Berichte 29.07.2019 | 13:28von Colin McGourty

Paris GCT, Rapid Tag 2: MVL übernimmt das Kommando

Die französische Nummer 1 Maxime Vachier-Lagrave hat bei der Grand Chess Tour in Paris nach Siegen gegen Anish Giri und Fabiano Caruana die alleinige Führung übernommen. Caruana war auf dem besten Weg, die Niederlage direkt wettzumachen, doch dann verlor er wie in Zagreb eine Gewinnstellung gegen Ian Nepomniachtchi. Daniil Dubov und Jan-Krzysztof Duda boten einmal mehr beste Unterhaltung, während Vishy Anand, der als geteilter Erster in den Tag gegangen war, alle drei Partien remisierte.

Mit zwei Siegen und einem Remis setzte sich Maxime Vachier-Lagrave in Paris an die Spitze| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der Grand Chess Tour Paris könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der englischen Live-Übertragung:

MVL löst Caruana an der Spitze ab

MVL konnte sich auch auf die Tour de France konzentrieren! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nachdem Maxime Vachier-Lagrave am zweiten Tag der Grand Chess Tour in seiner Heimatstadt Paris 5 aus 6 geholt hat, ist er auch die Nummer 2 der Schnellschach-Weltrangliste. Der Tag begann zwar nicht optimal für ihn, da Anish Giri als Weißer die ersten 26 Züge eines Najdorf-Sizilianers aufs Brett blitzte, doch zahlte sich MVLs Entscheidung, Material für dynamisches Spiel zu geben, letztlich aus. Für Giri läuft es bei diesem Turnier überhaupt nicht, und auch dieses Mal griff er fehl: 


Die Stellung war für Giri, der zudem keine Zeit mehr hatte, längst ein Alptraum geworden, doch wie MVL herausstellte, hätte Weiß seine Verluste immer noch auf eine Qualität beschränken können, etwa mit 47.Tg2 Sf5+ 48.Kh2 Sxg7 49.Txg7, wonach ein Remis der wahrscheinlichste Ausgang gewesen wäre. Stattdessen stellte Giri die Partie mit 47.Kf2? ein und konnte nach 47…Sd3+! aufgeben. 48.Ke3 (mit Deckung des Turms auf e2) scheitert an 48…Kf5+, wonach der Turm auf g7 verloren geht.

Maximes Fazit:

Bisher habe ich bei diesem Turnier viel Glück. Natürlich war eine Partie dabei, die ich gegen Ian praktisch kampflos verloren habe, doch andererseits gewann ich auch drei Partien mit Schwarz, bei denen ich - zumindest gegen Daniil und Anish - nicht mehr als ein Remis verdient hatte. Das ist natürlich ein toller Start, und ich fühle mich heute viel frischer als gestern, wo ich mich kaum wachhalten konnte. 

MVL-Caruana war die Schlüsselpartie des Tages | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Damit hatte MVL bereits die Führenden Anand und Caruana eingeholt, und musste eine Runde später in einer wichtigen Partie gegen den US-Amerikaner ran. Die Tage, in denen Großmeister ihre Neuerungen sich für wichtige Turnierpartien aufheben, sind lange vorbei, und dazu passt, dass MVL eine „hübsche Idee gegen seinen [Richter-]Rauzer” präsentierte:


8.e5 wurde schon gespielt, doch nach 8…dxe5 wurde in den Vorläuferpartien immer mit der Dame zurückgeschlagen. Stattdessen brachte MVL mit dem Bauernopfer 9.Dxd8+! eine Neuerung und meinte dazu: “Für den Bauern bekomme ich große Initiative. Nach 19 Zügen dachte MVL noch einmal sechs Minuten nach, weil er, wie er hinterher meinte, keinen Weg finden konnte, der zu direktem Vorteil führt: 


Der Plan, den “er einschlug”, funktionierte aber wunderbar. Auf 19.Lf1 folgten Sa4, c4, c5, und in der Folge wurde Fabiano sauber überspielt. Weitere elegante Manöver schlossen sich an, darunter auch kurz vor Partieende 49.g4!:

"MVLs 49.g4 hat eine künstlerische Note."

Nach 50 Zügen einer nahezu perfekt gespielten Schnellpartie gab Caruana auf:

Nach der Partie enthüllte MVL das "Geheimnis", dass er am Abend zuvor mit einem Freund Pro Evolution Soccer 2019 gespielt habe!

