Berichte 20.02.2020 | 15:26von Colin McGourty

Prague Masters 6-7: Firouzja nimmt die Verfolgung auf

Die 16-jährige Alireza Firouzja besiegte den topgesetzten Jan-Krzysztof Duda in Runde 7 des Prag Masters und rückte damit auf den gemeinsamen zweiten Platz vor. Vidit liegt weiterhin einen vollen Punkt vor Firouzja und dem Vorjahressieger Nikita Vitiugov, während Sam Shankland zu Duda und David Antón (alle 50 Prozent) aufschloss, nachdem er nach vielen verpassten Chancen gegen Nils Grandelius gewann. Hannes Stefansson führt das Challengers weiterhin an, doch Andrey Esipenko und Jorden van Foreest liegen nur einen halben Punkt zurück.

Der 16 Jahre alte Alireza Firouzja ist zurück in der Siegerspur | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Alle Partien des Turniers kannst du hier nachspielen:

Firouzja wird dem Hype gerecht

Alireza Firouzjas Durchbruch in den Klub der 2700er im Alter von 16 Jahren hat ihn unweigerlich zu dem Gesprächsthema der Schachwelt gemacht und er hat selbst die stärksten Beobachter bereits beeindruckt. Vishy Anand, der gegen Firouzja in Wijk aan Zee noch gewann, sprach in Ben Johnsons Podcast über seinen Eindruck des Jungstars:

Was mir auffiel, war, wie leicht er Partien gewinnt. Er hat vier Partien gewonnen und es muss gesagt werden, dass es bis zu dem Zeitpunkt, als er anfing, Partien zu verlieren, nicht so aussah, als würde er das in dem Turnier noch häufig tun. Er hat einfach gewonnen. Er spielte ein Stellung, bei der ich dachte, "nichts großartiges los, einfach eine normale Stellung" - und als ich später zurückkam, da stand er bereits auf Gewinn. Das zeigt offensichtlich sein enormes Talent - allein die Tatsache, dass man diese Partien so scheinbar mühelos gewinnt, bedeutet, dass man wirklich sehr talentiert ist.

In Prag gab es für Alireza Höhen und Tiefen, doch zeigte er auch wieder seine Fähigkeit, sehr starke Großmeister zu schlagen - Harikrishna und nun auch Jan-Krzysztof Duda. Und von einem Sieg gegen Vitiugov war er nur ein, zwei Züge weit entfernt.

Der ehemalige WM-Herausforderer Boris Gelfand gab in Prag ein Simultan | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite 

Boris Gelfand, der Teil der Live-Kommentierung in Runde 6 war, sprach ebenfalls über Firouzja:    

Er ist sehr stark. Er hat erstaunliche Ergebnisse. Er ist sehr jung und man hat in der letzten Runde (die Niederlage gegen Vidit) gesehen, dass er noch viele Schwächen hat, aber er ist definitiv ehrgeizig, er wird an sich arbeiten. Aber die Frage ist, wie schnell er diese Schwächen abstellen kann. Einige davon kommen von der Unerfahrenheit, andere erfordern wahrscheinlich mehr Arbeit. Aber er hat definitiv ein enormes Potenzial. Wenn man sich, sagen wir mal, die Rangliste der jungen Spieler anschaut, zeigt er definitiv die besten Ergebnisse. Seine Partien und Ergebnisse lassen darauf schließen, dass er extrem stark ist, aber auch bisher nicht viel Erfahrung gegen die besten Spieler der Welt gesammelt hat. Man hat in Wijk aan Zee gesehen, als er nacheinander gegen Carlsen, Caruana und Anand spielen musste, dass er da seine Schwierigkeiten hatte. Aber es ist natürlich nur eine Frage der Zeit und der Arbeit, die er dafür aufbringen wird. Er ist schon sehr stark, und wenn man sein Alter berücksichtigt, könnte man sagen, dass er schon extrem stark ist und ein erstaunliches Potenzial hat, daran besteht auch kein Zweifel. Es ist sehr gut, dass er eingeladen wurde, hier zu spielen, denn jedes dieser Turniere wird ihm mehr und mehr Erfahrung und Denkanstöße geben. Jeder Fehler, wie er ihn in der letzten Runde gemacht hat, wird ihm sicher helfen, daraus zu lernen und sich weiter zu verbessern.

