Berichte 28.07.2019 | 21:26von Colin McGourty

Paris GCT, Rapid Tag 1: Anand & Caruana in Führung

Fabiano Caruana besiegte in überzeugender Manier am ersten Tag der Pariser Grand Chess Tour Hikaru Nakamura im Schnellschach und eroberte damit auch gleichzeitig den zweiten Platz in der Weltrangliste. Er nahm nie Tempo aus dieser rasanten Fahrt am ersten Tag und ließ nur ein Remis gegen Vishy Anand zu, der auch Ian Nepomniachtchi und Anish Giri besiegte, um sich mit ihm die Führung zu teilen. Die engsten Verfolger sind Maxime Vachier-Lagrave und Jan-Krzysztof Duda, wobei der Sieg des jungen Polen gegen Alexander Grischuk die mit Abstand beste Partie des Tages darstellte.

Fabiano Caruana und Vishy Anand sind die ersten Führenden in Paris | Foto: Justin Kellar, Grand Chess Tour

Alle Partien aus dem Pariser Schnellschach- und Blitzturnier kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar von Tag 1:

Es scheint fast so, als ob die Spieler ausnutzen wollten, dass Magnus Carlsen in Paris nicht mit am Start ist. Denn in den ersten 15 Partien gab es am ersten Tag nur 4 Remis. Das führte dazu, dass die Teilnehmer am Ende des Tages hübsch in Pärchen aufgeteilt waren (es gibt zwei Punkte für einen Sieg im Schnellschach-Part des Turniers):


Schauen wir uns die Pärchen einzeln an:

Fabiano Caruana und Vishy Anand | Score: +2 (5/6)

Die ersten Runden können ein Turnier entscheidend beeinflussen und Nakamura-Caruana war eine wichtige Partie. Es war nicht nur ein Kampf zwischen den beiden amerikanischen Starspielern, sondern auch ein Kampf zwischen der Nummer 2 (Hikaru Nakamura) und Nummer 3 (Fabiano Caruana) der Welt im Schnellschach. Der amtierende Grand Chess Tour Champion Nakamura war in Zagreb an seinem Tiefpunkt angelangt und braucht nun ein gutes Turnier in Paris, um die Qualifikation für das diesjährige Londoner Finale doch noch zu schaffen. Und mit Weiß spielend hatte er allen Grund, gegen Fabiano den ganzen Punkt in Angriff zu nehmen - obwohl Hikaru in der klassischen Elo-Liste um fast 75 Punkte zurückliegt, hat er in den vorangegangenen Begegnungen mehr als doppelt so viele Schnell- und Blitzpartien gegen Fabiano gewonnen.

Caruana auf dem Weg zu einem guten Start | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Im Nachhinein mag Nakamura jedoch seine ambitionierte Offensive am Königsflügel bedauert haben:

Was ich tat wäre wohl in einer klassischen Partie absolut in Ordnung gewesen, aber im Schnellschach so alles auf eine Karte zu setzen, das war keine gute Entscheidung.

Was er damit meinte, war, dass er viel Zeit darauf verwendete, die genauesten Züge zu finden, um auf Vorteil zu spielen, während Caruana auf der anderen Seite einfach nur reagierte und sich einen Vorteil auf der Uhr sicherte. Nach und nach übernahm Schwarz dann das Heft des Handelns und Fabiano meinte zu seinem 30...Dc7!, was das Feld c2 unter Kontrolle bringt:


Er kann den Läufer nicht von e4 vertreiben, das war die Idee hinter ...Dc7 - und wenn er das nicht kann, ist es eine Katastrophe für ihn. Der Läufer steht dort auf ewig und er kann nichts dagegen tun.

Peter Svidler erklärte an dieser Stelle, wie schwer es für Weiß ist, überhaupt einen Zug zu finden und wies auf den Plan ...a5, ...Dd6 und ...h6 hin mit der Idee, die schwarze Dame nach h4 zu überführen, wonach schon ein zügiges Matt drohen würde. Die Partie ging dann natürlich weiter mit: 31.Tf1!? a5! 32.Ld2 Dd6! 33.a4 h6! und nun 34.g6?!, was bereits Verzweiflung war. Die Partie dauerte dann auch nicht großartig länger:

chess24: Caruana schnappt sich den Platz als Nummer 2 der Welt im Schnellschach von Nakamura und eröffnet die Grand Chess Tour in Paris mit einem überzeugenden Sieg!

