Berichte 16.06.2017 | 13:08von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 8: Magnus & MVL sind zurück!

Magnus Carlsen wird die Weltrangliste auch im Juli anführen, nachdem ihm in der vorletzten Runde des Altibox Norway Chess 2017 endlich ein Sieg gelungen ist. Seine riskante Entscheidung, in Zeitnot gegen Sergey Karjakin einen Bauern zu opfern, machte sich bezahlt, während sein Rating-Rivale Vladimir Kramnik gegen Maxime Vachier-Lagrave zu stark drückte und noch verlor. Levon Aronian liegt weiterhin in Führung und kann nur noch von Hikaru Nakamura oder Anish Giri abgefangen werden.

Magnus konnte seit 2007 in jedem Turnier zumindest eine Partie gewinnen | Foto: Lennart Ootes

Die achte Runde brachte keine Veränderungen im Kampf um den Sieg beim Altibox Norway Chess, allerdings hatten die beiden äußerst ungewöhnlichen Letztplatzierten Magnus Carlsen und Maxime Vachier-Lagrave endlich Grund zur Freude (klickt auf ein Ergebnis, um die Partie nachzuspielen):

Magnus Carlsens Sekundanten bei der Weltmeisterschaft Jan Gustafsson und Nils Grandelius waren zur Stelle, als ihr Chef endlich eine Partie gewinnen konnte. 

@GMJanGustafssons und @GMGrandelius' jüngster Fan

Ihr könnt die ganze Sendung zur achten Runde unterhalb nachholen (um sie live zu sehen und solche Sendungen damit auch in Zukunft zu unterstützen, ist ein Premium-Zugang nötig):

Carlsen 1 - 0 Karjakin: Mutige haben Glück

Am Donnerstag konnte ein Sieg Vladimir Kramniks über Maxime Vachier-Lagrave zu einem gewissen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, während sich Magnus Carlsen zu einem objektiv betrachtet zweifelhaften Bauernopfer gegen den stets gefährlichen Sergey Karjakin entschied. Siege von Sergey und Vlad hätten eine neue Nummer Eins der Welt bedeutet - und Carlsens Krise wäre vor der Letztrundenpartie gegen Anand mit Schwarz noch verschlimmert worden. 

Carlsen und Karjakin wieder auf der großen Bühne | Foto: Lennart Ootes

Doch stattdessen konnte Magnus den Vorsprung in der Weltrangliste auf seinen engsten Verfolger Wesley So wieder auf komfortable 12,8 Zähler ausbauen. Sergey Karjakin hatte in gegenseitiger Zeitnot einige gute Züge gefunden, ließ allerdings Chancen ungenützt, um sich zu konsolidieren - und spielte nach 26 Minuten und 52 Sekunden Nachdenkpause den Verlustzug 41. Ld6?


Der Russe erklärte hinterher, er habe die längste Zeit nach etwas Besserem gesucht, dann allerdings beschlossen, das "Remis zu fixieren". Er übersah dabei allerdings, dass Weiß nach 42. Th8+ Sg8 43. Te4 Dg7 einen entscheidenden Schlag ausführen kann:


44. Txg8+! Nach 44. ... Dxg8 ist der beste Zug 45. Df6, aber der schöne Kniff 45. Tg4 Dh7 46. Th4! nebst Th8 im nächsten Zug sorgt auch für die Entscheidung. Nils Grandelius führt uns durch diese Partie, die zwar bei weitem nicht fehlerlos war, allerdings jede Menge Dramatik bot:

Magnus bekam nach der Partie tosenden Applaus - man konnte die Erleichterung der Fans und der norwegischen Fernsehteams spüren. 

Die besonders große Aufmerksamkeit macht Niederlagen schmerzhafter, aber Siege schöner | Foto: Lennart Ootes

Magnus gibt in einem Fernsehstudio mit Aussicht ein Interview | Foto: Lennart Ootes

Der Weltmeister war, wie in Tarjei J. Svensens Matt & Patt zitiert, natürlich erleichtert:

Das macht einen sehr großen Unterschied. Jetzt werde ich nicht Letzter, sofern ich morgen nicht verliere.

Er wurde jedoch nicht übermütig. Dem Umstand zum Trotz, dass er seinen Spitzenplatz in der Weltrangliste weiter halten kann, räumte er ein: "Falls jemand anders in Kampfform gewesen wäre, hätte ich ihn bereits verloren". Er fügte hinzu:

Wäre ich im Krankenstand, wäre ich noch nicht genesen.


