Berichte 07.06.2018 | 12:37von Colin McGourty

Norway Chess, R8: Carlsen gegen die USA

Magnus Carlsen und das US-Trio Wesley So, Hikaru Nakamura und Fabiano Caruana teilen vor der letzten Runde von Altibox Norway Chess 2018 die Führung mit 4/7. Nakamura überraschte Sergey Karjakin mit einer Neuerung in der Eröffnung und stand bereits nach 15 Zügen fast auf Gewinn. Caruana musste für seinen Sieg gegen Vishy Anand viel härter arbeiten, aber wurde für seinen Mut zum Risiko in der Russischen Verteidigung reichlich belohnt. Carlsen hatte einen frustrierenden Arbeitstag, er verdarb eine gute Stellung gegen Shakhriyar Mamedyarov.

Carlsen kibitzt beim (sich abzeichnenden) Sieg von Nakamura gegen Karjakin | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Nur zum zweiten Mal bei Norway Chess 2018 hatten mehrere Partien Sieger und Verlierer:

Der Livekommentar mit Peter Svidler und Jan Gustafsson:

Nakamura-Karjakin 1-0: Hikaru auf der Jagd

Hikaru Nakamura spielte bei der für ihn sehr enttäuschenden US-Meisterschaft neunmal Remis. Nun folgten sechs (oder einschließlich der Partie gegen Ding Liren sieben) Remisen, aber nach einem Sieg in der vorletzten Runde teilt er jetzt die Führung im Turnier. Die Entscheidung fiel bereits in der Eröffnung, ein scharfes englisches Abspiel. Tags zuvor sagte Sergey Karjakin noch, dass der Titel "Verteidiungsminister" hoffentlich der Vergangenheit angehört - bisher konnte er schlechte Stellungen, die er zäh bis verzweifelt verteidigen muss, vermeiden. Nun kam es anders. Er spielte in der Eröffnung schnell, traf mit 9…exf3 und 11…dxc4 Richtungsentscheidungen, aber landete dann im Hinterhalt 14.Sd2:


Levon Aronian und Evgeny Tomashevsky hatten beide sofort 14.e4 gespielt, Sergey grübelte 23 Minuten über seine Antwort auf die Neuerung. Hikaru empfahl später, wie auch Computer, 14…Dg6 oder 14…Dg5, aber Sergey spielte 14…De7!? 15.e4 Sa5? 16.e5

Karjakin hat Probleme | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Hikaru kommentierte:

Sergey wollte wohl thematisch spielen. Er dachte, dass er, da ich nicht e4 spielte, diese Zugreihenfolge ausnützen und am Bauern kleben kann, aber nach e5 war es wohl bereits kritisch für ihn.

Die letzte gewisse Hoffnung für Schwarz war vielleicht 16…c5!?, aber es geschah 16…Le6? 17.Se4!


Als Sergey 16…Le6 spielte war ich einfach schockiert. Ich dachte, dass er nach 17.Se4 quasi aufgeben kann.

Es eskalierte schnell nach 17…Tad8 18.Dh5 b5 19.Sf6+! Schwarz kann 19…gxf6? 20.Txf6 nicht überleben, daher spielte Sergey das traurige 19…Kh8

Ein vernichtender Angriff gegen einen Rivalen bei einem Superturnier - schöner kann Schach kaum sein | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Nakamura hatte die Wahl, wie er seinen Vorteil verwertet, und entschied sich für 20.d5 Lxd5 21.Lxd5 Txd5 22.Sxe8 Txe5 23.Dxf7 Dxe8 24.Dxe8+ Txe8 25.Tae1 Txe1 26.Txe1 c5:


Hier gestand Hikaru:

Ich dachte, dass 27.Te5 einfach gewinnt… zu meinem Horror bemerkte ich dann, dass er dieses 27…Sb3! hat!

Nach 28.axb3?? cxb3 würde dann Schwarz gewinnen, wobei Weiß den Springer nicht nehmen muss. In der Partie vermied Nakamura dieses potentielle Motiv mit 27.Kf2. Zum Rest der Partie war nur noch Karjakins piktoreske Bauernstruktur kurz danach interessant:

‌Hübsche Bauernstruktur! Nakamura wird zur Gruppe mit +1 aufschliessen.

Es nahm ein übles Ende für Sergey. Nakamuras Kommentar zur Partie:

Anand-Caruana 1-0: Der Aufstieg und Abstieg von Vishy

Zuvor im Turnier produzierte Peter Svidler ein Video The Rise and Fall of Sergey Karjakin in Norway Chess 2018, zu Sergeys brilliantem Sieg gegen MVL und der Niederlage in der nächsten Runde gegen Fabiano Caruana. Dieses Szenario wiederholte sich in Runde 7 und 8: wieder zerstörte Fabi die Träume eines Spielers, der in der Runde zuvor brilliant gegen MVL gewonnen hatte. Diesmal war es Vishy Anand, und in beiden Partien gewann Schwarz.

