Berichte 23.02.2020 | 00:21von Colin McGourty

Prager Masters: Firouzja gewinnt erstes Superturnier

Die 16-jährige Alireza Firouzja hat das Prager Masters 2020 gewonnen, nachdem er Vidit in einem Blitz-Playoff mit 2:0 geschlagen hatte. Es bedurfte immensen Kampfgeist und Caissas Hilfe, weil Firouzja eine verlorene Stellung gegen David Anton überlebte, wonach 5 Spieler punktgleich auf dem ersten Platz landeten. Obwohl er von Jan-Krzysztof Duda an die Wand gespielt wurde, hatte Vidit immer noch die beste Zweitwertung und qualifizierte sich so für ein Stechen gegen Alireza. Doch seine 2 Niederlagen dort bedeuteten vier Niederlagen in Folge für den Inder. Jorden van Foreest holte sich den Titel des Challengers und wird im nächsten Jahr im Masters antreten, nachdem er 3 seiner letzten 4 Partien gewinnen konnte.

Firouzja und Duda konnten mit dem Ende des Prag Masters sehr zufrieden sein - Vidit offensichtlich nicht | Foto: Turnierseite

Alle Partien des Turniers kannst du hier noch einmal nachspielen:

Und hier kannst du dir noch einmal die Kommentierung der letzten Runde inklusive des Stechens anschauen:

Was alles hätte passieren können

Das Prag Masters war eine verdammt enge Kiste. Bis auf Nils Grandelius hat kein Spieler mehr als einen Punkt Rückstand auf den Sieger. Bis auf Firouzja können also fast alle das Gefühl haben, dass vielleicht auch ein anderer Turnierverlauf möglich gewesen wäre:

Alle Meisterspieler bei der Abschlusszeremonie | Foto: Turnierseite

In der letzten Runde war lediglich die Begegnung Ragger-Grandelius irrelevant für den Kampf um den Turniersieg. Und wenig überraschend endete die Partie rasch in einem langweiligen Remis. An den anderen Brettern wurde jedoch gekämpft, auch wenn teilweise auf dünnem Eis. Zum Beispiel besiegte Sam Shankland den Russen Nikita Vitiugov, um einer von fünf Spielern mit fünf Punkten zu werden. Doch das hätte auch gut andersherum ausgehen können, da Nikita nur einen Zug entfernt von großem Vorteil war:

Ein spannungsgeladener Finaltag in Prag - hier wäre 14...Lb4! für den Vorjahressieger Vitiugov ein schöner Schlag aus heiterem Himmel gewesen... aber es wurde nicht gespielt.

15.Dxb4 wäre für Sam erzwungen gewesen, und nach 15...Sxe3 verliert Weiß entweder die Qualität oder den g2- und f4-Bauern (was Vitiugov schmerzhafte Erinnerungen an die Armageddonpartie gegen Yu Yangi beim World Cup 2019 beschert haben könnte). Ein Sieg für Nikita hätte ihm den alleinigen Turniersieg und damit den zweiten Titel in Folge gebracht. Stattdessen spielte er 14...f5?! und am Ende war es Shankland, der in einem Endspiel zwei Mehrbauern verwertete. Nikita sah es so:

In der schlimmsten Form seit Jahren, war ich dennoch nur wenige Züge vom Turniersieg entfernt. Naja, man kann halt immer noch besser werden.

David Navara hätte mit einem Sieg ebenfalls noch den geteilten ersten Platz erreichen können, aber er überzog und erlaubte es so Harikrishna, seinen ersten Turniersieg zu erzielen und so noch auf 50% zu kommen.

Duda kannte gegen einen angeschlagenen Vidit keine Gnade und spielte von Beginn an nur auf Sieg | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Wenn es um Geschichten des Pechs geht, kann jedoch niemand mit Vidit mithalten, der auf dem Weg zum Titel zu sein schien, bis seine Partie gegen Navara in der vorletzten Runde furchtbar schief ging. Sein Endrundengegner Jan-Krzysztof Duda brachte es auf den Punkt, als er erklärte, warum er in ihrer Partie so aggressiv zu Werke ging:

Es hing vor allem mit der geistigen Verfassung meines Gegners zusammen, denn sein Spiel gestern war ein komplettes Desaster. Ich glaube, niemand könnte sich nach einer solchen Partie, in der er fast immer auf Gewinn stand, erholen. Er hätte auch ein Remis erreichen können, aber manchmal kommt es vor... Offensichtlich war er sehr aufgeregt und es macht keinen Spaß, in der letzten Runde mit Schwarz zu spielen.

