Berichte 11.06.2017 | 13:52von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 4: Aronian verblüfft Carlsen

"Mehr oder weniger alles, was man sich von einer Schachpartie wünschen kann" - mit diesen Worten beschrieb Peter Svidler, wie Levon Aronian Magnus Carlsen beim Altibox Norway Chess ein zweites Jahr in Folge besiegen konnte. Es herrschte jedoch überall Chaos - Hikaru Nakamura übernahm nach der Zertrümmerung MVLs in einem Najdorf-Sizilianer die alleinige Tabellenführung, und auch Anish Giri gelang ein Sieg über Vishy Anand. Vladimir Kramnik musste beinahe die dritte Niederlage eines Weltmeisters in dieser Runde quittieren, doch er fand einige brillante Verteidigungszüge, um die Partie gegen Fabiano Caruana zu halten. Sergey Karjakin gelang dasselbe gegen Wesley So.

Magnus gesteht nach einer Meisterleistung Levons seine Niederlage ein | Foto: Lennart Ootes

Das wilde Spiel in der vierten Runde wurde mit zwei Dingen zu erklären versucht: den Besuch der Spieler auf einem Bauernhof am Ruhetag...

Landwirtschafts-Triathlon mit den besten 10 Spielern der Welt. Bäume schneiden, Traktorslalom und Kühe melken. Kramnik und So haben den Wettbewerb gewonnen.

... und Jan Gustafssons stets verlässliche Vorhersagen:

Ihr könnt alle Partien mit dem Selektor unterhalb nachspielen:

Und hier ist die Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson (um sie live zu sehen und damit solche Sendungen auch in Zukunft zu unterstützen, ist ein Premium-Zugang nötig): 

Aronian 1 - 0 Carlsen: die Stavangersonate

Magnus Carlsen zwei Jahre in Folge beim gleichen Turnier zu besiegen würde den meisten Spielern genügen, doch Levon Aronian gelang das auch noch auf herrliche Weise. Peter Svidler fasste diese Begegnung zusammen:

Diese Partie im besonderen ist meiner Meinung nach enorm wichtig, da in ihr mehr oder weniger alles vorkommt, was man sich von einer Schachpartie wünschen kann: eine wichtige theoretische Neuerung, auf die ein sehr interessantes Qualitätsopfer mit einem Motiv folgt, das man normalerweise nicht sehr oft sieht: man isoliert und spielt gegen eine schwarze Dame, die man nicht in zwei Zügen fängt. Es ist eine Art langfristiger Plan, der darauf abzielt, gegen die furchtbare Dame auf a3 zu spielen, und dann ein sehr schönes, aber vielleicht auch unnötiges, Opfer auf h7. Einige Fehler schlichen sich vor der Zeitkontrolle ein, aber insgesamt war es eine sehr, sehr gut gespielte Partie, natürlich besonders von Lev. Eine Partie wie diese gegen den Weltmeister zu gewinnen ist extrem befriedigend.

Wir hören oft, dass sich Spieler beschweren, man müsse Neuerungen heutzutage so früh wie möglich spielen, da sonst jemand schneller sein wird. Bei dieser Gelegenheit verriet Levon jedoch, dass er das brillante 10. Lc2 ("eine brillante Eröffnungsidee in einer Variante, die niemand spielt" - Giri) bereits um 2003 herum gefunden hatte. 

Probleme könnten entstehen... | Foto: Lennart Ootes

Seine erste Anwendung hätte jedoch nicht besser verlaufen können! Lasst euch Peter Svidlers Videoanalyse nicht entgehen:

Nach der Partie meinte ein zu recht stolzer Levon:

Ich kämpfe einfach, ich will kämpfen. Es ist angenehm, gegen jemand so starken wie Magnus zu spielen - viel aufregender, als gegen irgendjemanden zu spielen, der nur Remis machen will!

Ich habe nichts als mein Genie zu verkünden | Foto: Lennart Ootes

Giri 1 - 0 Anand: Noch ein Weltmeister im Staub

Anish Giri will beim Norway Chess keine Remisen, und in der vierten Runde wurde er dafür belohnt. Er wiederholte in der Eröffnung eine Variante der Englischen Partie, die er beim letzten Grand Prix in Moskau gegen Alexander Grischuk gespielt hatte. Er hatte eine Verbesserung zum frühen g4 vorbereitet, nach dem er in Moskau am Rande des Abgrunds wandelte - es war jedoch Vishy, der mit 7. ... Sc6 zuerst abwich. Im Vergleich zum Geschehen an den anderen Brettern schien diese Partie relativ zahm zu sein...

Unsere spanische Seite hatte diesen Screenshot in einem vielgeteilten Posting so betitelt: "Wenn die anderen Partien interessanter sind als deine eigene"

... doch plötzlich, mit knapper werdender Bedenkzeit bei beiden Spielern: 31. ... Sc5? 32. g6! und die Partie war zu Ende!


