Berichte 13.06.2017 | 17:44von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 6: Levon fängt noch eine Dame

Levon Aronian besiegte Vladimir Kramnik und hat beim Altibox Norway Chess drei Runden vor Schluss zu Hikaru Nakamura an der Tabellenspitze aufgeschlossen. Das gelang ihm, indem er die Dame des ehemaligen Weltmeisters fing und damit Erinnerungen an seinen Sieg über den aktuellen Weltmeister Magnus Carlsen zwei Runden zuvor wachrief. Andernorts hatte Vishy Anand Grund zur Freude, da er Fabiano Caruana mit Schwarz positionell überspielen konnte. Anish Giri verpasste einen Sieg über Wesley So, während Magnus Carlsen erneut frustriert war - er belegt nun gemeinsam mit Caruana, MVL und Anand den letzten Platz!

Es ist nicht nur, dass Levon gewinnt, sondern auch, wie er gewinnt! | Foto: Lennart Ootes

Die sechste Runde des Altibox Norway Chess verlief ebenso aufregend wie die vierte Runde und bot an vier von fünf Brettern großartige Kämpfe:

Hier ist die Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson zur sechsten Runde mit einem Gastauftritt von Lawrence Trent (um sie live zu sehen und solche Sendungen damit auch in Zukunft zu unterstützen, ist ein Premium-Zugang nötig):  

Wir beginnen mit jener Partie, in der am wenigsten passierte: falls Magnus Carlsen nicht nur seine Platzierung im Turnier verbessern, sondern um den ersten Platz mitspielen will, musste er am Montag wirklich versuchen, Maxime Vachier-Lagrave mit Weiß zu besiegen. Der Tag begann gut, da Magnus zwar seine Brille vergessen hatte, davon abgesehen aber in guter Stimmung zu sein schien:

Nun, jemand ist heute offensichtlich gut gelaunt! (Während @GMHikaru anscheinend nicht verstehen kann warum)

Die Eröffnung 1. d4 Sf6 2. Lf4 deutete an, dass Magnus gegen seinen Sekundanten bei der Weltmeisterschaft (ein weiterer Sekundant Magnus', Jan Gustafsson, hat vor kurzem eine Videoserie veröffentlicht, in der sich auch Tipps finden, wie man gegen das Londoner System spielt) das Londoner System spielen möchte, das sich steigender Beliebtheit erfreut. Zu Beginn verlief die Begegnung besser, als sich Magnus hätte erträumen können, da er gegen Maxime exakt dieselben Züge ausführte wie schon im Eröffnungs-Blitzturnier und nicht damit rechnen konnte, dass die französische Nummer Eins elf Minuten Nachdenkpause einlegen würde!  

Doch danach ging es für Magnus allerdings bergab - als Maxime 10. ... Sd5 und 11. ... b5 gezogen hatte, meinte er, er fühle sich "extrem behaglich":


Er fügte später hinzu:

Ich dachte, dass nur ich besser stehen könnte, aber ich konnte es nicht beweisen.

An die Arbeit... | Foto: Lennart Ootes

Es war bereits der zweite Tag hintereinander, an dem der Schwarzspieler bedauerte, den Weltmeister nicht strenger geprüft zu haben - Maxime fühlte, dass er langsamer hätte spielen sollen, doch er zog deswegen so schnell, weil er keinerlei Probleme entdeckte. Diese Partie war schließlich die erste beendete Begegnung des Tages; dass bis zu den blanken Königen weitergespielt wurde, war nur wenig mehr als ein Witz seitens der Spieler.

Magnus meinte hinterher:

Ich fühlte, dass ich einige seltsame Entscheidungen getroffen habe. Ich sitze und versuche, etwas zu finden, das nicht da ist. Es funktioniert überhaupt nicht. Es ist beschämend, was ich in den letzten beiden Weißpartien erreicht habe.

Der Weltmeister räumte ein, dass er nicht mehr um den Turniersieg mitspielen kann, aber ein Spieler, der bestimmt noch im Rennen ist, ist Levon Aronian. Er hat auf dem Weg zu einem überzeugenden Sieg beim kürzlich gespielten GRENKE Chess Classic drei Weißpartien hintereinander gewonnen, in Stavanger nun zwei in Folge - und gegen welche Gegner! Er gewann gegen den aktuellen Weltmeister Magnus Carlsen und nun gegen den ehemaligen Champion Vladimir Kramnik.

Levon Aronian 1 - 0 Vladimir Kramnik

Man muss etwas Mitleid mit Vladimir Kramnik haben, der sich nach dieser Partie ärgerte:

Ich habe gerade drei oder vier grobe Fehler in einer Partie gemacht - das ist etwas zu viel!

