Allgemein 11.10.2018 | 10:30von Colin McGourty

Revolutionäre Änderungen beim Norway Chess 2019

Beim Altibox Norway Chess im nächsten Jahr wird es bei jedem Duell einen Sieger geben. Die Organisatoren eines der wichtigsten Supergroßmeisterturniere haben sich entschlossen, eine Idee, die seit Längerem von Rustam Kasimdzhanov und Sergey Shipov favorisiert wird, in die Tat umzusetzen. Bei jeder Partie mit klassischer Bedenkzeit erhält der Sieger zwei Punkte, doch bei einem Remis bekommen beide Spieler zunächst einen halben Punkt und tragen anschließend eine Armageddon-Partie aus, in der der restliche Punkt vergeben wird. Die Veranstalter erhoffen sich „mehr Spannung für die Zuschauer und wollen mehr Druck auf die Spieler ausüben“.

MVL und Magnus schlossen beim Norway Chess 2018 schnell Frieden - wäre auch Caruana-So remis ausgegangen, hätten am Ende fünf Spieler den geteilten ersten Platz belegt! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

In seiner sechsjährigen Geschichte war das Altibox Norway Chess schon immer ein Trendsetter. Bei diesem Turnier wurden der Beichtstuhl (mit Live-Übertragung im norwegischen Fernsehen) und verschiedene Austragungsorte bei ein und demselben Turnier eingeführt und das vollrundige Format mit zehn Spielern durch ein Blitzturnier vor Beginn zur Ermittlung der Paarungen popularisiert. Gelingt es dem Turnier in Stavanger nun auch sein neues Format populär zu machen, würde das eine echte Schachrevolution bedeuten.

Das Problem

Schon zu Capablancas Zeiten machte man sich Sorgen über zu viele Remis beim Schach, und trotz der Sofia-Regel (und anderen Regeln), die Remisschlüsse dadurch erschweren, dass dem Gegner kein Remis angeboten werden darf, gibt es bei vielen Turniere immer noch eine enorme Anzahl von Unentschieden. Zum Beispiel endeten beim kürzlich beendeten Sinquefield Cup 80 Prozent der Partien friedlich:

Das hat immer ein Stück weit mit Zufall zu tun, zumal Remispartien durchaus aufregend sein können, doch das Remis beim Schach stellt für viele Beobachter an sich ein fundamentales Problem dar.

2011 schrieb Ex-Weltmeister Rustam Kasimdzhanov einen offenen Brief an die FIDE, in dem er darauf hinwies, dass der Tennissport – wie Schach ein Individualsport – einen großen Vorteil gegenüber dem Schachspiel habe:

Die Hauptattraktion besteht aus meiner Sicht darin, dass jedes einzelne Duell ein klares Ergebnis hervorbringt: einen Sieger und einen Verlierer. Für alle Zuschauer ist es zudem aufregend, wenn etwa Nadal und Federer auf den Platz kommen und jeder weiß, dass einer triumphieren und der andere verlieren wird. Bildlich gesprochen, wird auf jeden Fall Blut fließen. Und es werden große Champions hervorgebracht. 

Sergey Shipov gab Kasimdzanov recht:

Wenn wir Schachspieler dieselbe weitweite Popularität genießen wollen und wir Schach in wichtigen Sportorganisationen (wie dem IOC) unterbringen wollen, müssen wir auch den Erfordernissen unserer Zeit entsprechen. Anstatt nachweislicher Dopingtests wäre es besser, ein Stichkampfsystem einzuführen, das nach einem Remis in der Turnierpartie zum Einsatz kommt. Damit können auch Zuschauer, die nichts von Schach verstehen (und auf sie kommt es letztlich an, da sie für Einschaltquoten und anderes Medienaufkommen sorgen), sich über das Ergebnis freuen oder ärgern und ein emotionales Erlebnis haben.  


Die Lösung

Kasims Ideen sind für den amtierenden Norway-Chess-Champion Fabiano Caruana (in Batumi fotografiert) weniger gut, da er bei kürzerer Bedenkzeit nicht ganz so stark ist | Foto: Lana Afandiyeva,Turnierseite der Schacholympiade in Batumi

Ursprünglich schlug Rustam Kasimdzhanov vor, nach einem Remis mit vertauschten Farben und verkürzter Bedenkzeit so lange zu spielen, bis ein Sieger gefunden wird: 

Und so funktioniert es. Wir spielen eine Turnierpartie mit zum Beispiel vier bis fünf Stunden Bedenkzeit. Remis? Kein Problem – man tauscht die Farben, gibt jedem 20 Minuten und spielt eine weitere Partie. Wieder remis? Jeder bekommt 10 Minuten, man tauscht wieder die Farben und spielt noch eine Partie. Bis es einen Sieger gibt. Anschließend erhält der Sieger einen Punkt und der Verlierer keinen. Die Partie wird normal ausgewertet, ganz gleich, ob der Sieg in der Turnierpartie, im Schnellschach oder im Blitz errungen wurde. 