Die Drohungen, auf f7 zu nehmen sowie Dh5 zu spielen sind einfach zu stark, während 32. ... f5 33. Dh5 Dg4+ 34. Dxg4 fxg4 prosaisch an 35. Te1! scheitert, da es gegen die Drohung Te7 nebst Schlagens auf g7 keine Verteidigung gibt (Weiß kann auch 35. Ta1 spielen, um über a7 nach g7 zu gelangen). 

Oder um es anders auszudrücken:

Diese Kuh ist im Grunde @anishgiri, der 32. g6 spielt.

In der Partie schien Vishy die Stellung mit 32. ... Dd7 halten zu können, doch 33. Lb4! war eine gewinnbringende Fesselung, die die einfache, aber entscheidende Drohung d4 im nächsten Zug aufstellt. Vishy hatte genug gesehen und gab auf.

Nakamura 1 - 0 MVL: Déjà-vu-Erlebnis mit überraschender Wende

Die Rückkehr des Najdorf-Sizilianers war in den letzten Jahren einer der zuschauerfreundlichsten Trends im Spitzenschach. Die Spieler haben im sechsten Zug beinahe alles mögliche versucht, und bei dieser Gelegenheit zog Hikaru 6. Ld3, den laut chess24-Datenbank zehntbeliebtesten Zug. 

Nakamura spielt gerne gegen MVL! | Foto: Lennart Ootes

Die Partie hatte sich bald zu einem Wettrennen entwickelt, und es war unmöglich, sie nicht mit Carlsen - Nakamura in der dritten Runde zu vergleichen - nur waren hier die Farben vertauscht! Dieses Mal war es Nakamura, der den Damenflügel beherrschte, während MVL auf der anderen Bretthälfte Matt zu setzen versuchte. Nakamura kommentierte:

Es ist irgendwie wie meine Partie gegen Magnus - du spielst es, und es gibt keinen Weg zurück!

Beide Spieler waren sich einig, dass die schwarze Stellung vielversprechend aussieht, doch nach 27. ... f4 musste sich Maxime der knallharten Wirklichkeit stellen:


28. cxb7 ist bereits hier eine Option, aber Nakamura spielte das ruhige 28. Kg1 und erst nach 28. ... e3 29. hxg4 hxg4 den Zug 30. cxb7! Der Bauer ist einfach zu stark, und nach einigen Racheschachs - 30. ... exf2+ 31. Txf2 g3 32. Txf4 Dh2+ 33. Kf1 - hatte Schwarz nichts Besseres als die Aufgabe.

War es nach der Art, wie Maxime den Abend nach dem Besuch auf dem Bauernhof verbrachte, etwa Karma?

Wünscht mir Glück!

Damit hat Nakamura im klassischen Schach gegen MVL auf 5:0 in Siegen erhöht, und nach zwei Siegen in den ersten vier Runden ist Hikaru beim Norway Chess der Mann, den es zu schlagen gilt. Seine Chancen auf den Gesamtsieg werden durch dem Umstand vergrößert, dass er bereits gegen den Weltmeister gespielt hat.

Caruana ½ - ½ Kramnik: Schachkühe zu melken ist auch nicht einfach

Wir hätten in der vierten Runde ohne weiteres auch fünf entschiedene Partien sehen können, allerdings wurde das durch heroische Verteidigung der russischen Spieler im Turnier verhindert. Es sah anfangs jedoch so aus, als ob Verteidigung gar nicht notwendig wäre. Vladimir Kramnik stürmte nach vor und drückte mit den schwarzen Figuren auf beiden Flügeln des Brettes:


Hier hatte Vlad gesehen, dass er mit 15. ... b4 eine "sehr angenehme Stellung" bekommen würde, doch er wollte mehr und zog 15. ... f4? - und musste feststellen, dass er einfach 16. Dg4+ zugelassen und nach wenigen Zügen einen Bauern weniger hatte. Wir erreichten damit eine Phase, in der Fabianos auf Instagram getätiger Schwur ins Spiel kam, er würde seine Gegner melken:

I didn't get much milk out of this cow, but looking to get more from the last six games at Norway Chess!

A post shared by Fabiano Caruana (@fabianocaruana) on

Ich bekam nicht viel Milch aus dieser Kuh, aber ich werde versuchen, in den letzten sechs Runden beim Norway Chess mehr zu erreichen!

Kramnik befürchtete das Schlimmste, doch dann sah er einige Hoffnungsschimmer:

Wenn du einen Bauern einstellst, rettest du die Partie bei diesem Turnier üblicherweise nicht mehr, aber ich war überrascht zu sehen, dass meine Stellung ziemlich "kämpfbar" war.