MVL 1 - 0 Kramnik: Gut für die Laune

Die französische Nummer Eins Maxime Vachier-Lagrave hatte nach seinem ersten Sieg im Turnier (bei zwei Niederlagen) dieselben Gedanken und meinte:

Selbst heute war mein Spiel wenig überzeugend, daher ist klar, dass in diesem Turnier etwas ziemlich falsch gelaufen ist.

Er meinte weiters, der Sieg sei "gut für meine Laune!”

Die Berliner Verteidigung mit frühem Damentausch zwischen MVL und Kramnik war alles andere als langweilig | Foto: Lennart Ootes

Die Eröffnung war ein Anti-Berliner Theorieduell auf hohem Niveau, in dem die Spieler ihre ersten 19 Züge im Blitztempo ausführten, allerdings haben wir nur die ersten zwölf Züge schon einmal gesehen: Caruana ½ - ½ Xiong bei der US-Meisterschaft in diesem Jahr. Weiß schien alle Regeln bezüglich Bauernstrukturen und Entwicklung zu missachten, und als Maxime seine Analyse vergessen zu haben schien, zogen Gewitterwolken auf. Doch dann begann er zurückzuschlagen:


31. Tf3! Txg4 32. Sa4! Txg2 33. Sc5! und auf Kosten zweier isolierter Bauern hat Weiß plötzlich gefährliche Initiative. Maxime spürte, dass Schwarz noch immer ohne große Probleme ein Remis erzwingen könnte, allerdings leben (und sterben) Spieler wie Kramnik durch das Schwert. Die russische Nummer Eins spielte noch immer auf Sieg und traf die riskante Entscheidung, seinen Läufer gegen den weißen Springer abzutauschen und in ein Turmendspiel überzuleiten, in dem die weißen Bauern am Damenflügel bereits einen Vorsprung hatten.

Die interessanteste Partie beim @NorwayChess heute.

Maximes Rechenkunst ist möglicherweise die beste im Geschäft, und es scheint, als ob er Vlad im folgenden Spiel keine Chance gelassen hätte. Der entscheidende Schlag erfolgte im 48. Zug:


48. Txh4! Nach 48. ... Txh4 49. Kb5+ würde Weiß den schwarzen Turm auf a4 gewinnen und ein einfach gewonnenes Endspiel entstehen. Kramnik gab auf

Durch die Siege der beiden letztplatzierten Spieler liegt nun Sergey Karjakin - der das Turnier bei seinen beiden ersten Antritten beim Norway Chess gewinnen konnte - am Tabellenende. Als er von Nigel Short darüber informiert wurde, antwortete er:

Ach je! Möglicherweise bin ich in Stavanger Erster oder Letzter!

Zu Beginn hatte es allerdings so ausgesehen, als ob wir eine weitere "Ruhe nach dem Sturm"-Runde erleben würden. 

Nakamura - So war nicht die Partie der Runde... | Foto: Lennart Ootes

In der Partie Nakamura - So gab es in der Eröffnung eine kleine Überraschung von Nakamura, die von Wesley So jedoch problemlos entschärft wurde. Er ist in Stavanger jener Spieler mit dem einzigen "perfekten" Ergebnis:


Wesley sagte nach der Partie:

Mir wäre es lieber, es gäbe im Schach kein Remis mehr, da wir hier einfach perfektes Schach gespielt haben.

Er befürwortete den alten Vorschlag von Kasimdzhanov und Shipov, dass eine Partie nach einem Unentschieden mit vertauschten Farben und verkürzter Bedenkzeit sofort wiederholt wird - und zwar so lange, bis eine Seite gewinnt. Als er damit konfrontiert wurde, dass das den Tod des klassischen Schachs bedeuten würde, entgegnete er: "Man muss sich anpassen und ändern - heutzutage gibt es Computer!”

Levon hätte den ersten Platz mit einem Letztrundensieg sicher, während ein Remis zumindest einen Stichkampf bedeutet | Foto: Lennart Ootes

Durch das Remis Nakamuras konnte sich Levon Aronian den Turniersieg beim Altibox Norway Chess 2017 mit einem Partiegewinn über Vishy Anand beinahe sichern. Die armenische Nummer Eins hatte eine derart gute Stellung erreicht, wie man sie nach der Eröffnung nur erträumen kann. Er konnte sogar ein wunderschönes Läuferopfer auf einem leeren Feld spielen: 28. Lh7+


Hätte Vishy den Läufer geschlagen, würde 29. Dc2+! den Turm auf c8 und die Partie gewinnen, aber natürlich tat er das nicht - nach 28. ... Kh8 29. Lb1 Kg8 beschloss Levon, auch mit einem halben Punkt Vorsprung vor der letzten Runde zufrieden zu sein, und wiederholte die Züge.