Glaubt Boris, dass Alireza ein potentieller WM-Herausforderer ist oder ist es noch zu früh, um darüber zu urteilen?

Das ist noch zu weit weg, aber natürlich gehört er zum Kreis derer, die das schaffen können. Ich habe mir zum Beispiel die Elo-Liste der u20 angeschaut. In den Top 50 gibt es nur zwei Spieler unter 20 Jahren (Jeffery Xiong ist der andere, auch wenn auf der Live-Liste Maghsoodloo gerade nach seinem guten Turnier in Gibraltar und seinem guten Start beim Aeroflot Open in Moskau auf Platz 42 vorgerückt ist), in den Top 100 nur 6. Alle außer ihm sind 18 oder 19. Vielleicht ist Esipenko der Jüngste, er spielt in der B-Gruppe (der 17 Jahre alte Esipenko hat derzeit 34 Plätze gutgemacht und steht nach seiner guten Leistung und Gibraltar und Prague derzeit auf dem Live-Weltranglistenplatz 59).

Firouzja kombiniert beides. Ist er viel jünger als die anderen, aber er hat bereits auch eine viel höhere Zahl als seine Konkurrenten, die anderen großen Talente dieser Generation. Letztes Jahr hat er wirklich einen großen Schritt gemacht und es ist eine Freude, sich seine Partien anzuschauen.

Die Erwartungen sind also bereits hoch, aber bisher scheint Firouzja nicht unter dieser Last zu leiden. Nach dem Debakel gegen Vidit (er stand nach 12 Zügen auf Verlust) remisierte er in Runde 6 eine interessante Partie gegen David Navara und schlug dann in Runde 7 den Spitzenreiter:

Duda 0-1 Firouzja

Es muss gesagt werden, dass die polnische Nr. 1 Jan-Krzysztof Duda seinem Gegner in der Eröffnung ein wenig unter die Arme griff, weil er wie in seiner Partie gegen Robert Hovhannisyan bei der Schnellschach-WM 2018 7.Dc2?! wiederholte. Seiner Gegner damals spielte 8...Lg4, doch Firouzja wählte das stärkere 8...e4!. Gegen Hovhannisyan konnte Duda damals dank einiger Tricks eine gewonnene Stellung erreichen, wenngleich er nach 105 nur den halben Punkt mit nach Hause nehmen konnte.

Dudas Eröffnung war schlicht zu gewagt | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Duda dachte 45 Minuten lang nach, bevor er das gleiche Figurenopfer noch einmal anbot, doch dieses Mal unter deutlich schlechteren Vorzeichen:


Firouzja sagte dazu später:

Dc2 ist ein wenig fragwürdig, denke ich. Er hat es zuvor einmal gespielt, doch jetzt noch einmal. Ich glaube, er hat die Zugreihenfolge verwechselt, aber danach wurde es eine interessante Partie. Er spielte das interessante Sg5 gefolgt von h4 und ich glaube, ich kann die Figur nicht nehmen. Aber natürlich kann ich langsam spielen und irgendwann muss er mit dem Springer zurück. Danach habe ich sicherlich eine gute Stellung.