Fabiano Caruana ist wieder da und droht, noch ein Superturnier zu gewinnen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Svidler brachte eine der mildesten Tiraden aller Zeiten im Schach-Livekommentar und widersprach der gängigen Darstellung, dass Caruana Russisch in den letzten Monaten zu einer tödlichen Waffe machte. Stattdessen hätten Alexander Grischuk in der letzten Runde des Kandidatenturniers und danach Nikita Vitiugov beim GRENKE Chess Classic zu ihren Niederlagen selbst beigetragen, indem sie scharfe Varianten wählten. Diesmal hatte er jedoch einen anderen Eindruck:

Wenn er heute gewinnt, dann gewinnt er im ruhigsten aller ruhigen Abspiele gegen Russisch. In den beiden anderen Partien hatte vor allem Weiß eine komplizierte und zweischneidige Stellung angestrebt.

Peter hat nun ein Video (auf Englisch) zu dieser Partie und zur gesamten Runde:

Fabiano selbst sagte nach der Partie:

Heute war ein wichtiger Sieg für mich. Ich spielte nicht wirklich um etwas. Ich dachte, ich spiele mein übliches Repertoire, natürlich konnte Vishy die Partie sehr sicher anlegen. Er spielte eine relativ sichere Variante. Wir spielten dann einen Abtausch-Franzosen. Ich hatte diese Idee, die etwas riskant war, offensichtlich positionell sehr riskant, Springer nach c6 und dann Ne4, f5. Das hatte ich etwas analysiert, aber konnte mich an gar nichts erinnern.

Definitiv gezockt hat er nach 13.Lxd6:


Fabi erklärte, dass er in seiner Vorbereitung 13.Sbd2 f5 14.Lxd6 betrachtet hatte, dann ist 14…cxd6 ein guter Zug. Er war sich auch der Tatsache bewusst, dass es in der Diagrammstellung viel weniger überzeugend ist, und spielte 13…cxd6!? dennoch:

Es war eine Art Bluff - ich hatte es analysiert, aber es ist nicht gut für Schwarz… Ich erinnere mich, dass es für Schwarz wohl nicht sehr gut ist, aber es wird eine Art Chaos. 

Die Situation war bereits kritisch. In einer Partie, in der unklar ist, wann Weiß falsch fortsetzte, kann man eventuell sagen, dass es bereits hier war:

‌Das ist die komplette Partie. Vishy hat gerade aufgegeben. Eine beeindruckende Partie von Caruana. Strategisch sauber und kämpferisch.

Diese Partie ist für mich strategisch faszinierend. 14.Db3 scheint kritisch. Oder 16.Lxe4!? dxe4 17.Sxe4 fxe4 18.d5. Generell muss Weiß etwas unternehmen, sonst bekommt Schwarz einfach Raumvorteil und Königsangriff.

In der Partie geschah 14.Sfd2 f5 15.Sa3 Le6 16.Sc2 Sxd2 17.Dxd2 f4 und Fabiano meinte, “das ist sehr angenehm, ich riskiere nichts mehr". Die weissen Figuren bemühten sich um Koordination und Vishy gab eine Qualität - wobei Caruana sich nicht sicher war, ob es zu gierig war, dieses Angebot zu akzeptieren. Es funktionierte jedoch, und in der Phase vor der Zeitkontrolle stand Weiß am Rande einer Niederlage:


Hier kam auf das trickreiche 36.Ta8!? 36…Df4!, aber guter Rat war für Weiß bereits teuer. Ein hübsches Ende der Partie war möglich! Caruana:

Nach der Partie bezeichnete [Vishy] 36.g3? als nur Remis, aber darauf hatte ich spekuliert, da 36…Df5!! meine Hauptidee war.

Eine Ungenauigkeit von Fabi (42…b6! scheint besser als 42…Ta8?!) komplizierte seine Aufgabe, und wenn Vishy im 47. Zug die Damen getauscht hätte ist nicht klar, ob er das Endspiel mit Turm gegen Läufer gewonnen hätte. Letztendlich hatte die Partie dann das logische Ergebnis, nach 50 Zügen gab Vishy auf.

Der weisse König muss nicht länger leiden... | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Eine ziemliche Kehrtwende für Caruana: Er hatte versucht, auf das Turnier zu verzichten und begann dann mit einer schmerzlichen Niederlage gegen Carlsen in Runde 1 sowie einem Patzer in Runde 2. Nun teilt er vor der letzten Runde die Führung im Turnier und hat dabei als einziger dieser vier Spieler zum Schluss Weiß. 

