Berichte 12.06.2019 | 15:37von Colin McGourty

Norway Chess R6: Krasse Fehler

Wesley So dachte für 7 Sekunden nach, bevor er sich dann in einer kniffligen Stellung einzügig von Levon Aronian mattsetzen ließ. Ansonsten hätte er womöglich auf Zeit gewonnen, aber das war mit Sicherheit nicht der größte Patzer in Runde 6 des Altibox Norway Chess Turniers. Alexander Grischuk litt unter einem totalen Blackout, indem er früh eine Figur gegen Fabiano Caruana einstellte, womit es so aussieht, als ob der Ruhetag für ihn nicht früh genug kommen konnte. Magnus Carlsen führt immer noch, nachdem er sein packendes Match gegen Ding Liren siegreich gestalten konnte. Yu Yangyi hingegen konnte seinen Lauf fortsetzen und Vishy Anand besiegen.

Levon Aronian bewundert sein Schaffen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Alle Partien vom Altibox Norway Chess 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Live-Übertragung mit Jan Gustafsson und Peter Svidler:

Auf chess24 könnt ihr euch wieder auf das Dreamteam Peter Svidler und Jan Gustafsson freuen. Wie in den Vorjahren gibt es in Absprache mit dem Veranstalter auch Videos von den Spielern zu sehen, doch dafür müsst ihr Premium-Mitglieder sein. Seid Ihr noch kein Premium, gibt es folgende Spezialangebote für euch:

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Zum dritten Mal bei der diesjährigen Auflage des Altibox Norway Chess endeten alle fünf Partien im klassischen Schach mit einer Punkteteilung. Und dieses Mal können die meisten Partien auch gleich wieder vergessen werden. Anand-Yu Yangyi, Aronian-So und Mamedyarov-MVL endeten allesamt mit Zug 31, was einem schon alles dazu sagt, ab wann die Spieler dieses Jahr in Stavanger ein Remis vereinbaren dürfen.

MVL sollte sich im Armageddon gegen Mamedyarov durchsetzen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Grischuk-Caruana war ein seltener Fall: Alexander Grischuk gewann nicht nur das Eröffnungsduell, sondern hatte sogar auch noch mehr Zeit auf der Uhr - und das, obwohl er an einer Stelle für 40 Minuten über einen Zug nachdachte (29.g4!?). Schlussendlich gelang es dem Russen aber nicht, seine 4 gegen 3 Majorität an einem Flügel gegen Caruana zum Sieg zu führen.

Fabiano Caruana hatte in der klassischen Partie viel Arbeit vor sich - im Armageddon dann nicht so viel... | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Das Highlight der klassischen Partien - und auch der Armageddon-Partien, die schachlich inhaltsreicher waren - war dieses Mal Carlsen-Ding, das Aufeinandertreffen der Nummer 1 und 3 der Welt. Bisher endeten alle klassischen Partien zwischen den beiden mit Remis. Und beim europäischen Mannschaftspokal schaffte es Ding Liren beinahe, den Weltmeister zu schlagen. In Stavanger sollte er dazu wieder Chancen haben.

Ding Liren zeigte wiedereinmal, dass er ein ernstzunehmender Rivale für Magnus Carlsen ist | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Bekannte Pfade wurden in der Eröffnung bereits mit Zug 5 verlassen, und nach 7...b5 waren die kiebitzenden Super-GMs auch ein wenig ratlos:

Anish Giri: Der Moment, wenn du realisiert, dass das Bauernopfer tatsächlich zu deinem Plan gehört. Das ist der Grund, warum ich niemals Schachengines benutze!

Nach 8.Db3 Dxd4 versank Magnus erst einmal in 18-minütiges Nachdenken und versuchte herauszufinden oder sich zu erinnern, wie man am besten Kompensation für den geopferten Bauern nachweist. 9.Le3 machte den Eindruck, ein starker Zug zu sein, aber später in der Partie kam Ding nah dran, innerhalb von ein, zwei Zügen seinen Mehrbauer konsolidieren. Schlussendlich endete die Partie nach 60 Zügen mit Remis (vielleicht war das Ausfüllen eines weiteren Partieformulars eine der Gründe dafür, dass die Spieler nicht weiterspielten, um einen Zug später ein Patt aufs Brett zu stellen). Mit Abstand die beste Möglichkeit, das Auf und Ab dieses Zweikampfs zu erleben, ist das 40-minütige Video, das kein anderer als unser Peter Svidler aufgenommen hat:

