Berichte 02.10.2018 | 17:43von Colin McGourty

Olympiade Batumi 2018, R7: Die Spannung steigt

In Runde 7 der Olympiade in Batumi endeten vier von fünf Matches an den vordersten Tischen unentschieden, damit konnten die USA nur vier Runden vor Turnierende die zuvor führenden Teams aus Polen und Aserbaidschan einholen. Russland mühte sich weiterhin ab und war mit einem Mannschaftsremis eher gut bedient. Dagegen gewannen Indien, Frankreich, Spanien und England alle und liegen damit zwei Punkte hinter den führenden Teams, davor noch Armenien in Lauerstellung mit einem Punkt Rückstand. Das nur an 12 gesetzte armenische Damenteam ist noch erfolgreicher und führt nach einem Sieg gegen die USA alleine im Damenturnier.

Wesley So war maßgeblich daran beteiligt, dass die USA im offenen Turnier wieder geteilt vorne liegen  | Foto: David Llada, Turnierseite

Runde 7 der Olympiade in Batumi hatte überall Starkommentatoren. Niemand anders als Weltmeister Magnus Carlsen erschien 90 Minuten lang in der (zuvor und danach) spanischen Show von Pepe Cuenca und bot interessante Einblicke (einige Zitate daraus hier):

Derweil wurde die englische Show nicht von einer, sondern von allen drei Polgar-Schwestern übernommen!

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Spannung an der Tabellenspitze

Der Wunsch, nicht der Spieler zu sein, der sein Team im Stich lässt, ist bei der Olympiade ausgeprägt. Das zeigte sich vielleicht im Spitzenkampf: Alle vier Partien endeten remis, dadurch haben nun auch Polen und Aserbaidschan nicht mehr 100%. Die ersten drei Remisen kamen schnell, nur bei Duda-Mamedyarov konnte eventuell eine Entscheidung im Match fallen. Nachdem Mamedyarov 28…c5! durchsetzen konnte hatte nur Schwarz Gewinnchancen, aber der junge Pole verteidigte sich präzise und nach 43 Zügen wurde Remis vereinbart. Das Ergebnis war ein kleiner Triumph für das an 11 gesetzte polnische Team. In Carlsens Worten: "Das ist sicher ein gutes Ergebnis für die Polen. Sie halten mit!"

Jan-Krzysztof Duda beendete Shakhriyar Mamedyarovs Siegesserie | Foto: Goga Chanadiri, Turnierseite

Diese Chance brauchte Titelverteidiger USA, um zur Spitze aufzuschliessen, und nutzte sie mit einem 3-1 gegen das an 18 gesetzte Kroatien durch Weißsiege von Wesley So und Sam Shankland. Damit hatte Wesley bei dieser Olympiade fünfmal Weiß und gewann alle fünf Partien!

Die beste Chance für Kroatien war am Spitzenbrett - Ivan Saric gewann einen Bauern aber konnte Fabiano Caruana nicht wirklich gefährden. Magnus konnte eine weitere Nacht ruhig schlafen!

‌Druck lastet auf dem Weltmeister!

Carlsen: "Ich würde gerne eine langweilige und politisch korrekte Antwort geben, aber es stört mich schon. Sieben Jahre lang war ich jeden Tag die Nummer eins. Es ist unangenehm, den heissen Atem von [Fabi] & Shak zu fühlen. Ich hoffe, dass er mich nicht erwischt!

Judit Polgar über Carlsen-Caruana: "Ich denke, Caruana ist vielleicht der erste Gegner, der an sich glaubt. Er kann sich vorstellen, das Match zu gewinnen...dieses Gefühl hatte ich bei z.B. Karjakin nicht."

In den anderen Matches passten Gesamtergebnis und Remisen in den einzelnen Partien nicht unbedingt zur Spannung an den Brettern während den Partien. Die Chinesen Yu Yangyi und Bu Xiangzhi erfüllten ihre Aufgaben und remisierten mit Schwarz problemlos gegen die Ukrainer Vassily Ivanchuk und Ruslan Ponomariov. Aber trotz positivem Computerurteil für die Chinesen mit Weiß fühlte Magnus Carlsen bald drohende Gefahren.

