Interviews 05.12.2018 | 10:30von Colin McGourty

Peter Svidler im Interview zum WM-Kampf Carlsen-Caruana

Peter Svidler zählte neben Sopiko Guramishvili, Alexander Grischuk und Anish Giri zum englischsprachigen Kommentatorenteam von chess24 beim WM-Match Carlsen-Caruana. Nach dem Wettkampf gab Svidler einer St. Petersburger Zeitung ein Interview und brachte dabei seine Überraschung zum Ausdruck, dass alle Turnierpartien remis endeten und dass Carlsen mit Weiß nichts erreichte. Er spricht über die Auswirkungen des Duells und welche Veränderungen, wenn überhaupt, beim WM-Zyklus vollzogen werden sollten.

Nach hartem Kampf verteidigte Magnus Carlsen seinen Titel | Foto: Niki Riga

Peter Svidler wurde von Leonid Romanovich für die Zeitung Sankt-Peterburgskie Vedomosti (St. Petersburger Nachrichten) interviewt:  


Leonid Romanovich: Peter, hat dich der Verlauf des Matches und dessen Ausgang überrascht?

Peter Svidler: Vor allem hat mich das Ergebnis überrascht – ich hatte mit viel Blut gerechnet, und dann haben wir nur Remis erlebt. Sehr viel hing natürlich von der ersten Partie ab, in der Carlsen eine Stellung nicht gewinnen konnte, die er ansonsten in mindestens von neun von zehn Fällen gewinnt. Hätte er diese Partie gewonnen, hätte das Match einen völlig anderen Verlauf genommen. Carlsen hätte befreiter aufgespielt, während Caruana zu mehr Risiken gezwungen gewesen wäre.

Unterm Strich kann man das Match in zwei absolut unterschiedliche Hälften einteilen, aber nicht zeitlich, sondern hinsichtlich der Farbverteilung. Carlsen agierte als Weißer ohne Biss – nur einmal kam er in Vorteil und selbst dann reichte dieser nicht aus, um auf Sieg spielen zu können. Dagegen waren seine Schwarzpartien hart umkämpft und voller Spannung.

Wie würdest du das Niveau einstufen?

Aus meiner Sicht war das Niveau sehr hoch – vermutlich handelte es sich um das “sauberste” WM-Match der Schachgeschichte. Natürlich bekommt man vielleicht einen anderen Eindruck, wenn man mit einem Computer analysiert, aber ich habe bis auf eine alle Partien kommentiert und hatte absolut das Gefühl, dass wir Schach auf sehr hohem Niveau sehen. Übrigens ist das der Hauptgrund, warum wir keine Gewinnpartien gesehen haben. Selbst in Gewinnstellungen war nur ein Fehler nötig, um den Gewinn auszulassen. Der schlechter stehende Spieler verteidigte sich immer so hartnäckig, dass er sogar sehr schlechte Stellungen verteidigen konnte.

Was sagst Du zu den Eröffnungsduellen? Hat das Match irgendetwas Neues zu Tage gebracht, oder ist das in unserem Computerzeitalter gar nicht mehr möglich?

Die Spieler verfolgten in der Eröffnung zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Carlsen strebte mit Schwarz bewusst einen harten Kampf an – und erhielt diesen meist auch. Dagegen spielte Caruana als Schwarzer streng auf Remishalten und erreichte dieses Ziel sogar noch besser. Im Bereich Neuerungen haben wir nichts Beeindruckendes erlebt. Caruana zeigte einige interessante Ansätze im Damengambit, aber Magnus reagierte ohne Biss – und so bekamen wir nicht einmal eine konkrete Vorstellung, was der Amerikaner alles vorbereitet hatte. Insgesamt war Carlsens harmloses Spiel mit Weiß eine Überraschung, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dies passieren kann: Das Team macht seine Arbeit, die Vorbereitung ist da, aber das Match läuft komplett daran vorbei und nichts kommt aufs Brett.

Wie sieht es aber mit der Tscheljabinsk-Variante der Sizilianischen Verteidigung aus?

In der Tscheljabinsk-Variante erzielten sie deutliche Fortschritte in einem Abspiel, das in Wettkämpfen zwischen Schachcomputern aktiv eingesetzt wird, doch natürlich sorgt ein WM-Kampf automatisch dafür, dass Eröffnungsvarianten populärer werden. Wir wissen, dass zuletzt niemand mit Weiß die Tscheljabinsk-Variante zugelassen hat, weil alles erforscht war und man nicht seine gesamte Zeit damit verbringen wollte, alles auswendig zu lernen. Nachdem nun aber eine neue Richtung aufgezeigt wurde, die zu lebhaftem Kampfschach führt, wird sich das wieder ändern. Ich glaube, dass die Variante mit Sd5 im 7.Zug zu neuem Leben erwachen wird.