Mit diesem Sieg überholte Caruana Nakamura im Live-Rating:


Nicht schlecht für einen Spieler, der schlecht in kürzeren Zeitkontrollen ist? Fabiano meinte dazu:

Die Leute ignorieren Ergebnisse, wenn sie meine Resultate im Schnellschach kritisieren, denn ich habe all diese Partien gespielt und 80% von ihnen gewonnen, auch Tiebreaks, von daher weiß ich nicht, warum. Habe ich ein schreckliches Turnier, dann schauen sich die Leute genau diese Turniere an und vergessen meine ansonsten guten Ergebnisse.

Sein Tag sollte sogar noch besser in der nächsten Runde werden, da Jan-Krzysztof Dudas Entscheidung, Russisch gegen jemanden zu spielen, der diese Eröffnung für einen WM-Kampf vorbereitet hatte, nach hinten losging. Einer von Caruanas Sekunden, Alejandro Ramirez, bestätigte in St. Louis, dass die Neuerung 13.a3! ein Zug war, den sie damals fürchteten, da Schwarz darauf unsagbar präzise reagieren muss, um zu überleben. Duda schaffte das für ein paar Züge, aber nach 18...Tfe8? hätten die Lichter für ihn auch sofort ausgehen können:


Nachdem Duda den Zug ausgeführt hatte, sah er, dass er wegen 19.Sxf7! Lxf7 20.Txe7! Txe7 21.Dg5! verliert.

chess24: Fabi steht immer noch sehr gut, aber er übersah 19.Sxf7! Lxf7 20.Txe7! Txe7 21.Dg5!, wonach e7 und g7 gleichzeitig hängen. 

Fabi dachte für eine Minute nach und spielte dann überraschenderweise 19.Df4!?, wonach Schwarz nahe dran war, komplett ausgleichen zu können. In der Folge war der Zeitvorteil Fabianos in solchen Stellungen ein großer Vorteil und Fabi fand den Killerzug später, wonach er den zweiten vollen Punkt unter Dach und Fach brachte.

Vishy Anand gewann ebenfalls seine ersten beiden Partien. In der ersten Partie schaffte er einen unerwartet leichten Sieg gegen Ian Nepomniachtchi. Als 22.c5! auf dem Brett erschien, war schon klar, dass irgendetwas schrecklich schief für Schwarz gelaufen ist:

chess24: Nepo spielt sehr schnell, aber steht er gegen Vishy auf Verlust?

Nepomniachtchi erklärte dazu später:

Der Tag begann nicht so rosig, weil ich gegen Vishy vielleicht zu optimistisch war. Ich wollte mit Schwarz auf Sieg spielen, und ich erlaubte Weiß ein sehr schönes und einfaches Spiel mit c4-c5. Ich dachte, dass der weiße König auf dem Königsflügel exponiert sein würde, aber in Wirklichkeit hatte ich nie die Zeit, um das auszunutzen.

Die Analyse nach der Partie, als Vishy Giri in Runde 2 schlagen konnte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der zweiten Partie des Tages gewann Vishy gegen Anish Giri einen Bauern, aber eigentlich schien diese Begegnung prädestiniert dafür, im Remis zu enden. Doch dann nutzte der ehemalige Weltmeister einen Fehler seines jungen Gegners im Turmendspiel aus. In der dritten Partie war Vishy derjenige, der in Nöten war, aber er schaffte es, eine schwierige Stellung gegen Caruana zu halten, sodass beide als gemeinsam Führende den ersten Tag beendeten.

Keiner der anderen Spieler schaffte es, unbesiegt zu bleiben.