Wei Yi-Eljanov hatte eine sehr interessante Eröffnung. 12.d5, nach 20 Minuten gesielt, ist laut Magnus der Grund, warum Eljanovs 11…Te8!? zuvor nicht gespielt wurde. Als er beim Kommentar erschien, warteten wir auf Wei Yis 23. Zug:


Nach 22 Minuten spielte er dann 23.a5, danach hatte er noch 7 Minuten auf der Uhr und Eljanov noch 10. Carlsen bezeichnete Wei Yi als “wohlbekannten Zeitnotjunkie” und rechnete mit einem interessanten weiteren Partieverlauf:

Du kannst haben was er hat – etwas weniger als 8 Minuten für 18 Züge, und es ist völlig OK, da sich die Stellung geklärt hat und bis zum 40. Zug keine grossen Schlüsselmomente kommen. Aber hier hat die Partie gerade erst begonnen. Nun werden sie 18 Züge lang schnelles Schnellschach spielen, alles kann passieren. 

Es kam wie es kommen musste, in kritischen Momenten war die Zeit sehr knapp:


35.Td1 oder 35.b8=D sind Kandidatenzüge, aber mit noch 4 Sekunden spielte Wei Yi 35.Df1!? (“eindeutig ein Eingeständnis, dass etwas furchtbar falsch lief” – Magnus), und nach 35…Ld6 führte sein 36.b8=T+?! forciert zu einer Stellung mit schwarzem Mehrbauern - der Freibauer auf d2. Der Weltmeister schätzte es als langfristig für Weiß hoffnungslos ein, aber Wei Yi und mit ihm China überlebten nachdem Eljanov am Ende fehlgriff.

‌Wei Yi hatte bisher eine schwere Olympiade, aber heute rettete er gegen Eljanov einen kritischen halben Punkt

Li Chao-Korobov verlief ähnlich.

Beim Duell der Nachbarn Deutschland-Niederlande endeten ebenfalls alle vier Partien Remis. Wenn Jorden van Foreest (zwei Niederlagen in Batumi) an Brett 4 Daniel Fridman (5/5) besiegt hätte, wäre es ein Triumph für den niederländischen Teamkapitän Jan Gustafsson. Es war nicht unbedingt naheliegend, den jungen Jorden einzusetzen, aber er konnte einen Mehrbauern nicht verwerten - Remis in 67 Zügen.

Jorden van Foreest verlor in Batumi zwei Partien, aber wurde in Runde 7 fast zum Helden | Foto: Lana Afandiyeva, Turnierseite

In diesen drei Matches endeten 12 von 12 Partien Remis, das Mannschaftsremis Tschechische Republik-Israel verlief anders  – alle vier Partien hatten Sieger und Verlierer, darunter der Schock für Boris Gelfand am Spitzenbrett nach 31…f5??:


David Navara ist zwar höflich, aber nicht so höflich, dass er auf 32.Td7+! Kg8 33.Tc2! verzichtete. Da nur Turmverlust ein sofortiges Matt verhindern kann gab Gelfand auf. Der Veteran hat eine schwere Zeit in Batumi, drei Niederlagen in seinen vier letzten Partien.

Die Lücke verkleinern

Die Mannschaftsremisen vorne boten anderen Teams die grosse Chance, wieder in die Nähe der Medaillenränge vorzustossen, viele nutzten sie! Der 3-fache Olympiasieger Armenien liegt nur einen Punkt hinter den führenden Teams, Siege von Gabriel Sargissian und Robert Hovhannisyan brachten ihnen ein 3-1 gegen Weissrussland. Zwei Punkte Rückstand haben u.a. England, die Argentinien durch einen individuellen Sieg von Luke McShane besiegten, Indien nach Sieg gegen Ägypten durch Siege von Harikrishna und Sasikiran und Remis von Vishy Anand gegen Bassem Amin am Spitzenbrett…

‌Sehr zufrieden mit meiner heutigen Partie gegen mein Idol Vishy Anand, 5-facher Weltmeister, amtierender Schnellschach-Weltmeister und einer der besten Schachspieler aller Zeiten!

