Berichte 09.06.2017 | 14:21von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 3: 5 Remisen, 2 Krimis

Magnus Carlsen bezeichnete Hikaru Nakamuras Spiel in einem Najdorf-Sizilianier "wahnsinnig riskant", war am Ende jedoch froh, mit einem Remis davongekommen zu sein. Die übrigen vier Partien der dritten Runde des Altibox Norway Chess endeten ebenfalls unentschieden, doch insbesondere Levon Aronian war in einer verrückten Partie nur Sekunden davon entfernt, gegen Anish Giri auf Zeit zu verlieren. MVL - Caruana und Karjakin - Anand verliefen weniger ereignisreich, doch Vladimir Kramnik verteidigte nicht nur seinen zweiten Platz in der Weltrangliste gegen Wesley So, sondern stand in der 71-zügigen Partie sogar kurz davor, ihn zu besiegen.

Eine kämpferische Partiebesprechung nach einer umkämpften Partie! | Foto: Lennart Ootes

Fünf Remisen sind bei einem Turnier ohne einen einzigen Außenseiter immer das wahrscheinlichste Ergebnis, doch niemand kann sich über die Partien beschweren, die am Donnerstag in Stavanger gespielt wurden:

Ihr könnt die Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson unterhalb ansehen (um sie live zu sehen und damit solche Sendungen auch in Zukunft zu unterstützen, ist ein Premium-Zugang nötig):   

In der am meisten erwarteten Begegnung des Tages traf Hikaru Nakamura auf seine Nemesis Magnus Carlsen. Falls der Weltmeister ein erster Sieg in diesem Turnier gelingen würde, standen seine Chancen gegen einen Spieler, gegen den er eine 12:1-Bilanz in klassischen Partien hat, ziemlich gut   

Für Magnus Carlsen war es bis jetzt ein üblicher langsamer Beginn | Foto: Lennart Ootes

Die Wahrscheinlichkeit einer vollen Entscheidung stieg enorm, als Nakamura die Sizilianische Verteidigung wählte, und schließlich wurde die Lage sehr zweischneidig:


Hier zog Magnus 24. Tc6, doch nach 24. ... f4 bemerkte er, dass Nakamuras Angriff viel gefährlicher war als ursprünglich angenommen. Er meinte später:

Nicht 24. b5 zu spielen ist einfach verrückt, praktisch gesprochen. Bei dieser Zeitkontrolle musst du um die Initiative spielen.

Die Pointe ist, dass nach 24. b5 das offensichtliche 24. ... Sc5 mit dem Qualitätsopfer 25. Txc5! beantwortet wird, und Weiß hat die Kontrolle übernommen. Magnus kommentierte die Stellung, die später in der Partie entstand, mit "lustig ist es nicht", allerdings gab es nichts Augenscheinliches, das Nakamura übersah.

"Bin ich je auf Gewinn gestanden?" Hikaru sieht sich direkt nach der Partie die Bewertung des Computers an.

Peter Svidlers Analyse liefert alle Einzelheiten:

Einige der Partien verliefen weiger dramatisch. MVL - Caruana war eine Russische Verteidigung, die nie wirklich zündete. Es war jedoch beachtlich, wie die Spieler vorgingen, um Remis zu erreichen, da diese nicht vereinbart werden dürfen: sie spielten, bis im 51. Zug nur noch die Könige auf dem Brett übrig waren!

Fabianos Sekundant Rustam Kasimdzhanov mit Caruana und Anish Giri | Foto: Lennart Ootes

Karjakin - Anand war hingegen eine faszinierende Berliner Verteidigung, die nur deswegen nicht für mehr Aufregung sorgte, weil klar war, dass beide Spieler nur ihre häusliche Vorbereitung abspulten. 

Vishy Anand ist nach der Niederlage gegen Kramnik wieder auf dem richtigen Weg | Foto: Lennart Ootes

Sergey meinte, dass sein Spiel mit einem doppelten Bauernopfer noch von der Vorbereitung auf den Weltmeisterschaftskampf stamme, während Vishy eine Geschichte erzählte, wie er sich an die Schlüsselstellung nach 21. ... Ld7! fünf Züge vorher erinnerte:


Ich erinnere mich noch als ob es gestern gewesen wäre, als mein Sekundant Radek (Wojtaszek) vor mir saß und sagte: "Und jetzt ist 21. ... Ld7! der Zug", und meine Reaktion war: "Du machst Witze! 22. Txb7?" Er meinte: "Nein, nein, nein, mach dir keine Sorgen, 22. ... Dc8! und du stehst absolut gut. Das ist alles, was du wissen musst, wir gehen zum nächsten." Das war also mehr oder weniger die Zugfolge, die er mit mir durchgemacht hat. Ich erinnere mich mehr an die Unterhaltung als an die Stellung. Ich fiel vom Stuhl, als er 22. Txb7 spielte, aber er sagte, mach dir keine Sorgen, 22. ... Dc8 ist Remis.

Karjakin kannte das Gegenmittel auf das Schlagen des Bauern ebenfalls und zog 22. h3, ein Zug, das sein Team als besten praktischen Versuch einstufte. Daraus wurde jedoch nichts, als Vishy 22. ... b5! 23. Lxb5 De8! spielte und das Remis erzwang. Nach der Niederlage gegen Kramnik am Vortag räumte er ein: "Ich brauchte es nach dieser dummen Partie gestern.".