Alexander Grischuk war der einzige Spieler, der MVL am zweiten Turniertag stoppen konnte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der letzten Runde des Tages wiederholte Grischuk den Zug 3.h4!?, den er gegen MVL bereits beim Grand Prix in Riga gespielt hatte. Damals wurde Maxime auf dem falschen Fuß erwischt, lenkte in ein Benkö-Gambit über und gewann in brillanter Manier, doch dieses Mal ließ Grischuk den h-Bauern weiter nach vorn marschieren:

Die Partie endete letztlich remis, und MVL hatte die alleinige Führung übernommen. Vishy Anand fiel nach drei Remis einen Punkt hinter den Spitzenreiter zurück, wies aber gegenüber Maurice Ashley darauf hin, dass er seine Partie gegen Grischuk keineswegs mit dem Tempomat gespielt habe:

Heute Morgen hatte ich einen Bauern mehr und hätte am Ende fast noch schlechter gestanden. Wenn ich tatsächlich mit dem Tempomat unterwegs war, handelte sich um ein sehr altes Schiff!  

Auch das Remis gegen Nakamura war keineswegs so klar, jedenfalls stellte Nakamura fest: “Vishy hätte mich bestrafen können, denn im Mittelspiel stand ich vermutlich auf Verlust.“

Nepomniachtchi bezeichnete sein Schach als "einfach nur hässlich", doch Caruanas Chancen in Paris verschaffte er damit einen erheblichen Dämpfer | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Caruana schien zurückschlagen und sich punktgleich mit Anand auf Platz 2 setzen zu können, als Ian Nepomniachtchi im Pirc nach 12 Zügen auf Verlust stand. Nepo räumte ein, einen schönen Zug übersehen zu haben:


Bei so vielen hängenden Schwerfiguren hatte Nepo übersehen, dass Fabi 24.axb3! spielen konnte, wonach Weiß auf Gewinn stand, bis er 35.Dg5? spielte: 


Dabei übersah er den Trick 35…Sg4!, wonach plötzlich wieder alles möglich ist. Caruana stand nach 36.Te1! immer noch besser, aber danach wiederholte sich das Desaster aus Zagreb. Erst büßte er den Vorteil ein und dann wickelte er mit 52.Ld7? in ein verlorenes Endspiel ab:


Weiß stünde auf Gewinn, wenn Schwarz nicht 52…h2! hätte, doch danach sind die schwarzen Freibauern zu stark. Nach weiteren zehn Zügen war die Partie vorbei. 

„Wie in Zagreb verliert Caruana gegen Nepomniachtchi eine total gewonnene Stellung.“

Nepo bezeichnete sein Schach hinterher als “einfach nur hässlich” und fügte hinzu:

Natürlich war dies für Fabiano eine unglückliche Partie, und natürlich ist es eine Schande, dass ich so schlecht spiele und so viel übersehe!


Die Freiplätze sorgen weiter für Unterhaltung

Daniil Dubov ist einmal mehr eine Bereicherung | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Caruanas dritte Partie gegen Daniil Dubov endete remis, doch sie hatte es in sich. 15…b5!!? im sizilianischen Drachen war definitiv ganz nach dem Geschmack des jungen Russen:


Vielleicht sogar noch besser als der Zug war die Erklärung hinterher:

Meine Vorbereitung war definitiv gut, doch mein Gedächtnis ist mies, daher habe ich b5 am Brett gefunden… Zunächst einmal hat er alle Züge heruntergeblitzt, und nach b5 können im Grunde zwei Dinge passieren. Wenn er weiter alle Züge herunterblitzt, weiß er vermutlich Bescheid, und dann ist b5 sowieso absolut in Ordnung. Und wenn er anfängt nachzudenken, dann habe ich ihn wenigstens aus seiner Vorbereitung gebracht, was auch etwas wert ist…

Selbst wenn b5 also ein dummer Fehler ist, verliere ich im schlimmsten Fall auf meine Art und Weise. Ich greife an, ich opfere etwas und gebe auf, was immerhin eine schöne Notlösung ist!

“Ich halte das für einen Bluff”, meinte Peter Svidler, der nicht daran glaubte, dass es sich um eine vorbereitete Variante handelte. Auf jeden Fall verbrauchte Fabiano eine Minute, bis er den Köder schluckte, und stand laut Computer auch mehr oder weniger auf Gewinn, bis er sich von Dubov zu 19.g4?! “provozieren“ ließ. Nach 19…Db4! 20.b3 konnte Schwarz seine Probleme lösen.