Alireza schätzte richtig ein, dass er den Springer nicht nehmen sollte, weil nach 10…hxg5?! 11.hxg5 Sh7 12.f4! Schwarz in großen Schwierigkeiten steckt. Der Bauer d5 fällt bald und auf h7 droht schon das Matt. Auch hatte er Recht damit, dass nach dem ruhigen 10…Te8! Weiß absolut nichts vorzuweisen hat. Der traurige Rüczug 11.Sh3 war der Auftakt von Dudas Kampf ums Überleben - und Spaß machte das nicht:


20.Kf1!? Lf5 21.Kg2!? ist verlockend, um die "Entwicklung abzuschließen". Aber womöglich wäre es besser gewesen, 21.Sb2 zu spielen, sodass man später immer mal Sc4 hat. Denn nach 21…Tad8! war der Druck auf dem Springer so groß, dass dieses Manöver verhindert wurde und 22.Sc3 notwendig wurde. Alireza wies darauf hin, wie schlecht der Springer auf c3 steht und auch, wenn sein Gegner ihm mehr Probleme hätte machen können, sah er selbst nie einen Weg für Weiß, Ausgleich zu erzielen.

Die letzte Hoffnung Dudas bestand darin, dass beide Spieler die kritische Stellung der Partie mit nur noch 6 Minuten auf der Uhr erreichten:


Hätte Firouzja hier das logische 34...Db2 mit Doppelangriff auf a3 und f2 gespielt, ginge die Partie dank 35.Le2! weiter, da Weiß bereit steht, auf h6 zu schlagen. In dieser Variante muss Schwarz alsbald ...Ld7 spielen, um sich zu verteidigen für den Zeitpunkt, wo ein weißer Turm nach c7 kommt. Nach vierminütigem Nachdenken jedoch erkannte Firouzja, dass es viel stärker ist, 34...Ld7!! sofort zu spielen.

Firouzjas brillantes Intermezzo 34...Ld7 lässt Duda keinen Spielraum für Tricks

Eine der Stärken dieses Zuges ist, dass wenn man z.B. 35.Tb6 spielt, plötzlich 35...Txf2+! gewinnt, da die f-Linie für Schwarz offen ist und man mit dem anderen Turm Schach geben kann.

Es war klar, dass Duda wusste, dass die Partie gelaufen ist, als er 35.Tg6+ spielte und nach 35...Kh7 Weiß keine Optionen mehr hatte. Bewegt sich der weiße Läufer, ist der Tg6 ungedeckt. Es folgte 36.Dc1 (gespielt mit 4 Sekunden auf der Uhr) 36...Le8! (wieder einmal ist der "ruhige" Läuferzug tödlich), und ohne Zeitnotschlacht hätte Duda wohl einfach aufgegeben. Stattdessen folgte 37.Txa5 Dxa5 38.Dc4, was Firouzja erlaubte, die Partie stilvoll zu beenden.


Praktisch alles gewinnt hier, aber nach 38…Txf2+! 39.Kxf2 Df5+ fällt der Vorhang sofort.

Vidit immer noch der Mann der Stunde

Vidit und Harikrishna haben bei der Analyse ihrer Partie Gesellschaft von Jorden van Foreest bekommen | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

In einer Stellung, in der Duda gegen viele andere Spieler hätte entkommen können, hatte Firouzja also diese Eigenschaft gezeigt, auf die Anand auch hinweis: Sein Sieg sah leicht aus. Das brachte Alireza wieder auf 4/7, aber Vidit liegt nach Remisen in den Runden 6 und 7 weiterhin mit 5/7 in Führung. Die Partie mit Schwarz gegen Nikita Vitiugov, der ihn mit einem Sieg hätte einholen können, war nach 27.Sa2 durch eine schöne Verteidigungsleistung gekennzeichnet:


Der Springer strebt nach b4, aber Vidit nutzte aus, dass der Springer kurzzeitig das Zentrum verlassen hatte: 27...e5! 28.dxe5 Sc5! 29.Ta3 d5! und die schwarzen Figuren sind plötzlich sehr aktiv, was komfortabel zum Remis reichen sollte.