Er beklagte 16. ... Tac8 ("völlig unnötig, damit bekommst du Ärger" - Aronian) statt 16. ... Tad8, sowie seinen Zug nach Aronians 19. Sh4, mit dem er seine Dame befragte. Vlad bezeichnete sein 19. ... Dg4? als Fehler, doch es ist von ihm unvernünftig, das weitere Geschehen zu selbstkritisch zu betrachten. Die Stellung war extrem schwierig zu halten, besonders deswegen, weil darin ein verheerendes Motiv vorkam:

Ich habe einfach die ganze Idee mit dem Damenfang irgendwie übersehen!

Levon ist es damit zum zweiten Mal in Folge gelungen, die Dame eines Weltmeisters zu quälen. Peter Svidler hat alle Einzelheiten dieser außergewöhnlichen Partie:

Carlsen und Kramnik zu schlagen - die nicht nur Weltmeister sind, sondern zum damaligen Zeitpunkt auch die Nummern Eins und Zwei in der Live-Weltrangliste - war bemerkenswert, und als nächstes folgt in Runde 8 Anand:

Levon kann eine ganze Weltmeistersammlung komplettieren, wenn er Vishy beim #Altibox #NorwayChess besiegt. Ich frage mich, ob es das schon mal gegeben hat.

Solche Ergebnisse gab es jedoch schon zuvor - Radek Wojtaszek konnte etwa 2015 in Wijk aan Zee sowohl Magnus Carlsen als auch Fabiano Caruana mit Weiß besiegen. Es ist jedoch großartig zu sehen, dass Levon wieder dort angekommen ist, wo er hingehört: in den 2800er-Klub, der im Moment sechs Mitglieder hat (fünf davon spielen beim Norway Chess mit):

2017 @NorwayChess R6 live: @LevAronians Sieg bringt @2700chess durcheinander!

Lustig ist an diesem Bild, dass Kramnik, der vom zweiten auf den vierten Platz verdrängt wurde, nach dem Sieg Anands über Caruana wieder auf den dritten Platz zurückkehrte - hätte So ebenfalls verloren, wäre er wieder auf den zweiten Platz vorgerückt. Aronian beendete den Tag auf Platz 4 der Weltrangliste - zu sagen, dass die Dinge flüssig laufen, wäre eine Untertreibung!

Kramnik ist auf 50% zurückgefallen und freut sich vermutlich über den Ruhetag | Foto: Lennart Ootes

Die andere entschiedene Begegnung des Tages war ein willkommener Sieg für Vishy Anand und seine Fans:

Fabiano Caruana 0 - 1 Vishy Anand

Vishy hatte beim Altibox Norway Chess bislang nur zwei Niederlagen und keinen Sieg zu Buche stehen, daher kam ein Sieg mit den schwarzen Figuren zur richtigen Zeit. 

Vishy verwirrt seine Kritiker, die nach jeder Niederlage seinen Rücktritt fordern | Foto: Lennart Ootes

Er sagte:

Ich nehme es, ganz klar! Es ist einfach ein sehr schönes Ergebnis für mich.

Es war eine seltsame Partie, denn Vishy wich zwar zuerst von den bekannten Partien ab, doch Weiß schien sich sehr gut zu schlagen - bis zu einem gewissen Moment:


Weiß hat das Läuferpaar, kann kurz oder lang rochieren und die schwarzen Figuren stehen momentan "sehr ungeschickt" (Anand). Wie bereits während der Live-Sendung erwähnt wurde, hat Schwarz vier oder fünf Figuren, die gerne auf d5 stehen würden, aber nur eine kann dieses Feld gleichzeitig besetzen. Das war jedoch der Moment, in dem Vishy eine Umgruppierung fand, die das Potential seiner Stellung entfesselte:

Seidenweicher Sieg von Vishy - er lässt es so einfach aussehen. ... Te6! mit der Absicht ... Se8-d6 ist beeindruckend & amüsant, wie die h-Linie beharrlich geschlossen bleibt.

Der Springer strebt via e8 nach d6 und potentiell c4, während der Turm auf den Königsflügel wechseln kann. Caruana stand einigen seiner Züge kritisch gegenüber, wie etwa 20. Sb3, doch er konnte nicht entdecken, was er tun sollte - und schließlich waren beide Spieler bestürzt, wie schnell das weiße Lager auseinanderfiel:

Caruana: Nach wenigen Zügen war ich im Grunde in einer hoffnungslosen Lage.

Anand: Ich machte ein paar Züge, bis mir auffiel, dass ich beinahe auf Gewinn stand!

Wir springen nach vor und sind nun bei der Stellung nach 33. ... hxg6 angelangt (der Computer hätte mit 33. ... Lxg6 lieber solider gespielt):


Fabiano vermutete, dass es einen schwierigen Weg geben müsse, um in der Partie zu bleiben - der Computer schlägt 34. Ld1!? vor, aber mit nur noch anderthalb Minuten auf der Uhr war seine Aufgabe so gut wie unlösbar. Hier folgte 34. h5 g5 35. h6 g6 (kein Gegenspiel für Weiß!), und nach 36. Lb2?! Lg4! war es nur noch eine Frage der Zeit. 

