Berichte 31.01.2020 | 23:47von Colin McGourty

Paravyan & Tan Zhongyi siegen beim Gibraltar Masters 2020

Der 21-jährige russische Großmeister David Paravyan ist der Überraschungssieger der Gibraltar Masters 2020, nachdem er Andrey Esipenko und Wang Hao im Tiebreak besiegt hat. Sieben Spieler hatten am Ende das Turnier mit 7,5/10 beendet, vier spielten ein Stechen um den mit 30.000 Pfund dotierten Hauptpreis. Das bedeutete, dass Mustafa Yilmaz, David Navara und Maxime Vachier-Lagrave allesamt fehlten - im Fall von MVL um einen einzigen Punkt Unterschied in der Elo-Performance! Die Chinesin Tan Zhongyi gewann den mit 20.000 £ dotierten Hauptpreis für die Frauen, nachdem sie den französischen Meister Maxime Lagarde schlug und mit 7/10 das Turnier beendete.

David Paravyan und Tan Zhongyi mit ihren Siegertrophäen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien des Turniers kannst du hier nachspielen:

Runde 9: Maghsoodloo hält den Traum am Leben

Maghsoodloo-Esipenko war eine Partie, die alles veränderte | Foto: John Saunders, Turnierseite

21 Spieler gingen mit der Chance auf den ersten Platz in die Finalrunde des Gibraltar Masters 2020, aber es hätte alles ganz anders kommen können. In der vorletzten Runde opferte der ehemalige Junioren-Weltmeister Parham Maghsoodloo zum zweiten Mal in Folge seine Dame. Doch diesmal brachte es ihm nur eine verlorene Stellung gegen den 17-jährigen russischen Großmeister Andrej Esipenko ein. Hätte Andrey seinen Vorteil genutzt, wäre er mit einem halben Punkt Vorsprung in die letzte Runde gegangen, und nur Wang Hao, David Paravyan und Mustafa Yilmaz hätten ihn noch einholen können. Bis 50.Kh2 lief für ihn auch alles nach Plan:


Hier nachte Andrey 34 Sekunden nach und spielte das scheinbare siegbringende 50...Dxa4?. Der b-Bauer kann nicht ziehen oder der c6-Turm geht verloren, aber hier entfesselte Parham den Zwischenzug 51.Tc8! und drohte mit Matt auf h8. Andrey dachte dann 8 Minuten lang über 51...g5 nach, aber es war zu spät. Da der Turm nun nicht mehr hing, konnte Parham den b-Bauern doch noch nach vorn schieben und es stellte sich heraus, dass es gerade noch rechtzeitig war. Esipenko hatte schließlich nichts Besseres, als ein Remis durch Dauerschach zu forcieren. In der obigen Stellung hätte Schwarz stattdessen 50...De5+ spielen sollen, seinen c-Bauern nach vorne ziehen, diesen Bauern schlussendlich gegen den b-Bauern von Weiß tauschen und erst dann den a4-Bauern einsammeln.

Für Esipenko war es ein knapp verpasster Sieg, aber Schach auf höchstem Niveau ist ein brutaler Sport. Maxime Vachier-Lagrave kommentierte einen Tag später, nachdem Esipenko seine Finalpartie gegen Wang Hao unentschieden gespielt hatte und alles auf ein Stech hinauslief:

Hätte er gestern gewonnen, würden wir wahrscheinlich nicht über Playoffs sprechen, und er hätte auf jeden Fall gewinnen müssen. Es liegt jetzt an ihm, mentale Stärke zu zeigen, denn natürlich ist er sehr jung, aber wenn er ein Spitzenspieler werden will - und das könnte er leicht werden - muss er diese Art von Stärke zeigen. Vielleicht wäre es schön, ihn gewinnen zu sehen... um eine Aussage darüber treffen zu können.

Runde 10: Maxime wieder ganz knapp vorbei

Das späte Drama in Maghsoodloo-Esipenko gab plötzlich 17 Spielern Hoffnung. Aber wie man sagt, ist es die Hoffnung, die einen umbringt. Das Gibraltar Masters sah wie eine Chance für Maxime Vachier-Lagrave aus, nachdem er die Qualifikation für das Kandidatenturnier wieder einmal ganz knapp verpasst hatte. Stattdessen ging seine Pechsträhne weiter. Remisen an den beiden oberen Brettern bedeutete, dass 7,5 Punkte für einen geteilten Sieg nach Punkten reichte. Und er schaffte es, indem er seine letzten beiden Partien gegen Emre Can und dann, in genau 100 Zügen, gegen Parham Maghsoodloo gewann..

