Berichte 06.06.2018 | 09:46von Colin McGourty

Norway Chess, R7: Vishy schließt mit Sieg gegen MVL zur Spitze auf

Vishy Anand hat als erster Spieler einen Schwarzsieg beim Altibox Norway Chess 2018 errungen. Der Inder bezwang Maxime Vachier-Lagrave und führt das Feld zwei Runden vor Schluss gemeinsam mit Magnus Carlsen und Wesley So mit +1 an. In seiner Partie ging die Initiative derart schnell auf Schwarz über, dass beide Spieler Probleme hatten, sich darauf einzustellen. Da in den anderen drei Partien das Gleichgewicht bis zum Ende nie ernsthaft gestört wurde, haben weiterhin sieben Spieler die Chance auf den Turniersieg.

Vishy Anand wurde beim Norway Chess bereits zweimal Zweiter - kann er dieses Jahr gewinnen? | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Bereits zum fünften Mal fand beim Norway Chess 2018 nur eine Partie einen Sieger:

Da MVL bereits beim Erreichen der Zeitkontrolle aufgab und die Remispartien auch nicht länger dauerten, hatte unser furchtloses Kommentatoren-Duo einen recht kurzen Arbeitstag: 

Vishy Anand nutzt seine Chance

Magnus Carlsen hätte in Runde 7 gegen Ding Liren antreten sollen, durch dessen Rückzug bekam er nun einen zusätzlichen Ruhetag. Einen Teil seiner Freizeit verbrachte er im spektakulären Konzerthaus Stavanger, wo die letzten drei Runden ausgetragen werden, und unterstützte als Fachmann für das norwegische Fernsehen zeitweilig seinen Landsmann Jon Ludvig Hammer.

Ein toller Schachtag! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Magnus wählte für seinen Fernsehauftritt legere Kleidung | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Während der Übertragung sprach er über die anderen Spieler und gab auch seine Meinung über seinen Vorgänger preis:

"Ich habe großen Respekt vor dem, was Anand erreicht hat, und vor seinem enormen Schachverständnis. Durch bloßes Nachspielen der Partien begreift man das nicht, dafür muss man mit einem Spieler sprechen."  

Ausgerechnet an diesem Tag gab Vishy dann auch eine echte Kostprobe seines Schachverständnisses. Peter Svidler hat die Partie für euch analysiert (auf Englisch):

Vishy spielte im Spanier 5…Sxe4, und danach waren beide Spieler bis mindestens zum 14.Zug noch in ihrer Vorbereitung unterwegs:


MVL meinte hinterher, er habe 14…Sxc1 gesehen und gewusst, dass Weiß danach leicht besser steht, doch Vishys 14…Sf4 kann ebenfalls keine große Überraschung für den Franzosen gewesen sein. Schon Alexander Aljechin spielte 1914 so, und Spieler wie Wolfgang Unzicker und Jan Timman folgten ihm nach. In der Partie ging es weiter mit 15.Sf3 Lg4 16.h3 Lh5 17.Tc3 Se6 18.g4!? (MVL: “Danach wird es ein wenig zweischneidig”) 18…Lg6 19.Le3 a5!? (Anand: “Es ging alles sehr schnell, denn bis hierher habe ich versucht, meine Probleme zu lösen”) 20.Lc2 Lb4!


Plötzlich stand das Brett in Flammen, und der Computer empfiehlt schlaue Varianten wie 21.Lxg6 Lxc3 22.Lb1! Lxb2 23.Dc2, in denen der weiße Angriff gegen den schwarzen König vermutlich zum Remis ausreicht. Auch MVLs 21.Tb3 war nicht verkehrt, doch darauf folgte der Sprengungszug 21…f5!. Die französische Nummer 1 meinte nach der Partie, „irgendwie habe ich nach f5 verpasst, meinen Königsflügel so schnell wie möglich zu konsolidieren“.  Beide Spieler erkannten, dass die Initiative auf Schwarz übergegangen war:

Anand: Plötzlich stellte sich mir die Frage, was ich eigentlich erreichen will? Hier war ich bereits auf Vorteil aus. Es ging so schnell, dass ich mich gar nicht darauf einstellen konnte.

MVL: Schon war ich in der Falle gelandet – davor dachte ich, ich stünde besser, und dann hatte ich plötzlich Probleme.

