Berichte 25.09.2018 | 11:47von Colin McGourty

Olympiade Batumi 2018, R1: Vereinzelte Helden

Fabiano Caruana, Shakhriyar Mamedyarov, Vladimir Kramnik, Ding Liren, Vishy Anand, MVL und weitere Stars durften sich in Runde 1 der Olympaide in Batumi noch ausruhen, aber dennoch war es ein Massaker. Die Favoriten gewannen alle 162 Matches im offenen und Damenturnier und gaben maximal einen Brettpunkt ab. Einige dieser Punkte waren allerdings dramatisch, das Opfer mit der höchsten Elozahl war der Chinese Li Chao, der gegen den 464 Punkte unterlegenen CM Mohamed-Mehdi Aithmidou aus Marokko verlor.

Männer in Blau! Nakamura und So waren am 4-0 der USA gegen Panama beteiligt | Foto: David Llada, Turnierseite

Ein holpriger Beginn

Logistische Herausforderungen der Schacholympiade mit 1600 Spielern sowie Kapitänen, Trainern und FIDE-Vertretern führen dazu, dass der erste Tag selten glatt verläuft. Die Olympiade in Batumi war keine Ausnahme, und die erste Runde ein Rückschritt nach der allerseits gelobten Eröffnungsfeier.

Das Finale der spektakulären Eröffnungfeier | Foto: David Llada, Turnierseite

Diese fand statt in der Black Sea Arena mit 10.000 Sitzplätzen 45 km von Batumi, der bzw. die Turniersäle der eigentlichen Olympiade waren dann weniger geräumig. Der neu erbaute Batumi Sport Palace wurde von verschiedenen Teams kritisiert, u.a. der US-Großmeister Alejandro Ramirez für uschess.org:

Der Spielsaal für unsere Teams, “playing hall one” für die vorderen Tische, war ein ziemliches Desaster. Die Spieler sitzen sehr nahe beieinander, man kann sich kaum bewegen. Diese Halle ist immer sehr voll, es ist laut und heiss.

"Playing hall 1" während der ersten Runde | Foto: Russischer Schachverband

Die meisten Teams spielen in einer anderen grösseren aber eher improvisierten Halle, durch einen Tunnel mit dem Saal für die Spitzenteams verbunden. Vor allem wurde jedoch kritisiert, dass die Sicherheitskontrollen sehr lange dauerten:

‌Die Eingänge bei BatumiChess2018 sind viel zu schmal und es gibt zu wenige. 25 Minuten in der Sonne Schlange stehen ist für mich keine ideale Vorbereitung ... und was wenn es regnet?! Das muss irgendwie besser werden.

Das russische Damenteam auf dem Weg in den Spielsaal | Foto: Russischer Schachverband

Am dramatischsten war es für das an eins gesetzte Team der USA, die vom Eingang bis an die Bretter fast eine Stunde brauchten.

‌Team USA fehlt!

Wenn die Runde pünktlich begonnen hätte, hätten sie eventuell kampflos verloren, da die Karenzzeit für Verspätung zu Rundenbeginn nur 15 Minuten beträgt. Aber die Runde begann dann erst um etwa 15:15 Ortszeit. Umstritten war, dass die amerikanischen Spieler an jedem Brett etwa 7 Minuten Bedenkzeit verloren, aber in diesem Match war das absehbar irrelevant. Panama qualifizierte sich auf Kosten der USA für die Fussball-WM 2018, aber ihre Schachspieler wurden gnadenlos 4-0 besiegt.

‌Der Blick wenn man 400 Elopunkte weniger hat

Nakamura ist, wie er z.B. in Gibraltar zeigte, eine Art Spezialist für Siege gegen schwächere Spieler. Sein Sieg gegen Jorge Baules war hübsch:


Das prosaische 25…Txg1+ gewinnt auch leicht, aber es kam 25…De1! mit dreizügigem Matt.

Du kannst alle(!) Partien des offenen Turniers im Viewer unten mit Computeranalyse nachspielen:

Du kannst Dir auch den Livekommentar von IM Sopiko Guramishvili und GM Ivan Sokolov nochmals anhören, am ersten Tag war allerdings Eugenio Torre der Star. Asiens erster Großmeister ist inzwischen 66, dennoch enttäuschend dass er als Kapitän dabei ist statt selbst zu spielen. 2016 in Baku gewann er mit sagenhaften 10/11 individuell Bronze, Peter Svidler bezeichnete dies als “einfach unglaublich”. In der Liveshow sprach Torre über seine Freundschaft mit Bobby Fischer in den Jahren, in denen der 11. Schachweltmeister in Japan lebte. Er verriet, dass Bobby ernsthaft erwogen hatte, auf den Philippinen zu leben, wenn Island ihm nicht Asyl gewährt hätte. Und dann sang er!

