Berichte 03.12.2015 | 15:45von Colin McGourty

Perts britisches Knockout-Märchen

Die letzten paar Tage waren für den 34-jährigen Nicholas Pert unglaublich. Der englische Großmeister mit einer Elozahl von 2562 war im achtköpfigen Teilnehmerfeld der britischen K.O.-Meisterschaft gar nicht vorgesehen, aber er bekam seine Chance, als Nigel Short im letzten Moment noch absagen musste. Nach beeindruckenden Siegen über den britischen Meister Jonathan Hawkins und Luke McShane wird er nun im Finale sechs Partien gegen David Howell spielen. Selbst im Falle einer Niederlage wird er 10.000 Pfund (15.000 Dollar) mitnehmen, für den Gewinner stehen 20.000 Pfund bereit.

Egal, wie die britische K.O.-Meisterschaft ausgehen wird - Nicholas Pert gehört schon zu den Gewinnern | Foto: John Saunders

Vorprogramm für die London Chess Classic

Stephen Moss' jüngster Artikel im Guardian über den Niedergang des englischen Schachs erwähnt die London Chess Classic nur im letzten Absatz, aber dieses Superturnier ist in Sachen Schach das beste, was sich seit dem Match Kasparov - Short 1993 im Vereinigten Königreich abgespielt hat. Die letzten sieben Jahre verliefen gut, und obwohl das Format der Grand Chess Tour die Organisatoren in diesem Jahr auf nur eine eigene Einladung ("Wildcard") für das Hauptturnier beschränkte - welche mit Michael Adams an die englische Nummer Eins ging -, gelang es ihnen, eine britische K.O.-Meisterschaft mit acht Teilnehmern zusammen zu stellen. Der Preisfonds beträgt beachtliche 50.000 Pfund, und der Preis von 20.000 Pfund für den ersten Platz ist viermal mehr, als Jonathan Hawkins für seinen Sieg bei der offiziellen Meisterschaft im Sommer bekam.

Zwei Tage, und sechs Spieler sind bereits ausgeschieden! | Fotos: London Chess Classic

Das Turnier findet im K.O.-Modus statt - im Viertel- und Semifinale wird über zwei klassische Partien gespielt, danach folgen - falls nötig - noch zwei Schnellschachpartien und zuletzt Armageddon. Im Finale wird ein Match über sechs Partien gespielt, welches zeitgleich mit den London Chess Classic und dem FIDE Open stattfinden wird. Die Ergebnisse bis jetzt könnt ihr unterhalb nachlesen (und alle Partien mit Computeranalyse hier nachspielen):


Und das war bis jetzt los:

Viertelfinale

Das Hauptziel der Organisatoren war klarerweise, die besten Spieler für das Knockout-Turnier zu bekommen, aber sie versuchten ebenfalls, Nachwuchsspieler mit einzubeziehen. Nachdem England in dieser Hinsicht nicht gerade gesegnet ist, waren die IMs Daniel Fernandez (2479, geboren 1995) und Yang-Fan Zhou (2459, geboren 1994) die jüngsten Spieler aus den Top 35.

Daniel Fernandez bekam einen starken Gegner zugelost | Foto: John Saunders  

Der 39-jährige Großmeister Danny Gormally (2506; Spitzenwert: 2573) konnte seine Enttäuschung, nicht berücksichtigt worden zu sein, nicht verbergen:

Ich muss zugeben, dass ich aus meiner Perspektive beim Zusehen der Partien dieses Turniers Bedauern empfinde. Ich bin der einzige der besten Vier der britischen Meisterschaft, der keine Einladung erhalten hat. Man sollte meinen, 8 aus 11, ungeschlagen, was muss ich noch machen, um eine Einladung zu bekommen? Dort gewinnen, schätze ich. Es ist jedoch ärgerlich darüber nachzudenken, wie viele Schachartikel ich schreiben oder wie viele Stunden Training ich geben müsste, um die 2500 Pfund für eine Niederlage in der ersten Runde einzustreichen. Die Antwort lautet: viele.

Es ist aber immerhin eine Motivationsmethode, um meine Wertungszahl noch weiter nach oben zu schrauben, sodass mich keiner mehr ignorieren kann.   

