Berichte 21.06.2018 | 08:05von Carlos Colodro

Paris GCT, Tag 1: Caruanas Sorgen gehen weiter

Drei Spieler erzielten am ersten Schnellschach-Tag der Grand Chess Tour in Paris +1. Anand, Aronian und So liegen derzeit knapp in Führung, aber die Entscheidung ist in einem Turnier mit 27 Runden natürlich keineswegs gefallen. In diesem ausgeglichenen Feld überrascht es, dass Fabiano Caruana nach zwei Niederlagen in drei Partien alleiniger Letzter ist. Anscheinend denkt der Amerikaner tatsächlich bereits vor allem an sein Match gegen Carlsen.

Die Bühne in Paris | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Runde 1: Neuauflage von Leuven 

Fabiano Caruana trifft offenbar in der ersten Runde eines geschlossenen Superturniers immer auf den Favoriten. Da Magnus nicht dabei ist, spielte Fabi in der ersten Runde gegen den Mann der Stunde Wesley So. Sein Landsmann war auch sein erster Gegner in Belgien, und auch damals verlor Caruana. Der einzige Unterscheid war, dass Caruana in Leuven Weiß hatte.

Nach der Eröffnung hatte Weiß eine leichte Initiative, aber die schwarze Stellung schien solide genug, um das Gleichgewicht zu halten. Da Schwarz seine Königsstellung mit h7-h5 etwas geschwächt hatte, beschloss So, seinen Turm zu aktivieren, wobei sein weissfeldriger Läufer auch auf den schwarzen König zielte. Schwarz blieb passiv und wartete vielleicht viel zu geduldig:


Es ist schwer, einen Gewinnplan für Weiß zu finden, aber das heisst nicht, dass Schwarz nur mit Warten Remis halten kann. Aber genau das tat Caruana - die nächsten drei Züge nur mit dem König, kein Plan in Sicht: 23...Kg7, 24...Kg8, 25...Kh8.

So brachte seine Figuren in Angriffsstellungen und entschied dann, dass die Zeit für 28.g4 und 30.h5 gekommen war. Um nicht Opfer eines vernichtenden Angriffs zu werden, gab Fabi einen Bauern und tauschte die Damen. Wesley hatte im Turmendspiel einen Mehrbauern, konnte diesen Vorteil langsam verwerten und damit seine ersten zwei Punkte in Paris erzielen (die Schnellpartien zählen doppelt).

Caruana verlor in der ersten Runde gegen So | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour

Der andere Sieger in der ersten Runde war Levon Aronian mit Weiß gegen Alexander Grischuk, in einem geschlossenen Sizilianer konnte er den Gegner im Mittelspiel strategisch überspielen.

Runde 2: Kramnik patzt

Schon seit einiger Zeit bereiten Partien zwischen Viswanathan Anand und Vladimir Kramnik Schachfans nostalgische Gefühle. Seit etwa 30 Jahren unterhalten uns diese Spieler mit faszinierenden Partien. Nun ist es keine Überraschung, dass sie sich gegenseitig als Freunde und Kollegen bezeichnen.

In der zweiten Runde hatte Anand mit Weiß die für Anti-Berlin Strukturen typische leichte Initiative. Kramnik akzeptierte strukturelle Schwächen, bekam dafür das Läuferpaar und hatte die Lage offenbar unter Kontrolle - jedenfalls bis zum 33. Zug:


Hier spielte Kramnik 33...Lc5 - Computer empfehlen stattdessen, die Struktur mit 33...c5 zu fixieren. Vishy profitierte von diesem Lapsus und mobilisierte seine Zentralbauern mit 35.d4 und 36.c5. Im Schwerfigurenendspiel mit Damen und vier Türmen hatte der Russe dann einen Tripelbauern am Damen- und einen Doppelbauern am Königsflügel. Anand manövrierte effizient mit seinen Schwerfiguren, dann beging Kramnik den entscheidenden Fehler:


Der Russe hatte gerade 41...De6? gespielt und musste nach dem simplen Doppelangriff auf König und Turm aufgeben: 42.Qd2+.

Alte Freunde | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In derselben Runde verlor Wesley So gegen Shakhriyar Mamedyarov seine erste Schnellpartie der diesjährigen Grand Chess Tour. Der Azeri gewann einen Bauern und konnte diesen Vorteil im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern gegen einen der besten Verteidiger der Schachszene verwerten.

Runde 3: Comebacks

Die beiden Spieler, die in Runde zwei verloren hatten, kompensierten dies direkt mit Siegen in der dritten Runde. Big Vlad hatte leichten positionellen Vorteil in seinem typischen Stil und bestätigte später die These, dass "Kramniks Freibauern immer zur Dame laufen" - Sieg gegen Mamedyarov in 36 Zügen. Derweil hatten Wesley So und Maxime Vachier-Lagrave eine fast perfekt symmetrische Stellung:


Asymmetrisch ist nur, dass Schwarz im Gegensatz zu Weiß nicht rochierte. Die Läufer sind dabei ungleichfarbig. Schwarz tauschte einige Figuren ab und verhinderte nicht, dass die weisse Dame in seine Stellung eindrang. Im 24. Zug gab So seine Dame für Turm und Läufer:


Nach 24.Dxb6 Te7 war das Damenopfer 25.Txe7 Dxb6 erzwungen. Es folgte 26.Txf7+ und nach einmaliger Stellungswiederholung 29.Txf6. So hatte offensichtlich richtig eingeschätzt, dass diese Materialverteilung ihn bevorzugt. Einige Züge danach war MVL in Zugzwang und gab auf:


Der schwarze König kann gar nicht ziehen, daher muss die Dame die Verteidigung des Bauern auf c5 aufgeben. Weiß wird auf c5 und a5 schlagen - dafür bekommt Schwarz zwar den Bauern auf b3 aber ein weisser Freibauer am Damenflügel läuft dann ohne große Probleme zur Dame. Es war definitiv eine unterhaltsame und lehrreiche Partie.

MVL hat nun Nachholbedarf, um beim Heimspiel in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Fabiano Caruanas zweite Niederlage des Tages war gegen Alexander Grischuk. Für einen Bauern hatte der Russe die Initiative am Königsflügel, ohne zu zögern gab er dann eine Qualität für vernichtenden Königsangriff:


Grischuk spielte 27...Txf3! und Caruana war gegen den Angriff auf seinen ungeschützten König hilflos.

Am Donnerstag beginnt die erste Runde um 12:00 MESZ, um Konkurrenz vom nächsten WM-Match der französischen Mannschaft auszuweichen. Wie immer wird chess24 live übertragen!

Du kannst alle Partien der Paris Grand Chess Tour im Viewer unten nachspielen:

Und Du kannst Dir den Livekommentar von Yasser Seirawan, Jovanka Houska und Alejandro Ramirez nochmals anhören:

Siehe auch:


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