Genau 100 Siege und Maxime gewinnt... und dann doch wieder nicht! So ist das Leben!

Es gab jedoch noch eine weitere grausame Wendung des Schicksals, denn die Regeln in Gibraltar sehen vor, dass maximal vier Spieler Tiebreaks um den Hauptpreis spielen dürfen. Vielleicht war es unvermeidlich, dass Maxime auf Platz 5 eintrudelte - nur 1 Punkt in der Eloperformance hinter dem Vierten:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. Performance
116GMEsipenko Andrey26547,52809
23GMWang Hao27587,52792
346GMYuffa Daniil25667,52774
422GMParavyan David26297,52760
52GMVachier-Lagrave Maxime27707,52759
65GMNavara David27177,52711
728GMYilmaz Mustafa26077,52701
813GMMaghsoodloo Parham26747,02743
56GMWerle Jan25457,02743
104GMTopalov Veselin27387,02710
1148GMAryan Chopra25627,02709
1227GMKobalia Mikhail26097,02684
1329GMKarthikeyan Murali26067,02671
1410GMAdams Michael26947,02668
156GMLe Quang Liem27137,02667
1612GMJones Gawain C B26797,02654
1714GMSaric Ivan26557,02649
18GMSasikiran Krishnan26487,02649
1934GMMoussard Jules26007,02647
2031GMPraggnanandhaa R26027,02632
2123GMDeac Bogdan-Daniel26267,02627
2275GMTan Zhongyi24937,02600
2325GMVocaturo Daniele26227,02567

Daniill Yuffa kam vor ihm ins Ziel und zeigte, dass er noch mehr als nur Klavier spielen kann…

Der junge russische Star Daniill Yuffa feiert seinen Sieg gegen den indischen Star Sasikiran damit, am Klavier im Caleta Hotel zu spielen. Yuffa ist ein berühmter Pianist und ist bereits im russischen Fernsehen und Talentshows aufgetreten!

…wobei auch eine wirre Regel ihm half. Es stellte sich heraus, dass es für die Performance hilfreich ist, sich einen halben Punkt für ein Bye zu sichern, statt alle 10 Runden durchzuspielen:

Für das nächste Gibraltar Masters: Meiner Meinung nach sollte die erste Feinwertung, wenn man ein Bye genommen hat, die Durchschnittselo abzüglich des schwächsten Spielers sein und nicht die Performance. Ansonsten sind Spieler bevorteilt, die 7/9 anstatt 7,5/10 geholt haben.

Maxime hatte also wieder einmal Pech gehabt, aber er gestand: "Ich habe es nicht wirklich verdient". Er war auch nicht allein. Mustafa Yilmaz verpasste die Playoffs, ebenso wie David Navara, der seine letzten beiden Partien gewann, darunter ein Kandidat für die beste Partie des Turniers. Alan Pichot hatte eine Figur mehr, aber 27.Kf3? war ein Schritt in die falsche Richtung:


27…f5! 28.gxf6 Dh5+! 29.Kxe4 und Navara hatte eine weitere Figur geopfert, um den König ins Verderben zu locken. Der weiße Monarch endete schlussendlich auf e7, wonach Pichot im 37. Zug aufgab. Hier spricht David über die Partie (er verriet später, dass er durch den Kauf von Schokolade inspiriert worden war, auf der "feiner Abgang" stand!):

Drama im Stechen

In Abwesenheit von Maxime Vachier-Lagrave war der 30-jährige Wang Hao der klare Favorit in den Tiebreaks, und er rechtfertigte dies mit einem glatten 2:0-Sieg gegen Daniil Yuffa. Das andere Halbfinale, zwischen David Paravyan und Andrey Esipenko, war alles andere als glatt, denn David beschrieb später: "Ein sehr langer Tag, sehr verrückte Partien und ein sehr verrücktes Match gegen Esipenko"!

Paravyan begrub am Ende Esipenkos Hoffnungen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Das Drama begann mit der ersten 10-Minuten_Partie, in der Esipenko am Ende mit Weiß besser stand, aber eine ungewöhnliche dreifache Stellungswiederholung zuließ. Das verwirrte die Schiedsrichter eine Zeit lang, aber David bestand zu Recht darauf, und die erste Partie endete somit friedlich. In der zweiten war es Paravyan, der einige Chancen mit Weiß hatte, aber das Match ging schlussendlich zu den Blitzpartien über.  

