Berichte 27.09.2018 | 11:54von Colin McGourty

Olympiade Batumi 2018, R3: USA vor Showdown gegen Indien

Im bisher hochkarätigsten Match in Batumi besiegten die USA die Niederlande 3-1. Wesley So gewann seine dritte Partie, und Jorden van Foreest beging schachlichen Selbstmord. Damit ist USA-Indien an Tisch 4 der Höhepunkt der nächsten Runde, für Indien gewann Vishy Anand erneut. Ding Liren für China und Vladimir Kramnik für Russland punkteten in ihren ersten Partien dieser Olympiade, die 11 elostärksten Teams haben bisher perfekte 6-0 Mannschaftspunkte. Es gab keine sensationelle Niederlage im Damenturnier, aber Indien und Polen spielten gegen Serbien und die Türkei überraschend nur 2-2.

Hikaru Nakamura und Wesley So in blauen Blazern, außerdem Fabiano Caruana und sein Trainer Rustam Kasimdzhanov | Foto: Lana Afandiyeva, Turnierseite

Du kannst alle Partien der dritten Runde des offenen Turniers im Viewer unten nachspielen:

Und hier ist der Livekommentar von IM Sopiko Guramishvili und GM Ivan Sokolov:

Desaster für die Niederlande im Match des Tages

Drama für das niederländische Team | Foto: Goga Chandiri, Turnierseite

Im Mittelpunkt des Interesses in Runde 3 der Olympiade 2018 in Batumi stand das Match Niederlande-USA, Giri-Caruana am Spitzenbrett war die erste absolut hochkarätige Paarung. Erwartungsgemäss war Caruanas Ziel dann, den stärksten gegnerischen Spieler mit Schwarz zu neutralisieren - Remis im Berliner Spanier nach 32 Zügen. Hikaru Nakamura spielte mit Schwarz an Brett 3 ebenfalls betont solide. Zwei Videos von Loek van Welys Serie Loek’s Endgame Strategy haben das Thema “exhausting your opponent”, aber bis zum 62. Zug weiterspielen und erst dann Remis akzeptieren diente wohl vor allem dazu, seinen Kollegen (und dem Kapitän?) Gesellschaft zu leisten.

‌Kamera auf Jan Gustafsson - der zeigt, was ein Kapitän eines Schachteams vor allem können muss: nicht vergessen, ein dickes Buch mitzunehmen.

Es ist unklar, ob sich Jorden van Foreest im Kreis seiner Mannschaftskollegen wohl fühlt, nach diesem Ende seiner Partie...


Schawrz steht etwas schlechter, aber Sam Shankland müsste sehr hart arbeiten, um seinen Vorteil zu konkretisieren. Das war dann allerdings nicht nötig, denn plötzlich spielte Jorden übereifrig den verlierenden “Trick” 37.Lb2?? 38.Lxb2 Sc4+ 39.Ke2! Sxb2 40.Lb3! und das war es eigentlich bereits. Der Springer ist nicht komplett gefangen, aber nach ...Sc4 und Abtausch der Leichtfiguren ist das Bauernendspiel verloren. Jorden opferte stattdessen den Springer auf a4, aber auch das war für Weiß trivial gewonnen.

Das nahm allen Druck von Wesley So, auf dessen Schultern die amerikanischen Hoffnungen zuvor komplett ruhten.

‌Hikaru Nakamura, der ein sehr gutes Auge für taktische Motive hat, ist offenbar nicht allzu beeindruckt von Wesley Sos Technik.

Bisher hatte Wesley dreimal Weiß und gewann alle drei Partien, dies was seine bisher beste Leistung. Zuvor hatte er bereits den c-Bauern geopfert, im 18. Zug gab er für positionelle Dominanz den zweiten Bauern:


18.d6! war sehr kreativ, und nach 16…Dxd6 19.Sc4 Dc6 20.Tfd1 Sf8!? 21.Td5 stand Weiß bereits besser. Wesley gewann im weiteren Verlauf souverän.

Die letzten Weltklassespieler mischen mit

Vishy Anand und seine Freunde | Foto: Goga Chandiri, Turnierseite

Die meisten Spitzenspieler hatten bereits ab der zweiten Runde gespielt, zum Beispiel Vishy Anand gewann in Runde 3 seine zweite Partie. Sein Gegner Eric Hansen aus Kanada war auf 3…g6 im Spanier nicht vorbereitet, und generell nach der Partie unzufrieden:

‌Ziemlich enttäuscht, dass ich heute keinen Widerstand bieten konnte. Ich habe viele kleine Dinge falsch eingeschätzt und konnte Vishy gar nicht fordern.

Dabei sind wenige Spieler in guten Stellungen effizienter als Vishy, das Ende der Partie war sadistische Perfektion:


30…Le4! 31.Ta1 Ld3! 32.Se3 schliesst das grosse Loch auf e2, aber nun kam… 32…Db6! 33.Te1 T5e6!, und nach dem unvermeidlichen ...Ld4 geht der gefesselte Springer auf e3 ersatzlos verloren. Mit noch 30 Sekunden auf der Uhr gab Weiß auf.