Sergey Shipovs hatte damit hauptsächlich ein Problem: diese Version würde zu einem mörderischen Programm mit unzähligen Schnell- und Blitzpartien führen. Er schlug stattdessen eine schnellere Entscheidung vor: 

Mein Vorschlag für Rundenturniere: Endet die normale Partie remis, werden zwei Blitzpartien ausgetragen – mit drei oder vier Minuten Bedenkzeit und 2 Sekunden Bonus. Fällt dabei keine Entscheidung, folgt eine Armageddon-Partie. Selbst Spieler, die durch eine lange Partie müde sind, können damit klarkommen. Und man braucht wenig zusätzliche Zeit

Er schlug zudem ein neues Punktesystem vor:

  • 3 Punkte für den Gewinner der Turnierpartie
  • 0 Punkte für den Verlierer der Turnierpartie
  • 2 Punkte für den Gewinner des Stichkampfs
  • 1 Punkt für den Verlierer des Stichkampfs

In den sieben Jahren, die seit diesen Vorschlägen vergangen sind, wurde wenig geändert. Bei der Zürich Chess Challenge wurden die Spieler versuchsweise dazu gezwungen, nach einem schnellen Remis noch eine Schnellpartie auszutragen, doch hatte diese keinen Einfluss auf die Tabelle und diente nur der Unterhaltung des Publikums.

Doch nun sieht es so aus, als ob sich das beim Norway Chess ändert!

Altibox Norway Chess 2019

Die Punktevergabe beim Norway Chess ähnelt Shipovs Vorschlag:

  • 2 Punkte für den Gewinner der Turnierpartie
  • 0 Punkte für den Verlierer der Turnierpartie
  • 1,5 Punkte für den Gewinner des Armageddon-Stichkampfs
  • 0,5 Punkte für den Verlierer des Armageddon-Stichkampfs

Der Hauptunterschied zu Shipovs Ansatz ist, dass nur eine Armageddon-Partie ausgetragen wird, womit das ganze Verfahren verkürzt und die Spannung erhöht wird. Bei einer Armageddon-Partie erhält der Weiße mehr Zeit, muss aber auch gewinnen, da ein Remis als Sieg für Schwarz zählt. Oft wird dieses Verfahren mit dem Elfmeterschießen beim Fußball verglichen.

Wird die Zahl der Zuschauer steigen, nur weil garantiert Blut fließt? | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Außerdem wurde die normale Bedenkzeit angepasst, die nun zwei Stunden pro Spieler ohne Bonus für die ganze Partie beträgt. Dadurch können die Turnierpartien maximal vier Stunden dauern und Zeitnotschlachten sind vorprogrammiert. Da die FIDE Partien mit dieser Bedenkzeit Elo-auswertet, sind sie von einiger Bedeutung. Kasims Vorschlag, das ganze Minimatch Elo-auszuwerten, könnte in der Zukunft noch eine Rolle spielen, kann von der FIDE derzeit aber natürlich noch nicht abgenickt werden. 

Wie sind die Erfolgschancen?

Der Versuch, die grundlegende Wettkampfstruktur des Schachspiels zu verändern, ist auf jeden Fall zweischneidig. Das große Genie Viktor Korchnoi sagte am Ende eines Interviews folgende Worte:

Das Schachspiel steckt in keiner Krise, und Vorschläge wie der von Kasimdzhanov sind grässlich. Man sollte diesem Ex-Weltmeister den Titel abnehmen. Sogar das "Ex"! 

Einigen wird es sicher missfallen, dass Blitzpartien in einem Turnier mit klassischer Bedenkzeit eine so große Rolle spielen, zumal Armageddon-Partien gern mal im Chaos münden... 

Die Diskussionen über Nakamuras beidhändige Rochade   

… aber Spannung und Unterhaltung sind auf jeden Fall garantiert. Lassen die Spieler sich darauf ein – und angesichts der beeindruckenden Teilnehmerfelder beim Norway Chess in der Vergangenheit kann es daran keinen Zweifel geben – bietet der Schachkalender durchaus Raum für ein solches Experiment. Es findet vom 3.- 15. Juni 2019 statt.

Weltmeister Magnus Carlsen findet die Idee gut:

"Ich finde das extrem aufregend. Hoffentlich machen alle mit und keiner wird davon abgeschreckt."

Wie findet ihr diese Idee? Schreibt uns mit der Kommentarfunktion eure Meinung!

Siehe auch:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 7

Guest
Guest 5419691901
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.