Berichte 17.06.2017 | 14:05von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 9: Aronian gewinnt in Stavanger

Levon Aronian hat eines der stärksten Turnier aller Zeiten mit einem ganzen Punkt Vorsprung gewonnen, nachdem seine Rivalen an der letzten Hürde gescheitert waren. Lev ging gegen Wesley So auf Nummer Sicher und spielte remis, während Hikaru Nakamura gegen Fabiano Caruanas Vorbereitung im Najdorf-Sizilianer kein Mittel fand und Anish Giris Versuche, das gewagte Eröffnungsspiel Vladimir Kramniks zu bestrafen, nach 20 Zügen katastrophal endete - im direkten Duell steht es nun 7:0 nach Siegen für Vlad. Die übrigen Begegnungen endeten remis, Magnus Carlsen wurde Vorletzter und zeigte erschütternd geringe Zuversicht mit dem Eingeständnis: "Ich bin von meiner Fähigkeit, Partien zu gewinnen, nicht so überzeugt.”

Levon Aronian und sein ansteckendes Lachen | Foto: Lennart Ootes

Vor der letzten Runde lag Levon Aronian mit einem halben Punkt Vorsprung in Führung und konnte nur noch von Hikaru Nakamura und Anish Giri abgefangen werden. Beide wählten mit Schwarz kämpferische Eröffnungen, und beide sollten es bereuen:

Jan Gustafsson und Nils Grandelius berichteten auch diesmal vom Turnier - ihr könnt die Sendung zur letzten Runde unterhalb nachholen:

Wir gelangen nun zu den letzten Partien in Stavanger, befassen uns aber mehr damit, wie das Turnier insgesamt für die Spieler verlaufen ist:

So ½ - ½ Aronian

Beide Spieler hatten - auf unterschiedliche Weisen - ein perfektes Turnier... | Foto: Lennart Ootes

Zu behaupten, dass es in dieser Partie förmlich nach Remis roch, wäre eine Untertreibung. Die Ausgangslage im Turnier bedeutete, dass Levon mit einer Punkteteilung zumindest ein Tiebreak um den Turniersieg erreichen würde, während der supersolide Wesley in allen vorangegangenen Partien remis gespielt hatte. Wesley bekam einige Pluspunkte, weil er im 20. Zug eine Stellungswiederholung vermieden hatte, und obwohl Levon meinte, er sei an einem Punkt etwas optimistisch geworden, revidierte er diese Ansicht später mit: "wenn ich meinen König nach d6 stelle und die Farbe meines Läufers wechsle!" Diese Begegnung endete nach 59 Zügen, als nur noch die Könige auf dem Brett übrig geblieben waren, und obwohl zu diesem Zeitpunkt noch eine Partie gespielt wurde, wusste Levon bereits, dass er den Turniersieg in der Tasche hatte:

Die einzige Möglichkeit, dass ich geteilter Erster werde, ist ein Herzinfarkt Fabianos, was in den nächsten 85 Jahren nicht passieren wird, hoffe ich!

Levon gewann das Turnier schließlich mit einem ganzen Punkt Vorsprung (bei seinem letzten Turniersieg beim GRENKE Chess Classic waren es 1,5 Punkte gewesen); der Endstand sieht wie folgt aus:


Levon Aronian: 1. Platz, 6 aus 9 (3 Siege, 6 Remisen), +16 Wertungspunkte

Über Levons Leistung kann man nur in Superlativen sprechen. Es waren nicht nur seine Siege, sondern auch der Stil, mit dem er diese Partien gewinnen konnte, und das Niveau seiner Gegner - er zertrümmerte Magnus Carlsen und Vladimir Kramnik mit Weiß und überlistete Sergey Karjakin mit Schwarz. Das alles geschah in einer aufregenden Serie von drei Siegen und einem Remis in vier Begegnungen:


Levon führte das alles auf jenen Schock zurück, den er in der dritten Runde gegen Giri erlitten hatte, als er sich in wahnwitziger Zeitnot wiederfand, mit Ach und Krach aber noch davonkam:

Dieses Remis weckte mich auf - ich realisierte, dass ich mich steigern muss, da ich andernfalls auf Zeit verlieren könnte.

