Berichte 31.07.2019 | 05:35von Colin McGourty

Paris GCT Tag 3: MVL gewinnt im Schnellschach, Grischuk gut drauf

Alexander Grischuk sagte, dass er das Gefühl hätte, "seine beste jemals gespielte Partie" aufs Brett gebracht zu haben, als er mit Schwarz in der letzten Runde des Schnellschach-Parts in Paris Fabiano Caruana auseinandernahm. Das brauchte ihm den zweiten Platz ein, doch keiner konnte Maxime Vachier-Lagrave stoppen, sich mit einem Sieg in 23 Zügen über Jan-Kryzsztof Duda und zwei schnellen Remis am Schlusstag den Sieg im Schnellschach zu sichern. Kein anderer Spieler konnte die beiden wirklich fordern, denn Vishy Anand und Ian Nepomniachtchi auf dem geteilten dritten Platz liegen bereits 3 Punkte hinter der Nr. 1 der Blitzweltrangliste - und das vor den 18 Runden Blitz, die noch anstehen.

MVL gewann das Schnellschach, aber Grischuk stahl ihm das Rampenlicht mit einem brillanten Sieg gegen Caruana! | Foto: Justin Kellar, Grand Chess Tour 

Alle Partien der Grand Chess Tour kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar des dritten Tages:

Maxime Vachier-Lagrave schnappt sich den Sieg im Schnellschach

MVL ist perfekt positioniert, um bei seinem Heim-Grand-Prix den Sieg davon zu tragen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Frage in Paris war immer, wer das Vakuum nutzen würde, das durch die Abwesenheit von Weltmeister Magnus Carlsen entstanden ist und bisher war die Antwort MVL. Die französische Nr. 1 gewann 4 seiner ersten 5 Partien in seiner Heimatstadt und machte am letzten Tag des Schnellschachs keine Fehler:


Nachdem er im Berliner Endspiel gegen Hikaru Nakamura ein schnelles Remis einstrich, erläuterte er seine Strategie:

Mein Ergebnis ist natürlich bisher sehr solide, und ich werde noch zwei weitere gute Partien spielen müssen, hoffentlich eine davon gewinnen, und dann wäre es toll, vor dem Start des Blitzturniers in Führung zu liegen. Es wäre zur Abwechslung mal schön.

Duda sucht vergeblich nach Hilfe... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Diese Mission wurde mit größter Leichtigkeit erfüllt. In der nächsten Runde hatte der 21-jährige Wildcard-Inhaber Jan-Krzysztof Duda die weißen Steine und hätte mit einem Sieg die Führung übernehmen können, stattdessen war Maxime im 3.Lb5+ Sizilianer besser vorbereitet. Duda entschied sich für ein erfinderisches Bauernopfer, das mehr aus Notwendigkeit als aus freien Stücken geboren war, aber als er nicht die beste Fortsetzung finden konnte, brach seine Stellung schnell zusammen. Im 23. Zug gab er auf:

chess24: Duda hätte mit einem Sieg die Führung übernehmen können, aber MVL festigte seinen ersten Platz in Paris mit einem vernichtenden Sieg.

Maxime hatten also erreicht, was er wollte und sicherte den Sieg im Schnellschach durch ein 22-zügiges Kurzremis gegen Vishy Anand in der letzten Runde ab. Dazu sagte er:

Alles ist gut, wirklich. Ich bin in Führung und wie ich sagte, ich glaube, dass hatte ich nach dem Schnellschach noch nie.

Die Nummer 1 der Blitzweltrangliste war beim Turnier in Abidjan im Blitz besser als Magnus Carlsen und konnte in Paris eine famose Aufholjagd leisten, um gegen Magnus den Tiebreak zu erzwingen. Von daher haben seine Rivalen eine große Herausforderung vor sich.

Grischuks “beste jemals gespielte Partie”

Der dreimalige Blitz-Weltmeister Alexander Grischuk ist mit Abstand der am besten platzierte Spieler, um Maxime noch abzufangen, nachdem er am letzten Tag des Schnellschachs 5/6 erzielte. Er begann damit, Ian Nepomniachtchi auf der schwarzen Seite einer Anti-Berliner-Variante zu überspielen, nachdem er die Initiative mit Zug 20 ergriffen hatte. Peter Svidler staunte, wie "mürrisch" das Gesicht seines Freundes vor dem Interview mit Maurice Ashley aussah, und obwohl dies Grischuks dritter Sieg des Turniers war, verwies er immer noch auf das Schnell- und Blitzschachturnier in St. Louis 2018, wo er in den ersten 15 Partien (davon 6 Blitz) ohne Sieg geblieben war:

Wie gesagt, in St. Louis gewann ich keine Partie, von daher ist jede andere Zahl besser... Einige Partien gewinnen ist eine große Verbesserung gegenüber St. Louis.

