Berichte 21.02.2020 | 10:50von Colin McGourty

Prager Masters 8: Schach ist schwierig!

Der indische GM Vidit geht mit einem halben Punkt Vorsprung in die letzte Runde der Prager Masters, aber er hätte schon als Sieger feststehen können, wenn er gegen David Navara seine Gewinnstellung nicht verdorben und sogar noch verloren hätte. Nikita Vitiugov remisierte nach Gewinnstellung gegen Jan-Krzysztof Duda, während Nils Grandelius gegen David Antón der Zugwiederholung auswich und anschließend verlor. Damit haben nicht weniger als sieben Spieler die Chance, das Turnier noch zu gewinnen. Auch beim Challengers ist noch alles offen, nachdem Kacper Piorun den bisher führenden Stefansson besiegte.

Vidit stand kurz vor der Vollendung einer Glanzpartie, als das Unglück seinen Lauf nahm | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Alle Partien der Prager Masters 2020 könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen:

Harikrishna-Ragger war die einzige komplett ereignislose Remispartie der vorletzten Runde der Prager Masters. Auch bei Firouzja-Shankland war das Gleichgewicht nie ernsthaft gestört, doch der 16-jährige Iraner versuchte immerhin bis zum Remisschluss nach 57 Zügen alles, um in Vorteil zu kommen. Dafür gab es an den anderen drei Brettern reichlich Dramatik.

Vidit 0-1 Navara

In der Partie der Runde erlitt David Navara schon in der Eröffnung Schiffbruch. Hinterher meinte er, er habe 12.d5! unterschätzt und nicht gesehen, dass sein Gegenspiel immer ein Tempo zu langsam war. 14…c6!? war einer der Züge, nach denen man nur beten kann:

Vidit überlegte 21 Minuten, ehe er sich für 15.Lxf7+! entschied. Einen Teil der Zeit verbrachte er sicher mit der Frage, ob es sich angesichts des Turnierstandes lohne, ein derartiges Risiko einzugehen. Das Opfer war aber zu verführerisch, und nach 15…Kf7 16.e6+ Kxe6 investierte er weitere 17 Minuten für 17.De2+:


Der Zeitverbrauch ist nachvollziehbar – 17.Da4 zum Beispiel war vielleicht noch stärker – doch später sollte er sich als verhängnisvoll erweisen. Navara dachte ursprünglich, dass er seinen König auf c7 verstecken könnte, stellte dann aber fest, dass Weiß nach 17…Kd6 18.Td1+ (18.Sd4 ist laut Computer sogar noch besser) 18…Kc7 19.Se5! Material gewinnt. Weiß steht aber auch nach dem Partiezug 17…Kf7 auf Gewinn, und vor Navaras 32…Td8 hatte Vidit seinen Vorteil noch weiter ausgebaut. 


Mit weniger als zwei Minuten auf der Uhr ist eine plötzliche Drohung wie das Matt mit Td1# (wenn der Turm d7 zieht und kein Schach gibt) unangenehm. Mit mehr Zeit hätte der indische GM sicher 33.Tdf7+! gespielt und den Turm auf der siebten Reihe belassen, und erst nach 33…Ke8 34.b3 gezogen. Weiß droht dann Sf6+ und hat riesige Gewinnchancen.

Stattdessen spielte Vidit jedoch sofort 33.b3? und erlaubte damit den Turmtausch 33…Txd7, wonach der weiße Vorteil zu großen Teilen futsch ist. Weiß schaffte die Zeitkontrolle mit einem Mehrbauern, wodurch es so aussah, als ob Vidit zumindest noch ein Remis erreichen würde.

David Navara ist ein netter Kerl, aber das bedeutet nicht, dass er am Schachbrett keine Träume zerstört | Foto: Petr Vrabec, Turnierseite

Doch es sollte anders kommen. Im Nachhinein wäre es vermutlich besser gewesen, das letzte Turmpaar auch noch zu tauschen und in ein Springerendspiel mit Mehrbauer abzuwickeln, aber er ließ die Türme auf dem Brett und ging ein erhöhtes Risiko ein, indem er der Zugwiederholung auswich. Dann brach alles zusammen:


Wenn Weiß nichts macht oder 55.g4 spielt, ist die Stellung remis, aber nach 55.c5? b5! hat Schwarz alles unter Kontrolle. Nach 56.g4? hxg4 57.fxg4 b4! 58.g5 Tb2! verschlechterte sich die weiße Lage immer mehr, bis Schwarz schließlich auf Gewinn stand. Danach dauerte es nicht mehr lang:

64…Kd7! war der letzte Zug der Partie, denn Schwarz hat die weißen Bauern gestoppt. Navaras Kommentar:

In dieser Partie hatte ich großes Glück, doch das passiert beim Schach gelegentlich, wenn man nicht aufgibt und seine Chance sucht.