Es ist möglicherweise ein ernsthaftes Argument, dass die kurze Bedenkzeit von 100 Minuten für die erste Zeitkontrolle im 40. Zug ohne Zeitaufschläge jenen Spielern zugute kam, die die Initiative an sich reißen konnten - Levon gelang das immer wieder mit Einfallsreichtum in der Vorbereitung und am Brett.

Levon spricht nach seiner Partie mit dem norwegischen Fernsehen | Foto: Jose Huwaidi

Etwas, das Levon nie gefehlt hat, ist Selbstvertrauen - als er von Nigel Short gefragt wurde, ob er über den Weltmeistertitel nachdenke, antwortete er ohne zu zögern:

Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken. Sobald ich nicht mehr darüber nachdenke, höre ich wahrscheinlich mit dem Spielen auf oder bin endlich selbst Weltmeister geworden - eines von beiden! Ich respektiere mich selbst sehr: Ich bin mein eigener Lieblingsspieler!

Mit solcher Überschwänglichkeit ist er auch der Liebling vieler Schachfans, und Garry Kasparovs Aussage, die Schachwelt sei ein besserer Ort, wenn Levon gewinnt, fühlte sich nie derart passend an. Aronian hat wieder die 2800 überschritten und ist erneut unter den Top 5 der Welt, allerdings werden seine weltmeisterlichen Hoffnungen dadurch gedämpft, dass es für ihn keinen klaren Weg ins Kandidatenturnier gibt. Nach einer schlechten Leistung beim ersten Grand Prix muss er vermutlich den Weltpokal gewinnen, allerdings kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Armenien das Kandidatenturnier im Gegenzug für seine Teilnahme finanziert. Es ist hilfreich, ein Nationalheld zu sein!

Der stolze Gewinner des 5. @norwaychess. Gut gespielt @LevAronian!

Wesley So: geteilter 4. Platz, 4,5 aus 9 (9 Remisen), -2 Wertungspunkte

Für Wesley So lief es in Norwegen nicht schlecht, doch es gelang ihm nicht, dem Turnier seinen Stempel aufzudrücken | Foto: Lennart Ootes

In unserer Vorschau stellten wir die Frage, ob So im Moment der beste Schachspieler der Welt ist - hier ist das letzte Wort jedoch noch nicht gesprochen. Wir sahen einerseits handfeste Hinweise darauf, dass Carlsens Anrecht auf diesen Titel mehr wackelt als in den zehn Jahren davor, doch andererseits schaffte es auch Wesley mit neun Remisen nicht, Argumente für sich zu liefern - besonders deshalb, da auch die ältere Generation mit Aronian und Kramnik groß aufspielte. Es ist selbstverständlich eine beachtliche Leistung, wenn man in einem so starken Teilnehmerfeld wie beim Altibox Norway Chess alle Partien so mühelos ausgeglichen hält (vor allem, da Wesley fünfmal Schwarz hatte), doch So gelang es dieses Mal nicht, risikolose Stellungen noch zu gewinnen. Es war nicht Wesleys Turnier, aber es gibt mehr Anhaltspunkte dafür, dass sich niemand in einem Match gegen ihn sicher fühlen würde.

Anand ½ - ½ Carlsen

Diese Partie war keinesfalls ein Klassiker, aber sie wurde von zwei Weltmeistern gespielt und sorgte  für das denkwürdigste Interview des Tages. Vishy schien im Giuoco Piano echten Vorteil zu erlangen, allerdings pries Magnus seine Stellung im Beichtstuhl:

Carlsen: "Ich bin ziemlich optimistisch. Ich begreife, dass ich schlechter stehe, aber ich glaube, dass ich ihn Matt setzen kann. Ich stand vor ein paar Zügen schlechter."

Er sollte später kommentieren: "Heute spielte ich fürchterlich, fühlte mich aber zumindest okay." Beide Spieler meinten jedoch, Schwarz habe Kompensation und Remis scheine ein normales Ergebnis zu sein.

Anand und Carlsen trafen zum 57. Mal in einer klassischen Partie auf einander | Foto: Lennart Ootes

Vishy Anand: geteilter 7. Platz, 4 aus 9 (1 Sieg, 2 Niederlagen, 6 Remisen), -3 Wertungspunkte

Vishys Turnier begann auf die schlechtest mögliche Weise, da er in seinen ersten vier Partien dreimal die schwarzen Steine führen musste und in der zweiten Runde mit Weiß zum ersten Mal in seiner Karriere eine klassische Partie gegen Vladimir Kramnik verlor. In der vierten Runde musste er eine weitere Niederlage einstecken, dieses Mal gegen Anish Giri, doch schließlich erholte er sich und konnte später Fabiano Caruana mit Schwarz und schönem Stil besiegen. Er fasste zusammen:

Klarerweise träumt niemand von minus 1... Es war ein wirklich schlechter Beginn, daher war es unter diesen Umständen, in diesem Turnier, ein guter Aufschwung.


