Interviews 08.03.2016 | 10:47von Colin McGourty

Peter Svidler über seine Chancen beim Kandidatenfinale

Peter Svidler ist einer der acht Spieler, die ab Freitag beim Kandidatenturnier darum kämpfen, wer Weltmeister Magnus Carlsen im Herbst herausfordert. In einem Interview erklärt Svidler, warum er seit November so wenig gespielt hat und was er sich von seiner Teilnahme erhofft. Außerdem fassen wir seine wichtigsten Äußerungen zusammen, mit denen er die Fragen der chess24-User beantwortete.

Durch das Erreichen des Weltcup-Finales qualifizierte sich Svidler zum dritten Mal in Folge für das Kandidatenturnier | Foto: Baku 2016 Website

Peter Svidler ist siebenfacher russischer Meister, und das ist einer der Gründe, warum er optimistisch in das Kandidatenturnier gehen kann. Letzte Woche sprach er mit Oleg Bogatov von RSport über das Turnier. Hier die wichtigsten Passagen des Interviews:


Ist der Sieg das Entscheidende für dich, oder ist es dir wichtiger, sehr gut zu spielen?

Ein Wettkampf um die Schach-Weltmeisterschaft ist das Einzige, das mir in meiner Biographie noch fehlt. Natürlich will ich auch ein neues, bisher nie erlangtes Niveau erreichen. In jedem Fall ist es schwer, ein Turnier zu gewinnen, ohne gut zu spielen, so gesehen hängt alles miteinander zusammen.

Wer sind deine schärfsten Konkurrenten?

Alle, und das ist kein Witz, sondern eine absolut ernst gemeinte Antwort. Nach Meinung aller Experten ist der Ausgang dieses Kandidatenturniers so offen wie seit vielen Jahren nicht mehr, und zwar in dem Sinne, dass man keine klaren Favoriten benennen kann.

Viele Teilnehmer des Kandidatenturniers haben an mehreren Turnieren teilgenommen, darunter auch im Schnellschach, während du dich zurückgehalten und förmlich versteckt hast. Wie hast du dich vorbereitet?

Meine Vorbereitung war ganz normal – ich verabredete mich mit Freunden und versuchte, eine Eröffnungsstrategie zu kreieren, da man einfach nicht daran vorbeikommt, sich vor allem auf die Eröffnungen zu konzentrieren. Was die Tatsache betrifft, dass ich kein Turnier gespielt habe, kann ich nur sagen, dass ich in dieser Hinsicht keine Wahl hatte. Es hatte keinen Sinn, irgendein Turnier mitzuspielen, und für Wijk aan Zee, Zürich oder ein anderes Turnier dieser Kategorie bekam ich keine Einladung.

Hikaru Nakamura verfolgt, wie Vishy Anand gegen den 16-jährigen Benjamin Gledura verliert| Foto: Sophie Triay, Tradewise Gibraltar Schachfestival

Ich weiß nicht, was Vishy nach dem Kandidatenturnier sagen wird. Er spielte in Gibraltar, aber ich weiß nicht, ob ihm das geschadet oder genutzt hat. Damit will ich keine bissige Bemerkung über ihn machen, sondern einfach nur sagen, dass ich aufgrund mehrerer Teilnahmen in Gibraltar weiß, wie hart dieses Turnier ist. Das war das einzige Turnier, an dem ich hätte teilnehmen können, aber es wäre mir seltsam vorgekommen, vor dem Kandidatenturnier in Gibraltar mitzuspielen. Allerdings spielte Nakamura auch mit und gewann das Turnier, vielleicht liege ich also falsch.

Da du aber als Kommentator in Wijk aan Zee gearbeitet hast, bist du nicht aus der Schachwelt verschwunden. Helfen dir dieser andere Blickwinkel und diese andere Betätigung, ein anderes Bild vom Schach zu bekommen? Oder siehst du das Ganze mit den Augen des Profis, der nach vielen Jahren kaum noch überrascht werden kann?

Ich glaube nicht, dass es meinen Horizont erweitert. Ich liebe einfach diese Arbeit und finde sie interessant. Geht man nach den Kommentaren anderer, mache ich sie nicht schlecht. Ich glaube aber nicht, dass sie meine Einstellung zum Schach verändert hat – ich will einfach nicht schlecht kommentieren, sondern es gut machen, und dazu muss man permanent über seine Worte nachdenken.

Peter und Jans Kommentare zur letzten Runde dauerte allein sieben Stunden!

Wie viele Punkte muss man deiner Meinung nach holen, +2, +3 oder was meinst du?

