Berichte 12.06.2017 | 13:07von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 5: Carlsen weiter im Formtief

Magnus Carlsen war mit sich unzufrieden, nachdem er mit den weißen Steinen gegen Anish Giri in eine schlechtere Stellung geraten war und schlussendlich nur Remis spielte - dadurch liegt er beim Altibox Norway Chess vor den letzten vier Runden 1,5 Punkte hinter dem in Führung liegenden Hikaru Nakamura. Der Vorsprung des Weltmeisters in der Weltrangliste hätte auf wenige Punkte schrumpfen können, da die Nummer Zwei der Welt Vladimir Kramnik gegen Nakamura drückte, doch am Ende des Tages endeten alle Begegnungen unentschieden.

Noch ein Tag und noch ein zögerlicher Handschlag für den Weltmeister | Foto: Lennart Ootes

Nach dem Chaos am Sonntag erlebten wir am Montag einen ganz anderen Schachtag:

Hier ist die Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson zur fünften Runde (um sie live zu sehen und solche Sendungen damit auch in Zukunft zu unterstützen, ist ein Premium-Zugang nötig):

In der vierten Runde bekamen wir mit der Partie Aronian - Carlsen ein Beispiel für jenes packende Schach zu sehen, das nach dem Spielen einer häuslichen Vorbereitung entstehen kann; in der fünften Runde erlebten wir die bekanntere Situation, wenn auf Spitzenniveau beide Spieler mehr oder weniger auf jede Situation vorbereitet sind.

Maxime Vachier-Lagrave hat in Stavanger bislang ein enttäuschendes Ergebnis: 4 Remisen, 1 Niederlage | Foto: Lennart Ootes

Die Runde hatte gerade begonnen, als MVL und Aronian im Blitztempo dieselben 19 Züge Marshall-Theorie ausführten, die sie bereits im Blitzturnier vor einer Woche gespielt hatten. Dann spielte Maxime in einer Stellung, in der Harikrishna, Saric, Naiditsch, Adams, Caruana und MVL selbst 20. Kg2 gezogen hatten, 20. h4:


Die französische Nummer Eins meinte: "Ich dachte, dass h4 ein schlauer Versuch war"; Levon dachte vor 20. ... Txe1+ neun Minuten lang nach, doch es ist unwahrscheinlich, dass ihn die zweite Wahl des Computers schwer erschütterte - genauso unwahrscheinlich ist, dass Maxime von den nächsten Zügen Levons so überrascht war, wie er angab. Der Moment, ab dem die Punkteteilung unvermeidlich zu sein schien, kam im 24. Zug:


"MVL: Nach Sb6 bemerkte ich, dass es nicht mein Tag werden würde."

Aronian: Ich hoffte, dass es mein Tag würde!

Den c6-Bauer einfach seinem Schicksal zu überlassen schien alle schwarzen Probleme zu lösen, aber nicht mehr, und nach 38 Zügen stand das Remis fest. Es scheint, als ob die Sofia-Regeln in dieser Turnierphase die Spieler nicht länger zwingen, für ein Remis eine Stellungswiederholung finden zu müssen.

Levon Aronian liegt nur einen halben Punkt hinter dem Tabellenführer | Foto: Lennart Ootes

In der dritten Runde spielte Fabiano Caruana gegen Maxime Vachier-Lagrave die Russische Verteidigung und erreichte damit mehr oder weniger mühelos Remis, obwohl die Partie fortgesetzt wurde, bis nur noch die blanken Könige übrig waren. In der fünften Runde versuchte er gegen Sergey Karjakin dasselbe, allerdings war es trotz desselben Ergebnisses Schach für Masochisten, als Sergey sich dem Sammeln von Material widmete.


Maxime hatte hier 13. bxc3 gespielt, einen Zug, den Peter Svidler 2007 in Wijk aan Zee gegen Vladimir Kramnik versucht hatte. Einen Monat später versuchte Svidler in Linares den Zug 13. Dxb7, den Vassily Ivanchuk mit 13. ... Dd7 beantwortete und damit den Turm deckte - auch diese Partie endete unentschieden. Am Sonntag spielte Caruana in Stavanger jedoch 13. ... Se4!?, einen Zug, von dem Svidler in unserer Live-Sendung sagte, er habe ihn einigermaßen tiefgehend analysiert und sei zum Schluss gekommen, dass er nicht funktioniere.