Leben findet woanders statt | Foto: Lennart Ootes

Somit bleibt noch die längste Partie des Tages: Giri - Caruana. Diese Begegnung spiegelte auch das Turnier der beiden Spieler wider: Fabiano wählte mit Schwarz erneut das angenommene Damengambit und musste erneut eine miserable Stellung verteidigen. Anish Giri, der in fast allen seiner Partien hervorragende Stellungen bekommen hatte, beschrieb es als "klassisches Leiden", doch er schien den Remiszug übersehen zu haben:


Giri rechnete sich in einem Turmendspiel gute Chancen aus, doch hier erzwang 37. ... Tb7! ein Leichtfigurenendspiel, da etwa 38. Tc6? an 38. ... Tb2+ und dem hängenden Läufer scheitert. Das Endspiel nach 38. Txb7 scheint remis zu sein, und die Stellung wurde auch als mathematisch Remis angezeigt, sobald die Tablebases (das sind Datenbanken mit "perfektem Spiel", die für Stellungen mit bis zu sieben Steinen berechnet wurden) erreicht waren. Fabiano hätte die Partie mindestens eine Stunde früher beenden können, falls er an einer Stelle einen forcierteren Zug gewählt hätte, aber schlussendlich stellte Giri im 67. Zug seine Bemühungen ein:


Diese offensichtlich überwältigende Stellung für Weiß ist nur Remis. Nigel Short forderte deswegen erneut, ein Patt solle nicht Remis sein, sondern eine Niederlage für denjenigen Spieler, der nicht mehr ziehen kann. Giri konnte dadurch jene geistreichen Bemerkungen anbringen, die ihn gegen einen weniger sanftmütigen Gegner in physische Gefahr bringen könnte!

Falls (Patt) nicht mehr Remis ist, muss Fabiano seinen Stil zur Gänze verändern. Er muss einfach sein Eröffnungsrepertoire wechseln. Er muss aufhören, ein Buchhalter zu sein, und anfangen, ein Schachspieler zu sein. Das ist von Fabiano zu viel verlangt, denke ich.

Giri ist wieder in Form! | Foto: Lennart Ootes

Durch dieses Ergebnis können sowohl Giri als auch Nakamura Aronian in der letzten Runde noch abfangen. Ein geteilter erster Platz führt zu einem Schnellschach-Tiebreak: zwei Blitzschachpartien (3 Minuten + 2 Sekunden/Zug), auf die im Bedarfsfall eine Armageddon-Partie folgt. Hier hat Weiß 4 Minuten (Schwarz nur 3) Bedenkzeit, muss allerdings gewinnen, da ein Remis als Schwarzsieg gewertet wird.


Es ist noch fast alles möglich, da diese drei Spieler auf unterschiedliche Gegner treffen - und mit Schwarz eine schwierige Aufgabe haben. Aronian trifft auf den Felsen Wesley So, Nakamura auf seinen Landsmann Caruana, während Giri gegen Kramnik spielt - einen Spieler, der in klassischen Partien ein 6:0-Ergebnis gegen ihn hat (Kramnik gewann ihre ersten fünf Begegnungen mit Weiß).

Wird Levon auch nach dem Turnier noch lächeln? | Foto: Lennart Ootes

Bei Karjakin - MVL und Anand - Carlsen geht es natürlich auch ums Prestige und darum, nicht den letzten Platz zu belegen - auch wenn sich die hinteren Plätze in finanzieller Hinsicht nur wenig von einander unterscheiden:

  1. Platz:    70.000 Euro

  2. Platz:    40.000 Euro

  3. Platz:    25.000 Euro

  4. Platz:    20.000 Euro

  5. Platz:    17.500 Euro

  6. Platz:    16.000 Euro

  7. Platz:    15.500 Euro

  8. Platz:    15.250 Euro

  9. Platz:    15.000 Euro

10. Platz:    14.750 Euro

Für Spannung ist also gesorgt! Jan Gustafsson und Nils Grandelius berichten ab 16:00 Uhr live bei chess24. Ihr könnt auch mit unseren Apps bei den Partien zusehen:

         

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