Magnus Carlsen
: geteilter 7. Platz, 4 aus 9 (1 Sieg, 2 Niederlagen, 6 Remisen), -10 Wertungspunkte

Nur ein durchwachsener Sieg über Sergey Karjakin konnte die Leistung des Weltmeisters bei seinem heimatlichen Superturnier ein wenig aufpolieren, da er dadurch einen schmachvollen letzten Platz vermeiden konnte. Die Probleme ließen sich dadurch aber nicht überspielen:

Carlsen & Anand spielen remis, beide beenden das Turnier mit enttäuschenden, aber nicht katastrophalen -1

@chess24com Nicht katastrophal, aber Carlsen hat zum dritten Mal in sieben Jahren bei einem Turnier weniger als 50%: Bilbao 2010, Norwegen 2015 und 2017

Nach einer hervorragenden Leistung im Blitzturnier startete Magnus langsam ins Turnier und wurde dann von Levon Aronian gestoppt. Er meinte zu dieser Partie:

Ich habe völlig unterschätzt, was Levon in unserer Partie gemacht hat. Als er opferte, dachte ich, dass das womöglich ein von ihm vorbereiteter Bluff ist, aber es ist Remis. Meine allgemeiner Eindruck war, dass er eine Stellungswiederholung hat, aber nicht mehr. Danach begann ich zu realisieren, dass meine Stellung einige Probleme aufwies... Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ganz gut zu stehen, spielte etwas hastig und verlor.

So etwas kann jedem passieren, selbst den Besten, aber Magnus war mehr davon enttäuscht, dass er die beiden aufeinander folgenden Weißpartien in der fünften und sechsten Runde nicht nutzen konnte, die er nach dem Gewinn des Blitzturniers so sorgfältig ausgewählt hatte. Später folgte noch eine Niederlage gegen Kramnik, und das Turnier war bereits so gut wie hoffnungslos:


Doch es lag nicht nur daran, dass es ein schlechtes Turnier war. Wir bekamen durch ein Interview voller atemberaubender Momente von Dirk Jan ten Geuzendam nach der neunten Partie einen flüchtigen Eindruck von Magnus' Innenleben:

Ein paar Zitate:

Ich denke, es war von Beginn weg einfach fehlende Zuversicht in Verbindung mit sehr gutem Spiel meiner Gegner. Das war einfach keine gute Kombination.

Es war ein eigenartiges Gefühl. Es gelang mir irgendwie, mich für jede Partie zumindest ein wenig aufzubauen, aber das verschwand dann wieder sehr schnell... Ich weiß im Grunde, dass ich spielen kann, aber ich bin von meiner Fähigkeit, Partien zu gewinnen, nicht so überzeugt.

Es wird keine schnelle Lösung oder so geben. Ich muss daran arbeiten. Ich denke, dass ich noch immer spielen kann - ich weiß, dass ich noch immer spielen kann -, ich muss nur meine Zuversicht zurückgewinnen. Es muss gesagt werden, dass das ein starkes Turnier ist und dass es niemand auf Abruf gewinnen kann, aber für gewöhnlich bin ich immer in der oberen Tabellenhälfte, selbst wenn ich schwach spiele. Das ist dieses Mal offensichtlich nicht passiert.

Ich werde klarerweise mit meinen engsten Vertrauten sprechen, aber ich muss vor allem selbst daran arbeiten. Ich bin mir sicher, dass ich das schaffe.

Klarerweise gibt es da einen Trend. In keinem dieser Turniere war meine Zuversicht besonders hoch. Da gibt es ein Problem. Ich denke mir bei jedem der Turniere, an dem ich teilnehme, dass ich gut spielen werde, aber das hat sich ziemlich schnell verändert...

Es steht wirklich nur in Zusammenhang mit dem klassischen Schach. Ich bin sehr davon überzeugt, dass ich in Paris gut spielen werde!