In der ersten Blitzpartie stand Andrey mit Schwarz auf Gewinn, zunächst taktisch und dann technisch, aber es war nie leicht bei der Geschwindigkeit, zu der sie gezwungen waren. Die Auseinandersetzung endete mit nackten Königen. Als David danach interviewt wurde, sagte er, er hatte das Gefühl, in der zweiten Blitzpartie "glatt auf Verlust" gestanden zu haben. Aber in Wirklichkeit war er derjenige, der den Sieg verpasst hatte!


36...Te8!, was den gefesselten Turm auf e4 angreift, ist wegen 37.Sxd2 Tad8! eine schöne Variante, bei der Schwarz eine Fesselung in der Mitte des Brettes ausnutzt. Stattdessen war Esipenko nach 36...Txa2? 37.Sd4! aus dem Gröbsten heraus, bevor er später ein Remis erzwang. Damit endete das Halbfinale im Armageddon!

FIDE Präsident Arkadiy Dvorkovich und Turnierdirektor Stuart Conquest schauen mit Tania Sachdev die Playoffs | Foto: John Saunders, Turnierseite

David hatte Weiß und musste gewinnen, was er auch tut. Und es schien, dass er Recht hatte, als er meinte: "Es war eine sehr gute Partie." Er gab trotzdem zu, dass er nah dran war, einen üblen Bock zu schießen!


Eigentlich wollte er 11.Se4?? spielen, was auf der Stelle wegen 11...Dh4! verliert. Nach 11.Sxd5 war er seinen 17-jährigen Landsmann aus dem Wettbewerb, da Schwarz bald auf dem Brett und der Uhr auf Verlust stand.

Der 21 Jahre alte David Paravyan schlägt Andrey Esipenko im Armageddon und wird nun gegen Wang Hao um 30.000 Pfund spielen!

Wang Hao schien nun der noch größere Favorit im Finale zu sein, immerhin konnte er sich im Gegensatz zu seinem Gegner ausruhen. Aber David gab im Anschluss preis, dass Erschöpfung auch seine positiven Seiten hat:

Ich war einfach nur platt, nicht nervös - Ich wollte nach Hause und dieses Match gar nicht spielen!

In der ersten 10-Minuten-Partie des Finals sollte die Enthscheidung fallen. Der Chinese kam mit Weiß gut aus der Eröffnung, wurde aber bald zu ambitioniert, als er seinen a-Bauern investierte, um einen taktischen Schlag zu landen:


24.Sxh6!? Txf3! 25.Dxf3 gxh6 26.Df6+ Kh7 27.Txd6! cxd6 28.Dxd6 Ta6 29.Dxe5 war äußerst mutig, aber als sich der Staub gelegt hatte, war es Weiß, der sich darum bemühte, Kompensation für das geopferte Material nachzuweisen. An einigen Punkten kam er einem Remis sehr nahe, aber am Ende erzielte David mit den schwarzen Figuren einen entscheidenden Sieg.

Wang Hao verpasste den Sieg ma Ende knapp. Aber kurz vor dem Kandidatenturnier lieferte er ein weiteres, starkes Turnier ab | Foto: John Saunders, Turnierseite

In der nächsten Partie brauchte Paravyan nur ein Remis mit Weiß, um den Titel zu gewinnen, aber wie er sagte: "Ich weiß nicht, wie Weiß gegen die Najdorf-Variante forciert ein Unentschieden holen kann!" Damit ist er nicht allein, aber trotz einiger wackeliger Momente hat er Wang Haos Angriffsbemühungen überstanden und den mit 30.000 Pfund dotierten Hauptpreis gewonnen. Das war eindeutig das beste Ergebnis seiner bisherigen Karriere:

Doch das war nicht sein einziger Erfolg. Er startete als Nr. 110 der Setzliste, belegte aber im vergangenen Jahr beim Grand Swiss auf der Isle of Man den 10. Platz und holte sich dort Siege über Grandelius, Ponomariov, Nabaty und McShane. Zuvor war er bereits wegen einer Partie (und einem Zug) in 2018 bekannt geworden:


Hier spielte er 24.Qc7!! bei seinem Sieg gegen Saveliy Golubov im Korchnoi-Gedenkturnier. In Gibraltar ist vielleicht seine Partie aus Runde 5, sein Sieg gegen Leandro Krysa besonders. Paravyan hatte Weiß, gewann die Qualität und war dann bereit, nach 36...Sc5? ganz ruhig eine Figur zu geben:


37.fxe5!! Sxa4 (was sonst?) 38.exf6! Dg8 39.Te2 d3 40.Dd4! und Schwarz gab auf.