Manchmal kann man einfach nichts machen | Foto: Lennart Ootes

In der Schlussstellung steht Vishy bereit, den weißen König auf den hellen Feldern mattzusetzen:


Die beiden übrigen Remisen waren sehr unterschiedlich. In Nakamura - Karjakin musste Sergey leiden, weil er Jan Gustafssons Empfehlungen nicht beachtete! In seiner Videoserie 4. Qc2 against the Nimzo-Indian wies Jan darauf hin, dass 14. ... Se4 (wie auch von Karjakin gespielt) "in die starke Antwort 15. Se5 läuft, wonach Schwarz weiterhin schlechter steht". 


Der richtige Zug ist - wie von Jan angegeben und von Nakamura nach der Partie empfohlen - 14. ... Sd5.

Nakamura muss sich nun, drei Runden vor Schluss, die Tabellenführung teilen | Foto: Lennart Ootes

Dieses Urteil erwies sich als korrekt und Nakamura drückte bis Partieende mit seinem Läuferpaar. Es gab jedoch nie eine echte Gelegenheit, um den ganzen Punkt zu erobern, mit dem Nakamura beim Norway Chess weiterhin alleine in Führung geblieben wäre. Oder wie es Kramnik während der Partie ausdrückte:

Sergey hält normalerweise viel schlechtere Stellungen als diese!

In der längsten Partie des Tages konnte man erneut Anish Giris Probleme mit der Beendung von Partien sehen, da sowohl er als auch sein Gegner Wesley So fühlten, dass Weiß einfach auf Gewinn stand. 

Obwohl er So nicht bezwingen konnte, hat das Turnier für Giri eine positive Wende genommen, da Spieler wie Carlsen hinter ihm liegen | Foto: Lennart Ootes

Wesley gab zu, Giris Spiel unterschätzt zu haben, insbesondere den Zug 17. Td7!, und im 22. Zug griff er zu drastischen Maßnahmen:


22. ... Dxa2!? "Ich schlug den Bauern aus Verzweiflung" - So. Der Zug sorgte bei unserem Kommentatoren-Team für geteilte Reaktionen:    

Svidler: "Ich finde keine Worte" zu Sos Bauernraub.

Jan: "Nimm diese Bauern! Initiative kommt und geht, aber Bauern sind für die Ewigkeit!"

Danach zeigte Giri eine Weile dieselbe Schärfe, mit der in diesem Turnier bereits Vishy Anand schlagen konnte, und entdeckte etwa, dass das von Wesley geplante 30. ... Df4? wegen 31. Dd4 Dh6 32. Dxa4 verlieren würde, da der Läufer auf a8 fällt.


Wenige Züge später bot Giri jedoch den Tausch der Damen an, den Wesley dankend annahm. Als danach auch noch die Läufer vom Brett gelangten, konnte er endlich aufatmen:


Es war zwar nicht einfach, aber es ist kein Zufall, dass Wesley bei über 80 Versuchen nur einmal verloren hat. 

Durch Wesley Sos hartnäckige Verteidigung wurden Anish Giris gefährliche Optionen auf eine reduziert: mit dem Sessel schaukeln.

Anish gab zu, das Endspiel einfach falsch bewertet zu haben:

Ich nahm irgendwie an, dass ich in diesem Endspiel große Chancen hätte, aber es ist einfach Remis... ich dachte, es wäre fast schon gewonnen, aber das war es natürlich nicht.

Das bedeutet, dass Giri und So weiterhin bei 50% stehen, Nakamura gemeinsam mit Aronian in Führung liegt, während am anderen Tabellenende ein außergewöhnliches Quartett zu finden ist!


Zwischen dem ersten und dem letzten Platz liegen allerdings nur 1,5 Punkte, daher ist in den letzten drei Runden noch alles möglich. Zunächst haben die Spieler aber noch einen Ruhetag, und am Abend davor konnten sie sich etwas entspannen!

"Ich werde ihn zum Weinen bringen" - ratet, wer am meisten stichelt :)

Fabiano wurde ersetzt!

Das Altibox Avalon Turnier in Stavanger, Norwegen.

Die letzten drei Runden werden in der Stavanger Concert Hall ausgetragen - in Runde 7 wird Kramnik mit Weiß auf Carlsen treffen, während den beiden Spitzenreitern schwierige Prüfungen mit Schwarz bevorstehen: Karjakin - Aronian und Anand - Nakamura: 

Bei chess24 kommt es ebenfalls zu einer Wachablöse: die schwedische Nummer Eins Nils Grandelius (der 2016 beim Norway Chess mitgespielt hat) wird Peter Svidler ersetzen, der nach Sibirien zur Mannschafts-Weltmeisterschaft reist. Die siebente Runde beginnt am Mittwoch ab 16:00 Uhr. Ihr könnt auch mit unseren Apps bei den Partien zusehen:

         

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