Allgemein 13.09.2021 | 12:58von Joe

Norway Chess Zwischenbericht: Carlsen kämpft gegen seine Herausforderer

Fünf Runden sind beim Norway Chess bereits gespielt und das klassische Turnier, das mit Armageddon-Partien vermischt ist, hatte bereits einige Überraschungen für uns auf Lager. Neben einem ersten Vorgeschmack auf die Weltmeisterschaft im November zwischen Magnus Carlsen und Ian Nepomniachtchi kam es auch zu einer spannenden Partie zwischen Magnus und seinem ehemaligen Herausforderer Sergey Karjakin. Die Ausnahmegeneration von 1990 ist allgegenwärtig. Der ungarische Großmeister Richard Rapport führt nach der Halbzeit mit 9.5/16.5 die Tabelle an. Dicht darauf folgt Nepo mit 8.5/17. Wir stellen euch die spannendsten Momente und Stories des bisherigen Turniers vor.

Ein spannender Vorgeschmack auf die Weltmeisterschaft Carlsen-Nepo! | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess















Wenn ihr die Partien des Norway Chess selbst nachspielen und mit dem Computer analysieren wollt, klickt hier.


Ein ungewöhnliches Turnier-Format

Die Punkte-Angabe im Einführungstext dürfte vielleicht auf den ersten Blick einige von euch verwirrt haben. Warum hat Rapport bspw. 9.5/16.5 und Nepo bereits 8.5/17? Dies kommt dadurch zustande, dass das Norway Chess ein Hybrid-Turnier aus klassischen und Armageddon-Partien ist. Letztere werden immer dann gespielt, wenn die regulären Partien einer Runde remis enden. Dadurch wird in jeder Runde ein entscheidendes Ergebnis herbeigeführt. Der Gewinner einer klassischen Partie erhält 3 Punkte, bei einer Armageddon-Partie gibt es bis zu 1.5 Punkte zu holen. Magnus Carlsen hat bisher all seine Armageddon-Partien sowohl mit Weiß als auch mit Schwarz gewonnen.

Rapport sichert sich die Punkte

Richard Rapport konnte sich bereits früh im Turnier viele Punkte durch seine klassischen Partien sichern. In der 1. Runde schlug er mit Schwarz Magnus Carlsens Landsmann Aryan Tari, der gegenwärtig mit 3 Punkten auf dem letzten Platz ist. In einem Springer und Bauernendspiel überspielte der Ungare den Norweger und konnte einen unaufhaltbaren Freibauern auf der a-Linie erschaffen:


Nach 55...a3 gab sich Tari geschlagen, denn das Feld c4 wird durch den schwarzen Springer gedeckt und sowohl der weißer Springer, als auch der König haben keine Gelegenheit, den Freibauern davon abzuhalten zur Dame zu werden.

Richard Rapport startete stark gegen Aryan Tari ins Turnier | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess


Einen weiteren Sieg im klassischen Schach konnte sich Rapport in der 4. Runde gegen Alireza Firouzja sichern. Diesmal hatte er die weißen Steine, trotzdem endete die Partie abermals im 55. Zug. Nach einigen Manövern, durch die Firouzja zumindest den Freibauern auf der d-Linie schlagen konnte, war dennoch klar, dass der ungarische Großmeister eine vollkommen gewonnene Stellung erreicht hatte:


Die finale Stellung nach 55.Txb4

Zwei verbundene Freibauern sowie aktivere Figuren sorgen hier für eine unhaltbare Stellung. Der Computer empfiehlt lediglich die Abtausche mit 55...Txg6 56.Txd4 Sb5 57.Ta4 Td6 usw. einzugehen, jedoch besteht keine Hoffnung darauf, sich gegen die dominante Stellung von Weiß behaupten zu können, weshalb Firouzja aufgab. 

In den Armageddon-Partien gewann Rapport gegen Sergey Karjakin mit einem Remis (mit Schwarz), verlor wiederum mit den weißen Steinen in einem Remis gegen Magnus und mit Schwarz gegen Nepo. Dennoch sorgen seine eindeutigen Siege im klassischen Schach für die klare Führung im Turnier. Es bleibt nun abzuwarten, ob er diese Form in der zweiten Hälfte aufrechterhalten kann!

Magnus kämpft gegen seine Herausforderer

Die wohl am meisten erwartete Partie, bzw. Begegnung, des Turniers ereignete sich schon in der 4. Runde, in der Weltmeister Magnus Carlsen auf seinen Herausforderer Ian Nepomniachtchi im Weltmeisterschaftsmatch im November antrat. Alle Augen waren auf die Partie gerichtet, die uns möglicherweise einen kleinen Vorgeschmack darauf gegen würde, was uns am Ende des Jahres erwartet. Doch die beiden Kontrahenten hielten sich bedeckt und spielten eine ruhige Berliner Verteidigung in ihrer klassischen Partie.

Angeregte Partie-Diskussion zwischen Weltmeister und Herausforderer | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess
















Zwar war 16.g3 von Magnus bereits eine Neuerung, jedoch entwickelte sich in der ohnehin sehr für ihre Ausgeglichenheit bekannten Berliner Verteidigung nie eine ernsthafte Gewinnchance für beide Seiten.