Maxime Vachier-Lagrave und Jan-Krzysztof Duda: Score +1 (4/6)

Einen Punkt zurück liegen die französischen und polnischen Spieler mit drei Namen, die beide zwei Partien gewinnen konnten. Maxime war direkt von der Enttäuschung über die Niederlage im Finale des FIDE Grand Prix aus Riga angereist, aber sein Kampfgeist verhalf ihm zu einem guten Start. Er gab zu, dass er von Daniil Dubov "vom Haken gelassen" wurde, der eine Neuerung spielte, um sich einen großen Eröffnungsvorteil zu verschaffen. Doch dann verbrauchte Dubov zu viel Zeit mit der Suche nach Gewinnchancen, dass er am Ende sogar die Segel streichen musste.

Maxime lernt zu fliegen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In Runde 2 konnte Maxime dann ein wenig Rache für den FIDE Grand Prix nehmen, da er Shakhriyar Mamedyarov schlagen konnte. Dieser hätte womöglich ein schlechter stehendes Endspiel halten können, wenn er bereit gewesen wäre, passiv zu spielen. Das machte in Summe zwei Schwarzsiege für Maxime. Doch den Tag ruinierte er sich ein wenig damit, dass er mit Weiß gegen Ian Nepomniachtchi in einer derzeit beliebten Variante im Caro-Kann verlor.

Der 21 Jahre alte Jan-Krzysztof Duda ist bereits ein gefürchteter Gegner im Schnell- und Blitzschach | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Jan-Krzysztof Duda hatte einen ähnlichen Start ins Turnier. Nach der Eröffnung stand er gegen Anish Giri vor großen Problemen, bis dieser dann im 35. Zug unerwartet eine Figur ins Geschäft steckte. Wäre das nicht passiert, meinte Duda, dann "wäre es eine total zufällige Partie gewesen", aber nach dem Opfer stand er besser und konnte das Endspiel gewinnen. In der darauffolgenden Partie gegen Caruana ging es wie oben bereits beschrieben direkt nach der Eröffnung bergab. Doch in der letzten Partie des Tages nutzte der 21 Jahre alte Pole seine Chance, um zu glänzen!

In einer scharfen Variante konnte er gegen Grischuk die ersten Züge blitzen, denn entweder war Grischuk unvorbereitet oder er vergaß die Variante. Dabei wurde diese ungewöhnliche Stellung bereits in einem Buch untersucht...

Romain Edouard: Ich bin mir recht sicher, dass mich die Stellung an etwas erinnert: Adrien Demuths Buch zur Reti-Eröffnung, Seite 262!

…uns bis zu 15.Tg1 wurde das auch bereits schon in Tiger Hillarp Persson vs. Jonny Hector während der Dänischen Meisterschaft 2014 gespielt:


Hier spielte Hector 15...Dxh2 und Duda meinte nach der Partie, dass er sich erinnerte, dass dann 16.bxc6! Dxg1+ 17.Kd2 extrem gut sei für Weiß. Grischuk verteidigte stattdessen den Punkt c6 mit 15...Se7!?, wonach Jan-Krzysztof auf sich allein gestellt war. Wie so oft in solchen Fällen war dann Dudas erster eigener Zug 16.Sd2?! ein Fehler. Korrekt gewesen wäre der andere Zug, den Duda ebenfalls berechnete, nämlich 16.Txg2! Dazu meinte er: "Natürlich ist es immer gefährlich, solch einen Bauern nicht sofort zu verhaften."

Danach sollte der Thriller weitergehen, doch Duda war aufgrund seines Zeitvorteils auf der Uhr immer noch der klare Favorit. Grischuk hingegen ist nun wirklich keine Niete, wenn er wenig Zeit zur Verfügung hat und so war 20...Le7 ein weiterer Zug, der Duda überraschte:


Das nötigte ihn quasi, das brillante 21.axb7! Txa4 22.Txa4 0-0 23.Ta8 zu spielen, worauf lediglich 23…Te8 eine Ungenauigkeit darstellte (23…cxb5! ist ausgeglichen, wenn man dem Computer glauben darf):


Die drei Minuten, die Duda hier überlegte, gab den Kommentatoren genau die benötigte Zeit, um herauszuarbeiten, warum das erstaunlich kaltblütige 24.Kd2! so stark vom Computer bevorzugt wird, bevor Duda es dann auch wirklich spielte! 24...Kf8? war der entscheidende Fehler, denn es erlaubte Duda, mit einer Leichtfigur mehr übrig zu bleiben: 25.Txe8+! Dxe8 26.Lxd5! Ld8 27.Lf4! La5+ 28.Kd1:

chess24: Duda schlägt Grischuk in der "bisher verrücktesten Partie des Turniers" (Svidler)

Jonathan Tisdall: Bewundernswerte Zurückhaltung, vielleicht die größte des Jahres zumindest, womöglich aber noch mehr.