Mittlerweile ist klar, dass ein Remis gegen Navara zum Titelgewinn für Vidit gereicht hätte. Auch ein Remis gegen Duda wäre dafür ausreichend gewesen. Stattdessen hatte Duda mit 10.0-0-0 eine Überraschung parat und sagte dazu später:

Ich denke, es ist nichts Besonderes, was die Computerbewertung betrifft. Im Fernschach würde ich nicht lang rochieren. Aber ich denke, es ist eine gute praktische Waffe. Es ist sehr schwierig, diese Stellung mit dem Computer zu analysieren, weil er nach jedem Zug überall entweder eine gleiche oder eine bessere Stellung für Schwarz anzeigt, aber ich denke, es war eine gute praktische Wahl.

Sie ging in der Tat perfekt auf, denn der erste Zug, der von seiner Analyse abwich, war Vidits 16...Lc6?!. Und dies war bereits ein Fehler:


Er brauchte zwar 18 Minuten dafür, doch dann fand Duda die Widerlegung 17.Df4! Sf5 18.g4 Lh6 19.Sxc6! und Schwarz hatte verdoppelte c-Bauern, während die weißen Kräfte sich am Königsflügel bündelten. Duda kritisierte Vidits 24...e5!?, doch seine angegebene Alternative 24...Dg5 25.De5 endet auch nur in einem traurigen Endspiel, bei dem die Frage nur darin besteht, ob Weiß die Verteidigung von Schwarz durchbrechen kann.

Die letzte Chance kam dann nach 31.Tf3!?:


31…Rb8!! hätte vielleicht die Partie gerettet. Ein hübscher Trick, weil Weiß nichts besseres hat als 32.Tf2 Sc3+! und nach dem Damentausch hat Schwarz zumindest ein spielbares Endspiel. Stattdessen kam 31…Dxd4? was auf die brutale Antwort 32.Dxg6! Sf4 33.Df6! De4+ 34.Ld3! traf. Schwarz gab auf.

In Prag entglitt Vidit alles. Jetzt wurde er auch von Duda besiegt! David Anton, Firouzja und Vitiugov können allesamt Duda und Vidit mit einem Sieg einholen.

Der Topgesetzte Duda war mit dem Sieg zum Schluss glücklich, auch wenn er zugab, dass es kein tolles Turnier für ihn war. Seine einzige Niederlage musste er mit Weiß gegen Firouzja einstecken:

Ich habe mich unter Druck gesetzt, weil ich weiß, dass ich mit Weiß zuletzt im März in klassischen Partien verloren habe. Natürlich habe ich mich unter Druck gesetzt, um ein Jahr ohne Verluste zu überstehen! Das war sehr dumm. Bei Firouzja habe ich Varianten verwechselt. Er hat mich überrascht und dann habe ich ein paar Dinge nicht gesehen und stand nach etwa 12 Zügen mit Weiß total auf Verlust, was eindeutig eine Katastrophe war.

Dudas Sieg gegen Vidit bedeutete, dass es in der verbliebenen Partie noch einmal um alles ging:

David Antón ½-½ Alireza Firouzja: Chaos

Antón-Firouzja war ein epischer Schlussrundenkampf | Foto: Turnierseite

Beide Spieler gingen in diese Partie mit dem Wissen, dass sie bei einem Remis von Vidit gewinnen müssten, um ihn einzuholen und ein Stechen zu erzwingen. Alireza spielte daher Königsindisch, aber der 24-jährige Antón, frisch vom Sieg bei den Tata Steel Challengers, war dafür durchaus bereit. Seine Idee 12.g4! scheint eine gute Neuerung zu sein und schon bald kämpfte Alireza ums Überleben:


25…Tf4!? war ein hübsches Qualitätsopfer, um die Diagonale für den Läufer zu öffnen. Doch nach 26.Lxf4 exf4 27.Sdxe4 steht Weiß besser. Vor der Zeitkontrolle hätte die Partie entschieden werden können:


David dachte fünf seiner verblieben acht Minuten hier nach, aber gab die Qualität mit 36.Txg6! nicht zurück. Nach 36…Kxg6 37.Dh4! hat Weiß einen bärenstarken Angriff. 36…Lxc3 ist trickreicher, aber 37.Te6! und Weiß steht wieder auf Gewinn.