16.g3 war eine Neuerung von Magnus

Der Weltmeister legte sich indes früh mit 26.h4 fest, indem er die Stellung dicht machte. Eine Alternative wäre a3 gewesen und langsam weiter zu spielen, was jedoch ebenfalls nicht sehr vielversprechend war. Zudem wollten sich beide Seiten nicht auf einen scharfen Kampf einlassen, was bereits die Eröffnungswahl zeigte. Deshalb folgte im Anschluss die Armageddon-Partie, bei der Magnus die weißen Steine hatte. Es kam zu einem Königsindischen Angriff, bei dem der Weltmeister früh Druck am Damenflügel aufbaute, bis der Herausforderer Nepo im Zentrum einen entscheidenden Fehler machte, der Magnus die Chance gab, zuzuschlagen:


Nepos 21...e4 war ein positioneller Fehler

Er spielte 21...e4 und vertrieb den weißen Läufer von f3. Jedoch erlaubte er damit, dass Magnus vollständig die Kontrolle am Damenflügel übernahm, die Qualität gewann und schließlich in ein gewonnenes Endspiel abtauschte. Der Punkt ist, dass nach: 22.Le2 Sxc5 23.Lb4 Sa6 24.Lxf8 Lxf8 25.Txb7 Dxb7 26.Dxa6 Db8 ein Freibauer auf der b-Linie entsteht, den Schwarz nicht aufhalten kann. Zudem stehen all seine Bauern auf weißen Feldern, weshalb sie nicht gedeckt werden können und der weißfeldrige Läufer diese nach und nach attackieren kann. Carlsen erkannte dies und gewann das Endspiel. 

Zwar dürften diese Partien weder die Vorbereitung der beiden Kontrahenten für Dubai gezeigt haben, noch repräsentativ für ein mögliches Ergebnis der Weltmeisterschaft sein. Vielleicht dienen sie aber zumindest dem Weltmeister als kleiner Boost für sein Selbstvertrauen und sind zugleich der erste Vorgeschmack auf das, was uns in Dubai erwartet: 14 spannende Partien zweier brillanter Schachspieler im Kampf um die begehrte Krone des Schachweltmeisters!


Der Weltmeister hatte zudem eine gewohnt witzige Antwort zu seiner Eröffnungswahl in der Armageddon-Partie parat:

Wenn ihr die Partie im Detail nachvollziehen wollt, dann seht euch Florian Kuglers Analyse an:
 

Nach einer Vorschau in die Zukunft gab es für Carlsen einen Blick zurück. Denn neben seinem zukünftigen Herausforderer Ian Nepomniachtchi spielte der Weltmeister im Anschluss auch gegen seinen Herausforderer von 2016: Sergey Karjakin! Ein weiterer Vertreter der Ausnahmegeneration von 1990.
Diese Partie hatte bot einige Überraschungen. Zum Einen bekam Magnus die Sveshnikov-Variante der Sizilianischen Verteidigung aufs Brett, seine Hauptvariante der Weltmeisterschaft 2018 gegen Fabiano Caruana. Er bekam damit früh eine komfortable Stellung in der er sogar zwischenzeitlich besser stand. Zum Anderen gab er seine Stellung dann aber wieder aus der Hand. Eine erste Neuerung kam im 15. Zug, als Carlsen rochierte. Zuvor gab es hier nur eine Partie, in der a5 gespielt wurde. 

Magnus Carlsens entscheidender positioneller Fehler kam im 24. Zug, als er das Qualitätsopfer von Sergey Karjakin mit 24...Lxc6 annahm.


Zwar war die Stellung hiernach alles andere als verloren, vielmehr ist sie ausgeglichen. Doch Magnus erlaubte Sergey damit, einen Freibauern zu bekommen, der in der Folge sogar von einem weiteren Bauern gedeckt wurde. Besser wäre Lc5 gewesen, das Qualitätsopfer abzulehnen, und Weiß nicht zu erlauben, einen Freibauern zu erzeugen. Dadurch würde die Stellung am Damenflügel geschlossen bleiben und Schwarz hätte genügend Spiel. Stattdessen verschlechterte sich die Stellung des Weltmeisters zunehmend - trotz der Qualität. 

Eine Chance zum Ausgleich erhielt Carlsen nach 40.Lc4 von Karjakin. Der Computer empfiehlt 40...f6 41.Dd1 Dc3 42.Df3 Re3 43.Df2 Db4 44.h5 gxh5 usw. zu spielen. Der Punkt ist, dass es Schwarz nach einigen Manövern gelingt, in ein ausgeglichenes Endspiel abzutauschen und sich die gefährlichen Freibauern auf der b- und c-Linie zu schnappen.

In der Partie kam jedoch 40...Te7 von Magnus. Es folgten 41.Df2 Dc3 42.Df3 und wieder hatte Magnus die Chance, mit f5 auszugleichen, doch nach 42...Db4 war die Partie gelaufen und Sergey gab seinen Gewinnvorteil nicht mehr aus der Hand. Zwar gelang es Magnus mit 47...Txd3 eine Figur zu gewinnen und seinen Turm zu behalten. Dieser kam jedoch nicht gegen die beiden Freibauern an. Der Weltmeister gab sich im 54. Zug geschlagen.

Sergey Karjakin war nach seiner Niederlage gegen Nepo verständlicherweise sehr zufrieden, einen Sieg gegen Magnus einfahren zu können!

Für eine detaillierte Analyse von Flo schaut euch das Video unten an:

Das ist die Tabelle nach der 5. Runde und damit zur Halbzeit des Turniers:















Heute um 17 Uhr geht es mit der 6. Runde beim Norway Chess weiter. Verfolgt die Partien live hier auf chess24.

Siehe auch:


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