Berichte 24.06.2017 | 01:25von Colin McGourty

Paris GCT, Tag 3: Carlsens nicht so glatter Sieg

Magnus Carlsen gewann den Schnellschach-Abschnitt der Paris Grand Chess Tour, aber dieser Tag wird für seinen Ausbruch in Erinnerung bleiben: "Was soll ich machen?" war seine Reaktion, als Maurice Ashley andeutete, dass sein letzter Sieg weniger als glatt war. Andernorts war der Star Alexander Grischuk, der drei glatte Siege in Folge (bzw. fünf Siege in seinen letzten sechs Partien) erzielte. Er liegt nur einen Punkt hinter Magnus, aber es werden noch 18 Runden Blitzschach gespielt - Grischuk nannte das jedoch einen großen Abstand auf Grund Magnus' "blödsinniger Fähigkeit, viele Partien in Serie gewinnen zu können!”

"Was soll ich machen?" Magnus Carlsen war nach einer scheinbar harmlosen Frage von Maurice Ashley verärgert | Foto: Lennart Ootes

Ihr könnt alle Partien mit dem Selektor unterhalb nachspielen. Klickt auf eine Partie, um sie mit Computeranalyse nachzuspielen, oder bewegt den Mauszeiger über einen Spielernamen, um dessen Ergebnisse anzuzeigen:

Und hier ist die ganze Live-Sendung aus St. Louis und Paris:

Jan Gustafsson hat wieder eine Zusammenfassung des Tages bereitgestellt, in der er einige Schlüsselmomente im Schach und Kontroverses näher betrachtet:

Magnus Carlsen: “Was soll ich machen?”

Erster Gegner Carlsens war sein WM-Herausforderer Sergey Karjakin | Foto: Lennart Ootes

Auf den ersten Blick konnte sich der Weltmeister nicht über den dritten Tag der Paris Grand Chess Tour beschweren. Er begann den Tag als ungeteilter Erster, gab diese Führung nie aus der Hand und hatte am Ende wie zu Beginn einen Punkt Vorsprung auf seinen härtesten Verfolger. Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass seine letzten drei Gegner im untersten Tabellendrittel lagen - er hatte zweifellos gehofft, seine Führung vor dem Blitzturnier noch ausbauen zu können. In der ersten Partie spielte er gegen Sergey Karjakin und ging große Risiken ein, die sich letztendlich bezahlt machten - nur um den Sieg in einem Endspiel mit Dame und Bauer doch noch aus der Hand zu geben:


Nur 57. De8+! gewinnt, nach 57. De5 Dd3! konnte Verteidigungsminister Sergey Karjakin hingegen seinen König und die Dame richtig platzieren, um den weißen Bauern aufzuhalten. Wie hat Magnus das aufgenommen? Es war eine Rückblende zur Schnell- und Blitzschach-Weltmeisterschaft 2015 in Berlin!

Wenn du sie für diesen halben Punkt nicht so sehr leiden lassen kannst, wie sie sollten...

Danach war es Fabiano Caruana, der verzweifelt darum kämpfte, eine Stellung mit Minusbauern zu halten, und nach der Punkteteilung blieb Magnus nur deswegen alleine in Führung, weil sich seine Rivalen gegenseitig Punkte wegnahmen.

Noch ein klassischer überraschter Ausdruck von Topalov | Foto: Lennart Ootes 

Danach folgte die letzte Partie gegen Etienne Bacrot, in der - das muss gesagt werden - Magnus absolut nichts falsch machte. Er nahm ein mutiges Springeropfer an und zeigte danach seine Klasse, wie etwa hier:


23. Tea3! Es sieht seltsam aus, den Turm hinter einen eigenen Bauern zu stellen, aber die verbundenen Türme stellten sicher, dass für den Rest der Partie keine hängenden Figuren mehr fallen würden. Nach 23. ... Sxf4 24. Se1! konsolidierte Magnus seine Stellung. Etienne gab im 37. Zug auf, da er zum Eingeständnis gezwungen war, an dieser Stelle einfach eine Figur weniger zu haben.

Magnus holte sich damit den Gesamtsieg im Schnellschach-Abschnitt dieses Turniers, aber er war schon vor dem Interview mit Maurice Ashley sichtlich angespannt, das keinen guten Verlauf nahm:

Da es interessant ist, über den Auslöser dieses Ausbruchs zu spekulieren, haben wir dieses Gespräch zur Gänze transkribiert:

Maurice Ashley: Nun, wir haben den Schnellschachkönig bei uns. Magnus Carlsen hat zumindest diesen Titel erobert, nicht dass das etwas für dieses Turnier bedeutet, aber wenigstens hat er uns gezeigt, dass er der beste Spieler der Welt ist und bei der Grand Chess Tour ziemlich gut gestartet ist. Magnus, Sie scheinen heute ein paar Problemchen gehabt zu haben, Sie hatten keine wirklich glatten Leistungen. Diese Partie verlief auch nicht glatt. Es sah etwas unklar aus. Was war Ihr Gesamteindruck vom Ablauf der Partie?

