Berichte 01.08.2019 | 11:59von Colin McGourty

Paris GCT, Tag 4: MVL baut seine Führung an einem "schlechten Tag" aus

Jeder hat einmal einen schlechten Tag, aber dieser verlief für Maxime Vachier-Lagrave unterm Strich sogar ziemlich gut! Obwohl der Franzose vier Partien verlor, darunter auch eine dramatische Schlacht gegen seinen schärfsten Widersacher Alexander Grischuk, baute er seine Führung vor dem Schlusstag der GCT Paris auf zwei Punkte aus. Das lag vor allem an Grischuk, der sonst keine Partie gewinnen konnte. Die besten Punktesammler des Tages waren derweil Hikaru Nakamura, der 6,5 aus 9 (+4) holte, sowie Ian Nepomniachtchi und Fabiano Caruana, die beide 5,5 aus 9 (+2) erzielten.

Nakamura besiegte MVL und war Topscorer des Tages, doch sein Rückstand beträgt vor dem Schlusstag immer noch drei Punkte | Foto: Justin Kellar, Grand Chess Tour 

Alle Partien der Grand Chess Tour Paris 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der Live-Übertragung:

“Ein absolutes Wunder” | Grischuk schockt MVL

Alexander Grischuk gab nach einer irren Partie wieder eines seiner legendären Interviews | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Nach der ersten Runde Blitzschach sah es so aus, als würde alles für Maxime Vachier-Lagrave laufen. Er bezwang Daniil Dubov in gerade einmal 28 Zügen und konnte verfolgen, wie Alexander Grischuk nach 81 Zügen gegen Hikaru Nakamura aufgeben musste. Damit baute der Franzose seine Führung auf zwei Punkte aus, und als er gegen Grischuk in der 2.Runde klar besser stand, sah alles nach einem weiteren Ausbau der Führung aus. 32…Te7? war dann das erste Anzeichen, dass für den Franzosen nicht alles glatt laufen würde:


Schwarz hat Qualität und Bauer mehr, aber hier bettelte Peter Svidler förmlich darum, dass sein Freund Grischuk den Trick 33.Lg8+! Kxg8 34.h7+! mit Umwandlung des h-Bauern findet. Grischuk verpasste seine Chance aber und zog 33.Tg3, doch die zweite Gelegenheit sollte bald folgen:


Dieses Mal fand Grischuk 42.Lg8+! und gewann in der Folge ohne Probleme. Sein Kommentar:

Ich war schon früh in einer hoffnungslose Lage, er hatte noch drei Minuten und dann fing er an nachzudenken, und dann dachte ich mir auch, “Was bin ich nur für ein Idiot, dass ich zwei Partien in Folge quasi kampflos verliere!” Ich weiß nicht, aber im Endeffekt ist es zumindest eine Überraschung, dass ich noch gewonnen habe.

Aus Sicht des Franzosen war diese Partie eine Schlüsselsituation:

Ich habe heute definitiv sehr schlecht gespielt. Der Wendepunkt war natürlich die Verlustpartie gegen Sasha, denn wenn ich sie gewonnen hätte, hätte ich besser und mit mehr Selbstvertrauen gespielt und das Turnier wäre dann vermutlich jetzt schon entschieden:

Maxime schlug aber schnell zurück, als Fabiano Caruana in der nächsten Runde das automatische 19…Kg8?? (19…e5!) spielte:


20.b4! gewann auf der Stelle, da es keine Verteidigung gegen b5 mit Gewinn des Läufers auf c6 gibt, auch wenn der Amerikaner erst nach 39 Zügen aufgab. 

Maxime schlug gegen Fabi direkt zurück, war aber immer noch durcheinander | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

MVL war wieder im Plus, aber in der nächsten Runde verlor er nach verpatzter Eröffnung gegen Hikaru Nakamura, und dieses Hin und Her zog sich bis zum Schluss durch. 


Mit seinen 50 Prozent büßte MVL nicht nur Platz 1 in der Blitz-Live-Eloliste ein, sondern fiel sogar noch weiter zurückl:


Das bedeutete, dass Magnus Carlsen an dem Tag, an dem er seine Serie ohne Niederlage in einer Turnierpartie auf ein Jahr ausbaute (die letzte verlor er am 31.Juli 2018 in Biel gegen Shakhriyar Mamedyarov in Biel), wieder in allen drei Weltranglisten an der Spitze steht.

MVLs Glück war derweil, dass Grischuk wie Daniil Dubov und Shakhriyar Mamedyarov mit 3,5 aus 9 (-2) keinen guten Tag erwischte und den Franzosen sogar noch davonziehen lassen musste:


Grischuks Tag lässt sich mit der Partie gegen Mamedyarov gut zusammenfassen. Trotz gut verlaufener Eröffnung übernahm Mamedyarov das Kommando und fand dann eine nette Kombination:


Die Stellung wäre remis, wenn nicht 57…Txd5+! gehen würde, aber anstatt sich 58.Txd5 c6+ zeigen zu lassen, gab Grischuk schlicht auf. Mamedyarov verlor im Anschluss die nächsten drei Partien, was einiges über diesen Tag in Paris aussagt!

