433
5Peter Svidler273722
6Wei Yi273722
7Daniil Dubov270022
8Wesley So276311
9Anish Giri277900
10Shakhriyar Mamedyarov276500
11Levon Aronian275600
12Teimour Radjabov275900
13Sergey Karjakin274800
14Nikita Vitiugov272700
15Jan-Krzysztof Duda272900
16Dmitry Jakovenko271100
17Maxime Vachier-Lagrave2775
18Veselin Topalov2740
19Yu Yangyi2736
20Pentala Harikrishna2734
21David Navara2734
22Boris Gelfand2676

Die Spieler, die in Moskau bereits in der ersten Runde ausschieden, haben null Punkte und müssen in Riga gut abschneiden, um im Rennen für das Kandidatenturnier zu bleiben, aber das bedeutet nicht, dass sie zwingend in jeder Partie alles auf Sieg setzen müssen. Schauen wir uns die Partien des Tages, von eher langweilig bis hochgradig spannend:

Drei unspannende Remis: Der Verteidigungsminister

Karjakin-Giri war eine dieser Paarungen zwischen Spielern, die in Riga ein gutes Turnier abliefern müssen, aber den Ausgang hätte man womöglich vorhersagen können...

Mr. Dodgy: Diese Partie ein absolutes Blutbad zu nennen, eines das wir noch nie gesehen haben... Mit Feuerwerken, Drama, ungezügelter Aggression. Ein Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei Kriegern. Nein, das war es nicht, Memo an mich selbst.

Mr. Dodgy: So bricht man das Herz eines Mannes!

Anish Giri scherzte, dass die Spieler "dazu verdammt waren, eine solche Partie zu spielen", denn der erste Zug des "russischen Verteidigungsministers" Sergey Karjakin wurde vom lettischen Verteidigungsminister ausgeführt. 16 Züge später rauchten die beiden die Friedenspfeife.

Zu viele Verteidigungsminister? | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Aronian-Yu Yangyi war ein Remis nach 29 Zügen in einem Abtausch-Slawen, dem man nicht einmal durch Levon Aronians lebhaftes Shirt (trotz des strengen Dresscodes!) Leben einhauchen konnte. Demgegenüber folgte man in Nakamura-Topalov einer Partie Kasparov-Topalov aus dem Jahr 2004 bis zu 19...Da1, was nur noch einmal die Annahme bestätigte, dass Nakamura wohl nichts dagegen hat, die Matches in den Tiebreak zu führen, wo er als großer Favorit gilt. "Meiner Meinung nach eine normale Partie und kein Match, wo ich womöglich mehr Risiko gegangen wäre", meinte Hikaru im Anschluss.

Veselin Topalov ist mit 44 der älteste Spieler bei diesem Turnier | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Die guten Neuigkeiten beim Grand Prix sind jedoch, dass zwei Remis im klassischen Schach zu einer garantierten Entscheidung am nächsten Tag im Tiebreak führen. So oder so, alle weiteren Partien am ersten Tag in Riga waren dramatisch!

Vier kämpferische Remis

Beginnen wir mit dem russischen Aufeinandertreffen Vitiugov-Grischuk, wo ein wilder Eröffnungskampf bis kurz vor Schluss für Spannung sorgte.

Olimpiu G. Urcan: Im Schach kann man nicht nur Schönheit in den außergewöhnlichen Dingen finden, die tatsächlich passieren, sondern auch in den Dingen, die nicht passieren.

Grischuk dazu im Anschluss an die Partie:

Es ist natürlich unentschuldbar, sich für solche Varianten zu entscheiden, ohne sich an irgendwas zu erinnern, aber ich habe dafür eine kleine Entschuldigung. Ich war in guter Stimmung vor der Partie, weil Rausis schlussendlich des Betrugs überführt wurde. Und das sind sehr gute Neuigkeiten. Aber es ist gefährlich, in guter Stimmung zu sein und dann Schach zu spielen!

Schauen wir uns einen Moment in der Partie an. Auf den ersten Blick scheint es so, dass Grischuks 19... 0-0-0 ein grober Fehler war (Stockfish bewertet diesen Zug bei einer Tiefe von 23 bereits mit +3.52). In der Tat beschrieb Grischuk den Zug aber als "mit Abstand besten Zug der Partie" und Nikita stimmte dem zu. Der Grund liegt darin, dass der "Gewinnvorschlag" des Computers 20.Sxe4? mit 20...Dg6! widerlegt wird, wonach Schwarz gewinnt. Denn erst jetzt merkt der Computer, dass das beabsichtigte 21.Lxc5...


in das außerordentliche 21...Th2+!! läuft, wonach Weiß auf der h-Linie matt gesetzt wird!