Ding Liren immer noch auf Krücken, aber am Brett in Topform! | Foto: Russischer Schachverband

In Runde 3 spielte Ding Liren erstmals bei dieser Olympiade für China, und trotz etwas Verwirrung am Ende (Könige auf den falschen Feldern und damit zunächst das falsche offizielle Ergebnis) bleibt er weiterhin ungeschlagen!

‌Cordova-Ding wird als 1-0 angezeigt, aber das ist doch ein forciertes zweizügiges Matt. Also gewinnt die chinesische Nummer 3 der Weltrangliste und ist nun seit 80 Partien ungeschlagen, bemerkenswert.

China gewann 3-1 gegen Peru, aber der 23-jährige Jorge Cori eroberte den Skalp des 19-jährigen Wei Yi. Das chinesische Jungtalent verliert nicht oft, aber wenn es passiert ist es oft drastisch:

Vladimir Kramnik war der andere Weltklasse-Debütant, und zwar an Brett 3 hinter Sergey Karjakin and Ian Nepomniachtchi. Brett 3 für den 43-jährigen Ex-Weltmeister, der immer noch die russische Nummer 1 ist, ist logischer als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Seit einigen Jahren ist der Veteran der aggressivste Spieler der Weltelite. Zusammen mit seiner sehr breiten Eröffnungskenntnis (nach 9…Te8 war der georgische IM Irakli Beradze aus dem Buch) ist es eine starke Waffe, vielleicht wird er an diesem Brett abräumen.

Kennt Kramnik Sopiko's Triangle Slav? :) | Foto: Goga Chandiri, Turnierseite

Kramnik bezeichnete hinterher das gegnerische 15.Sf4?! als “merkwürdig”, nach 15.Sg3 hätte er “eine angenehme Stellung, aber nicht mehr als das” (viele seiner 25 Minuten verwendete Irakli hier wohl für 15.Lxh7!?):


15…g5! war der Beginn eines Angriffs, den Kramnik dann brutal-elegant zu Ende führte:

‌Ein guter Beginn von Kramniks Mission, an Brett 3 ihm unterlegene Spieler zu "zerstören"

Dieser Sieg erwies sich nach Remisen an den drei anderen Brettern als wichtig. Ian Nepomniachtchi schien auf dem Weg zu seinem dritten Sieg in drei Partien, aber verdarb die Stellung zum Remis.

Jan-Krzysztof Duda ist die neue polnische Nummer 1 vor Radek Wojtaszek | Foto: Russischer Schachverband

Neu ist auch, dass im polnischen Team Jan-Krzysztof Duda erstmals an Brett 1 vor Radek Wojtaszek spielte. Der 20-jährige hatte einen Fehlstart, in dieser Stellung gab er gegen den Portugiesen GM Luis Galego (endlich) auf:


Es hatte für Polen kaum Folgen, Wojtaszek und Kamil Dragun gewannen und nun treffen sie in Runde 4 auf Russland.

Favoriten entwischten

Frankreich dominierte scheinbar beim 3,5-0,5 gegen Algerien, nur das Remis von Laurent Fressinet verhinderte ein perfektes 12/12 nach drei Runden. Daher der tägliche Tweet:

‌Finde den Schwachpunkt!

Es war allerdings nicht so einfach wie es hinterher erscheint. Saad Beloudah hatte gegen Christian Bauer keine Probleme, patzte dann allerdings und wurde Opfer einer leicht ungewöhnlichen Version eines bekannten taktischen Motivs:


27...Te1+! nebst ...Lxd4+ gewann eine Figur.

Am erstaunlichsten war, dass Maxime Vachier-Lagrave gegen seinen geliebten Najdorf grosse Probleme hatte. Weltklassspieler sind allerdings erfindungsreich (sonst wären sie keine), und die französische Nummer 1 landete nach diversen Opfern in einem Turmendspiel mit Minusbauer. Es war immer noch remis, bis zum 54. Zug:


Nur 54…Ta3! hält Remis, auf 55.f6 55…Ta6! 56.Kf5 Txf6+! Das hatte Bilel vielleicht gesehen, oder es war reine Panik, dass er stattdessen sofort 54…Txf5+?? spielte und nach 55.Kxf5 Kd3 56.Kf4 aufgab. Weiß hat den schwarzen Freibauern unter Kontrolle.

Brasilien-England wurde ein langer Thriller | Foto: Goga Chandiri, Turnierseite

Anfangs erwähnten wir, dass die 11 nominell stärksten Teams bisher ihre 3 Matches gewannen, aber die an 9 gesetzten Engländer brauchten in Runde 3 gegen Brasilien eine heroische Leistung und das nötige Glück. Nach Remisen an den ersten beiden Brettern hatte David Howell gegen Luis Supi ein scheinbar todremises Endspiel, und Gawain Jones stand am letzten Brett gegen Krikor Mekhitarian total verloren. Die Frage schien nur, ob England irgendwie ein Mannschaftsremis retten kann. Aber stattdessen konnte Howell einen 'grind' doch gewinnen, und nach insgesamt 117 Zügen rettete Jones ein Remis - 2,5-1,5 für England. Es war dabei dramatisch, im 109. Zug vergab Mekhitarian letztmals den Sieg!

