Berichte 26.09.2018 | 12:03von Colin McGourty

Olympiade Batumi 2018, R2: Usbekische Damen mit Sensation gegen Russland

Mit einem Sieg gegen die Goldfavoritinnen aus Russland sorgte die Nummer 31 der Setzliste Usbekistan für die große Sensation in der zweiten Runde der Schacholympiade in Batumi. Einige große Namen saßen gestern erstmals für ihr Land am Brett, wie etwa Vishy Anand, der seine erste Olympiateilnahme seit 2006 in Turin mit einem glatten Sieg gegen Markus Ragger gebührend feiern konnte. Boris Gelfand und Levon Aronian zeigten ebenso ihre Klasse, während David Navara und Peter Leko überraschende Niederlagen hinnehmen mussten. Titelverteidiger USA holte beim ersten Auftritt von Fabiano Caruana den zweiten Sieg, mit 2,5:1,5 gegen Georgien 3 fiel der allerdings wenig überzeugend aus.

Nodira Nadirjanova wurde mit ihrem Sieg gegen Natalia Pogonina zur Heldin des usbekischen Teams | Foto: Russischer Schachverband

Niederlage für die Turnierfavoritinnen 

Beginnen wir unseren Rundenbericht heute mit dem Damenturnier, denn die Niederlage des klaren Turnierfavoriten Russland – das einzige Team, das dieses Jahr einen Eloschnitt von über 2500 vorweisen kann – hat Auswirkungen auf den Titelkampf. 2016 verlor Goldmedaillengewinner China keinen Mannschaftskampf, während Russland zunächst nur gegen die starken Amerikanerinnen verloren hatte, ehe im Showdown in der letzten Runde gegen China alle Titelträume platzten. Eine Niederlage gegen eine Mannschaft wie Usbekistan passiert der gut geölten russischen Maschine sonst eigentlich nie:


Der Sieg der Außenseiterinnen war dabei aber keineswegs glücklich. An den ersten beiden Brettern wurden die beiden Russinnen mit trockenen Remis neutralisiert, während Natalia Pogoninas Versuch, am letzten Brett in einer leicht schlechteren Stellung aktiv zu werden, zu einer Stellung mit zwei Minusbauern ohne Kompensation führte. Nodira Nadirjanova zeigte keine Gnade.

Valentina Gunina ist berühmt dafür, aus höchst zweifelhaften Stellungen Siege zu erzielen, doch dieses Mal reichten ihre Tricks nur dafür aus, ihre Gegnerin davon zu überzeugen, sich auf ein Remis einzulassen:


Irina Gevorgyan gab auf e8 und h5 Dauerschach, doch mit 46.e6! Tf3 47.Dh7+! Kf8 48.De4! mit der Doppeldrohung, den Turm auf f3 zu schlagen und auf a8 ein fatales Schach zu geben, hätte sie die russische Niederlage noch deutlicher ausfallen lassen können.

Natalia Zhukova sorgte für den ziemlich glücklichen Sieg der Ukraine gegen Turkmenistan | Foto: Russischer Schachverband

Die an Nummer 2 gesetzten Ukrainerinnen nutzten dies aus, indem Natalia Zhukova einen hübschen Sieg einfuhr und ihre Teamkolleginnen remisierten. Außergewöhnlich war dieses Match gegen die an 54 gesetzten Turkmeninnen aber dennoch, denn zu einem Zeitpunkt standen die Ukrainerinnen an allen anderen drei Brettern auf Verlust. Zum Beispiel die ehemalige Weltmeisterin Anna Ushenina nach 50.Kg1?


Bahar Hallaeva hätte nun 50…T8a3! spielen und ruhig abwarten können, wie ihre Gegnerin den Drohungen 51…Tg3 oder 51…Txh3 beikommen wollte. Stattdessen konnte sich Ushenina nach dem unnötigen Opfer 50…Txg2+? noch ins Remis retten.

Ein bitteres 2:2 gegen Georgien 3 musste das deutsche Team hinnehmen, nachdem Elisabeth Pähtz im 62.Zug gegen Nino Khomeriki ihre gesamte Vorarbeit auf einen Schlag zunichte machte:


Nach 62.Kb3! (oder sogar 62.Kd2) hält Weiß die schwarzen Bauern locker auf und sollte sicher den vollen Punkt einfahren. 62.Kb1?? jedoch erlaubte 62…Tc1+ 63.Ka2 Ta1+ 64.Kb3 Td1!, und die Fesselung gewinnt. Zuvor hatte auch Judith Fuchs eine klare Gewinnstellung aus der Hand gegeben, womit aus einem möglichen 3,5 zu 0,5 ein 2:2 wurde.

Von den Top 10 hat bisher nur Indien alle Partien gewonnen, zuletzt gab es ein 4:0 gegen Venezuela. Mit Humpy Koneru und Harika Dronavalli an den Spitzenbrettern kann das Ziel nur ein Podiumsplatz sein.