Großmeister Jan Gustafsson führt uns Schritt für Schritt durch die Partie:

Die seltene Aufnahme eines Svidlers in der Wildnis! | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Auch auf anderen Brettern gab es lebhafte Stellungen aus den Eröffnungen heraus, wobei Peter Svidler und Jan-Krzysztof Duda von Beginn an auf gefährlichem Terrain wandelten. Peter beschrieb seine Wahl von 10.d4!? e5 11.Sh4:

Ich dachte: Ok, vielleicht ist das inkorrekt, aber es schaut komisch und interessant aus und man sollte es einfach spielen! Und dann dachte ich, ok, vielleicht verliere ich jetzt forciert.

Jan-Krzysztof wurde davon unvorbereitet erwischt, aber hatte korrekt bewertet, dass 11…Sb6! ein spielbarer Zug war:

Ich habe d4 nicht vorbereitet gehabt und nachher mit ...Sb6 und der ...Df4-Idee ein wenig gezockt. Man kann so mit Schwarz spielen, aber ich hätte auch in 15 Zügen verlieren können!


In der Partie ging es weiter mit 12.Dxg7 Df4! 13.Dxh8+ Ke7, und auch wenn Schwarz derzeit einen Turm und einen Bauern weniger hat, zwingt die Drohung ...Dc1+ den Weißen, das Material zurückzugeben. Peter entschied sich dann für 14.Sc3. In dem undurchsichtigen Variantendschungel, der folgte, dachte Svidler, dass es für ihn nur darum ginge, die Partie zu retten, auch wenn der Computer vorschlägt, dass er nach 14…Dxh4 15.Dg7 Lg4 16.Sxe4! statt 16.Lxd5 mit Chancen auf Vorteil hätte spielen können. Duda war zunächst besorgt, hatte dann aber das Gefühl auf Gewinn zu stehen, bevor 29.Te6! und 30.g5! auf dem Brett auftauchten:


Das war nicht nur der einzige Zug, aber auch ein eleganter Zug, um den scheinbar unverwundbaren Läufer auf g6 loszuwerden, der die Lebensversicherung des d3-Springers darstellt. Nach 30…fxg5 31.Txg6! gab es kein Möglichkeit, dem Remis zu entrinnen.

Warum waren die Spieler in einer solch kämpferischen Stimmung? Svidler erklärte:

Offensichtlich beeinflusst das Knockout-System die Wahl unserer Züge zu einem großen Teil, denn wir beide müssen wohl einen Grand Prix gewinnen und viele Matches direkt ohne Tiebreak entscheiden, um möglichst viele Punkte zu machen. Von daher wollte ich heute die schärfste Partie, die möglich war, auch wenn ich fast den Preis dafür bezahlt hätte.

Entweder das oder Peter wollte eigentlich den Cricket World Cup schauen, der ab Sonntag beginnt, anstatt am Sonntag den Tiebreak zu spielen!

Es besteht keine Notwendigkeit zu erklären, warum Daniil Dubov aggressiv eingestellt ist, da der kreative junge Russe immer die Grenzen des Machbaren im Schach erweitert. In letzter Zeit haben wir seine Ideen von Magnus Carlsen gesehen, der ihn als WM-Sekundanten einsetzte, aber Daniil ist durchaus in der Lage, mutige Ideen im "AlphaZero-Stil" ganz allein aufs Brett zu bringen. 

Dubov ist immer seinen eigenen Weg gegangen, aber der 23 Jahre alte Russe hat es bis in den Klub der 2700er geschafft | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

In der ersten Runde schob er seinen h-Bauern gegen Shakhriyar Mamedyarov bereits im 13. Zug den ganzen Weg bis nach h3:


Dubov konnte sich nicht mehr ganz an seine Analysen erinnern, aber er erinnerte sich an die wichtigsten Dinge und dass die Computerbewertung auf 0.00 fällt, als Weiß seinen Läufer auf h1 absetzte. Und es nicht die Art eines trockenen 0.00.

Der Rest der Partie ist zu kompliziert für eine grobe Bewertung, aber es war faszinierend zu sehen, wie wenig Dubov und Mamedyarov in der Bewertung der entstehenden Stellung übereinstimmten:

So-Harikrishna war eine Partie, die dem Computer aus weißer Sicht gefiel, aber die für menschliche Augen den Bewertungsrahmen von "unklar" nie wirklich verlassen hatte.