Torres Interpretation von Don McLean’s Vincent, dessen Text Fischer und seiner Idee Chess960 gewidmet ist, war vielleicht der Höhepunkt der ersten Runde - verpasse es nicht:

Die Favoriten lassen die Muskeln spielen

Generell war es für andere Favoriten ebenso einfach wie für die USA. Die Russen besiegten ihre Gegner aus Uganda auf verschiedene brutale und ungewöhnliche Weise, der optische Höhepunkt war Dmitry Jakovenkos Bauernzentrum nach vorangegangenem Figurenopfer:

‌Jakovenko hat NOCH mehr Spass als Nepomniachtchi! Schau Dir nur diese Bauern an...

Die Niederlande mit Kapitän Jan Gustafsson und Spitzenbrett Anish Giri gewannen als erstes Team 4-0, es folgten Israel, Polen, die Tschechische Republik, Deutschland, Kroatien, Peru, Argentinien, Spanien und viele andere.

Smalltalk zwischen den niederländischen und indischen Teams vor der Runde | Foto: Russischer Schachverband

Frankreich überrollte Jemen, am Spitzenbrett spielte Etienne Bacrot gegen Basheer Al Qudaimi für die Galerie:


Viele Züge gewinnen hier einfach, aber 38.Dxg6+! war ein hübsches Damenopfer. 38…fxg6 39.Sh6+! Kh8 40.Txf8# ist die Idee. Maxime Vachier-Lagrave spielte nicht, aber gab als Zuschauer hilfreiche Tips...

MVL "sorge dafür, dass alle Figuren gedeckt sind"

Überall gab es nette taktische Schlussmotive, z.B. wurde ‌25.h3 von Leonhard Mueller aus Namibia brutal widerlegt (dabei hielt nur das nicht naheliegende 25.f3! das Gleichgewicht):


Johan-Sebastian Christiansens Beitrag zum 4-0 von Norwegen war 25…Dxf4! und Weiß gab auf, wegen 26.Dxf4 Ta1+ 27.Kh2 Lxe5 mit schwarzer Mehrfigur.

Überraschende Remisen und Favoritenstürze

Diesmal kein Dameturnier für Ivanchuk! | Foto: Russischer Schachverband

Aber nicht alle Favoriten gewannen 4-0, mehrere Spitzenspieler erreichten nur Remisen. Zum Beispiel remisierten IM Andrew Kayonde (Elo 2393) aus Sambia gegen die Legende Vassily Ivanchuk, und IM Igor Yarmonov (2376) für das Team mit Körperbehinderung gegen Teimour Radjabov (2751). 

England musste zwei Remisen abgeben, dafür musste Luke McShane nach zuvor verpasstem Sieg noch hart arbeiten. Mitunter entwischten Favoriten noch deutlicher. Der Südkoreaner FM Lee Jun Hyeok (2263) war sehr nahe am Sieg gegen das moldawische Spitzenbrett Viktor Bologan:


38.De6+! Kh7 39.Td1! gewinnt einfach für Weiß. Nach stattdessen 38.De8+ Kh7 39.Dxd7 (auf 39.Td1 hat Schwarz nun 39…Df5!) 39…Dxd4 wurde es Remis.

Der grösste Skalp des Tages war der Chinese Li Chao (Elo 2708), der auf überraschende Weise gegen den Marokkaner das Nachsehen hatte. Es schien, als ob Li Chao "auf zwei Ergebnisse" spielte, nachdem er zu einem Endspiel vereinfachte, in dem er am Drücker war. Aber Mohamed blieb ruhig, nahm angebotene Bauern, zeigte dann Nerven aus Stahl und gewann im Endspiel. Li Chao hatte durchaus Remischancen, aber der gegnerische Sieg war absolut verdient:

‌Der Marokkaner Mohamed-Mehdi Aithmidou besiegt den fast 500 Punkte stärkeren Chinesen Li Chao!

Die Elolücke in dieser Partie war 464 Punkte, aber der Held des Tages war vielleicht der Nepalese Rijendra Rajbhandari (Elo 1937) mit Sieg gegen den nominell 555 Punkte besseren GM Aman Hambleton aus Kanada. Vor der Runde war die kanadische Welt noch in Ordnung...