Wie ist es also den Jungen ergangen? Nun, Fernandez traf auf Luke McShane und brachte seinen Gegner in Zeitnot (darüber lässt sich streiten, aber bei Luke ist das nicht so schwer...), aber schlussendlich setzte sich die Klasse durch. McShane konnte in der ersten Partie mit Schwarz ein Matt am Brett anbringen und hatte, als Fernandez in der zweiten Partie nach 43 Zügen aufgab, eine überwältigende Stellung.

Yang-Fan Zhou will, dass sich David Howell in Sicherheit wiegt und erscheint verletzt - mit verstauchtem Knöchel - am Brett | Foto: John Saunders

Der gefährliche Yang-Fan Zhou war viel näher dran, dem Topgesetzten David Howell Schaden zuzufügen. Mit den schwarzen Figuren gewann er kurz nach der Eröffnung einen Bauern und gab später die Qualität für einen starken Freibauern. In einer wilden Zeitnotschlacht hatte er die Gelegenheit, den ganzen Punkt zu erobern, aber verabsäumte es, seinen d-Bauern nach vor zu ziehen. Und nur wenige Züge später brach mit 53. ... Tc4? die Katastrophe herein:


Howell benötigte nur zwei Sekunden, um 54. Kf3! aufs Brett zu knallen, und Schwarz hat keine Möglichkeit, 55. Te4+ mit Gewinn des Ld4 zu verhindern (schlechtere Züge verlieren ebenfalls, wie etwa in der Partie). David legte die zweite Partie sehr solide an, um sich so für das Semifinale zu qualifizieren.

Die schottische Nummer Eins. Man muss derzeit jedoch auch nach "inaktiven Spielern" suchen, damit Jonathan Rowsons Name aufscheint | Foto: John Saunders  

Das englisch-schottische Aufeinandertreffen zwischen Gawain Jones und Jonathan Rowson hätte auch völlig anders verlaufen können, aber Rowson - der in seinem Hauptberuf u.a. versucht, die Erde zu retten - war etwas angerostet:

In der ersten Partie begab sich Gawain zuerst in Gefahr, indem er die Sprengung des Zentrums zuließ, nachdem er lang rochierte. Rowson identifizierte den Moment, in dem er auf mehr hätte spielen können:


Nach 24. ... Sxc5?! 25. Lxg5! hatte Schwarz jedoch nichts Besseres, als eine Stellungswiederholung zu forcieren.

Die zweite Partie verlief sogar noch dramatischer; Rowson machte in Zeitnot im 34. Zug den entscheidenden Fehler, doch selbst danach gab es noch einen letzten Ausweg, als Jones 35. ... h4?? statt 35. ... Dxe4! spielte:


Das Urteil des Computers sprang mit einem Mal auf 0.00 (völlig ausgeglichen), ehe er ebenso schnell nach 36. gxh4?? wieder ein Matt in 8 anzeigte. Unser menschlicher Protagonist entdeckte diese Möglichkeit erst später:

Die Elofavoriten hatten also allesamt gewonnen, aber im verbleibenden Match - nachdem Nigel Short abgesagt hatte - gab es keinen klaren Favoriten, und das sollte auch am Brett der Fall sein. Jonathan Hawkins und Nick Pert spielten mit klassischer Bedenkzeit zweimal Remis, ehe der britische Champion Hawkins mit einem einfachen Doppelangriff die erste Tiebreak-Partie - in der er fast die ganze Partie über Druck ausgeübt hatte - für sich entschied. In der zweiten musste Pert nun mit Schwarz unbedingt gewinnen, und zum Entzücken des Publikums beharkte er seinen Gegner mit allem, was nur möglich war. Hier ist die Stellung nach 13. ... d3:


Hawkins brach in dieser Partie, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet, unter dem Druck zusammen. Pert hatte in der entscheidenden Armageddon-Partie ebenfalls Schwarz, und obwohl Hawkins Druck aufbauen konnte, gelang es ihm in Zeitnot nicht, diesen in einen Sieg zu verwandeln - schließlich ließ er eine Springergabel zu, die jeglichen Widerstand brach.

Semifinale

Nicholas Pert war in Fahrt gekommen und nahm diesen Enthusiasmus in seine Semifinalbegegnung am nächsten Tag gegen Luke McShane mit. In der ersten klassischen Partie stand er kurz vor dem Gewinn, aber auf Grund der ungleichfarbigen Läufer konnte er zwei Mehrbauern nicht verwerten. Die Rollen wurden in der zweiten Partie getauscht, als McShane die Mehrbauern hatte.