Mamedyarov thront über So-Harikrishna | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Harikrishna entschied sich, am Königsflügel alles auf einen Karte zu setzen, statt eine leicht schlechtere Stellung zu verteidigen. Der Höhepunkt des Kampfes kam dann in folgender Stellung:


Als man den Spielern sagte, dass Weiß hier auf Gewinn stehen  würde, fragte sich Harikrishna, ob 33.Kh1!? hier der beste Zug für Weiß wäre. Er ist definitiv spielbar, aber Wesleys Damenopfer 33.Dxg2 ist auch die Wahl des Computers. Weiß hatte eine Figur mehr, als er normalerweise zur Kompensation der Minusdame braucht, aber die Schwäche auf d3 und der rennende schwarze d-Freibauer machten es für Weiß schwer, den Vorteil zu stabilisieren. Wesley macht stattdessen nach 45 Zügen ein solides Remis.

Das bedeutet auch, dass es nur eine einzige entschiedene Partie gab:

MVL 1-0 Navara

David Navara führt die Prozession der Großmeister an  | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Diese Partie ist aus einer Reihe von Gründen bemerkenswert. Zuallererst endete die Partie nach nur 19 Zügen, wobei beide Spieler noch ungefähr eine Stunde auf der Uhr hatten. Auch war es der erste Sieg Maximes in einer klassischen Partie seit 22 Partien. Zuvor remisierte er gegen Laurent Fressinet bei den französischen Top 12 und holte im Anschluss 8 Remis und 1 Niederlage in Stavanger sowie 9 Remis und 2 Niederlagen in Zagreb. Der erste große Moment der Partie entstand, nachdem Maxime in der Caro-Kann-Verteidigung 9.Df4 spielte:


Maxime beschrieb das als "irgendwie neu" - es wurde zuvor von seinem Sekundanten Etienne Bacrot gespielt - aber er hatte nicht erwartet, dass er David Navara hier unvorbereitet erwischen könnte. Er tat es, auf eine bestimmte Art und Weise...

Ich vergaß irgendwie, mich darauf vorzubereiten, weil ich mich zu sehr mit den Schachnachrichten beschäftigte. Ich meine damit nicht nur die Seite chess-news, sondern auch andere Seiten. Auf 9.Df4 hatte ich glaube ich 9...Db6 vorbereitet. Ich schaute mir das für fünf Sekunden vor der Partie mit dem Computer an, aber realisierte während der Partie, dass Weiß nach 10.e5 Sfd7 11.Sa4 Db4 12.c3 Dxa4 13.b3 Lxf2+ 14.Dxf2 eine starke Initiative für den geopferten Bauern bekommen würde.

Die Variante  ist gut berechnet, aber 10.e5 ist vermutlich nicht einmal das Problem von 9...Db6. Der wahre Test besteht, wie Maxime zugab, in 9...Lxc3 und 10...Sxe4. Doch in der Partie spielte Navara 9...e5 und entschied sich für einen "ambitionierten, logischen und vermutlich falschen" Plan: 10.Dg3 dxe4 11.d3 exd3 12.Lxd3 Sbd7 13.Se2 0-0 und nun kam der Zug, den Navara nicht auf dem Schirm hatte - 14.Lf5!


Plötzlich ist Schwarz in großer Gefahr entlang der d-Linie und was vielleicht am meisten überrascht ist die Geschwindigkeit, mit der die schwarze Stellung auseinander fällt: 14…Sc5 15.Lh6! Sh5!? 16.Dg4 Dd6? (16…g6 war der einzige Zug, aber die schwarze Stellung ist immer grausam) 17.Dxh5 Dxh6 18.Dxh6 gxh6 19.c3 und Schwarz gab auf

chess24: MVL schlägt Navara in nur 19 Zügen!

Der schwarze Läufer ist gefangen. Schau dir an, was Maxime zur Partie zu sagen hat:

Das bedeutet, dass in der Rückrunde am Samstag lediglich David Navara gezwungen ist, zu gewinnen. Aber die anderen Partien sind auch alle irfendwie Sudden-Death-Begegnungen: Eine entschiedene Partie - und für den Verlierer ist der Grand Prix vorbei!

Die Partien werden hier übertragen und beginnen täglich um 14:00 Uhr MEZ

Weitere Links:


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