Für jemanden, dessen Spiel immer auf scheinbar unerschütterlichem Selbstvertrauen fußte, waren das einige bemerkenswerte Eingeständnisse. Anand wurde nach Kramniks Sichtweise gefragt, Carlsen müsse an seinen Eröffnungen arbeiten; er wies darauf hin, dass Magnus immer zurecht gekommen war, weil er daran glaube, seine Gegner in jeglicher Stellung überspielen zu können. Falls er diesen Glauben, oder sogar diese Fähigkeit, verliert, sind wir nicht mehr weit von einer neuen Ära in der Schachgeschichte entfernt. Doch eines nach dem anderen... es gibt wenige, die überrascht wären, sollte der alte, dominante Magnus in näherer Zukunft wieder zurückkommen.

Magnus wirkte im norwegischen Fernsehen zuversichtlicher | Foto: Lennart Ootes

Kramnik 1 - 0 Giri

Wir haben die tatsächlich gespielten Partien nur kurz gestreift, aber diese ist eine nähere Betrachtung wert. Anish Giri hätte sogar den ersten Platz belegen können, hätte dazu jedoch seine Partie gewinnen und auf eine Niederlage Aronians hoffen müssen - die Chancen auf einen Eintritt dieses Szenarios waren gering, aber Giri hätte sicherlich auch gerne nur einen ersten Sieg über Vladimir Kramnik gefeiert. 

Kramnik bereitet sich auf eine weitere Begegnung mit seinem "Kunden" vor | Foto: Lennart Ootes

Man konnte sehen, dass er die Herausforderung annahm, als Kramnik zu Beginn provokativ spielte, und ließ seine Bauern nach vorne stürmen, bis er eine Stellung erreichte, von der er sagte:

Ich musste nur noch meine Entwicklung beenden, rochieren und stehe auf Gewinn.

Das war der Plan, doch Anish beschrieb das weitere Geschehen als "ein katastrophaler Tag". (Wir würden euch an dieser Stelle normalerweise auf Nils Grandelius' Kommentar verweisen, doch leider vergaß die schwedische Nummer Eins, für seine 20 Minuten dauernde Analyse das Schachbrett hinzuzuschalten!).

Beide Spieler waren sich einig, dass 10. ... Ld6? jener Zug war, der die Partie drehte, während 15. ... g6? der letzte Nagel im schwarzen Sarg war:


16. e4! entfesselte die Kraft des zuvor eingeschlossenen Läufers auf c1 auf Kosten eines einzelnen Bauern, und nach 16. ... Sxe4 17. Lh6+ Ke7 18. f3 Sd2 19. Tfe1 Kd8 20. Lf4! gab Giri auf.

Dadurch lautet Vladimirs persönliche Bilanz gegen Giri nun 7:0 nach Siegen, bei sieben Remisen.

Vladimir Kramnik: geteilter 2. Platz, 5 aus 9 (3 Siege, 2 Niederlagen, 4 Remisen), +3 Wertungspunkte

Platz 2 beim Norway Chess, Platz 2 in der Weltrangliste! | Foto: Lennart Ootes

Vladimir ist mit diesem Sieg wieder auf den zweiten Platz in der Weltrangliste vorgerückt, und mit einigen schönen Partien hat er erneut gezeigt, dass er mit fast 42 Jahren noch immer zu den allerbesten Spielern der Welt zählt. Er war sogar kurz davor, Magnus zu überholen und wieder die Nummer Eins der Welt zu werden - Kramnik wird sich mit Bedauern an seine Vorschlussrundenpartie gegen Maxime Vachier-Lagrave zurückerinnern. Er erklärte, er habe einen "fürchterlichen Aussetzer" gehabt:


Hier hatte er die ganze Zeit über vorgehabt, 34. ... Td8 zu spielen, doch er sagte, er habe plötzlich die weiße Drohung 35. Sd3 gesehen und nach fünf Minuten den Trick 35. ... Te2! 36. Sxe5 Txe4+ nicht gefunden, den er in anderen Varianten berechnet hatte ("man muss ein völliger Idiot sein"). Er zog 34. ... Ld6?, was er als "Panikzug" beschrieb, ehe er unmittelbar darauf bemerkte, was er übersehen hatte:

Als ich es gespielt habe sah ich es, aber ich konnte nichts mehr machen. Es war lächerlich. Anstatt ein besseres Endspiel mit einigen Chancen zu erreichen, habe ich einfach eine schlechtere Stellung bekommen. Einfach ein mentaler Aussetzer.