Maximes Gefühl für Gefahr ließ ihn im Stich | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Die Partie ging weiter mit 22.exf6 Lxc2 23.Dxc2 Dxf6 24.Se5:


An dieser Stelle gab Vishy als Erster die Qualität mit 24…c5! 25.Sd7 Df7 (Maxime meinte, er habe vor 25...Dh4 noch mehr Angst gehabt) 26.Sxf8 Txf8:


Vishy spielte schnell, und wie so viele Gegner in den letzten Jahren machte MVL den Fehler, dasselbe zu tun. An dieser Stelle hätte er mit 27.a3! ausgleichen können, doch wie er meinte, “kam ihm nicht in den Sinn, dass dieser Zug legal war und nicht direkt forciert verlor“. Danach hätte es mit 27…c4 28.axb4 cxb3 29.Dxb3 Df3 30.Dd1! weitergehen können, wonach Weiß die Partie halten können sollte.

Stattdessen spielte er schnell 27.Df5? cxd4?! 28.Dxf7+ Txf7, wonach er noch eine zweite Chance bekam:


Nach 29.a3! Sc5 30.Txb4! axb4 31.Lxd4! kann sich Weiß erneut halten, doch MVL spielte sofort die Verlustvariante 29.Txb4? axb4 30.Ld2

…und in dieser malerischen Stellung ließ Vishy zwei Züge vom Stapel, die MVL bei der Vorausberechnung völlig übersehen hatte: 30…b3! 31.axb3 Tf3! und die Stellung war laut MVL “nicht mehr zu reparieren”.

Erst jetzt investierte er fünfzehn Minuten für 32.b4, doch danach ging es zügig Richtung Zeitkontrolle, nach der Weiß nur noch aufgeben konnte:

Während der Franzose nun mit -2 auf dem letzten Platz liegt und sich an die Grand Chess Tour in Leuven erinnert fühlt, hat Anand mit +1 zu den beiden Führenden Carlsen und So aufgeschlossen:

So wie die Partie eine plötzliche Wende nahm, liege ich auf einmal in Führung. Da ein wenig Glück dabei war, mache ich mir aber keine große Gedanken darüber.


Über abgesprochene und andere Remis

Die meisten Spieler genossen den zweiten Ruhetag (und selbst Ding Liren ließ es sich mit seiner kaputten Hüfte nicht nehmen, mit auf Bootsfahrt zu gehen): 

Auch am Dienstag ging es in den meisten Partien ruhig zu. Wieder gab es drei Remis, und wieder passierte bei ihnen recht wenig. Karjakin-Aronian war womöglich die ruhigste Partie von allen, nachdem die Spieler sich zunächst „in einer Ragosin-Modevariante“ (Gustafsson) duelliert hatten. Laut chess24-Datenbank ist vor allem Aronian der Vorreiter in dieser Variante, da er sie schon mehrmals mit beiden Farben gespielt hat. Im 14.Zug hatte Karjakin die Qual der Wahl: 

"Carlsen: Es überrascht mich sehr, dass Karjakin hier so viel Zeit verbraucht, weil er eigentlich wissen müsste, wo es langgeht."

An dieser Stelle dachte Karjakin sieben Minuten nach und entschied sich für den Damentausch, wie dies auch Sam Shankland bei der Mannschafts-WM 2015 gegen Aronian und David Navara gegen Wesley So beim Tata Steel Masters 2016 getan hatten. Im folgenden Endspiel verbesserten die beiden Spieler die Vorgängerpartien minimal, doch war ein Remis immer das logische Ende.

Karjakin war jedoch nicht sonderlich enttäuscht, da sein Hauptziel darin bestand, eine Wiederholung von 2017 zu vermeiden; 

Ich erinnere mich an letztes Jahr, als ich in der siebten Runde ebenfalls Weiß hatte und unbedingt gegen Levon gewinnen wollte. Irgendwann überschätzte ich meine Stellung, verlor und lag auf dem letzten Platz. 

Damals wurde Aronian alleiniger Sieger, während er nun zwar punktgleich an der Spitze liegt, aber in der Vorschlussrunde spielfrei ist.

Aronian auf dem roten Teppich | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Bei Mamedyarov-So folgten die Spieler der Remispartie Wojtaszek-Giri aus der Schlussrunde des diesjährigen Gashimov Memorials, bei der beide Spieler bestens vorbereitet waren und sich gegenseitig neutralisierten. Giris 12…Qe8 ist “der typische Computerzug”, meinte Wesley:


Zudem "lobte er" Anishs Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer…

Shak wich mit 13.e4 g6 14.h4!? von Wojtaszeks 13.d5 ab und verblüffte So mit seinem schnellen Spiel: „Shak spielte h4 sehr schnell, daher wusste ich, dass er sich auskannte.“ Mamedyarov behauptete das Gegenteil, wollte aber unbedingt seinem Turnier einen Schub verleihen. Sein Hauptproblem bestand darin, dass er bei -1 liegend in der 8. Runde Schwarz gegen Carlsen hat und in der Schlussrunde spielfrei ist. Viel konkreter war aber das Problem, dass So sehr präzise mit 14…Sd7 fortsetzte und der h-Bauer des Weißen bis zum Remisschluss im 26. Zug keinen Zentimeter mehr vorankam.