Beeindruckend stark vom jungen Polen gespielt. Wie findet er oft solch lebhafte Stellungen gegen die besten der Welt?

Ich fühle mich im Schnellschach und Blitz wohler als im klassischen Schach, und ich gewöhne mich eigentlich langsam an diese Jungs! Natürlich ist es stressig, aber ich denke, dass ich ohne Druck spielen kann. Niemand erwartet wirklich etwas von mir, glaube ich, also habe ich nur Spaß und genieße es, Schach zu spielen.

Svidler verneinte das letzte Statement, da er das Gefühl hat, dass mittlerweile viel von Duda erwartet wird.

Ian Nepomniachtchi und Alexander Grischuk | Score: 50% (3/6)

Alexander Grischuk verfolgt die Partien im Vivendi Head Office | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Beide Spieler können prinzipiell Ambitionen haben, jedes Schnell- und Blitzschachturnier zu gewinnen. Doch beide erlitten eine schwere Niederlage, Grischuk gegen Duda und Nepomniachtchi gegen Anand, erzielten ein Remis, wo jeweils mehr drin gewesen wäre und gewannen eine Partie auf überzeugende Art und Weise. Nepo besiegte MVL, während Grischuk Nakamura in einer beeindruckend ruhigen, positionellen Partie ausspielte, indem er zuerst einen Bauern für positionelle Dominanz investierte und später zurückgewann. Schlussendlich gewann er so auch noch zusätzliches Material und die Partie.

Peter Svidler nahm sich eine Auszeit von der Schachanalyse, um Ians "Man Bun" zu kommentieren: "Er investiert viel darin, dass es gut aussieht - aber ich weiß nicht, ob ich ihm da zustimmen kann!" | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hikaru Nakamura und Daniil Dubov | Score: -1 (2/6)

Hikarus Kampfgeist kam nach zwei Niederlagen ein wenig zurück, nachdem er Shakhriyar Mamedyarov in der letzten Partie des Tages besiegen konnte. Dabei war Nakamura seinem Gegner dankbar, so ambitionslos in einer ruhigen Stellung gespielt zu haben, anstatt gleich den Remishafen anzusteuern.

Nakamura begann mit zwei krachenden Niederlagen, hier gegen Grischuk | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Dubov, einer der Wildcard-Inhaber, musste eine eher peinliche Niederlage gegen MVL in der ersten Runde einstecken, da er auf Gewinn stand. Aber danach stabilisierte er sich erfolgreich durch Remisen gegen Nepomniachtchi und Giri.

Anish Giri und Shakhriyar Mamedyarov | Score: -2 (1/6)

Das Remis gegen Dubov war dann auch alles, was der Niederländer am ersten Tag vorzeigen konnte. Zweimal verlor er Stellungen gegen Duda und Anand, die er eigentlich nicht verlieren darf. Und in Bezug auf Mamedyarov ist es unwahrscheinlich, dass ein paar Niederlagen im Schnellschach ihn allzu sehr aus der Bahn werfen, nachdem er gerade noch beim Rigaer FIDE Grand Prix triumphierte. Er ist einer der Spieler, die wirklich vom Ruhetag am Dienstag profitieren könnten, bevor dann am Mittwoch das Blitzen beginnt.

Im Gegensatz zu vorherigen Jahren wird nun in den Studios von Canal+ gespielt, sodass auch Zuschauer vor Ort sind | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Doch zuvor stehen noch zwei Tage Schnellschach auf dem Programm. Vergiss nicht, ab 15:00 Uhr MEZ einzuschalten und bei unserer Live-Kommentierung mit dabei zu sein

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