Grandelius 0-1 Antón

Die Schaltzentrale | Foto: Vladimir Jagr, Turnierseite

Manchmal kann es aber auch fatal sein, seine Chance zu suchen. Nachdem er zwei seiner letzten drei Partien verloren hatte, wollte sich Nils Grandelius nicht mit einem Remis gegen David Antón begnügen:


Er hätte mit 23.Tg2 Dh4 24.Th2 Dg3+ einfach die Züge wiederholen können, doch stattdessen spielte er mit 23.Kh1!? weiter, was sich ausgezählt hätte, wenn er nach 23…Sxe5! 25.Dxe5 Dxe5!? eine lange und forcierte Variante mit 26.Sxh7! angestrebt hätte, die Weiß in Vorteil bringt. Doch der Schwede spielte 25.Ld2, und nach 25…h6 hatte Schwarz laut Anton eine solide Stellung. Sukzessive übernahm der Spanier das Kommando und führte die Partie nach 67 Zügen mit feiner Technik zum Sieg. Damit liegt er vor der Schlussrunde nur einen halben Punkt hinter Vidit.

Vitiugov 1/2-1/2 Duda

Vorjahressieger Nikita Vitiugov war der Spieler, der Vidit um ein Haar eingeholt hätte. Aus der Eröffnung heraus setzte er Jan-Krzysztof Duda unter Druck und erreichte schließlich ein Endspiel mit Dame gegen Turm und Springer. Zwar schien eine schwarze Festung denkbar, doch nachdem der Russe den schwarzen Springer gewonnen hatte, war die weiße Stellung laut Tablebase gewonnen. Den Gewinn gab er dann aber nach 55…Kf8 aus der Hand:


56.Da3+ ist laut Tablebase Matt in 29 Zügen – offenbar greift Weiß sukzessive die schwarzen Bauern ab. Auch 56.Dd6+, 56.Db8+, 56.Dc3, 56.h5, 56.Kf3, 56.Kh3 oder 56.Kf2 verdirbt nicht den Gewinn, doch nach dem Partiezug 56.Dd3 ist die Stellung remis! Duda sah den Grund und baute mit 56…Tg4+! 57.Kf3 Tg6 (57…h5 reicht auch) 58.h5 Tg5 eine Festung auf. Eine eindrucksvolle Rettung des Polen, wobei es für Vitiugov nie einfach war.

Damit sieht die Tabelle vor der Schlussrunde so aus:


Vidit muss mit Schwarz gegen Duda ran, womit insgesamt noch sieben Spieler die Chance auf den Turniersieg haben! Bei Navara-Harikrishna, Shankland-Vitiugov und Anton-Firouzja kann jeweils der potentielle Turniersieger gekürt werden, und nur bei Ragger-Grandelius geht es die Goldene Ananas.

Andrey Esipenko ist erst 17, aber schon ein Anwärter auf den Turniersieg  | Foto: Petr Vrabec, Turnierseite

Auch beim Challengers ist die Spannung enorm, nachdem der isländische GM Hannes Stefansson, der seit der 1.Runde geführt hatte, seine erste Niederlage gegen den Polen Kacper Piorun einstecken musste. Dadurch wurde Stefansson nicht nur von Piorun, sondern auch von Jorden van Foreest und Andrey Esipenko eingeholt.


Beim Challengers gibt es keine Stichkämpfe um den Sieg, wodurch Andrey Esipenko vermutlich der Favorit auf den Turniersieg ist. Er hat Weiß gegen den Tschechen GM Jan Krejci, der vier seiner fünf letzten Partien verloren hat. Zudem hat Esipenko gegen Piorun gewonnen, was bei der Wertung und der Entscheidung, wer nächstes Jahr beim Masters mitspielen darf, entscheidend sein könnte.

Die letzte Runde beginnt bereits um 14:00 Uhr und maximale Spannung ist dann vorprogrammiert …

Hier könnt ihr alle Partien verfolgen: MastersChallengersFuturesOpen

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 8646731260
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options