‌Team Kanada vor der ersten Runde

Es war nicht nur das letztendliche Ergebnis, sondern auch wie der Nepalese es erzielte. Er gewann einen Bauern, den der Gegner wohl einfach eingestellt hatte. Aber die Stellung war immer noch fast ausgeglichen, und viele hätten an Rijendras Stelle wohl Remis durch Zugwiederholung akzeptiert, was mehrfach möglich war. Aber er kämpfte weiter und wurde reichlich belohnt:

‌Das war eine sehr bemerkenswerte Partie, selten so eine Entschlossenheit bei so einem grossen Elo-Unterschied

Der entscheidende Moment kam nach 46.Ke3?


Der König ist im Endspiel eine starke Figur und oft sollte man ihn aktivieren. Aber hier hatte der populäre kanadische GM ein taktisches Detail übersehen: 46…d4+! und nach 47.Sxd4 ginge 47…f4+!. Der Bauer landete auf d3 und d2, und Rijendra gewann eine saubere Partie in insgesamt 87 Zügen.

Individuelle Überraschungen im Damenturnier

Das Damenturnier verlief sehr ähnlich, alle Favoriten gewannen mühelos. Einige Partien verliefen dabei natürlich sehr einseitig:

‌Das ist offenbar der erste nicht kampflose Sieg in Barumi 2018!

Die anderen Partien in diesem Match verliefen ähnlich, Montenegro besiegte Gambia schnell mit 4-0.

Es stellte sich allerdings heraus, dass man Spielerinnen mit Elo (etwas) unter 2000 nicht unterschätzen sollte. Am Spitzenbrett an Tisch 1 hatte die Russin Aleksandra Goryachkina (2535) gegen WIM Maria Rodriguez aus Costa Rica (1943) eine Verluststellung, auch wenn sie am Ende ein Remis retten konnte. 

Aleksandra Goryachkina, hier mit dem Kapitän des russischen Damenteams Sergey Rublevsky, hatte einen harten Arbeitstag | Foto: Russischer Schachverband

Rozana Gjergji aus Albanien (Elo 1924) wuchs über sich hinaus und besiegte die 6-fache französische Meisterin Sophie Milliet, am bemerkenswertesten dabei allerdings vielleicht diese Stellung:


Hier konnte Rozana die Partie mit 100…De8# beenden. Stattdessen spielte sie nach 48 Sekunden 100…Dc5+. Es spielte allerdings keine Rolle: Sophie testete ihre Gegnerin nicht nochmals, sondern gab nach 106 Zügen einen Zug vor dem Matt auf.

Sabina Foisor überzog gegen ihre nach Elo klar unterlegene Gegnerin | Foto: David Llada, Turnierseite

WFM Andreina Quevedo aus Uruguay (Elo 1809) besiegte mit der US-Meisterin 2017 Sabina-Francesca Foisor ebenfalls eine Landesmeisterin. Foisors Bauernvorstoss im Zentrum ging spektakulär schief. WIM Silva Carolina Mazariegos aus Guatemala (Elo 1922) gewann gegen die polnische Vizemeisterin Anna Warakomska. 

Roza Eynula aus Südkorea hat mit 2030 etwas mehr als Elo 2000, aber ihr Sieg gegen die Georgierin IM Lela Javakhishvili (2475) bei deren Heimspiel war dennoch beeindruckend. 29…La4? um einem Remis durch Zugwiederholung auszuweichen erwies sich als unglückliche Wahl.


30.Txe6! Dxe6 31.Sc5, und nach einem weiteren schwarzen Fehler stand Weiß auf Gewinn, Roza verwertete souverän.

Aus dem Damenturnier erwähnen wir noch Humpy Konerus Sieg gegen Helen Milligan beim 4-0 von Indien gegen Neuseeland - nicht das Ergebnis an sich, aber es war Humpys erste Partie mit klassischer Bedenkzeit nach zweijähriger Schachpause. Sie galt als inaktiv und wurde in offiziellen Elolisten nicht mehr erwähnt, aber wäre nun Nummer 3 der Damen-Weltrangliste.

Kirgisistan vor dem Match gegen die starken Armenierinnen | Foto: David Llada, Turnierseite 

In der zweiten Runde der Olympiade kehrt ein anderer indischer Superstar zurück: Vishy Anand wird seine erste Partie bei einer Olympiade seit 2006 in Turin spielen! Indien hat mit Österreich bereits einen relativ starken Gegner, auch einige andere Matches könnten spannend werden mit eventuell Überraschungen:

‌Caruana, Anand, Aronian, Mamedyarov und Co greifen ins Geschehen ein, die interessantesten Matches ab Tisch 21!

Verpasse das nicht hier auf chess24: Offenes Turnier | Damen. Du kannst Die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

Siehe auch:


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