Luke McShane hatte viele London Chess Classic-Turniere belebt, aber dieses Jahr wird er nur als Zuseher dabei sein | Foto: John Saunders

In den Schnellschachpartien wurde Pert zum Überflieger. In der ersten Partie spielte er eine Spezialität Simon Williams', 8. ... g5!?


McShane fraß den Köder (und folgte einer Partie Kosteniuk - Ju Wenjun bis zum 14. Zug), wurde aber schließlich einfach überspielt. Er benötigte in der folgenden Partie unbedingt einen Sieg, weshalb der Zug 5. d5!? seines Gegner eine gewisse Überraschung darstellte!

Als Nick im 50. Zug einen weiteren Bauern opferte, schien das der letzte Sargnagel für ihn zu sein, doch danach übernahmen Zeitnot und Druck. Luke verspielte seinen Vorteil und ließ in einem verzweifelten Versuch, doch noch zu gewinnen, einen weißen Bauern entkommen und sich in eine Dame verwandeln. Luke musste aufgeben, und Nick Pert hatte es ins Finale  geschafft.

Es war am Mittwoch bis in die späten Abendstunden unklar, wer sein Gegner sein würde, auch wenn es zwischendurch danach aussah, als ob schon früher ein Ergebnis zustande käme - als David Howell nach einer scharfen ersten Partie gegen Gawain Jones gewann. Der letzte Zug war schön - nachdem er mit 36. Txd6 zuerst ein Turm"opfer" für einen Bauern angeboten hatte, bot David hier mit 40. Tb6! ein weiteres an:


Schwarz hätte sich hier in einem bedauernswerten Zustand befunden, aber die Bedenkzeit bedeutete, dass in der Stellung viel mehr Spannung drinnen war, als hier ersichtlich ist! Die Uhr sollte Howell in der folgenden Partie erneut verfolgen. Er wäre gut beraten gewesen, Gawain Jones nicht die Gelegenheit zu einem Angriff am Königsflügel zu geben:


Er tauschte die schwarzfeldrigen Läufer mit 14. ... Lxd2!? ab, anstatt das Qualitätsopfer anzunehmen. Die Zeit, die Howell zu Beginn verstreichen ließ, bedeutete jedoch, dass er bald nur noch mit dem Zeitaufschlag spielte, und obwohl die Stellung harmlos wirkt, übersah er einen letzten Trick. 69. ... Ta3? scheint alles unter Kontrolle zu behalten, aber:


70. Ta2!, was sich auf 70. ... Txa2 71. Ld5+ verläßt, ermöglichte Jones den Gewinn des Ba6. Seine Technik reichte für die Aufgabe, den ganzen Punkt zu erobern.

Beide Spieler ließen in den folgenden Schnellschachpartien Chancen ungenutzt, und nach zwei Remisen gab es ein weiteres Aufeinandertreffen im Armageddon. David Howell wählte Schwarz, womit er nur fünf Minuten statt sechs für Weiß bekam, dafür aber auch nur ein Remis benötigte. Er ließ gegen Gawain nie Chancen zu, und als im 60. Zug der Zeitaufschlag dazukam, gab es nicht einmal die Möglichkeit, auf den Klappenfall zu hoffen und deshalb weiterzuspielen. Gawain fügte sich im 65. Zug in seine Niederlage.

Das unglaubliche Jahr des David Howell hätte ihm auch einige Gründe gegeben, selbst die Wildcard bei den London Chess Classic zu erhalten, aber es scheint unwahrscheinlich, dass ihn ein großes Match als Ersatz stören wird | Foto: John Saunders

Die Spieler haben nun einen Ruhetag, bevor es ab Freitag über sechs Partien um 20.000 Pfund geht. David Howell ist natürlich der große Favorit, aber es könnte nicht alles nach seinen Vorstellungen verlaufen. Immerhin hatte Pert Howell nach einem bemerkenswerten Fehler dessen einzige Niederlage bei der britischen Meisterschaft in Coventry zugefügt. Ihr könnt hier auf chess24 live dabei zusehen, wie Pert versuchen wird, einen der größten Siege eines Nachrückers bei einem Turnier zu landen, seit Dänemark die Fußball-EM 1992 gewonnen hat! 

Und natürlich ist das noch nicht alles, was am Freitag beginnt. Die London Chess Classic beginnen um 17:00 Uhr MEZ. Ihr könnt die Partien auch in unseren Gratis-Apps mit verfolgen:

         

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