Das kann man sehr schwer voraussagen, da ein Turnier mit einer solchen Besetzung kaum Prognosen zulässt. In solchen Turnieren verändert sich zwischen Hin- und Rückrunde vieles, da die Spieler müde werden. Ich kenne zwar die Statistik des letzten Kandidatenturniers in Khanty-Mansiysk nicht, aber beim letzten vergleichbaren Turnier in London war die zweite Hälfte ein einziges „Blutbad“ – die Spieler wurden müde, die Anzahl der Fehler stieg an, zudem stachelte die Turniersituation die Spieler an. Alle begannen schärfer zu spielen. Und am Ende hatten alle +3, obwohl die Führenden, Vladimir Kramnik und Magnus Carlsen, vor der letzten Runde +4 hatten.

Du hast dazu einen aktiven Beitrag geleistet, indem du Carlsen in der letzten Partie schlugst…

Ja, man könnte sagen, dass ich kein völlig passiver Beobachter der Geschehnisse war. Lässt man das verrückte Ergebnis von Veselin Topalov in San Luis 2005 außer Acht, hat nie jemand im Kandidatenturnier einen Start-Ziel-Sieg geschafft. Bekommt jemand einen Lauf, kann es aber schon sein, dass ein Spieler viele Punkte holt. Ich weiß es aber nicht, ich bin schlecht, was Vorhersagen betrifft. 

Es gab für Carlsen in London zwar ein Happy-End, aber davor eine empfindliche Niederlage!  | Foto: Anastasia Karlovich, London2013.fide.com

Meinst du, dass der Heimvorteil dir und Sergey Karjakin etwas hilft, oder haben alle dieselben Chancen?  

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Versteh es nicht als präventive Entschuldigung für ein potentielles Scheitern, aber es steht einfach eine Menge bei diesem Turnier auf dem Spiel. Hinzu kommt zusätzlicher Stress, da man vor den Augen seiner Bekannten und Freunde spielt. Sagen wir so: Es ist ein zweischneidiges Schwert – es kann sich zu unseren Gunsten auswirken, aber auch ins Gegenteil verkehren.

Glaubst du, dass es Neuerungen in der Eröffnung geben wird, oder werden ausschließlich bekannte Systeme gespielt?  

Schwer zu sagen. Zuletzt gab es die Tendenz, den Kampf ins Mittelspiel zu verlagern. Um es brutal zu sagen – es geht beim Erfolg im Schach nicht darum, wer zu Hause die richtigen Knöpfe an seinen Computer betätigt. In einem Turnier wie diesem, bei dem so viel auf dem Spiel steht, werden die Spieler aber versuchen, so viel wie möglich aus der Eröffnung herauszuholen. Schafft man es, eine oder zwei „nukleare“ Ideen auszupacken, die einem in der Eröffnung direkt großen Vorteil bescheren, bringt einen das weit nach vorn. Ich glaube, dass alle in der Eröffnung so viel wie möglich erreichen wollen, aber ich habe keine Insiderinformationen… leider (lächelt). 


Als Peter nach Hamburg kam, um live das Geschehen in Wijk aan Zee zu kommentieren, erklärte er sich auch bereit, gemeinsam mit Jan Gustafsson die Fragen der chess24-User zu beantworten (hier in voller Länge). Eine der ersten Fragen lautete, welche Musik Peter sich wünschen würde, wenn er wie ein Boxer die Halle betreten würde. Er nannte Howlin Wolfs Built for comfort, ein Song, den wir euch nicht vorenthalten wollen!

 Als Peter seine Wahl erklärte, kam es zu folgendem Dialog:

Jan: Du möchtest selbstironische Musik haben?

Peter: Ist das verboten?

An dieser Stelle lohnt es sich, zu Sergey Shipov abschweifen, der in seiner Vorschau auf das Kandidatenfinale (unsere Übersetzung stammt aus der russischen Originalfassung auf Crestbook – eine Übersetzung erschien in New in Chess) über Svidler schreibt:

Er hat einen permanenten Drang zur Selbstironie, was aus meiner Sicht gewisse Probleme schafft. Eine derart auffällige Selbstironie erzeugt eine gewisse Begrenzung, die man nicht überwinden kann.

Im entscheidenden Moment, wenn die höchsten Gipfel erreicht werden könnten, verliert sein Spiel die Leichtigkeit. Und wahrscheinlich schleichen sich dieselben „ironischen“ Gedanken in seinem Kopf ein. Selbst ein bisschen Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, nur ein kleines bisschen innere Zerrissenheit reichen aus, um aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das gilt umso mehr, wenn das Phänomen so ausgeprägt ist wie bei Svidler.