Caruana ließ offenkundig einige Gelegenheiten verstreichen, um den vollen Punkt zu erobern, allerdings glänzte Vladimir mit Einfallsreichtum und Präzision und konnte so die Partie halten:


42. ... a5! war ein Zug, der sogar Peter Svidler verwirrte, aber die Computer teilen uns mit, dass das in der Stellung der absolut beste Zug ist - en passant zu schlagen lässt ... c5 zu, während der a-Bauer blockiert werden kann. Caruana antwortete 43. Ta1, doch das konnte 43. ... c5! 44. bxc6 Txc6 nicht verhindern, wonach Fabi nichts Besseres sah, als sich mit 45. Txa5!? von einer Qualität zu trennen.

Kramnik gab später den g-Bauern korrekterweise preis, um in die weiße Stellung einzudringen, und schlussendlich hatte Weiß nach 49. ... Te1+ trotz aller Freibauern nichts Besseres als eine Stellungswiederholung:


50. Kd2 Tf1 51. Ke3 Te1+ 52. Kd2 Tf1 Ke3 Remis

Kramniks Geheimwaffe? | Foto: Lennart Ootes

Nach der Partie verriet Kramnik, was er vom Tag auf dem Bauernhof mitgenommen hat: er würde wirklich gerne das Fahren lernen (wenn auch nicht unbedingt mit einem Traktor) - "Beim Rest - Kühe melken - bin ich bereits spitze, daher sehe ich nicht, warum ich damit fortfahren soll!”

Sein Landsmann Sergey Karjakin scheint einer der wenigen Spitzenschachspieler mit einer Fahrerlaubnis zu sein, doch in seiner Viertrundenpartie war es Wesley So, der die längste Zeit am Steuer saß.

So ½ - ½ Karjakin: Unwiderstehliche Kraft trifft unbewegliches Objekt

In Shamkir hatte So vor kurzem Karjakin mit Weiß überspielt, nachdem ihm das am Vortag bereits gegen Kramnik gelungen war. Die Partie in Stavanger schien diesem Handlungsstrang zu folgen, da Wesley eine Qualität opferte, um das Brett positionell völlig zu beherrschen. Bei knapper werdender Bedenkzeit traf er jedoch die folgenschwere Entscheidung, den Bauern auf c4 zu schlagen:


Dadurch war der Turm auf e1 ungedeckt, was dem unglücklichen schwarzen Springer gestattete, mit 34. ... Sf6! aus seinem Käfig auszubrechen und wenig später auf dem perfekten Vorposten d5 zu landen (Weiß wäre nach fast jedem anderen 34. Zug - z. B. 34. Kf2 - weiterhin besser gestanden). 

Wesley war nur einen Moment lang zu entspannt | Foto: Lennart Ootes

Die Stellung war plötzlich in etwa ausgeglichen, doch es zeugt von Wesleys Gemütsruhe und Hartnäckigkeit, da er dessen ungeachtet weiterhin Druck ausübte und dem Gewinn des ganzen Punktes sehr nahe zu kommen schien:


61. g5! Ein eleganter Vorstoß an einem Tag eleganter Schachpartien, doch obwohl der schwarze König bald zurückgedrängt wurde, fand er eine Rettung durch Patt:


69. ... T8xe7! 70. Lxe7 Te5+! 71. Kxe5 (der König findet kein Versteck vor dem Turm!):

Das gedemütigte Opfer eines Patts, das vor Göttern und Menschen bloßgestellt wurde, hat keinen Platz für Barmherzigkeit in seinem Herzen!

Ein passender malerischer Schlusspunkt eines wundervollen Schachtages.

Sergey Karjakin wurde seinem Spitznamen "Verteidigungsminister" gerecht | Foto: Lennart Ootes

Damit liegt nun Nakamura allein in Führung, und man weiß, dass es ein ziemlich starkes Turnier ist, wenn Carlsen, MVL und Anand die Plätze 8 bis 10 belegen!


Keiner der engsten Rivalen Carlsens konnte gewinnen, doch sein Vorsprung in der Live-Weltrangliste ist auf weniger als 13 Punkte geschrumpft - damit ist es durchaus realistisch, dass wir nach dem Ende des Turniers zum ersten Mal seit 2011 eine neue Nummer Eins erleben könnten!   

Quelle: 2700chess

Man muss nicht wie Jan Gustafsson einen Universitätsabschluss in Körpersprache haben um zu erkennen, wie Magnus die Niederlage weggesteckt hat | Foto: Lennart Ootes

In der fünften Runde am Sonntag trifft Magnus mit Weiß auf Giri - Anish hat geschworen, Endspiele zu vermeiden, damit niemand schreiben kann, Magnus melke einen Vorteil... Es darf außerdem angenommen werden, dass Kramnik alles in seiner Macht stehende unternehmen wird, um an Nakamura vorbeizuziehen und die Tabellenspitze zu übernehmen!

Lasst euch diese Runde also nicht entgehen! Peter Svidler und Jan Gustafsson berichten ab 16:00 Uhr wieder live bei chess24. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

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