Die beiden anderen Partien endeten Remis, wobei So-MVL einerseits die längste Partie des Tages war, andererseits die am wenigsten interessante. Wesley bereute, dass er Maxime in seinem geliebten Najdorf herausforderte. Er verlor einen Bauern, aber das Turmendspiel war wohl immer remis.

Wesley So musste zäh kämpfen, um gegen MVL zu überleben | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Carlsen-Mamedyarov war derweil viel interessanter. Es war keine Frage, dass der Weltmeister angesichts seiner Bilanz gegen Shakhriyar Mamedyarov (5 Siege bei einer Niederlage) gewinnen wollte, dann eine interessante psychologische Situation nach 11 Zügen:


Diesen offenen Spanier gab es tags zuvor bei MVL-Anand, Vishy spielte den Hauptzug 11…Sc5. Shak hielt 10 Minuten inne und spielte dann stattdessen 11...Sxd2!?. Hinterher gab er zu, dass er dies als "schlechten Zug" betrachtete. Aber sein Ansatz war, dass Magnus einen freien Tag hatte, um das Spiel von MVL in häuslicher Vorbereitung zu verbessern, während der Springertausch ihm die Chance gab, "am Brett zu spielen".

Mamedyarovs letzte Partie im Turnier war nicht die leichteste | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Es war eine riskante Strategie, aber Magnus brauchte 20 Minuten für die nächsten paar Züge, und Shak bekam die Chance zu aktivem Spiel:


16…d4!? 17.Sxd4 (nach 15 Minuten - 17.Lb3, 17.cxd4 und selbst 17.Dd2 waren gute Alternativen) 17…Sxd4 18.Dxd4 Dxd4 19.Txd4 Txd4 20.cxd4 c5! 21.dxc5 Lxc5 und Mamedyarov hatte ein Endspiel mit Minusbauer. Das war vielleicht gegen einen Spieler wie Magnus nicht der genialste Plan aller Zeiten, aber diesmal haperte Carlsens Technik. Es passiert nicht oft, dass Magnus drei schlechte Züge nacheinander spielt!


26.Ld1?! (“ein sehr schlechter Zug” – Mamedyarov) 26…Tc5! 27.Lf4?! g5! 28.Lg3?! (mit 28.Le3 sofort einen Bauern geben ist etwas besser). Wenn jemand nach 28…Kg7 29.f4 Tc1! Gewinnchancen hatte, dann Schwarz, aber dann wurde es im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern nach 50 Zügen remis.

Magnus wirkte nach zwei Ruhetagen hintereinander etwas eingerostet - nun hat er in der letzten Runde Schwarz gegen MVL | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Magnus war nicht gerade begeistert:

‌Ein enttäuschter Carlsen sagte, dass er den Faden verlor und zu viel an das Ergebnis dachte. Nach 30 Zügen glaubte er nicht mehr an einen Sieg. "Heute war nicht mein Tag".

Für Mamedyarov ist das Turnier vorbei, da er in der letzten Runde gegen Ding Liren gespielt hätte. Auf dem Papier ist 3.5/8, -1 in einem Turnier, das für ihn mit starken Zahnschmerzen begonnen hatte, kein allzu schlechtes Ergebnis, aber die Nummer 1 aus Aserbaidschan war unzufrieden:

Es konnte wohl auch -4, -5 werden. Ich denke, dass ich eines der schlechtesten Turniere meiner Schachkarriere spielte - ich weiss nicht, wann ich zuletzt keine Partie gewonnen habe.

Damit haben vor der letzten Runde vier Spieler 4/7 – Carlsen und das US-Trio of So, Nakamura und Caruana.


Alle vier Partien sind "turnierrelevant", da auch Aronian und Anand mit Siegen gute Chancen haben, Platz eins zu teilen. Wenn Anand gewinnt und die drei anderen Partien Remis enden, teilen fünf Spieler den ersten Platz!

Wenn mehr als zwei Spieler Platz eins teilen, wird der Turniersieger und der erste Geldpreis (75.000€) in einem doppelrundigen 3+2 Blitzturnier ermittelt. Bei nur zwei Siegern nach klassischer Bedenkzeit sind es zwei 3+2 Blitzpartien und wenn nötig Armageddon - 4 Minuten für Schwarz und 3 für Weiß, aber Schwarz reicht ein Remis. Es ist nicht klar, ob Stichkämpfe am Donnerstag oder Freitag stattfinden, abhängig davon wie lange die letzte Runde andauert.

Auf jeden Fall solltest Du die letzte Runde nicht verpassen, mit Livekommentar von Jan Gustafsson und Peter Svidler ab 16:30 MESZ hier auf chess24!  


Siehe auch:


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