Kramnik fügte hinzu: "gestern war ein schwieriger Abend", bevor er darüber sinnierte, dass das nicht nur mit dem Alter passiert:

Ihr erinnert euch, dass ich gegen einen Computer nach zehn Minuten Nachdenken ein Matt in 1 übersehen habe!

Am Ende war Kramniks Turnier eine exakte Kopie des Shamkir Chess, das Vladimir ebenfalls mit drei Siegen und zwei Niederlagen auf dem zweiten Platz beendete. Er fasste beide Turniere hiermit zusammen: "verrückte Niederlagen, seltsame Siege". Das Publikum bekam jedenfalls gute Unterhaltung geboten - hoffen wir, dass Kramnik nicht in nächster Zeit in Rente geht!

Magnus hat trotz allem noch einen Vorsprung an der Spitze | Quelle: 2700chess

Anish Giri: geteilter 4. Platz (2 Siege, 2 Niederlagen, 5 Remisen), +4 Wertungspunkte

Manchmal heißt es, die beste Weise, ein Turnier zu bewerten, sei anhand der Tabellensituation vor der letzten Runde. Wenn man vor dem letzten Tag Chancen auf den Turniersieg hat, muss man etwas richtig gemacht haben. Das trifft hier mit Sicherheit zu, da Anish nach einem miserablen Blitzturnier und einer Erstrundenniederlage eine Offenbarung war. Er hat jene guten Stellungen bekommen, die er beim Kandidatenturnier 2016 erreicht hat, konnte tatsächlich einige davon verwerten und zeigte ganz allgemein eine Schärfe, die wir schon lange nicht mehr von ihm gesehen haben.

Giri hatte zu Beginn und am Ende des Turniers ein Tief | Foto: Lennart Ootes

Vielleicht hatten der lange Versuch, Fabiano Caruana in der vorletzten Runde zu biegen, oder die Erinnerung an die vorangegangenen Niederlagen gegen seine Nemesis Kramnik am letzten Tag Auswirkungen auf ihn - aber obwohl die Niederlage etwas vom Glanz wegnahm... und er seine berühmten 50% erzielte... war das eine exzellente Darbietung des jüngsten und am niedrigsten gewerteten Spieler im Turnier.

Karjakin ½ - ½ MVL

Diese Partie fasste bis zu einem gewissen Grad das Turnier der beiden Spieler zusammen. Sergey Karjakin unterlief ein Fehler, und Maxime Vachier-Lagrave - der 20 Züge Theorie spielen konnte, aber den Vorteil danach beinahe unmittelbar wieder aus der Hand gab - räumte ein, er sei nicht "konzentriert genug" gewesen um zu bemerken, dass sein 24. ... Txd5? nicht funktioniert und er besser 24. ... f5! gespielt hätte. Das war ein Thema in Maximes Pressekonferenzen nach den Partien, die französische Nummer Eins gab jedoch auch zu, dass er in der Partie, die er gegen Kramnik gewinnen konnte, eine Weile von der Partie Carlsen - Karjakin gebannt war.

Es war womöglich ein stiller Protest, dass der offizielle Fotograf diese Partie nicht behandelt hat, daher gibt es ein Bild von norwegischen Schachsouvenirs! | Foto: Lennart Ootes

Sergey Karjakin: 10. Platz, 3,5 aus 9 (2 Niederlagen, 7 Remisen), -8 Wertungspunkte

Nachdem er bei seinen ersten beiden Antritten in Norwegen das Norway Chess-Turnier gewinnen konnte, lief dieses Mal nichts für Sergey und er landete auf dem letzten Platz. Es lässt sich jedoch mildernd sagen, dass -2 für gewöhnlich nicht "ausreichen", um alleiniger Letzter zu werden, und dass jeder gegen Carlsen und Aronian verlieren kann - bis auf eine Sache gab es jedoch keinen Grund zur Freude:

Ich bin sehr froh darüber, dass das Turnier zu Ende ist!

Unterdessen in Moskau...

In Moskau mit @SergeyKarjakin.  Schade, dass sein Trolley so gut funktioniert wie sein #NorwayChess, musste zu einem von @CostaCoffee wechseln...