Fabiano Caruana musste am Sonntag für seine Entscheidungen einige Kritik einstecken | Foto: Lennart Ootes

Peter präzisierte später jedoch, dass er mit "funktioniert nicht" gemeint hatte, dass Weiß einfach einen Bauern mehr hat. Vladimir Kramnik sagte im Beichtstuhl, er habe sich diese Variante für sein Match gegen Leko 2004 (als Svidler sein Sekundant war) angesehen und beschlossen, dass es "für Schwarz gerade noch hält". Wie sich zeigte, lagen die russischen Experten richtig, allerdings gestand Caruana, dass er Teile seiner Analyse vergessen habe und im 26. Zug 42 schmerzhafte Minuten lang nach einem Ausweg suchte. Er fand einen, allerdings fasst "Lustig war es nicht" gut zusammen, wie es ist, ein Turmendspiel mit einem Minusbauern gegen Karjakin zu spielen:


Wie bereits erwähnt endete diese Partie, als nur noch die Könige auf dem Brett waren - dieses Mal nach 73 Zügen. 

Meine "Vorhersage" zum #NorwayChess war eine große positive Überraschung von Caruana. Die heutige Partie ist das deprimierendste, das ich je von ihm gesehen habe.

Caruana verteidigte später seine Eröffnungswahl. Er wies darauf hin, dass die Russische Verteidigung jene Gegner sehr unter Druck setzt, die einen Vorteil erzielen möchten, während viele Weißspieler zögern würden, jene Stellung wie in der Partie zu spielen, da es beinahe keine Gewinnchancen gibt bzw. absolute Präzision erfordern würde. Auf der anderen Brettseite saß jedoch Karjakin, der die Partie kurz und bündig zusammenfasste:

Ich würde sagen, dass es vom ersten Zug an forciert remis war!

Bis jetzt hat Karjakin in fünf Partien fünf Mal Remis gespielt - falls er das Norway Chess ein drittes Mal gewinnen möchte, muss sich auf der Zielgeraden steigern | Foto: Lennart Ootes

In Anand - So zündete eine weitere Bombe nicht:


Kann Schwarz den d3-Bauern nehmen? Nun, Wesley So machte nach 9 Minuten und 25 Sekunden genau das, was Vishy zum Schluss brachte:

Der Umstand, dass er sich ziemlich schnell darauf einließ bedeutete, dass er sich das auch angesehen hat.

Die resultierende Stellung sah für Weiß vielversprechend aus, doch Wesley machte keine Fehler, daher war das Remis nach 33 Zügen das logische Ergebnis.

Für Vishy lief es in Stavanger bislang nicht ganz rund | Foto: Lennart Ootes

Somit bleiben noch die zwei interessantesten Begegnungen des Tages, und besonders Kramnik - Nakamura war eine vollwertige und gut vorgetragene Partie von beiden Seiten. 

Kramnik scheint gut in Form zu sein, konnte jedoch keinen wichtigen Sieg erringen | Foto: Lennart Ootes

Nach einer unkonventionellen Sizilianischen Eröffnung wählte Nakamura ein Endspiel, das Kramnik "zweifelhaft" nannte - als Vladimir 26. Td7! spielte, schien ein wunderschöner Sieg der derzeitigen Nummer Zwei der Welt im Bereich des Möglichen zu liegen:


Falls nun 26. ... Txa8? geschieht, zieht Weiß 27. Txb7! und der Läufer auf g2 zielt bis nach c6 und a8 - Schwarz hat daher im besten Fall einen Bauern weniger. In der Partie gab es Gegenspiel mit 26. ... Th2! 27. Le4 Te2, und Kramnik nahm sofort auf c6 - der Computer entdeckte aber, dass das Intermezzo 28. Lf3! Te3 womöglich die beste Chance war, um mehr aus der Partie herauszuholen. Die Pointe dieses Zuges (den Kramnik verwarf, weil der g3-Bauer angegriffen ist) zeigt sich in der Partiestellung nach dem 31. Zug:


Hier war Kramnik gezwungen, sich mit 32. Sb4 c5 33. Sd3 Txa2 zu verteidigen, wonach der weiße Vorteil so gut wie verschwunden ist, da 32. Sc7 an 32. ... Txa2 und der Mattdrohung sowie den Schwachpunkten b2 und c3 scheitert. Steht der e2-Turm hingegen auf e3, kann Weiß Sc7 spielen, da es keine unmittelbaren Mattdrohungen gibt und b2 nicht hängt.

Nakamura gewinnt einmal mehr den Preis für den "lebhaftesten Spieler" | Foto: Lennart Ootes

Die Siegchancen wären auch in diesem Fall nicht besonders groß gewesen, aber zumindest besser als in der Partie. Kramnik hatte schließlich einen Bauern mehr, doch trotz eines denkwürdigen Austauschs zwischen MVL und Aronian beim Betrachten der Partie...

MVL: Die Bauern sind die Landwirte des Schachs.

Aronian: Wir müssen den Landwirten vertrauen!

... gab es keine wirkliche Hoffnung auf einen Sieg, mit dem er Nakamura überholt, die alleinige Tabellenführung erobert und den knappen Abstand zu Magnus Carlsen weiter verringert hätte.

