Berichte 09.06.2017 | 14:20von Colin McGourty

Norway Chess, Runde 2: Nostalgischer Kramnik schlägt Anand

Vladimir Kramnik schlug Vishy Anand in der zweiten Runde des Altibox Norway Chess mit Schwarz - er sinnierte an diesem Tag darüber, dass sechs Spieler im Turnier noch nicht auf der Welt waren, als er 1989 zum ersten Mal gegen Vishy gespielt hatte. Die übrigen Partien endeten remis: bei Caruana - Carlsen und So - MVL war relativ wenig los, aber wir bekamen auch lange Kämpfe zu sehen. Levon Aronian versuchte, gegen Hikaru Nakamura durchzubrechen, und besonders Anish Giri war sehr knapp dran, den Widerstand von Verteidigungsminister Sergey Karjakin zu brechen.

Vishy Anand und Vladimir Kramnik besprechen ihre 91. klassische Partie | Foto: Lennart Ootes 

In der zweiten Runde sah es anfangs nach fünf unspektakulären Remisen aus, am Ende war es jedoch ein fesselndes Spektakel (klickt auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse zu öffnen):

Ihr könnt die sechs Stunden lange Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson unterhalb nachholen (um sie live zu sehen und damit solche Sendungen auch in Zukunft zu unterstützen, ist ein Premium-Zugang nötig):

Anand 0 - 1 Kramnik: Um der alten Zeiten willen

Kramnik nimmt es vor dem Beginn locker | Foto: Lennart Ootes

Vladimir Kramnik, der in diesem Monat 42 wird, sagte auf der Eröffnungspressekonferenz, er rechne damit, "noch maximal zwei Jahre" spielen zu können - falls er jedoch seine derzeitige Form halten kann, wird es mit dem Aufhören womöglich nicht so einfach! Er verdrängte durch seinen Sieg über Vishy Anand mit 2812,3 Punkten Wesley So von Platz 2 der Live-Weltrangliste - und liegt nur fünf Punkte von seiner eigenen persönlichen Bestmarke entfernt. Er war vor dem Partiebeginn in nostalgischer Stimmung:

Kramnik im Beichtstuhl: Er wies darauf hin, dass er 1989, vor 28 Jahren, zum ersten Mal gegen Anand gespielt hatte. Bevor einige der Spieler geboren waren.

Am Ende hatte Vladimir einen weiteren klassischen Sieg über Vishy Anand errungen, was er zuletzt beim Tal Memorial im Vorjahr geschafft hatte. Davor hatte er gegen seinen alten Rivalen seit der Niederlage im Weltmeisterschaftskampf gegen Vishy 2008 keine klassische Partie mehr gewinnen können. Durch das Ergebnis beim Norway Chess ist Anands Vorsprung im direkten Duell auf einen Sieg in klassischen Partien geschmolzen: 10 Siege gegenüber 9 von Kramnik, bei 72 Remisen!

Vishy Anand hat seine Aura als großer Meister noch nicht verloren | Foto: Lennart Ootes

In der Partie entschied sich Anand in einer Spanischen Partie für ein interessantes Bauernopfer, konnte jedoch nicht mehr als Ausgleich finden - nach dem Schlagen eines Bauern kurz vor der Zeitkontrolle fiel seine Stellung jedoch auseinander. Vladimir Kramnik sagte später zu Nigel Short, dass sein folgendes Spiel noch etwas zu wünschen übrig gelassen habe:

Natürlich war meine Technik bei weitem nicht perfekt. Ich wollte einfach auf die sicherste Weise gewinnen, und das ist tatsächlich die Art, wie man es vergibt. Ich sah ein paar Gewinnwege, und aus irgendeinem Grund wollte ich es ohne Berechnungen machen. Es ist wie Opas Stil - du kennst es sehr gut!