Rückkehr der Könige

Vishy Anand ist wieder bei der Olympiade dabei! | Foto: Gogan Chandriani, Turnierseite

Der fünfmalige Weltmeister Vishy Anand war zuletzt 2006 in Turin bei einer Olympiade dabei, doch seitdem hat das indische Schach auch wegen Anands großer Popularität einen enormen Aufschwung genommen. Umso mehr passt es, dass er ein Team verstärkt, das bei den beiden letzten Olympiaden bereits einen dritten und vierten Platz erreicht hat.

Seinen ersten Auftritt hatte Anand in einem Match, das gegen die starken Österreicher keineswegs nur eine Formalität war, unterm Strich aber optimal lief. Vidit beruhigte die Nerven mit einem schnellen Sieg, während Vishy mit einer Eröffnungsidee seines Landsmanns GM Sethuraman das österreichische Spitzenbrett Markus Ragger früh zum Nachdenken brachte. Vishy bezeichnete 29…Td4 statt des sofortigen 29…Txd1 als entscheidenden Fehlgriff, der ihm das Tempo gab, den b-Bauern in Bewegung zu setzen. Als der das Feld b6 erreicht hatte, dominierte Weiß komplett:


Am Ende hatte Anand einen sicheren Sieg zum indischen 3,5:0,5 beigetragen.

Mit Boris Gelfand zeigte ein weiterer Altmeister seine Klasse und sein gut getimter Durchbruch im Zentrum könnte durchaus aus seinem Buch Positional Decision Making in Chess stammen:


In dieser Phase hatte Gelfand seinen Gegner Sergio Duran aus Costa Rica schon so sehr unter Kontrolle, dass er – wie Michael Stean einst über eine Botvinnik-Partie schrieb -“seine Initialen mit dem König aufs Brett hätte schreiben können”. Die israelische Nummer 1 begnügte sich aber damit, mit 41.Ke2 Te7 42.Kd3 Kf8 43.Tc6 die Stellung zu verstärken, und Schwarz gab auf.

Levon Aronian und Rustam Kasimdzhanov feierten beide in Runde 2 ihr Olympiadebüt 2018 | Foto: David Llada, Turnierseite

Mit Levon Aronian bestritt eine weitere Legende ihre erste Partie, und auch bei ihm sah alles ganz leicht aus, nachdem er die Dame für Turm und Läufer gegeben hatte:


30.b4! war der Schlüsselzug, der ihm Gewinnchancen brachte. Als der Bauer schließlich auf der c-Linie gelandet war, erwies er sich als unaufhaltsam. Dieser Sieg war entscheidend, da Armenien an den anderen Brettern nur noch Remisen erzielte, wobei Robert Hovhannisyan sogar eine Verluststellung gegen Petr Kostenko überlebte.

Auch Maxime Vachier-Lagrave saß zum ersten Mal am Brett und sorgte mit dafür, dass Frankreich neben Polen und den Niederlanden das einzige Team ist, das bisher alle acht Partien gewonnen hat.

Wie zu erwarten war, verlief MVLs Partie deutlich taktischer, denn er spielte Najdorf und besiegte damit den Uruguayer Andres Rodriguez. Er konnte es sich nicht verkneifen, seine Stellung hinterher als Rätsel zu twittern:

"Ich bin ziemlich sicher, dass diese Stellung, die bei mir hätte aufs Brett kommen können, ein Diagramm wert ist. Schwarz zieht und gewinnt."

Die Stellung hätte nach 17…Sg6!? 18.0-0-0 De7 19.La5 aufs Brett kommen können, wonach Schwarz mit 19…Kd7!! 20.Txd6+! Kxd6 21.Lb4+ Kd7 letztlich die Dame gewinnt!

Enge Matches

Armenien-Kasachstan haben wir bereits erwähnt, und nach der recht langweiligen ersten Runde mit vielen klaren Ergebnissen ging es dieses Mal auch sonst meist deutlich knapper zu. Ukraine schien Usbekistan zeitweilig klar zu besiegen, doch nach einem Remis bei Kasimdzhanov-Eljanov gelang es den Youngstern Abdusattorov und Yakubboev sich gegen Kryvoruchko und Ponomariov jeweils auf brillante Art und Weise zu retten. Nur dank Anton Korobov am letzten Brett gelang es der Ukraine, noch einen 2,5:1,5-Sieg zu erringen.

Peter Leko erlebte an Brett 1 von Ungarn einen schwarzen Tag | Foto: Russischer Schachverband

Bei den starken Ungarn konnte man von einem klaren Sieg gegen Albanien ausgehen, doch da Peter Leko aus +5 eine Verluststellung machte, reichte es nur zu einem 2:2. David Navara (2740) war der Spieler mit der höchsten Elo, der eine Niederlage einstecken musste, doch seine Null gegen den starken tadschikischen Großmeister Farrukh Amonatov hatte keine Konsequenzen für die Tschechen, die zu einem 3 zu 1 kamen.