Maxime Vachier-Lagrave: geteilter 7. Platz, 4 aus 9 (1 Sieg, 2 Niederlagen, 6 Remisen), -5 Wertungspunkte

Maxime konnte Sergeys Schicksal mit einem Vorschlussrundensieg über Vladimir Kramnik abwenden, allerdings haben wir schon darauf hingewiesen, dass dieser Sieg nicht ganz überzeugend war. Der Franzose wird nun danach trachten, bei seinem "Heim"-Turnier - der Paris Grand Chess Tour, die in wenigen Tagen beginnt - mehr zu zeigen. Er beklagte, dass er nicht mehr ganz so einheimisch ist wie in den vorangegangenen Jahren, da der neue Austragungsort (ein Studio von Canal+) nun zehn statt zwei Kilometer von seinem Wohnort entfernt liegt. Das Leben ist hart!

Caruana 1 - 0 Nakamura

Wer liebt Najdorf-Sizilianisch nicht? | Foto: Lennart Ootes

Hikaru Nakamura wusste vor dieser Partie, dass er mit einem Schwarzsieg wahrscheinlich einen Schnellschach-Tiebreak um den mit 70.000 Euro dotierten ersten Preis erreichen würde - einem Format, in dem er vermutlich leicht zu favorisieren wäre. Er unternahm alles, das man von einem Schachspieler verlangen kann, und wählte die Najdorf-Variante - allerdings scheiterte dieses Vorhaben spektakulär, als Fabi die Variante 6. Lg5 spielte und später die Neuerung 15. Tg1!? entkorkte:


Auf den ersten Blick sah das nicht gerade raffiniert aus, allerdings gab Fabiano einen Einblick in sein und Rustam Kasimdzhanovs Labor, als er verriet, dass eine Pointe darin besteht, den Turm von der Diagonale h1-a8 zu entfernen, auf der er in einigen Abspielen nach e5 ungeschützt steht. Hikaru spielte nach 20 Minuten Nachdenkpause 15. ... Ld7, und nach 16. g5 hxg5 17. Txg5 schockierte er Fabiano, indem er 31 Minuten lang 17. ... Sc6 berechnete, anstatt den Bauern auf g7 zu decken. Es lag nicht daran, dass der Zug an sich schlecht gewesen wäre, aber...

Um diesen Zug zu spielen, musst du ein weit entferntes Detail entdecken, das schwer zu finden ist... Ich fragte mich eine Zeitlang, ob er das analysiert hatte und sich daran zu erinnern versuchte. Das ohne vorherige Analyse zu spielen ist sehr riskant.

Die Ungewissheit war im 22. Zug zu Ende:


Um das schwarze Spiel rechtzufertigen, musste Hikaru hier 22. ... Txh2!! finden, mit der erstaunlichen Pointe, dass nach 23. Txe7 Th1+ 24. Lf1 Tf8! Weiß sein Extratempo nicht dazu nutzen kann, um den gefesselten Läufer auf f1 zu retten und mit einer Mehrfigur zu verbleiben. Weiß läuft sogar etwas Gefahr, Matt gesetzt zu werden:

Ich konnte nicht glauben, dass er alles bis hierhin berechnet hatte... Ich dachte, er hat es vorbereitet oder brillant berechnet - dann hätte er sich ein Remis verdient, oder sogar mehr als eine Punkteteilung!

Nakamura überlegte stattdessen weitere 21 Minuten an 22. ... Sg8, was Fabi "eine sehr willkommene Überraschung" nannte. Weiß hatte einen Mehrbauern, während sich die schwarzen Figuren auf den letzten beiden Reihen verheddert hatten - und zur großen Freude Aronians verlief der Rest der Partie für Caruana unglaublich glatt. Die restlichen Züge wären normalerweise keine Erwähnung wert, doch die folgende Stellung verdient ein Diagramm:


Nachdem beide Spieler das letzte Dutzend Züge im Blitztempo ausgeführt hatten, hielt Nakamura plötzlich inne. Caruana war es tags zuvor gelungen, gegen Giri eine Festung zu errichten, doch das war keine. Daher war es für alle überraschend, dass nach dem Ende der übrigen Partien Nakamura noch einmal 16 Minuten lang über seinen nächsten Zug nachdachte:

Jan & Nils sprechen darüber, wie man den Gegner in verlorener Stellung am besten zur Aufgabe bewegt - am Brett bleiben oder aufstehen? :)

Als es endlich weiterging, zogen die Spieler erneut schnell: 54. ... Lf6 55. d6 Se5 56. Lf5 Sd3 57.Txf6 Kxf6 58. d7 Ke7 59. h6 und Schwarz gab auf

Fabiano wurde im Anschluss gefragt, ob er von der Verzögerung genervt war:

Ein wenig. Er dachte nicht über seine Stellung nach, das ist klar. Ich denke, dass 30 Minuten Denkpause an dieser Stelle nicht sehr von Sportgeist zeugen.