Der einzigartige Peter Svidler führt uns durch die Partie:

Für Vishy Anand war es eine herbe Niederlage, doch er konnte sich mit einem indischen Triumph bei der Weltmeisterschaft der IPCA (International Physically Disabled Chess Association) trösten:

Mein Ergebnis gestern war traumatisch. Freue mich aber, dass die fantastische Person Jenita Anto eine Runde vor Schluss den Weltmeistertitel gewonnen hat.

Auf noch viele weitere Titel! Du bist wirklich eine Inspiration.

Vladimir Kramnik trifft als nächstes auf einen jener Spieler, der 1989 noch nicht geboren war: Wesley So. Der junge Starspieler von den Philippinen kam erst 1993 zur Welt und bekommt - wie schon beim Shamkir Chess in diesem Jahr - unmittelbar die Gelegenheit, den zweiten Platz in der Weltrangliste zurückzuerobern. Damals gelang es ihm tatsächlich, Kramnik in einer sehr überzeugenden Partie zu besiegen, aber dieses Mal führt Kramnik die weißen Figuren.

Wird Kramniks Lächeln die Partie am Donnerstag überstehen? | Foto: Jose Huwaidi

In der zweiten Runde spielte Wesley So remis gegen Maxime Vachier-Lagrave

Wesley konnte in seiner Weißpartie gegen MVL nichts ausrichten | Foto: Lennart Ootes

Die Eröffnung sah vielversprechend aus, doch als Wesley beschloss, die Damen zu tauschen, anstatt dem schwarzen Monarchen weiter zuzusetzen, war der Großteil seines Vorteils weg. Es war sogar Schwarz, der nach dem Schlagen eines Bauern nominell besser stand:


Wesley gab zu, den schwarzen e-Doppelbauern unterschätzt zu haben, doch Maxime war nicht begeistert:

Falls irgendjemand seine Stellung verbessert hat, ich war es nicht.

Die Partie endete nach 43 Zügen remis, und auch die am meisten erwartete Begegnung des Tages nahm denselben Verlauf: Caruana - Carlsen. Magnus überraschte seinen Gegner in der Spanischen Partie mit 9. ... d5, einem selten versuchten Zug mit schlechtem Ruf - Peter Svidler wies jedoch darauf hin, dass der Zug nun vermutlicht an Beliebtheit gewinnen wird:

Carlsen im Beichtstuhl: "Ich spielte heute etwas Ungewöhnliches. Ich bin froh, dass er noch immer nachdenkt. Ich hoffe auf eine spannende Partie."

Nach 15. Se4 wurde eine kritische Weggabelung erreicht:


Hier sagte Magnus, dass er das zweischneidige 15. ... f5!? in Betracht gezogen hatte, er zog jedoch das "solide" 15. ... b4, wie es Caruana beschrieb. Fabiano machte es ihm gleich und antwortete mit 16. d4. Er hatte zwar nur noch wenig Zeit auf der Uhr, aber die folgenden massenhaften Abtausche bedeuteten, dass die Partie bis zum Erreichen des Remis durch Stellungswiederholung im 42. Zug ohne große Dramatik verlief.

Im norwegischen Fernsehen gab es nicht allzu viel zu berichten | Foto: Lennart Ootes

Die übrigen beiden Partien stellten jedoch sicher, dass die Runde nicht schnell zu Ende war.

Nakamura ½ - ½ Aronian

Der frühe Spitzenreiter im Turnier Hikaru Nakamura erlebte einen Schreckmoment, als sein Eröffnungsspiel gegen Levon Aronian alles andere als ein Erfolg war:

Ich frage mich, was bei Nakas Vorbereitung falsch gelaufen ist - ich habe ihn mit Weiß noch nie so ängstlich gesehen.

Das unmittelbare Problem war eine Neuerung Aronians, die nach 10. ... Dxf6 zu dieser Stellung führte:


Warum kann Nakamura den c7-Bauern nicht schlagen? Nun, Levon verriet es uns nicht, meinte aber, dass es "eine interessante Stellung ist, die eure Analyse wert ist". Er räumte ein, dass er objektiv nichts Besonderes reklamierte, aber "ich dachte, dass es die Leute in der ersten Partie nicht wagen würden", den Bauern zu schlagen.

