Meinung 12.12.2017 | 12:38von chess24 staff

Offener Brief von Marta Michna und Zoya Schleining

In der vergangenen Woche wurden die Kader der deutschen Nationalmannschaften für 2018 vorgestellt. Marta Michna und Zoya Schleining wurden dabei nicht mehr berücksichtigt. Beide Spielerinnen haben uns einen offenen Brief geschickt, den wir an dieser Stelle veröffentlichen.

Update: Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky erläutert die Position der Kommission Leistungssport

Update: Marta Michna hat in einem weiteren öffentlichen Statement Ihren Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft erklärt (siehe unten).


Marta Michna

Marta Michna 2013
Liebe Mitglieder der Kommission,

bei Ihrer Sitzung am letzten Wochenende wurden die Kader für das Jahr 2018 festgelegt. Ich bin sehr überrascht und sehr verärgert, dass ich dabei nicht berücksichtigt wurde.

Ich habe den Bundestrainer Dorian Rogozenco heute dazu angerufen. Er hat mir mitgeteilt, dies läge an meiner schlechten Leistung bei der Europameisterschaft auf Kreta. Nach meiner Entgegnung, dass er als Bundestrainer das schlechte Abschneiden der Mannschaft mitzuverantworten hat, sagte er, ich könne eine E-Mail an die Kommission schreiben. Ich tue dies öffentlich, um sicher zu gehen, dass sie auch Gehör findet.

Zu den Fakten: bei den beiden letzten Mannschaftsturnieren, der Olympiade 2016 in Baku und der EM 2017 auf Kreta, hat unsere Mannschaft katastrophale Ergebnisse erzielt. Meine beste Zeit ist sicherlich vorbei, aber ich habe mir bei beiden Turnieren nichts vorzuwerfen. In Baku habe ich am zweiten Brett sehr gut gespielt, die beste Elo-Performance der Mannschaft. Auch auf Kreta habe ich die zweitbeste Elo-Performance der Mannschaft erzielt und dabei meine Elo-Zahl auch bestätigt (-1,9). Ich bereite mich mit meinem Trainer Karsten Müller intensiv auf die Turniere vor, und während der Turniere verhalte ich mich professionell.

Bei den Deutschen Einzelmeistermannschaften in Bad Wiessee und den German Masters spiele ich regelmäßig mit, bin immer in den Top 3 gelandet – und das vor einigen Spielerinnen, die nun im B-Kader sind.

Im B-Kader für 2018 sind

  • Sarah Hoolt 2405
  • Hanna Maria Klek 2372
  • Melanie Lubbe 2345
  • Judith Fuchs 2276
  • Filiz Osmanodja 2243

Als einzige der genannten Spielerinnen ist Hanna Maria Klek ein einziges Mal bei Deutschen Meisterschaft oder den German Masters vor mir gelandet (bei der Deutschen Meisterschaft 2013).

Nun soll ich den Preis dafür bezahlen, dass die Mannschaft schlecht gespielt hat. Dabei sind die größten Fehler aus meiner Sicht woanders gemacht worden: bei der Nominierung und der Festlegung der Brettreihenfolge. Für beides ist der Bundestrainer Dorian Rogozenco verantwortlich.

Bei der Mannschaftsnominierung ist mir z. B. ein Rätsel, wieso Zoya Schleining seit Jahren übergangen wird. Sie bestätigt seit Jahren ihre Spielstärke von knapp 2400.

Bei unserem Kurztrainingslager vor der Europameisterschaft haben wir über die Aufstellung diskutiert. Die Idee, Josefine Heinemann als deutlich Elo-schwächste an Brett 2 zu setzen, fand ich von Beginn an falsch. Dies habe ich Dorian Rogozenco auch gesagt, obwohl mir andere Spielerinnen dazu geraten haben, nicht mit ihm darüber zu diskutieren – weil sie die Erfahrungen gemacht haben, dass dies zu persönlichen Nachteilen führt (hier möchte ich keine Namen nennen).