Das umständlichere 36.Dh4 jedoch erlaubte 36.Sf8!, wobei nach 37.Dh1 Lg7?! es eine weitere Chance auf den Sieg gab. 38.Th3! gefolgt von 39.Tf3 war die einfache Variante, doch nach 38.Th4 hatte Firouzja die Chance, in die Partie zurückzukommen:


Mit nur noch 16 Sekunden auf der Uhr spielte er 38…Txe4! 39.Txe4 Lxc3 40.Thxf4+ (40.Texf4+! war besser) 40…Kg8:

Nach abermaliger wilder Zeitnotschlacht verpasste David Anton mehrere Siegmöglichkeiten. Nun scheint es so, als ob der 16 Jahre alte Firouzja besser steht - ein Sieger in dieser Partie würde das Turnier sofort gewinnen!

Für beide Seiten war es nun knifflig zu spielen. Auch wenn 41.bxc3?! wie ein Fehler aussieht (41.Df3!), war es keine Überraschung, als der Vorteil sich nach 41…Dxc3+ 42.Ka2 Db3+ 43.Ka1 Dxa3+ 44.Kb1 Sd7?! verflüchtigte. Firouzja sagte später zu dem Remis:

Die klassische Partie heute war sehr interessant mit vielen Aufs und Abs. Ich weiß nicht, ob ich hätte gewinnen müssen, denn nach der Eröffnung und dem Mittelspiel stand er klar besser. Im Endspiel habe ich ein paar Chancen liegengelassen und einfach war es beileibe nicht. Vielleicht sollte ich die Dame nach c3 stellen und dann versuchen, Druck zu machen. Aber das Endspiel ist einfach sehr kompliziert.


Für David Antón war es ein etwas enttäuschendes Ende, aber er hatte trotzdem den geteilten ersten Platz erreicht und wird nach einem weiteren guten Turnier am 1. März zum ersten Mal über 2700 Elo auf einer offiziellen FIDE-Rangliste stehen.

Für Firouzja gab es jedoch noch viel zu tun, denn die bessere Sonneborn-Berger-Wertung bedeutete, dass er gegen Vidit um den Turniersieg ein Stechen zu spielen hatte:

Vidit 0-2 Firouzja: Wenn alles gegen einen läuft

Vidit gibt die erste Blitzpartie gegen Firouzja auf | Foto: Turnierseite

Einerseits war dies eine Chance für Vidit, trotz all der Pein der letzten beiden klassischen Partien doch noch das Prag Masters zu gewinnen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er die Aussicht auf noch mehr Schach genießen konnte. Firouzja hatte nach seiner epischen Partie gegen Antón nur etwa 20 Minuten Zeit, um sich zu erholen. Aber in der ersten Partie des Stechens (5+3) war er bald wieder in seinem gewohnten Trott - schnelle, mutige und riskante Entscheidungen treffen, um die Initiative zu ergreifen. Er war die meiste Zeit der Partie im Vorteil, obwohl 36.Da8! objektiv gesehen für Weiß fast sofort gewonnen hätte. Stattdessen wurde 36.De8 gespielt:


Weiß droht zu gewinnen mit Dh8+ und Td6+, aber Alireza verhinderte dies mit 36…Txf3! 37.Dh8+ Kg6 38.Dxh5+ (nach 38.Td6+ kann Schwarz nun einfach 38…Kxg5 spielen) 38…Kxh5 39.Lxf3 Kxg5 und Schwarz hatte in einem ungleichfarbigen Läuferendspiel einen Mehrbauern.

Man könnte denken, die Verwertung des Vorteils dauerte lange. Doch Vidits 45.Txb5? war die Art von Falle, in die man typischerweise in T+L vs. T Endspielen tappt:


45…Td7! 46.Lb4 (andere Züge sind nicht besser) 46…Td1+ 47.Kh2 Kg4 und Vidit gab auf. Der einzige Weg, das sofortige Matt zu verhindern, wäre durch Aufgabe des Turms.