Grischuk überspielte erst kinderleicht Ian Nepomniachtchi - und im Anschluss wurde sein Tag sogar noch besser | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Grischuk schien allerdings zunächst gar nicht so ambitioniert zu sein, da er sich mit Weiß mit einem 13-zügigen Remis gegen Anish Giri in der nächsten Runde begnügte. Doch wie sich herausstellte, war das nur das Vorspiel auf die Partie des Tages, des Turniers und vielleicht sogar mehr... dazu Grischuk:

Im Moment fühlt es sich wie meine beste Partie aller Zeiten an, definitiv eine der fünf besten, also will ich es nicht einmal verderben, indem ich mir ansehe, was der Computer vorschlägt!

Er hatte Schwarz gegen Fabiano Caruana und spielte eine Variante des Ruhigen Italieners, bei dem er fühlte, alles auf Angriff setzen zu müssen:

Diese Variante kannst du nicht wirklich positionell spielen. Du musst angreifen und schauen, ob es funktioniert.

Die Partie wurde viel zu kompliziert, um sie kurz zusammenzufassen, aber obwohl der Computer Wege aufzeigt, wie Weiß einen Vorteil hätte erlangen können (zumindest in einer relativ geringen Tiefe), stellte sich heraus, dass nicht viel falsch daran war, wie Grischuk spielte. In der Endphase war sein Angriffsführung fast makellos, und er war sehr froh, dass der Zug 34...Kh8! auch die erste Wahl des Computers war:


Nach 35.Tb2 spielte er 35…Sf3+!, bekam aber später einen Schock, als der Computer ihm zeigte, dass dies der einzige Zug war, der seinen Vorteil aufrecht erhält:

Uuuf, ...Sf3+! ist der einzige Zug. Oh mein Gott, das hatte ich nicht auf dem Schirm...

Olimpiu G. Urcan: Wenn alle deine Figuren wunderschön platziert sind, ist ein wunderschönes Ende vermutlich nah.

Er hatte gedacht, er könnte zuerst auch 35...Th7 spielen, aber in diesem Fall scheint es so zu sein, dass der weiße König entkommen kann, was Alexander als "Mission Impossible" bezeichnete.

Nach 36.gxf3 gxf3 37.Tfb1 Tg7 38.Dxg7+ Dxg7+ 39.Kf1 Th6 40.Ke1 fand Grischuk 40…Dxc3+!, was ein Matt in 2 Zügen erzwingt und ihn somit davor bewahrte, eine fantastische Partie in Zeitnot noch wegzuwerfen.

chess24: Grischuk gewinnt eine unglaubliche Partie gegen Caruana und geht ins Blitzturnier mit nur einem Punkt Rückstand auf MVL!

Grischuk ist einer der wenigen im Elite-Schachzirkus, der Schnell- und Blitzschach höher als das klassische Schach bewertet und gab eine unerwartete Antwort, als er zu Schach und Radrennen befragt wurde:

Vielleicht kann man das klassische Schach mit der Tour de France vergleichen: Es ist sehr langweilig und dauert ewig.

Von daher scherzte er mitnichten, als er seine Partie gegen Caruana wie folgt kommentierte:

Ich spiele jetzt seit 20 Jahren professionell Schach und wie ich bereits sagte, gehört die Partie sicherlich in meine Top 5, möglicherweise sogar in die Top 3. Also ja, sowas passiert nicht häufig!

Dann fügte er noch schelmisch hinzu:

Oder wie man im Russischen sagt: Even a stick shoots once a year!

Schau dir das Interview auf jeden Fall an, wenn du es noch nicht getan haben solltest:

Gemischte Gefühle bei den anderen Spielern

Nur zwei weitere Spieler erreichten am letzten Tag einen positiven Score. Einer von ihnen war Daniil Dubov, der schlussendlich seinen ersten Sieg erzielte, auch wenn er seine Enttäuschung darüber nicht verbergen konnte, dass Shakhriyar Mamedyarov es ihm nicht erlaubte, die Partie stilecht mit Matt zu beenden:

chess24: Daniil Dubov holt seinen ersten Sieg bei der Pariser Grand Chess Tour, während es für Mamedyarov die achte entschiedene Partie in Folge war!

Shakh gab hier auf anstatt einen beliebigen Zug wie 30...Td6 zu spielen. Denn dies hätte die Mattkombination 31.Th5+!! gxh5 32.g5# erlaubt. Dubov, der es zuvor schon Nakamura gestattete, ihn auf dem Brett matt zu setzen, meinte zu diesem Thema:

Jeder Spieler hat dazu eine unterschiedliche Sicht. Ich glaube nicht, dass es etwas Besonderes ist. Wenn du völlig auf Verlust stehst, kannst du es erlauben, aber du bist auch nicht gezwungen, das zu tun. Ich glaube nicht, dass es eine endgültige Wahrheit zu diesem Thema gibt, die allen Spielern zusagt. Ich denke, beide Verhaltensweisen sind in Ordnung. Shakh beschloss, aufzugeben. Es ist nicht so, dass ich ihm die Schuld gebe oder so etwas. Es ist in Ordnung.