…und Spanien, das beim 3.5-0.5 gegen Algerien früh Rückenwind hatte - eine bekannte Gurke im  siebten Zug an Brett 2:

8.Sb5! (8…Dd8 9.Sd6#) ist ein vernichtender Schlag, mehr als ein Dutzend Spieler hatten bereits das Vergnügen, so zu spielen.

Auch Frankreich verbesserte sich durch ein 3-1 gegen Ungarn, Siege für Christian Bauer gegen Ferenc Berkes an Brett 4 und für Maxime Vachier-Lagrave gegen Peter Leko am Spitzenbrett. Dieses Najdorf-Duell war vielleicht die Partie der Runde, voller fantastischer Opfer - teils auf dem Brett, teils blieb es hinter den Kulissen:


Maxime setzte hier mit 23…Sxa4!!? 24.Lxa4 b5 25.Lxb5 a4 26.Sd4 a3 alles auf Königsangriff und investierte für Initiative eine volle Figur. Später hatte Peter Chancen, seinen Vorteil zu konsolidieren. Aber stattdessen entstand eine Stellung, in der Schwarz, der nun zwei Bauern für einen Turm hatte, scheinbar Dauerschach geben musste:


Aber nein… Maxime hatte das Manöver 41…Lf6! nebst Lh4-g3 and b1=D gesehen, das sich als siegbringend erwies. “Sehr, sehr hübsch” war Carlsens Urteil.

Russische Sorgen gehen weiter

Das einzige Spitzenteam, das die Chance, sich zu verbessern, nicht nutzte war das an 2 gesetzte Russland. Auf dem Papier waren sie gegen Serbien klarer Favorit. In den Worten der Kommentatoren:

Pepe: Russland leidet gegen Serbien, das nicht mit seinen besten Spielern antritt…

Magnus: Ich bin mir nicht einmal sicher, dass ihre zweitbesten Spieler dabei sind!

Das klingt harsch, aber das Team, das Montag spielte, belegt diese Plätze in der nationalen serbischen Rangliste:

  1. Popovic (Nr. 11)
  2. Roganovic (Nr. 9)
  3. Zajic (Nr. 16)
  4. Nenezic (Nr. 13) 

Dennoch waren sie nahe an einem Sieg gegen Russland! Russland wählte die (vielleicht zweifelhafte?) Standard-Methode, mit Schwarz konsequent auf Remis zu spielen. Das gelang Sergey Karjakin (25 Züge) und Nikita Vitiugov (21 Züge) ohne jegliche Aufregungen. 

Vladimir Kramnik's hat ereignisreiche 3.5/5... | Foto: Lana Afandiyeva, Turnierseite

Damit lastete der Druck auf den Weißspielern, und da Vladimir Kramnik im 40. Zug offenbar einen klaren Vorteil verspielt hatte, ruhten russische Medaillenhoffnungen auf den Schultern von Dmitry Jakovenko. Wie zuvor gegen Polen ging der Schuss nach hinten los, im 45. Zug stand er glatt auf Verlust. Dmitry hatte keine andere Wahl als alles auf den schwarzen König zu richten... und beinahe funktionierte es!


56…d1=D ist der Computerzug, aber mit noch 10 Sekunden auf der Uhr spielte Marko Nenezic 56…Lxf7?!, und nachdem sich die Lage geklärt hatte hatte Schwarz nur einen Läufer für zwei Bauern. Es gab dann doch kein happy end für Jakovenko, Marko gewann im weiteren Verlauf.

Ein Trostpflaster für Russland war, dass Vladimir Kramnik doch noch gewann:


Der Bauernraub ist verlockend – selbst Magnus Carlsen versuchte es im Kommentar – aber 43…Qxa3? von Milos Roganovic verlor schnell: 44.Dc7+ Tg7 45.Dc2+ und Schwarz gab auf, wegen Ta7+ mit Turmgewinn und demnächst Matt.

‌Die Veteranen beherrschen die Psychologie der Gier. Milos Roganovics schreckliches 43...Dxa3?? zwang ihn zur Aufgabe, da sein König in einem Mattnetz landete. Stattdessen erwähnte Vladimir Kramnik 43...Db6! und die Partie geht weiter.