Firouzja gewinnt die erste Blitzpartie - Vidit muss nun auf Knopfdruck gewinnen, um das Armageddon zu erzwingen.

In der zweiten Partie musste Vidit nun auf Abruf mit den schwarzen Figuren gewinnen, um die Playoffs ins Armageddon zu führen. Aber Firouzja spielte pragmatisch, tauschte die Damen im zehnten Zug und war nie ernsthaft in Gefahr, zu verlieren. Vidit hatte am Ende zwar Vorteil, aber er verlor auf Zeit. Ein irgendwie passendes Ende nach zwei Tagen, in denen für den indischen Star alles schief ging, was schief gehen konnte.

Der erste von vielen Titeln? Der 16 Jahre alte Firouzja gewinnt das 2020er Prag Masters nach einem 2:0 Sieg gegen Vidit im Stechen!!

Für den 16-jährigen Alireza Firouzja war es jedoch ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere, der unerwartet früh kam, da er erst nach dem Rückzug von Wei Yi im letzten Moment spielte. Man kann darüber streiten, ob das Prag Masters noch ein Superturnier ist (obwohl es sicherlich ein großes Turnier mit einer Durchschnittselo von über 2700 ist), und man kann sagen, dass Firouzja Glück hatte (obwohl er zum Beispiel auch fast Vitiugov geschlagen hätte), aber die besten Spieler haben eine Möglichkeit, ihr eigenes Glück abrufen zu können. 

Wir haben Vishy Anand in einem früheren Bericht zitiert, als er über Firouzja sagte: "Was mir aufgefallen ist, ist, wie leicht er Partien gewinnt", und es ist gut möglich, dass wir demnächst feststellen, dass dies auch auf Turniere zutrifft. Wie ein anderer indischer Großmeister bemerkte:

Zu Siegen ist eine Fähigkeit. Eine Angewohnheit. Von außen mag es nach Zufall aussehen, aber so funktioniert das nicht. Respekt vor Alireza und seinem ersten Superturnier-Sieg!

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Jorden van Foreest gewinnt das Challengers

Jorden van Foreest schnappt sich das Ticket für das nächstjährige Masters vor Abasov und Esipenko | Foto: Turnierseite

Im Challengers ging es ähnlich zu wie im Masters. Der lange Zeit führende Hannes Stefansson kollabierte zum Ende des Turniers und verlor seine beiden letzten Partien. Das erlaubte es den jungen Großmeistern, den Titel noch unter sich auszumachen:

Doch in diesem Fall war Hannes die Nr. 8 der Setzliste und er spielte mit, weil er sich letztes Jahr über das Open qualifiziert hatte. Er übertraf alle Erwartungen und es ist keine so große Überraschung, dass er in den letzten beiden Runden gegen stärkere Gegner verliert. In der letzten Runde war dies gegen den 20 Jahre alten Jorden van Foreest, dem eine einwandfreie Partie gelang.

Das Material ist immer noch gleich, aber die schwarze Aufgabe war nicht verfrüht. Wenn der Turm zieht, kommt f4-f5 oder Sh5 als nächstes, während 43...g5 44.Sxf5 gxh4 45.Txg8+ zu einem trivial gewonnenen Springerendspiel führt.

Jorden hatte in seinen letzten vier Partien drei Siege erzielt, nachdem er mit fünf Remis begonnen hatte. Das reichte für einen alleinigen ersten Platz, nachdem der 17-jährige Andrey Esipenko erneut einen Vorteil gegen den schwächeren Jan Krejci nicht verwerten konnte. Beide hatten jedoch bisher ein sehr gutes Jahr und klettern gemeinsam in der Live-Rangliste nach oben:


Das Open wurde gestern zu Ende gespielt. Das war es für das Prager Schachfestival 2020. Hoffen wir, dass es weiterhin so stark bleibt. Doch derweil wird auch an anderen Orten Schach gespielt: In der Schach-Bundesliga am Wochenende, Praggnanandaa-Artemiev beim Aeroflot Open und am Montag wird es auch nur 18 Stunden Geschwätzblitz geben mit Peter Svidler, Gata Kamsky und Sam Shankland:


Den Zeitplan für zukünftige Turniere kannst du dir hier noch einmal genauer ansehen.

Weitere Links:


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