Für Levon gab es etwas ungewöhnliche Presseaufmerksamkeit | Foto: Jose Huwaidi

Nakamura spielte stattdessen das zahme 11. Ld3 und gab zu, im folgenden Partieverlauf unsicher gewesen zu sein, bis er 28. ... h5! übersah:


Der Bauer ist zum weiteren Vormarsch bereit, daher muss Weiß schnell etwas unternehmen. Hikaru gelang es, einen Plan zu finden, indem er einen Bauern mit dem Vorstoß nach b5 über Bord warf, um eine hoffentlich haltbare Stellung auf dem Königsflügel zu erreichen. Es sieht danach aus, als ob er im 38. Zug eine hervorragende Wahl getroffen hätte:


38. g3! Nakamura beschrieb es so: "Wenn es nicht verliert, ist es korrekt!" Es verlor nicht, und obwohl es noch einige Male ungemütlich wurde, hatte Nakamura nach 60 Zügen die Punkteteilung erreicht.

Magnus zeigt Interesse an Giri - Karjakin | Foto: Lennart Ootes

Somit bleibt nur noch die letzte Partie übrig, in der Anish Giri kurz davor stand, seine enttäuschende Auftaktpartie wettzumachen.

Giri ½ - ½ Karjakin

Nach der Partie meinte Sergey Karjakin, eine positive Sache sei gewesen, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere 4. ... Le7 im Abgelehnten Damengambit versucht hatte - die Eröffnung war jedoch alles andere als ein Erfolg und Giri beherrschte die Stellung, nachdem er seinen Läufer im Herzen der schwarzen Stellung unterbringen konnte:


22. Lc7! Td7 23. Lb6! Giris folgendes Spiel war konzeptionell und erfinderisch, da er b5- und g5- Vorstöße spielte, um die schwarze Isolani-Stellung zu durchbrechen. Karjakin stand immer am Rand der Niederlage, doch er bekam den Titel "Russischer Verteidigungsminister" nicht umsonst verliehen:


Hier fand er den einzigen Zug 47. ... d4!, und nach 48. exd4 ließ er das elegante 48. ... Lc5! folgen. Das bei weitem noch nicht das Ende der Geschichte, doch schlussendlich war die Remisbreite für Sergey Karjakin ausreichend. Giri fasste zusammen: "Ich hatte Spaß, war aber nicht wirklich optimistisch!"

Ein viel besserer Arbeitstag für Anish Giri! | Foto: Lennart Ootes

Karjakin trat unterdessen in Carlsens Fußstapfen, indem es ihm gelang, sowohl Giri und seinen eigenen Trainer in einem einzigen Tweet aufzuziehen - mit dem kryptischen:

Anishs Seele hat zu Vladimir Potkin gewechselt...

Wovon sprach er? Nun, sehen wir uns die bisherigen Ergebnisse seines Trainers Vladimir Potkin bei der Europameisterschaft in Minsk an (Potkin gewann dieses Turnier 2011):


Somit gibt es nach zwei Runden sowohl einen neuen Spitzenreiter als auch einen weiteren Spieler am Tabellenende!


In der dritten Runde kommt es unweigerlich zu einigen weiteren Klassikern. Wir haben bereits erwähnt, dass Kramnik - So ein Kampf um den zweiten Platz in der Weltrangliste wird, während Carlsen - Nakamura eine der unterhaltsamsten und einseitigsten Begegnungen im Weltschach ist. Hikaru konnte sich im Vorjahr in Bilbao endlich vom Fluch befreien und eine klassische Partie gegen Magnus gewinnen, insgesamt liegt Magnus jedoch mit außergewöhnlichen 12:1 voran.

Hier  geht es direkt zur dritten Runde mit Live-Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson. Ihr könnt das Geschehen auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

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