‌Der englische Kapitän John Nunn beteiligt sich an der Analyse des außergewöhnlichen Remis in 117 Zügen, wodurch England doch noch gegen Brasilien gewann!

Auf Iran sollte man achten

Schon seit langer Zeit bezeichneten wir das an 23 gesetzte Iran als Geheimfavorit, da ihre Teenager wohl nach wie vor unterbewertet sind. In Runde 3 gewannen alle drei gegen das in der Setzliste höher platzierte Weißrussland, nach Sieg gegen Vladislav Kovalev am Spitzenbrett hat Juniorenweltmeister Parham Maghsoodloo nun Live-Elo 2688.2. Höhepunkt des Matches war allerdings der Sieg des 15-jährigen Alireza Firouzja’s gegen Alexei Fedorov. Was für eine Stellung im 40. Zug!


Fedorov wäre nach 40.Lc3! nahe am Sieg, wobei sein 40.Lb6? nach fast allen Zügen ebenfalls gewinnt, jedoch nicht nach der Widerlegung 40…Le5!!

‌Faszinierende taktische Motive auf Diagonalen bei Fedorov-Firouzja: Weiß spielte 40.Lb6 und übersah das starke 40...Le5! Richtig war stattdessen 40.Lc3!

Plötzlich gewinnt Schwarz – 41.fxe5 scheitert natürlich an 41…Txg3, und Weiß hatte nichts besseres als 42.De2. Es folge 42…Lf6 42.Sh5 d3! 43.Da2 De4! 44.La5 Txg2! 45.Txg2 Txg2 46.Sf6 Df3! Weiß gab auf:

Wie an jedem Tag der Olympiade gibt es zu viel, das wir auch noch erwähnen könnten. Nach seiner Niederlage tags zuvor gewann Peter Leko gegen Rustam Kasimdzhanov und sicherte so Ungarns knappen Sieg gegen Usbekistan. Knappe Siege auch für Armenien gegen die Türkei, heute gewann nur Hrant Melkumyan, und für die Ukraine, deren Spitzenspieler Ivanchuk, Eljanov und Ponomariov bisher nur eine von sechs Partien gewinnen konnten. Zum Glück ist Anton Korobov am letzten Brett mit 3/3 in Topform, durch seinen Sieg gegen Cristian Chirila konnte die Ukraine in Runde 3 Rumänien besiegen.

Deutschland hatte gegen Serbien an allen vier Brettern mindestens 100 Punkte Elovorteil, aber alle Partien endeten Remis. In Runde 4 ist nun Ungarn gegen Deutschland leicht favorisiert.

Im Damenturnier nur 2-2 für Indien und Polen 

Nach der sensationellen Niederlage der an eins gesetzten Russinnen tags zuvor war es nun eine relativ ruhige Runde im Damenturnier. Russland machte durch ein 4-0 gegen Malaysia Boden gut, und freut sich wohl über leichte Ausrutscher einiger Konkurrentinnen. 12 Damenteams haben perfekte 6-0 Matchpunkte, aber Indien und Polen gehören nicht mehr zu diesem Kreis.

4-0 gegen die Tigerinnen aus Malaysia, das brauchte Russland nach der Niederlage tags zuvor | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Tags zuvor schrieben wir über Indien "Mit Humpy Koneru und Harika Dronavalli an den Spitzenbrettern kann das Ziel nur ein Podiumsplatz sein". Das ist nach wie vor der Fall, aber das Problem zeigte sich in Runde 3: diese beiden besiegten ihre serbischen Gegnerinnen, aber an Brett 3 und 4 gewannen Adela Velikic und Teodora Injac gegen Karavade Eesha und Padmini Rout. Polen-Türkei endete nach Sieg von Ekaterina Atalik gegen Jolanta Zawadzka am Spitzenbrett ebenfalls 2-2.

Ju Wenjun erstmals am Spitzenbrett für China | Foto: Russischer Schachverband

Ju Wenjun spielte erstmals und leistete ihren Beitrag zum 3,5-0,5 von China gegen Kuba. Lisandra Ordaz stand offenbar OK, bis zum dramaischen Ende nach 46.Kh2?:


46…Txd4!! 47.exd4 e3! (der einzige Gewinnzug) 48.fxe3 Da2+ 49.Kg1 Dg2# Lisandra erlaubte freundlicherweise das Matt auf dem Brett.

Auch für die deutschen Damen ein etwas enttäuschendes 2-2 gegen Israel nach Sieg von Sarah Hoolt, Niederlage von Zoya Schleining und Remisen an Brett 1 und 2. In Runde 4 wartet mit Sri Lanka (Eloschnitt 1720) ein Aufbaugegner.

Indien-Polen ist die interessanteste Paarung in Runde 4 des Damenturniers, steht allerdings wohl im Schatten von USA-Indien im offenen Turnier! Mit weiteren Spitzenpaarungen wie Polen-Russland und Aserbaidschan-England beginnt langsam bereits die vorentscheidende Phase dieser Olympiade:

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Siehe auch:


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