Magnus Carlsen: Ich meine was soll ich machen? Ich nehme also die Figur, und dann, ich meine, natürlich hat er nichts besonders falsch gemacht, natürlich ist die Stellung nicht verloren. Was wollen Sie von mir?

Ich will gar nichts. Ich möchte einfach sehen, wie Schach gespielt wird.

Aber ich meine, Sie reden davon, dass die Partie nicht glatt verlief und nochmal, was soll ich machen? Ich meine, soll ich in der Eröffnung riesigen Vorteil erzielen und den verwerten, ist das die einzige Art, wie man eine Partie glatt gewinnen kann? Wollen Sie das damit sagen?

Nein, überhaupt nicht, Magnus, aber die Partie war bestimmt sehr schwierig, und ich würde gerne Ihre Gedanken erfahren, wie...

Ja, ich finde nur, dass die ganze Art, mit der Sie daran herangehen, versuchen, das Ganze zu verniedlichen.  Das ist mein einziges Problem.

Entschuldigung, Magnus, wir haben definitiv Respekt vor Ihnen als Weltmeister, nehmen Sie uns daher nicht übel, was wir zu sagen versuchen. Wir versuchen nur zu kommentieren. Sie haben das nun aus dem Weg geschafft, es ist Zeit für Blitzschach. Ihre Gedanken zum Rest des Turniers?

Ich denke, es sieht gut aus. Grischuk schlägt sich extrem gut, aber ich kann hoffentlich weiterhin "nicht so glatte" Partien gewinnen!

Magnus, vielen Dank für Ihre Gedanken und viel Glück in den restlichen Partien.

Maurice scherzte: "Er hätte mich jeden Moment schlagen können. Ich war bereit, in Deckung zu gehen... | Foto: Lennart Ootes

Das Interview sorgte für rege Diskussionen. Hatte Magnus recht? Nun, technisch gesprochen war es unfair, die "Glätte" seiner letzten Partie zu kritisieren - es ist aber barsch, so auf eine hingeworfene Frage eines Kommentators, der hart arbeiten musste, um allen fünf Schnellschachpartien simultan zu folgen und Analyse für die Live-Sendung bereitzustellen, zu reagieren. Falls der Inhalt der Antwort gerechtfertigt war, hätte er auch genauso gut unbeschwerter vermittelt werden können; Magnus hätte diese spezifische Frage auch ignorieren können, wie es Profisportler für gewöhnlich tun, und einfach seine allgemeine Einschätzung des Tages abgeben.

Andererseits war es auch großes Fernsehen, und es schadet nicht, rohe Emotionen im Schach zu sehen. 

Mir gefiel wirklich, was ich heute von @MagnusCarlsen in Paris gesehen habe.

Genau so, wie der Fußball Charaktere wie Jose Mourinho braucht...

... kann ein ungehaltener Magnus die Popularität des Schach steigern! Das Turnier wurde auf führenden norwegischen Nachrichtenseiten behandelt.

Carlsens verärgerte Antwort auf Ashleys Frage ist die Top Story bei @NRKno (obwohl sie irrtümlich behaupten, er habe das Turnier bereits gewonnen)

“Glatter” Grischuk

Alexander Grischuk genießt sein einziges Turnier auf der Grand Chess Tour in dieser Saison | Foto: Lennart Ootes

Es war schwer, nicht die heitere Seite zu sehen, als Maurice sein nächstes Interview mit Alexander Grischuk begann, indem er ihn zu seinem "glatten Sieg" in seiner Partie gegen Shakhriyar Mamedyarov fragte - es war jedoch nicht nur Trollerei! Grischuk selbst hatte seinen Sieg über Fabiano Caruana in der ersten Partie des Tages als "ziemlich glatt" bezeichnet - ihr werdet nicht viele einfachere Angriffe zwischen Spielern auf diesem Niveau finden:


27. Lxg6! Kg7 (27. ... hxg5 ist Matt in 8, beginnend mit 28. Sxg5) 28. Lb1 hxg5 29. Dd3 Tf5 30. g4, und Fabianos Elend ging weiter.