Die Verfolger

Trotz seines schwachen Tages liegt Grischuk immer noch mit zwei Punkten Rückstand auf Platz 2, wo er Gesellschaft von Ian Nepomniachtchi bekommen hat. Der Russe schlug in der 1.Runde des Tages in einer hübschen Partie Caruana und landete wie dieser bei 5,5 aus 9.. 

Die Frisur war zu viel für Fabi |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Das beste Bild lieferte der Russe aber, als er ein Remisendspiel gegen Shakhriyar Mamedyarov verlor:

Fabi holte im Anschluss drei Siege in Folge und zeigte, dass er gar kein so schlechter Blitzer ist, doch mit drei Punkten Rückstand wird es am Schlusstag schwer, noch ein Wort um den Turniersieg mitzureden. Gleichauf liegt der bisher beste Blitzer, Hikaru Nakamura, der wegen eines “Fingerfehlers” gegen Caruana verlor:


18…Sxe5 geht, aber 18…Lxe5? verliert wegen 19.Lxe5 Sxe5 20.Txe5 Dxd3 21.Txe8+ Txe8 22.Txd3 eine Figur. Eine Siegesserie sorgte beim US-Amerikaner für einen versöhnlichen Abschluss:


Kurioserweise konnte er Dubov bereits zum zweiten Mal in Paris auf dem Brett mattsetzen. Hikaru hält den 3-Punkte-Rückstand sogar noch für aufholbar:

Natürlich muss ich gut spielen, aber ich denke, ich habe noch eine Chance, und das war das Beste, was ich mir nach der Niederlage in der letzten Schnellschachpartie gegen Nepo noch ausrechnen konnte. Wenn ich morgen gut spiele, ist noch alles möglich.

In diesem Fall hat auch Vishy Anand noch eine Chance, der ebenfalls drei Punkte hinter MVL zurückliegt. Der Inder zeigte sich am Ruhetag beim Pro-Biz-Event in Top-Form…

… und gewann gestern die ersten drei Blitzpartien, wobei eher seine Niederlagen auffielen. Zum zweiten Mal in Folge patzte er gegen Mamedyarov, unterlag MVL nach feinem gegnerischen Angriff und fiel bei 23.Tad1? auf einen netten Trick von Daniil Dubov herein:


Vishy greift zwar den Springer d4 an, doch die Mattdrohung auf g2 erwies sich als stärker! Dubov erinnerte mit 23…Le5! an das Matt auf der langen Diagonale (23…Lh4? funktioniert wegen 24.Dh2! nicht, da Weiß zwei schwarze Figuren angreift) und nach 24.Dg5 Lf4! gab Weiß auf, da er g2 nicht mehr decken kann.

Kein Debakel

Dieser Tag bei der Grand Chess Tour verlief recht ungewöhnlich, denn normal gab es beim Blitzen immer einen Spieler, der herausragte (meist Carlsen), und Akteure, die richtig schlecht abschnitten. Stattdessen glänzte außer Nakamura am Ende kein Spieler sonderlich, und es kam auch niemand unter die Räder. Das schlechteste Ergebnis war 3,5 aus 9, und Schlusslicht Anish Giri kam mit Siegen gegen MVL, Duda und Mamedyarov sogar auf 4 aus 9. 

Anish Giri ist weiterhin Letzter, gewinnt aber immerhin Partien | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Der Sieg gegen Mamedyarov war Giris erster voller Punkt in Paris und enthielt einen schönen Zug:


Nach dem prosaischen 31.Td2 stünde dem Weißen noch eine schwierige Verwertungsphase bevor, doch Anish entkorkte 31.Td6!!, mit der Pointe, dass nach 31…cxd6 32.Se7! sowohl die schwarze Dame angegriffen ist als auch Dxf6 Matt droht. Shakh versuchte sein Glück mit 31…De8, doch nach 32.Txf6 stand Weiß klar auf Gewinn.

Und hier der Stand vor dem Schlusstag:


“Ich hoffe, dass ich heute meinen einzigen schlechten Tag hatte,” meinte MVL, bevor er hinzufügte:

Neuer Tag, neues Glück, neue Geistesverfassung. Auf mehr kann ich nicht hoffen!

Ein Zweipunktevorsprung ist wirklich beruhigend, aber im Blitzen kann bekanntlich immer alles passieren. Nepomniachtchi fasste die Lage zusammen:

Spielt Maxime wie heute, haben wir noch eine Chance, aber wenn er Normalform erreicht, wird es schwer!

Die Entscheidung in Paris fällt EINE STUNDE FRÜHER ALS SONST ab 14:00 Uhr. Die Live-Übertragung auf chess24 solltet Ihr nicht verpassen!

Weitere Links:


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