7.Sd5 war eine Nebenvariante, die von Kramnik und Caruana in den letzten Monaten gespielt wurde

Du hast gesagt, dass Caruana mit Schwarz nur auf Remis gespielt hat, aber warum hat er diese Strategie verfolgt? Immerhin wusste vor dem Match jeder, dass Carlsen im Stichkampf mit verkürzter Bedenkzeit klarer Favorit sein würde.

Das Problem ist, dass er ein gut ausgearbeitetes Eröffnungsrepertoire hat, dessen Hauptaugenmerk darin besteht auszugleichen, und das lässt sich nicht so leicht umbauen. Im Verlauf des Matches bekam er zudem nicht viele Möglichkeiten, das Spiel mit Schwarz zu verschärfen – vielleicht in der 11.Partie, in der er aggressiver spielen konnte. Aber selbst in dieser Partie hatte er noch eine Weißpartie in der Hinterhand und tatsächlich ging Caruana in dieser 12.Partie All-In. Trotz der Vorteile Carlsens im Schnellschach ist es aber unwahrscheinlich, dass Caruana sich nach 12 Partien aufgegeben hat. Zweifellos hat er darauf gehofft, im Schnellschach weiterkämpfen zu können.

Der Rückblick auf die letzte Turnierpartie"

Gibt es einen Wendepunkt im Match, an dem Caruana seine Chance verpasst hat?

Hätte er die die achte Partie gewonnen, in der er definitiv eine Gewinnstellung hatte, hätte er wahrscheinlich den Titel gewonnen. Mit Schwarz glich er mühelos aus, und mit Weiß ist es in der Tscheljabinsk-Variante kein Problem, ein Remis zu bekommen.

Vielleicht hat ihn das in den letzten Partien belastet, aber seinem Spiel hat man das nicht angesehen. Er sah nicht wie ein gebrochener Mann aus, und er hat generell starke Nerven. Dass er eine derartige Chance nicht noch einmal bekam, ist eine andere Sache.

Wie schätzt du das Publikumsinteresse an dem Match ein? Und welche Auswirkungen haben die zwölf Remis?

Was das Interesse betrifft, war alles in Ordnung. So weit ich weiß, waren die Zuschauerzahlen auf chess24 deutlich höher als beim Match Carlsen-Karjakin in New York. Zwölf Remis sind hinsichtlich Massenpublikum und Vermarktung jedoch nicht gut, und natürlich wird es eine öffentliche Diskussion darüber geben, dass das Match „das Ende des Turnierschachs“ war. Ich kann diese Emotionen verstehen, aber ich wiederhole noch einmal: Hätte Carlsen die erste Partie gewonnen, wäre das Match ganz anders verlaufen. Und insgesamt war das Match sehr umkämpft, und die fehlenden Gewinnpartien waren das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Umständen. Umso wichtiger ist es daher, nicht zu drastisch zu reagieren. 

An den Gerüchten, dass die Schach-WM künftig beim Banter Blitz entschieden wird, ist womöglich nichts dran...

Aber wie könnte eine Reaktion ausfallen? Sollte man die Bedenkzeit verkürzen?

Das wäre nicht schlecht. Man würde zwar Turnierschach spielen, aber mit weniger Zeit und keinen sieben Stunden pro Partie. Schauen wir einfach, was passiert, zumal die FIDE ja nun von anderen Leuten geführt wird…

Die Schachwelt hat sehr positiv auf den Einstieg von Arkady Dvorkovich reagiert, siehst du bereits erste Fortschritte?

Der neue FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich war bei der letzten Turnierpartie mittendrin im Geschehen | Foto: Niki Riga

Bisher ist das schwer zu beurteilen. Die bisherigen Änderungen beziehen sich nur auf den WM-Zyklus der Damen. Ich stecke da überhaupt nicht drin, aber ich weiß, dass die Reaktionen keineswegs einhellig waren. Das ist immer so, wenn während eines Zyklus Veränderungen vorgenommen werden. Man hat sich für ein Turnier qualifiziert, und dann wird ein anderes ausgetragen. Natürlich ist damit nicht jeder glücklich, aber die Veränderungen an sich, also das neue Format der Damen-WM, erscheint mir sinnvoll.


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