Angesichts der Remisen an den Tischen vor ihnen hat Russland immer noch Medaillenchancen, falls sie sich in den vier verbleibenden Runden verbessern. Dennoch ist es nicht verfrüht zu sagen, dass der Verzicht auf Alexander Grischuk und Peter Svidler für sie schief ging. In Carlsens Worten:

Sie tun sich selbst keinen Gefallen damit, dieses Jahr zwei ihrer besten Spieler nicht zu berücksichtigen… ein Luxus, den sich die meisten Teams nicht leisten können. Und vielleicht wird sich herausstellen, dass auch sie sich diesen Luxus nicht leisten können!  

Dies ist der Stand oben in der Tabelle vier Runden vor Turnierende:

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4 
14AzerbaijanAZE761013189,021,066
211PolandPOL761013175,520,561
31United States of AmericaUSA761013160,520,559
48ArmeniaARM760112157,519,561
55IndiaIND751111155,520,059
624SpainESP751111153,520,557
710IsraelISR743011152,520,060
87FranceFRA751111150,520,060
93ChinaCHN751111149,018,559
106UkraineUKR751111142,017,061
1116GermanyGER743011139,518,558
1215Czech RepublicCZE751111137,018,059
1313NetherlandsNED751111135,021,053
149EnglandENG751111131,017,058

Russland ist eines von 18 Teams mit 10 Punkten

Armenien übernimmt die Führung im Damenturnier

Abseits des Bretts war es ein trauriger Tag für Armenien: der französisch-armenische Sänger Charles Aznavour, der anreiste um Levon Aronian spielen zu sehen, starb im Alter von 94 Jahren:

Am Brett konnte es derweil nicht besser laufen. Die Herren hatten nach der Runde nur noch einen Punkt Rückstand auf das Führungstrio. Die Damen, nur an 12 gesetzt, besiegten nach einem Mannschaftsremis gegen China nacheinander Russland und die USA und übernahmen die alleinige Führung im Turnier.

Für Armenien siegten mit Weiß Elina Danelian gegen Anna Zatonskih und Anna Sargsyan gegen Sabina Foisor auf überzeugende Weise. 

Jennifer Yu war der Star an einem schweren Tag für das US-Damenteam | Foto: Lana Afandiyeva, Turnierseite

Die USA stürzten von Platz 1 auf Platz 6 ab, aber die 16-jährige Jennifer Yu hatte erneut einen fantastischen Tag:


42.Se6! gewinnt quasi aus dem Nichts heraus:


Es droht 43.Td7! Dxd7 44.Sf8+, und nach 42…Kg8 43.Td8+ hat Schwarz dieselben Probleme. Maria Kursova versuchte daher stattdessen 42…Kg6, aber nach 43.Td6! dauerte die Partie ebenfalls nur noch wenige Züge, Kursova gab auf bevor ihr König auf g4 matt gesetzt würde!

Nach Siegen oder Mannschaftsremisen für die anderen Spitzenteams ist an der Spitze des Damenturniers alles offen!

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4 
112ArmeniaARM761013158,020,059
23ChinaCHN752012176,520,064
32UkraineUKR752012165,020,063
44Georgia 1GEO1752012153,019,062
520RomaniaROU760112130,019,552
610United States of AmericaUSA751111158,519,062
75IndiaIND743011157,520,559
811AzerbaijanAZE751111149,020,055
918ItalyITA751111149,019,060
1013HungaryHUN751111148,019,554
1114Georgia 2GEO2751111146,520,057
128KazakhstanKAZ743011141,520,054

Russland ist eines von 11 Teams mit10 Punkten

In Runde 8 hat Armenien im Damenturnier mit der Ukraine einen starken Gegner, im offenen Turnier kann eventuell eine Vorentscheidung fallen...

‌USA-Aserbaidschan ist potentiell das entscheidende Match von BatumChess2018, mit am Spitzenbrett Nummer 2 der Weltrangliste Caruana gegen Nummer 3 Mamedyarov!

Verpasse das Geschehen nicht hier auf chess24: Offenes Turnier | Damen. Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

Siehe auch:


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