Zum ersten Mal trafen beim 3:1-Sieg Aserbaidschans gegen Italien nur Großmeister aufeinander, den Sieg sicherten Arkadij Naiditsch und Rauf Mamedov an den hinteren Brettern. Auch bei Norwegen-Georgien 1 saßen nur GMs am Brett, wenngleich Johan-Sebastian Christiansen den Titel offiziell noch nicht verliehen bekommen hat. Die Norweger durften sich über ein 2:2 freuen, da Ivan Cheparinovs Sieg durch Aryan Tari gegen Mikheil Mchedlishvili auf hübsche Art wettgemacht wurde. Überraschenderweise verlor 24…Sc7?? direkt:


Nach 25.Sd4! kann Schwarz keinen Zug machen, denn Sxe7# ist eine "unangenehme Drohung", wenn der Springer auf c6 zieht.

Nona Gaprindashvili war bei USA - Georgien dabei | Foto: Gogan Chandriani, Turnierseite

Damit hatte Norwegen gegen Georgien 1 in einem erwartet schweren Match ein 2:2 erzielt, doch Georgien 3 traute gegen die USA vermutlich niemand etwas zu. Es kam aber ganz anders!


Fabiano Caruana und Sam Shankland sind bisher vermutlich die Spieler des Jahres 2018, mussten sich aber beide mit Minusbauer gegen Kontrahenten verteidigen, die fast 400 Elo-Punkte weniger auf dem Konto hatten. 

Wesley So holte für die USA die Kohlen aus dem Feuer | Foto: Gogan Chandriani, Turnierseite

Wesley So allerdings überspielte Luka Oboladze, während Ray Robson es nicht gelang, in einem Damenendspiel gegen Nikolozi Kacharava einen der unzähligen Gewinnzüge zu finden.

Als Nächstes müssen die US-Amerikaner gegen die Niederländer antreten, die mit einem 4:0 gegen Schottland ihren perfekten Start vervollkommneten. Es ging hoch her, denn Anish Giri opferte auf dem Königsflügel eine Figur und Loek van Wely entschied sich gegen den Rat seines Teamkapitäns Jan Gustafsson für Najdorf. Am Ende sah van Welys Sieg sicherer aus, als er war, denn an einer Stelle hätte sein Gegner Clement Sreeves gewinnen können (22.Sc6!).

Der niederländische Zug des Tages war aber Erwin L’Amis ruhiges 47.Kf2! gegen Alan Tate:


47…Txd3 48.Dh8+ Ke7 49.Te1+ verliert die Dame, während 48.Dh8+  gefolgt von Kxe3 zu einem leichten weißen Sieg führt, wenn der schwarze Turm nicht wegzieht. Der hat aber einfach kein Feld, weshalb Schwarz aufgab.

Noch mehr Züge des Tages

Ian Nepomniachtchi musste vor seiner Partie einige Autogramme geben| Foto: Russischer Schachverband

Die Russen haben bislang auch ohne ihr eher unbekanntes 3.Brett Vladimir Kramnik überzeugt! In Runde 2 trafen sie auf Irland...

...und obwohl den Iren mit dem russischstämmigen Alexander Baburin gegen Sergey Karjakin ein eher überraschendes Remis gelang, war es eine klare Sache. 

Ian Nepomniachtchi und Nikita Vitiugov sicherten mit ihrem jeweils bereits zweiten Sieg in Batumi den Gewinn des zweiten Mannschaftskampfs ab. Vitiugov fand ein schönes Finale:


Zweifellos ist für Schwarz nicht alles nach Plan verlaufen, aber die Idee 23.a4! Ld7 24.Ta3! mit Überführung des Turms auf die offene dritte Reihe musste man erst einmal finden. Als Conor O’Donnell aufgab, standen alle weißen Figuren auf der h-Linie.

Den Zug, den wir alle gern ausgeführt hätten, durfte aber der brasilianische GM Alexandr Fier gegen IM Robert Aloma Vidal aus Andorra machen:


27.Th8+! Schwarz gab auf. Hätte Schwarz weitergespielt, hätten wir folgendes seltenes Matt zu sehen bekommen: 27…Kxh8 28.Th1+ Kg8 (28…Th6 29.Txh6+ ändert nichts, da der Bauer g7 wegen des Läufers auf b2 gefesselt ist.) 29.Th8+ Kxh8 30.Dh1+ Th6 31.Dxh6+ Kh8 32.Dh7#

Der vielleicht schönste Zug des Tages war aber ein Hochzeitsantrag und damit einer der seltenen Züge, die beide Seiten froh machen!

Der interessanteste Wettkampf der 3.Runde ist sicher USA-Niederlande, wo Caruana sich vermutlich für seine Bundesliga-Niederlage gegen Anish Giri revanchieren möchte:


Die deutschen Herren treffen nach einem 3,5 zu 0,5 gegen Myanmar auf Serbien, und auch Vladimir Kramnik und Ding Liren werden erstmals am Brett sitzen. Das sollte ihr nicht verpassen und auf chess24 live verfolgen: Offenes Turnier | Damen. Du kannst die Partien auch mit unseren Gratis-Apps verfolgen: 

         

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