Vielleicht liegt es daran, dass er es nie regelmäßig geschafft hat, Superturniere zu gewinnen, obwohl er an etlichen teilnahm. Aus diesem Grund hat er seine Chance in Kandidatenturnieren und Weltmeisterschaften nie genutzt. 

Natürlich sprechen aber auch Argumente für Svidler, die trotz seiner Versuche, seine Chancen herunterzuspielen, erkennbar sind. Die Antwort gab er selbst auf die Frage, gegen wen Carlsen am liebsten beim WM-Kampf antreten würde:

Ich bin mir zunächst gar nicht sicher, ob Magnus überhaupt eine Präferenz hat. Magnus ist aus meiner Sicht nicht ohne Grund ein sehr, sehr selbstbewusster junger Mann und macht sich deshalb keine allzu großen Gedanken, wer sich qualifiziert, da er immer Favorit ist – wenn man sich die letzten Resultate ansieht und die direkten Ergebnisse gegen die meisten Spieler, die am Kandidatenturnier teilnehmen. Ob er eine Präferenz hat, kann ich wirklich nicht sagen. Ich kein enger Freund von ihm, und ich möchte nicht spekulieren … aber wie gesagt, es juckt ihn vermutlich nicht sonderlich.

Auch die Frage, wer die besten Chancen hat, kann ich schwer beantworten.  Vermutlich – und das ist der Moment, an dem ich mich selbst ausschließe – vermutlich muss es jemand sein – aber vielleicht schließe ich mich doch nicht aus! Dieser Satz spukt in meinem Kopf herum. Ich habe ihn in meinem Kopf schon weiter gedacht, als er meinen Mund verlassen hat, und ich habe meine Meinung während des Sprechens geändert – ich wollte sagen, dass es vermutlich jemand sein wird, der frisch ist und dem keine unzähligen negativen Erfahrungen gegen Magnus in den Knochen stecken – aber das gilt natürlich in beide Richtungen. Ich bin nicht der frischeste Teilnehmer beim Kandidatenturnier, aber ich bin sicher einer derjenigen, der in dieser Hinsicht am wenigsten negative Erfahrungen gemacht hat.

Das Kandidatenturnier betrachte zumindest ich unabhängig davon. Es findet ein Kandidatenturnier statt, an dem ich gut abschneiden möchte und auf das ich mich vorbereite, aber ich verschwende nicht einen Gedanken an das Thema gegen Magnus anzutreten. Qualifiziere ich mich für den WM-Kampf gegen ihn, werde ich genug Zeit haben mich vorzubereiten und mich dann mit dem Thema befassen. Aktuell mache ich mir darüber so gut wie keine Gedanken.

Peter erwähnte auch, dass das Kandidatenturnier der Grund sei, warum noch keine Erweiterung seiner monumentalen Grünfeld-Serie geplant sei:

Mein Abschneiden beim Weltcup in Baku hat mir für die Arbeit an der Grünfeld-Serie ein wenig einen Strich durch die Rechnung gemacht, und das ist schade, da ich immer noch der Meinung bin, dass das Material, das ich präsentieren wollte, sehr gut ist und Spielern aller Niveaus weiterhilft. Ich traue mich ehrlich gesagt umso mehr, dies zu sagen, als sehr starke Spieler auf mich zukamen und mir sagten, dass die Serie ihnen sehr gut gefallen habe. Als ich sie aufnahm, war ich nicht sicher, ob sie was taugte, da dies mein erster derartiger Versuch war, mein Wissen mit anderen zu teilen. Seitdem bin ich deutlich selbstbewusster geworden, was die Qualität des Materials betrifft.

Aber natürlich entwickelt sich die Theorie permanent weiter, und Grünfeld ist eine sehr populäre Eröffnung mit vielen Weiterentwicklungen. Eigentlich wollte ich im Sommer den Weltcup spielen, danach eine Pause einlegen und dann nach Hamburg kommen, um die Serie „auf den neuesten Stand zu bringen“ und die wichtigsten Entwicklungen aufzuzeigen. Doch leider, in gewisser Hinsicht jedenfalls, wäre es im Hinblick auf mein Abschneiden beim bevorstehenden Kandidatenturnier eher kontraproduktiv gewesen, der Welt die größten Schwachstellen meiner wichtigsten Reaktion auf 1.d4 zu zeigen. Das werde ich zwar noch tun, aber erst nach dem Kandidatenturnier.

Hoffen wir also, dass Peters Vorbereitung auf das WM-Match gegen Magnus Carlsen nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt 

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