Nun bin ich also raus aus der Mannschaft – ich denke, weil es gewagt habe, die Aufstellung in Zweifel zu ziehen. Sportliche Gründe sehe ich nicht. Wer diese sieht, kann es mir gerne erklären.

Noch einmal zu unserem Abschneiden als Mannschaft. Dies tut mir wirklich sehr, sehr weh. Denn wir haben wirklich gute Voraussetzungen:

  • mit Elisabeth ein „Schach-Monster“ an Brett an 1, die jede Spielerin schlagen kann,
  • eine Reihe von erfahrenden Spielerinnen, die ihre Spielstärke seit Jahrzehnten auf hohem Niveau beweisen,
  • eine Reihe von jüngeren Talenten, die jetzt schon gut genug sind, am letzten Brett gut zu punkten und der Mannschaft zu helfen und
  • mit David Lobzhanidze einen Teamchef, der sich alle Mühe gibt, aus dem Kader und der Aufstellung, die ihm vorgesetzt wird, das Beste zu machen.

Warum wir diese guten Voraussetzungen nicht nutzen? Weil es immer wieder eine neue „crazy“ Idee gibt, wie man die Mannschaft neu erfinden kann.

Ich möchte Sie hiermit auffordern, mich weiterhin im B-Kader zu führen. Ich denke, ich erfülle alle schachlichen Anforderungen.

Viele Grüße

Marta Michna


Ergänzung vom 12. Dezember:

Liebe Schachfreunde, liebe Kommission,

nachdem ich nicht für den B-Kader nominiert wurde, gab es intensive öffentliche und auch nichtöffentliche Diskussionen. Im Ergebnis sehe ich für mich keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer Dorian Rogozenco und habe mich deswegen dazu entschieden, unter ihm nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen.

Er ist ein guter Trainer, aber hat in meinen Augen keine Ahnung vom Frauenschach. Er trägt eine Mitverantwortung an unserem schlechten Abschneiden, aber anstatt dazu zu stehen und sich für seine Fehler zu entschuldigen, wälzt er die Schuld komplett auf die Spielerinnen ab.

Der Mannschaft wünsche ich für die Zukunft uneingeschränkt alles Gute!

Marta Michna


Zoya Schleining

Zoya Schleining 2013
Lieber Deutscher Schachbund, liebe Kommission Leistungssport,

mit großem Interesse habe ich den Bericht des Referenten für Leistungssport Herrn Andreas Jagodzinsky gelesen und mich über die Aufhebung der Altersbeschränkung für Kaderspieler sehr gefreut.

Desto mehr wurde ich überrascht, als ich mir die Frauen-Kaderliste angesehen habe: weder Marta Michna noch ich werden in der Liste geführt!

Marta und ich haben zusammen 3 Deutsche Frauen-Einzelmeisterschaften und 2 German Masters der Frauen gespielt und dabei war Marta alle 5 Mal unter den ersten drei. Was mich betrifft, bin ich nur 4 Mal unter den ersten drei gelandet (schlechtestes Ergebnis - Platz 5), habe aber 2015 den Titel der Deutschen Meisterin geholt!

Mit einer Elo-Zahl von 2389 bin ich aktuell Nummer 3 in der deutschen Frauen-Rangliste, trotzdem hat die Kommission Leistungssport des Deutschen Schachbundes mich über die Aufhebung der Altersbeschränkung nicht informiert, so dass ich keinen Kaderaufnahmeantrag stellen konnte.

Und obwohl ich keine Glaskugel habe, muss ich leider davon ausgehen, dass auch andere über 40-jährige Top-10 deutsche Spielerinnen und Spieler das gleiche Schicksal erlitten haben.

Lieber Deutscher Schachbund, liebe Kommission Leistungssport,

ich möchte Euch bitten, allen besten deutschen Spielerinnen und Spielern die gleichen Nominierungschancen einzuräumen, eine neue Nominierung vorzunehmen und die neuen Nominierungskriterien zu veröffentlichen. Nur so kann die deutsche Nationalmannschaft gute Ergebnisse erzielen, was bestimmt auch im Sinne der Neuausrichtung der Deutschen Meisterschaften wäre!

Viele Grüße

Zoya Schleining



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