Solide Partie und solides Selfie mit einem großartigen @vishy64theking

Die unterhaltsamste Partie der Runde war jedoch Aronian - Giri. Anish Giri musste für seinen Spielstil viel Kritik einstecken, doch was kann man zu seiner Wahl hier sagen:


Die Computer schlagen 19. ... e4 vor, doch Giris 19. ... g5!? war ein viel dramatischer Versuch. Anish hat natürlich den Ruf, oft Remis zu spielen, und in der Partiebesprechung konnte Aronian nicht widerstehen, einen Scherz zu machen, als Giri einen vorgeschlagenen Zug seines Gegners ablehnte:  

Giri: Aber ich versuche hier doch nur, Remis zu holen, oder nicht?

Aronian: Ist das nicht immer der Fall?

Giri war knapp dran, seine letzten beiden Partien zu gewinnen | Foto: Lennart Ootes

Peter Svidler nahm Giri in Schutz, als das Ergebnis bekannt war und die Witzeleien begonnen hatten:

Er hat in dieser Stellung g7-g5 gespielt, Herrgott noch mal, und die Leute sind noch immer unzufrieden!

Die Stellung, die Giris Bauernzug erzeugte, war so komplex, dass Aronian 18 Minuten lang nachzudenken begann und bald nur noch 90 Sekunden für 13 Züge hatte. Wie wir bereits in unserer Vorschau vorhergesagt haben, war die Bedenkzeitregelung in Stavanger ein Problem - es gibt vor dem 61. Zug keinen Zeitaufschlag, und die Spieler haben vor dem 40. Zug nur 100 Minuten zur Verfügung (Kramnik verriet, dass er erst während der ersten Partie bemerkte, dass die Zeitkontrolle nicht 120 Minuten betrug, wie etwa vor kurzem in Shamkir).

Anish Giri hätte vermutlich 28. ... De7! versuchen sollen, um zu gewinnen, anstatt 28. ... Sg4+ zu ziehen, was zu Vereinfachungen und Damentausch führte, doch auch der Partieverlauf war sehr eng. Giri kommentierte es so:

Die objektive Stellungsbewertung ist absolut irrelevant!

Wirklich wichtig waren die Uhr und Züge, die die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass Levon physisch nicht in der Lage war, rechtzeitig die Züge auszuführen. Nach 36. Tf5 ist beispielsweise klar, dass Weiß 37. Tc5 spielen möchte:


Daher war es von Giri schlau, 36. ... Tc4! zu spielen, weil dieses "Vorziehen" dadurch zu einem Verlustzug wird! Was folgte war unscharf...

Levon schafft den 40. Zug mit nur noch wenigen Sekunden auf der Uhr - er sollte die Partie nun halten können!

... und nach 37. Kg3 c5 (37. ... c6! wäre ein besserer Zug gewesen, um die weißen Möglichkeiten einzuschränken) stieß Levon seinen König beim Ausführen von 38. Kf3 um. Falls er die Figur auf seine eigene Zeit zurück auf das Feld gestellt hätte, wäre das vielleicht ein Fehler gewesen, der zum Verlust führt - Levon stoppte jedoch zuerst seine Uhr und rückte erst dann die Figur zurecht, ein völlig verständlicher Verstoß gegen die Regeln. 

Aronian hatte nur noch wenige Sekunden, als er 37. Kf3 spielte. Verdient Giri einen Fairness-Preis für seine Nicht-Reaktion?

Schlussendlich sah es so als aus, als ob er den 40. Zug mit noch vier Sekunden auf der Uhr geschafft hatte, und die Stellung war völlig ausgeglichen.

Schach ist hart... | Foto: Lennart Ootes

Die letzte beendete Partie des Tages war Kramnik - So, in der Vladimir Kramnik das Giuoco Piano gegen Karjakin in der ersten Runde wiederholte. Weiß stand mehr oder weniger die ganze Partie über besser - der Computer wies darauf hin, dass die beste Chance im 30. Zug kam:


30. g4! war ein Zug, den Kramnik verwarf, da er dachte, er würde seinen König zu ungeschützt lassen - objektiv wäre es jedoch schwer gewesen, auf den Zug eine Antwort zu finden. In der Partie übte Kramnik im Endspiel großen Druck aus, was Svidler so zusammenfasste:

Vlad gelang es beinahe, Wasser aus einem sehr soliden Stein zu pressen.

Karjakin erzählte eine lustige Geschichte, wie er sich fünf Stunden lang fragte, woher seine Kollegen Wasser bekamen, bis er entdeckte, dass eine Flasche gleich neben ihm am Tisch stand... Kramnik hatte kein Problem, die örtliche Wasserquelle zu entdecken | Foto: Lennart Ootes

Wesley konnte die Partie jedoch halten, daher hat sich vor dem Ruhetag am Freitag nichts geändert:


Nach dem Ruhetag erleben wir weitere fünf faszinierende Begegnungen. Aronian - Carlsen ist historisch vielleicht die interessanteste davon, Caruana - Kramnik gestaltet das Rennen jedoch eng. Giri - Anand ist hingegen ein Kampf zwischen zwei Spielern, die derzeit am Tabellenende liegen.

Am Samstag geht es ab 16:00 Uhr hier bei chess24 mit der vierten Runde weiter, die Peter Svidler und Jan Gustafsson live kommentieren. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

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