Russland hat also einen weiteren talentierten Großmeister. Kurios ist, dass der 21 Jahre alte Paravyan lediglich drei Tage jünger ist als der Sieger des letzten Jahres, Vladislav Artemiev.

Tan Zhongyi und Lei Tingjie schnappen sich die Frauenpreise

Tan Zhongyi und Lei Tingjie konnte man in Gibraltar kaum trennen | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Nach der Niederlage im Finale teilten sich Wang Hao zusammen mit Andrey Esipenko, Daniil Yuffa, Maxime Vachier-Lagrave, David Navara und Mustafa Yilmaz die Preise für den 2. bis 7. Platz, die jeweils 10.500 Pfund betrugen. Das war keineswegs ein schlechter Deal, aber er wurde durch die 20.000 Pfund, die Tan Zhongyi für die Platzierung als beste Frau mit 7/10 erhielt, in den Schatten gestellt. Lei Tinjie gewann 10.000 Pfund für den alleinigen zweiten Platz mit 6,5/10.

Die ehemalige Weltmeisterin der Frauen, Tan Zhongyi, schloss mit einem Sieg über den französischen Meister Maxime Lagarde das Turnier ab. Er war sehr glücklich, dass Lei Tingjie in der vorletzten Runde ein Remis trotz gewonnener Stellung erreicht hatte. Diesmal durfte ein brutales Ende der Partie aber  nicht fehlen.:


36.Td4! gewinnt so oder so einen ganzen Turm. Schwarz gab daher auf.

Das anschließende Interview mit der Gewinnerin ist das Ansehen wirklich wert, denn Lei Tingjie fungiert als Dolmetscherin für ihre Landsfrau, Freundin und gibraltarische Mitbewohnerin Tan Zhongyi. Es stellt sich heraus, dass ihre "Turnierstrategie" ein Bye nicht in Runde 6, wie sonst üblich, sondern in Runde 7 beinhaltete, da Runde 6 in diesem Jahr ein Sonntag war und die Geschäfte geschlossen waren. Beim Einkaufen hat Tan Zhongyi nun mehr Möglichkeiten, als sie erwartet hat, denn erst nach dem Ende des Turniers stellte sie fest, dass der Preis für die besten Frauen von 15.000 £ (den sie 2019 gewonnen hat!) auf 20.000 £ in diesem Jahr gestiegen ist.

Fassen wir zusammen...

Vassily Ivanchuk folgte Korchnois Ratschlag, in die Stadt zu gehen und etwas für sich zu kaufen! | Foto: John Saunders, Turnierseite

Das wars im Prinzip vom Gibraltar Masters 2020. Aber vielleicht möchtest du dir doch noch ein paar Höhepunkte auf Youtube anschauen. Zu den Höhepunkten gehört ein langes Interview mit Vassily Ivanchuk, der einige großartige Partien gespielt hat, aber auch verrät, wie er einige Ratschläge von Viktor Korchnoi genutzt hat, um über eine verlorene Partie in Runde 8 hinwegzukommen:

Und natürlich gibt es noch Tania Sachdevs Interview mit einer weiteren Legende, dem 12. Weltmeister Anatoly Karpov:

Zum WM-Match 1984 gegen Garry Kasparov, das schlussendlich abgebrochen wurde, obwohl Karpov nach 48 Partien mit 5:3 führte, sagte er:

Hätte ich das Match gewonnen, insbesondere im Falle von 6:0 (und ich hatte Chancen dazu), dann wäre Kasparov nie Weltmeister geworden. Es ist offensichtlich, dass er völlig zerstört gewesen wäre, psychologisch am Boden. Denn er ist sehr emotional. Von daher glaube ich, dass er nicht der beste Spieler der Welt geworden wäre.

Und das war es nun…

…doch das Top-Schach geht weiter, mit Magnus Carlsen gegen Rauf Mamedov beim Geschwätzblitz-Cup ab 15 Uhr MEZ am Samstag, den 1. Februar!

Weitere Links:


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