Grischuk gelang in der letzten Runde des Tages ein wichtiger Sieg über Mamedyarov - beide konnten dank eines Freiloses am Turnier teilnehmen | Foto: Lennart Ootes

Grischuk hatte danach mit Etienne Bacrot leichtes Spiel und traf dann auf Shakhriyar Mamedyarov, der seit seiner Niederlage gegen Magnus Carlsen viermal gewonnen und zweimal remis gespielt hatte. Alexander hatte bald großen Vorteil erlangt, und obwohl es... ja, ziemlich glatt...  war, dachte er offenkundig darüber nach, wie er genau so eine Stellung gegen Hikaru Nakamura tags zuvor verlieren konnte. Er verriet Maurice seine Denkprozesse:

Ich war froh, eine felsenfeste Stellung zu haben und meine Gedanken lauteten hauptsächlich: Sasha, mach keinen Fehler, mach keinen Fehler!

Jan behandelt diese Partie in seinem Video, und dank seiner 100% am letzten Schnellschach-Tag hat Grischuk nur noch einen Punkt Rückstand auf den Spitzenreiter. Er spielte seine Chancen jedoch herunter:

Einen Punkt hinter Magnus zu liegen ist wie drei Punkte hinter normalen Leuten zu liegen, da er diese blödsinnige Fähigkeit hat, viele Partien in Serie gewinnen zu können. Es ist daher ein ziemlich großer Rückstand, aber was kann ich machen? Ich kann andere Partien nicht kontrollieren, ich muss selbst spielen.


Caruanas Comeback

Ok, das ist vielleicht etwas überspitzt ausgedrückt, aber nach der siebenten Runde, als er gegen Grischuk verloren hatte, war Caruana am absoluten Tiefpunkt angekommen:


Er nannte es einen "Alptraum" und erklärte verständlicherweise: "Das ist das schlechteste Ergebnis seit langer Zeit, an das ich mich erinnern kann". Und auf die Frage, wie es nun weitergeht: "Ich spiele einfach die nächste Partie, obwohl ich nicht will!”

Das ist ein Gefühl, das wir alle kennen, und daher war es gut zu sehen, dass er seine Punkteausbeute mit zwei Remisen gegen zwei so gute Spieler wie Magnus Carlsen und Maxime Vachier-Lagrave noch verdreifachen konnte. In der Partie gegen MVL sah es sogar einen Moment lang so aus, als ob er auf Gewinn stehen würde:


Maximes 42. Dxh6+! beendete diese Illusion, aber es war zumindest eine unterhaltsame Weise, die Partie zu beenden. Nach 42. ... gxh6 43. Txh6+ kann der schwarze König eine lange Wanderung unternehmen, aber er entkommt den Schachgeboten nicht.

Bacrot ist Caruanas Ziel Nummer 1 | Foto: Lennart Ootes

Fabiano lag am Ende mit fürchterlichen 3 aus 18 dennoch auf dem letzten Platz, aber die gute Nachricht lautet, dass er bei noch 18 zu spielenden Runden definitiv so manchen Spieler überholen kann. Bacrot hat nur einen Punkt mehr, Topalov einen weiteren Punkt, und auch Karjakin und So hatten wenig Grund zur Freude. Wesley spielte nach dem starken Beginn mit Siegen über Caruana und Bacrot fünfmal remis und verlor zweimal.

Der Titelverteidiger bei der Grand Chess Tour Wesley So blieb in Norwegen und jetzt in Paris bislang im Hintergrund | Foto: Lennart Ootes 

Die übrigen Rivalen

Die Spieler liegen an der Spitze dicht beisammen - Nakamura und Mamedyarov erzielten am letzten Schnellschach-Tag jeweils drei Punkte (1 Sieg, 1 Remis, 1 Niederlage), wodurch Maxime Vachier-Lagrave mit zwei Siegen und einem Remis den Abstand verkürzen konnte. Sein zweiter Sieg war (den Vortag mitgerechnet) ein dritter Sieg in Folge, was Maxime so kommentierte:

Natürlich ist es großartig, eine Serie zu haben. Darum geht es im Schnellschach und im Blitzschach: eine Serie zu beginnen, und du kommst in Form und bekommst Selbstvertrauen - alle diese Sachen. Natürlich ist es danach schwierig, das Ganze am Laufen zu halten!

Wie ihr anhand der Tabelle sehen könnt, kann sich die Lage an der Tabellenspitze in nur wenigen Runden ändern:


Was also nun? Nun, wir haben 18 Runden Blitzschach (5 Minuten, 3 Sekunden Verzögerung/Zug) - am Samstag und Sonntag werden ab 14:00 Uhr MEZ jeweils neun Partien gespielt. Die Blitzschach-Partien zählen normal (also 1 Punkt für einen Sieg und 1/2 für ein Remis). Die Auslosung steht bereits fest:

Lasst euch die ganze Action nicht entgehen - chess24 berichtet ab 13:45 Uhr MEZ! Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps verfolgen:

         

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