20…Sxg4! 21.fxg4 Txe2! 22.Sxe2 Da3+ 23.Kb1 Txb3+! und beide Spieler hatten nichts Besseres als die Zugwiederholung.

Dubov erhielt viel Lob…

"Manche Spieler haben Angst, Material zu geben, und andere heißen Daniil Dubov."

… doch mehr war für ihn an diesem Tag nicht drin. Anschließend verlor er gegen Grischuk (“Eine interessante Partie, bis er eine Figur eingestellt hat”) und Nakamura, der im Mittelspiel eine starke Idee entdeckte und schließlich mattsetzte:

Dubov wartet in Paris noch auf seine erste Gewinnpartie, während es Jan-Krzysztof Duda bereits gelungen ist, originelles Schach mit Erfolg zu verbinden.

Jan-Krzysztof Duda zeigt, dass er den Freiplatz bei der Grand Chess Tour verdient hat | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das Remis gegen Nakamura war eine großartige Partie, die Nakamura so zusammenfasste:      

Die erste Partie gegen Jan-Krzysztof war irre. Vermutlich stand ich in der Eröffnung auf Verlust, dann stand ich besser, dann auf Gewinn und dann wieder auf Verlust. Am Ende stand ich vermutlich wieder auf Gewinn, es war aber auf jeden Fall ein großes Durcheinander!

Dudas Krönung kam in der zweiten Partie des Tages. Er wagte es tatsächlich, gegen Shakhriyar Mamedyarov den Zug g4, den er bereits im Viertelfinale des Grand Prix in Riga gespielt hatte, zu wiederholen:


Hatte der junge Pole denn nichts dazugelernt? Man könnte sagen, er habe sich diese Worte von Mamedyarov nicht zu Herzen genommen:

Für mich ist die Stellung einfach zu spielen, da mir der Computer nach jeder Partie, in der ich Tg1, g4 und Angriff spiele, sagt: „Sehr schlechte Stellung, sehr schwacher Angriff!“

Dudas Fazit nach der Partie in Paris:

Ich habe dieselbe Stellung wie beim Grand Prix ausprobiert, wo ich mit Weiß verloren habe, weil ich nach Tg1 und g4, g5 angefangen habe nachzudenken – das war das Dümmste, was ich tun konnte! Denn ich dachte, ich kann h4, h5 spielen, aber was dann? Und dann machte ich einige extrem solide Züge wie a3, Dc2 und wurde überspielt. Dieses Mal entschied ich mich, aggressiver zu spielen. Und ich beschloss, keine Zeit mit Tg1 zu verlieren, sondern g4 direkt zu spielen. Das Problem ist, dass ich nach Sxg4 einen Bauern weniger habe…

Dieses Mal wurde Duda für sein Risiko belohnt, da sein Gegner mit 18…e5? einen fatalen Fehler beging:


19.Dxf5!! gewinnt in allen Varianten, wobei 19…exf4 an 20.Lxf6! mit Mattdrohung auf h7 scheitert, weil zum Beispiel auf 20…g6 schon 21.Nxh7! entscheidet. Nach fünf bitteren Minuten kämpfte Mamedyarov mit 19…Tad8 weiter und brachte seinen Gegner immerhin so durcheinander, dass er noch das Endspiel erreichte. Duda ist aber auch im Endspiel stark, und ihm gelang es, Shakh mit dem unschuldig anmutenden 31.Ke2 auszutricksen, denn als Mamedyarov auf Bauernjagd ging, folgte 32.Kf2!:


Der Springer geht nach 32…Sxh3 33.Kg2 verloren, doch nach 32…Tg8 33.Sf4! ist der Schwarze völlig paralysiert und gab auf. “Mir gefällt sein Schach wirklich sehr!”, meinte ein beeindruckter Peter Svidler.

Ein Rückschlag für Mamedyarov, doch gegen Nepo und Giri feierte er am selben Tag Siege | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nach zwei Tagen Schnellschach hat MVL einen Punkt Vorsprung auf Anand und Duda:


Am Montag wird letztmals Schnellschach gespielt, ehe am Mittwoch und Donnerstag 18 Runden Blitz auf dem Programm stehen. Der führende MVL muss erst gegen Nakamura ran und dann in Runde 8 und 9 gegen seine schärfsten Verfolger Anand und Duda antreten!

Ab 15:00 Uhr könnt ihr wieder live auf chess24 dabei sein.

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 7937063354
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options