Shak Mamedyarov bewirbt sich für die Rolle des Bösewichts im neuen Bondfilm | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Bevor es in der vorletzten Runde zum Aufeinandertreffen mit Shak kommt, versuchte sich Carlsen offenbar einen psychologischen Vorteil zu verschaffen, indem er über das Remis zwischen Mamedyarov und Karjakin in Runde 3 sprach. Damals schrieben wir:

Diese Partie fesselte einige der anderen Spieler. MVL bezeichnete sie beim Besuch im Beichtstuhl als “brillant”, Vishy meinte “recht ärgerlich, dass mein Gegner einen Zug machte", wodurch er sich wieder seiner eigenen Partie widmen musste. Andererseits gab Sergey zu, dass alles häusliche Vorbereitung war. Shak wirkte zwar etwas überrascht, aber auch er hätte wohl nicht bis zur kritischen Stellung zügig gespielt, wenn er nicht gewusst hätte, dass es gut ausgehen würde.

Allerdings gibt es auch eine andere Möglichkeit, die man mangels konkreter Beweise aber ungern ausspricht – dass die beiden Freunde sich im Voraus auf Remis geeinigt hatten und den Fans ein wenig Show bieten wollten. Der Weltmeister meinte dazu:

"Carlsen: Ich weiß, dass Mamedyarov und Karjakin in früheren Turnieren schon Remisabsprachen getroffen haben. Obwohl ich es nicht beweisen kann, würde es mich nicht überraschen, wenn es hier auch so gewesen wäre."

Mamedyarov stritt dies im konkreten Fall ab, räumte aber ein, dass es so etwas schon gegeben habe.

Natürlich wäre der Aseri bei Weitem nicht der Einzige auf Spitzenniveau, der sich gelegentlich auf solche Absprachen einlässt. 

Kurzzeitig wurde bei Caruana-Nakamura 1.e3 gespielt ... | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Damit bleibt nur die Partie Caruana-Nakamura übrig, wo nach sieben Zügen folgende Stellung aufs Brett kam:


Hikaru Nakamura war diese Stellung vertraut, zeigte sich aber überrascht, als er erfuhr, dass er es war, der die bekannteste Partie in dieser Variante gespielt hat: Nakamura ½-½ Wei Yi aus dem Jahr 2016. Da die Partie bei der Schnellschach-WM gespielt wurde, mag man ihm die Gedächtnislücke nachsehen. Damals hatte Wei Yi Le4 zugelassen, doch Nakamura spielte sofort 7…Ld7, um 8.Le4 mit 8…Lc6 zu beantworten. Im 10.Zug wurden die Damen getauscht, im 12.Zug machte Caruana den ersten neuen Zug und im 14.Zug war die vermutlich kritische Stellung erreicht:


Fabi meinte hinterher, er hätte hier 14.f4 spielen sollen, da Schwarz nach 14.Ke2 e5! alle Probleme gelöst hat und ihm nichts anderes übrig blieb, als in ein „recht trauriges Turmendspiel“ überzuleiten. Mit seinen Doppelbauern war er in der Defensive, doch Nakamura sah keine Gewinnchancen und sorgte für ein abruptes Ende der Partie.

Wir hoffen auf ein grandioses Finale! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Damit sieht die Tabelle zwei Runden vor Schluss so aus, wobei Aronian und Mamedyarov jeweils eine Partie mehr gespielt haben:


Die drei Führenden Anand (gegen Caruana), So (gegen MVL) und Carlsen (gegen Mamedyarov) haben am Mittwoch alle Weiß und könnten einen wichtigen Schritt Richtung Turniersieg machen. In der Schlussrunde stehen ihnen allesamt schwere Aufgaben mit Schwarz bevor, doch wenn sich am Gesamtstand nichts ändert, wird es ein Stechen um den ersten Platz geben.

Die achte Runde mit dem Live-Kommentar von Peter und Jan könnt ihr ab 16:30 Uhr live hier auf chess24 verfolgen! Dies ist auch eine der letzten Chancen, sich als neues Premium-Mitglied drei Extra-Monate zu sichern, wenn ihr euch für ein Jahr anmeldet (bei drei Jahren bekommt ihr sogar neun Monate umsonst). Bitte gebt den Bonus-Code "NORWAY-2018-YAY" an, wenn ihr eine Premium-Mitgliedschaft abschließtoder schreibt an support@chess24.com, wenn ihr eine Frage habt.  


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