Hikaru twitterte später:

Genug gesagt.

Maxime Vachier-Lagrave kommentierte das zuvor gezeigte Schach:

Das passiert manchmal, wenn du Najdorf spielst - andernfalls wäre es die beste Eröffnung der Welt!

Fabiano bemerkte: "Um das zu spielen, musst du im Grunde jeden Zug für Weiß oder Schwarz in jeder Stellung analysieren". Er hat leicht reden!

Fabiano Caruana: geteilter 4. Platz, 4,5 aus 9 (1 Sieg, 1 Niederlage, 7 Remisen), -2 Wertungspunkte

Die letzte Partie sorgte für eine positive Fußnote zu einem Turnier, in dem Fabiano zuvor vor allem für seine katatonische Herangehensweise an das Spiel mit den schwarzen Figuren aufgefallen war und in einer Partie nach der anderen miserable technische Stellungen verteidigen musste - er war von Giri schließlich sogar als "Buchhalter" bezeichnet worden. Das funktionierte so gut, dass Caruana mit Schwarz keine einzige Partie verlor (die einzige Niederlage war mit Weiß gegen Anand) - vielleicht war es ja eine Art Training für zukünftige Herausforderungen. Fabiano bleibt mit diesem Ergebnis noch auf den Qualifikationsplätzen für das Kandidatenturnier nach Wertungszahl... gerade noch!

Das Rennen zum FIDE-Kandidatenturnier nach durchschnittlicher Wertungszahl nach dem #norwaychess: So 2813, Caruana 2811,6, Kramnik 2811,25

Hikaru Nakamura: geteilter 2. Platz, 5 aus 9 (2 Siege, 1 Niederlage, 6 Remisen), + 7 Wertungspunkte

Nakamura verlor erst am Ende des Turniers eine Partie | Foto: Lennart Ootes

Bis zum nächsten Jahr... | Foto: Lennart Ootes

Die abschließende Partie war für Hikaru natürlich ein bitteres Ende, doch bis dahin hatte er ein hervorragendes Turnier gespielt und war mit Siegen in der ersten und vierten Runde an die Spitze vorgestoßen. Die letzte Entscheidung, gegen Fabi die schärfste Najdorf-Verteidigung zu wählen, kann nicht getadelt werden - die Niederlage kostete ihn 7.500 Euro im Vergleich zu einem zweiten Platz nach einem Remis; hätte er jedoch die Partie und den Tiebreak gewonnen, wäre er um 30.000 Euro reicher gewesen. Er wäre auch in den Klub der 2800er aufgestiegen und hätte im selben Moment Caruana daraus verdrängt. Es hatte jedoch nicht sein sollen, doch die möglichen Vorteile überwogen die Nachteile bei weitem.

Das war's also vom Altibox Norway Chess 2017. Wir hoffen, dass euch unsere Berichterstattung gefallen hat und freuen uns bereits auf ein Wiedersehen. Das "Warten" auf weiteres Spitzenschach hat bereits ein Ende, da am  Samstag die Mannschafts-Weltmeisterschaft in Khanty-Mansisk beginnt. Ihr könnt hier bei chess24 natürlich live zusehen - Evgeny Miroshnichenko und Anna Rudolf werden auf Englisch berichten, Sergey Shipov auf Russisch: Mannschafts-Weltmeisterschaft | Mannschafts-Weltmeisterschaft der Frauen   

Am kommenden Mittwoch beginnt auch die Paris Grand Chess Tour mit einigen bekannten Gesichtern: Carlsen, Nakamura, So, MVL, Karjakin, Caruana, Grischuk, Mamedyarov, Topalov und Bacrot sind mit von der Partie!

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 4

Guest
Guest 2513909261
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.