David Antón wurde in Zeitnot von Markus Ragger ausgetrickst | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

David Antón hätte Firouzja und Vitiugov auf Platz zwei einholen können, doch fiel er in Zeitnot einer teuflischen Falle gegen Markus Ragger in Runde 7 zum Opfer.  36...Sxd5!! sieht wie Verzweiflung aus:


Das war es auch durchaus, aber mit einer brillanten Rechtfertigung. 37.Sc4! und Weiß steht immer noch auf Gewinn, aber nach 37.Txe5? folgte 37…Se3! 38.Txe8 (38.Txc5!! ist in Zeitnot ein schwer zu spielender Zug, aber Weiß würde mit Mehrmaterial verbleiben) 38…Da1+! 39.Kf2:


Schwarz hat derzeit zwei Türme weniger, aber 39...Sd1+ 40.Kf2 Se3+ ist halt ein Dauerschach.

Markus Ragger sorgte auch bei Sam Shankland für Frust | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Zum zweiten Mal hintereinander entkam Markus damit der Niederlage. Schon tags zuvor wurde er von Sam Shankland in Runde 6 schwindelig gespielt, aber hielt dann ein trickreiches Turmendspiel. Das war allerdings nur die jüngste  aller Enttäuschungen für Sam, der bisher trotz guter Partien keine gewinnen konnte. Doch für den US-Spieler sollte sich das Schicksal in Runde 7 wenden. Nils Grandelius hatte nur noch 1 Minute auf der Uhr im Vergleich zu 27 von Sam, als er 33...Le7? spielte:


34.Tc7! fesselt und gewinnt, zumindest nach Nils' Antwort 34…Lxd6? (34…Sxd6 und die Partie geht zumindest irgendwie weiter) 35.Txf7 Lc5+ und Schwarz stünde auf Gewinn, hätte Weiß nicht 36.Td4, was die d-Linie blockt und den schwarzen König überraschend hilflos gegen den kommenden Angriff zurücklässt. Weiß gewann nach 45 Zügen.

Endlich eine Partie zu gewinnen, fühlt sich sehr gut an!

Zwei Runden vor Schluss sieht die Tabelle damit wie folgt aus:


Im Challenger-Turnier führt immer noch überraschend der 47-Jährige isländische Großmeister Hannes Stefansson. Der Topgesetzte Nijat Abasov musste in Runde 5 nach 54 ungeschlagenen Partien seine erste Niederlage hinnehmen, konnte aber in Runde 6 Andrey Esipenko schlagen, der selbst in Gibraltar und Prag bis dato ungeschlagen geblieben war.

Nur Ragger-Shankland endete noch nicht unentschieden beim Prag Masters, aber im Challengers holte der Topgesetzte Nijat Abasov einen hübschen Sieg gegen den Überflieger Andrey Esipenko - 39.e6! war ein hübscher Schlusspunkt.

Der 17-jährige Esipenko schüttelte die Niederlage aber schnell ab und gewann in Runde 7, wonach er nur noch einen halben Punkt hinter Stefansson liegt. Ebenso liegt Jorden van Foreest auf dem geteilten zweiten Platz, nachdem er eine Serie von fünf Remis in Folge durch einen Sieg beendete. Stefansson muss in den letzten beiden Runden noch gegen Piorun und van Foreest antreten.

Die amtierende russische Weltmeisterin u18 und u20 Polina Shuvalova beeindruckt im Open. Sie steht bei 5/6 nach einem Remis gegen den starken norwegischen Großmeister Johan-Sebastian Christiansen in Runde 6 | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Im Masters könnte das Turnier bereits in der vorletzten Runde entschieden werden. Vidit hat Weiß gegen Navara, während Firouzja und Vitiugov Weiß gegen Shankland und Duda haben. Sollte die Spannung bis zur letzten Runde aufrecht erhalten bleiben, hätte Vidit einen kniffligen Test vor sich: Schwarz gegen Duda.

Die Partien aus Prag kannst du ab 15 Uhr verfolgen: MastersChallengersFutures, Open

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