Bis jetzt sieht es so aus, als ob Magnus die brillante Leistung im Blitzturnier nicht mitnehmen konnte, allerdings sind noch vier Runden zu spielen | Foto: Lennart Ootes

Und so kommen wir zu Carlsen - Giri, einem der großen Grollduelle im Weltschach. Giri hatte 2011 ihre erste Partie in Wijk aan Zee gewinnen können und hielt dieses positive Ergebnis bis Bilbao im Vorjahr. Giris Niederlage hat den Unterhaltungswert dieser Begegnung vielleicht gemindert, aber die Sticheleien hörten nie auf:

Wenn du den Hammer nicht findest, bist du es vielleicht selbst @anishgiri

Wenn man noch dazu zählt, dass Magnus tags zuvor eine schmerzhafte Niederlage gegen Aronian hinnehmen musste und nach (für seine Maßstäbe) mittelmäßigen Ergebnissen eine fallende Elozahl aufweist...

Carlsen steht nach seiner Niederlage gegen Aronian bei 2825, sein niedrigster Wert seit November 2011.

... bestand kein Zweifel daran, dass der Weltmeister auf Sieg spielen würde.

Was jedoch - wie so oft, wenn diese beiden Spieler aufeinander treffen - folgte, war eine seltsame und unzusammenhängende Partie. Magnus Carlsen spielte das Giuoco Piano und stand gut, bis er zum zweiten Mal in diesem Jahr in Stavanger (wie in der Erstrundenpartie gegen Wesley So) bescheiden einen Läufertausch auf e3 anbot. Er nannte diese Entscheidung "völlig oberflächlich". Weiß verlor bald darauf sogar einen Bauern:


23. ... dxe4 24. Sxe4 Dd5!, doch wenige Züge später warf Giri nach 25. Sed2 cxb5 26. e4 Dc6 27. Kh1 alles weg:


Er spielte 27. ... Tc8? und meinte dazu: "Mein Ziel war, Tc1 zu provozieren." 28. d5! brachte hingegen eine Wende. Giri bedauerte, nicht 27. ... exd4! gespielt zu haben; Weiß kann zwar Versuche unternehmen, den Bauern mit 28. Sxd4 zurückzuerobern und dann auf b5 zu nehmen, allerdings stehen die schwarzen Springer und die Dame bereit, dem geschwächten weißen König zuzusetzen. 

Anish ließ eine seltene Gelegenheit ungenutzt verstreichen, Magnus ernsthafte Probleme zu bereiten... | Foto: Lennart Ootes

Anish versuchte sich damit zu trösten, dass sein Vorteil nicht groß gewesen wäre:

Es war schade, diese Gelegenheit nicht genutzt haben... eine echte Chance, um etwas besser zu stehen.

In der Partie spürte Giri, dass er möglicherweise noch immer im Vorteil war, allerdings war 31. Db4 eine kalte Dusche. Er bemerkte, dass er sorgfältig vorgehen musste, um nicht schlechter zu stehen:


Er ist jedoch ein sehr guter Spieler und forcierte das Remis mit 31. ... fxe4 32. d6 Sd5! 33. dxc7 Sxb4 34. Txb4 exf3 35. Txb7 f2!. Schwarz kann rechtzeitig verhindern, dass der c7-Bauer zu einer Gefahr wird. Das Remis wurde nach 41 Zügen erreicht.

Giri wurde gefragt, ob er seine Erstrundenniederlage weggesteckt hätte - "Sie liegt hinter mir, ist aber noch immer in der Turniertabelle!" | Foto: Lennart Ootes

Magnus fasste zusammen:

Heute habe ich wie ein Dummkopf gespielt. Er spielt jedes Mal so schlecht gegen mich, und ich kann ihn dafür nicht bestrafen. Das ärgert mich!

Wie geht es nun weiter?  Nun, es sind nur noch vier Partien zu absolvieren, und wenn Nakamura weiterhin seine gute Form beibehält, wird es für Carlsen nicht einfach, ihn noch einzuholen. Magnus' nächste Gegner? MVL, Kramnik, Karjakin und Anand! Der Zwischenstand im Turnier lautet wie folgt:


Die sechste Runde ist die letzte Partie vor dem zweiten Ruhetag, und auch die letzte Runde, in der Peter Svidler für uns kommentiert. Er wird bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft für Russland spielen, doch es gibt eine gute Nachricht: zu Jan Gustafsson gesellt sich die schwedische Nummer Eins Nils Grandelius, der 2016 beim Norway Chess mitgespielt hat und auch beim Weltmeisterschaftskampf gegen Sergey Karjakin Teil von Carlsens Team war.

Carlsen - MVL ist - abhängig von der Eröffnung - vermutlich die Partie des Tages, allerdings ist auch Aronian - Kramnik ein Klassiker. Die sechste Runde wird ab 16:00 Uhr live von chess24 übertragen. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 2

Guest
Guest 9876458175
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options