Dubov war nicht allzu stolz auf diese Partie, da er das Gefühl hatte, dass Mamedyarov nach einer schweren Niederlage gegen Caruana in der vorherigen Runde "offensichtlich wirklich, wirklich deprimiert" war. Vielleicht war das tatsächlich der Fall, aber vorher hatte Shakh auch bereits Glück gehabt - Vishy Anand verlor komplett den Faden in einer guten Stellung und schoss dann einen groben Bock:


23.c3! war der einzige Zug, der die Stellung im Gleichgewicht hält. Doch Anand spielte stattdessen 23.The1?? wonach 23…Da1+ 24.Kd2 Txd4+ mit Figurengewinn folgte, was Anand zur Aufgabe bewegte. Das war die einzige Niederlage des fünffachen Weltmeisters und nach zwei weiteren Remis kam er auf Platz 3 mit 10/18 ins Ziel.

Die Zuschauer waren sich uneinig bezüglich Anands Patzer.. | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ian Nepomniachtchi, der nach einer Niederlage gegen Grischuk wieder zurück in die Spur fand, indem er zwei beeindruckende Endspielsiege gegen Hikaru Nakamura und Jan-Krzysztof Duda erzielte. 

Einer der emotionalisten Partien | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hikaru war ziemlich frustriert, als er kurz vor Schluss noch fehlgriff:


Nach 88.Kc4 oder 88.Kc2 kann Schwarz nicht gewinnen. Zieht Schwarz seinen Läufer nach f2 oder g2, kann Weiß mit Lh4 antworten. 88.Kd4? erlaubte es allerdings, den Läufer via 88...Lb6+! umzugruppieren. Nach 89.Ke5 (und nicht 89.Lf2?, wonach Hikaru die Läufer tauschen und immer noch den Bauern stoppen könnte) 89...Lc7+! schien es so, als ob Nakamura diesen Zug nicht antizipiert hatte. Und nach einer denkwürdigen Pause setzte er mit 90.Kf5 Lg3! fort und gab drei Züge später auf. Was für ein Spektakel!

Für Hikaru ging alles schief | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Resignation | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Damit geht Nakamura mit 5 Punkten Rückstand auf MVL ins Blitzen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Den ruhigsten Tag hatte Anish Giri, der nach vier Niederlagen und zwei Remis für sich beschloss, die heroischen Taten aufs Blitzen zu verlegen:

Immer wenn ich schlecht spiele, versuche ich, da rauszukämpfen. Doch heute entschloss ich mich, dass das nicht die richtige Strategie ist. Ich musste einfach aufhören damit,  zu verlieren und Vertrauen fürs Blitz gewinnen, denn das wird noch zwei Tage dauern und wir werden viele Blitzpartien spielen. Von daher wollte ich meine Serie von Niederlagen nicht ewig fortsetzen. Deshalb dachte ich, dass ich mit Weiß heute sicher spielen werde, denn ich glaube immer noch, dass ich das kann, selbst wenn ich halb tot bin. Und ich musste nur eine Partie mit Schwarz überstehen, was mir recht leicht gelang. Von daher bin ich glücklich.

Das erlaubte es auch, sich mehr auf die sozialen Medien zu konzentrieren, wo der niederländische Starspieler seine Aufmerksamkeit mittlerweile eher Instagram zugewandt hat:

Irgendwann wurde mir mit Twitter ein wenig langweilig, weil es dort nichts mehr zu erreichen gab. Ich habe bereits jeden Quatsch auf alle möglichen Arten geredet und musste neue Hobbys finden - und hier bin ich: mit Babybildern, Bildern mit Essen und weiterem Kram.

Dennoch warf er Twitter einen Knochen hin...

Anish Giri:  Gute Gesellschaft, gutes Essen, nur Vishy Anand fehlt, damit das Bild total viral gehen würde.

…aber ja, auf Instagram gabs mehr zu sehen:

Anish Giri: Ein seltener Fall davon, bereits vor dem Turnier den Triumph gesichert zu haben.

Anish Giri: Fühle mich ausgeruht und frisch für Paris.

Anish Giri: Auf dem ersten Bild siehst du ein episches Selfie und auf dem zweiten Bild kannst du den Aufwand sehen, um das epische Selfie überhaupt schießen zu können.

Und nun kommen wir zum Zwischenstand in Paris nach dem Schnellschach:


Dienstag war Ruhetag und heute und am Donnerstag geht es mit 18 Runden Blitz weiter. Das wird den Champion in Paris bei der Grand Chess Tour bestimmen. Maxime geht als klarer Favorit ins Rennen, aber ändern kann sich die Situation schnell! Schalte ab 15:00 Uhr MEZ ein und verfolge unseren Live-Kommentar auf chess24.

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