In diesem Video nimmt Svidler nicht nur die klassische Partie, sondern auch das Armageddon unter die Lupe. Und die war ein absoluter Thriller! Mit dem 30. Zug schien Magnus eine Stellung mit überwältigendem Vorteil erreicht zu haben:


30.c5! wäre nun ein sehr ästhetischer Zug gewesen mit der Idee, dass 30...Lxd6 an 31.cxd6 scheitert, denn Schwarz kann das Loch auf f5 nicht mehr verteidigen. Stattdessen spielte Magnus 30.f4!? und es schien, als hätte er etwas in den Komplikationen nach 30...gxf3 übersehen, weil er mit 31.Td3 den Rückzug antrat (vielleicht die Tatsache, dass nun der Se3 hängt?). Die Stellung wurde schnell zweischneidig und in der Tat verpasste Ding einen Gewinnzug mit Zug 40, auch wenn ihm natürlich ein Remis in der Armageddon-Partie gereicht hätte, um das Match zu gewinnen. Spannend wurde es bis zum letzten Moment:

50…Le3! hätte immer noch das Remis für die chinesische Nummer 1 gehalten. Aber das, was Ding spielte, war laut Peter Svidler der natürlicherer Zug, 50…Ld2?, weil es dem schwarzen König ein wenig Luft gibt und den Bauern auf b4 ins Visier nimmt:


Das Problem ist nur, dass er auf der Stelle verliert: 51.Tg6+! Kf4 52.Tg4+! und sobald der König zieht, folgt Txg3+, was den Turm auf a3 gewinnt. Deshalb hätte der Läufer nach e3 ziehen sollen, um den Spieß zu verhindern.

Der Gewinnzug | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Während Magnus und sein Vater dem Sonnenuntergang entgegenliefen... | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

...war es für Ding eine schmerzhafte Erfahrung | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Magnus hat also damit wiederum ein Mini-Match beim Norway Chess gewonnen - sein sechster Sieg im sechsten Match, bei fünf Siegen im Armageddon. Für Ding Liren hingegen war es die vierte Niederlage im Armageddon in Folge, sodass die chinesische Spitzenspieler in der Tabelle zurückfällt.

MVL: Arbeit erledigt... | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

An den anderen Brettern gab es zwei normale Armageddon-Partien. Maxime Vachier-Lagrave hat immer noch keine Partie in diesem Turnier gewonnen, aber zumindest sein zweites Match. Denn ein Remis in der Armageddon-Partie gegen Shakhriyar Mamedyarov reichte ihm dazu. Die Armageddon-Partie machte dabei den Eindruck, von Anfang an in die richtige Richtung zu laufen. Wenn in der Schlussstellung jemand weiterspielen könnte, dann eher Schwarz.

Yu Yangyi gewinnt einfach ruhig vor sich hin | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Anand-Yu Yangyi war nicht so einseitig, denn Vishy gewann nicht nur einen Bauern, sondern auch das Läuferpaar. Der Gegenangriff glich dann allerdings einem Wirbelwind:


32…f4! 33.Lxf4? (33.Lxf6, 34.Dd7 und Weiß kann noch kämpfen) 33…Dh3! und es stellt sich heraus, dass Weiß keine gute Möglichkeit hat, sich gegen Sg4 mit Matt zu verteidigen. 34.f3? exf3 35.Dh2 Dxh2+ 36.Kxh2 pariert die direkten Drohungen, aber nach 36…Sg4+ verliert Weiß zwingend aufgrund diverser Gabelangriffe Material. Vishy gab im 48. Zug auf, womit der Newcomer in einem internationalen Superturnier nun fünf seiner Mini-Matches gewonnen hat - davon vier im Armageddon. Seine einzige Niederlage musste er bisher in der klassischen Partie gegen Wesley So einstecken.

Magnus konnte sich Wesleys Leid von Nahem ansehen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Um ehrlich zu sein: An die Partien der 6. Runde wird sich wohl keiner in Zukunft mehr erinnern! Levon Aronian war bisher Teil der wildesten Armageddon-Partien. Und auch seine Partie am Montag gegen Wesley So war keine Enttäuschung. Im frühen Mittelspiel war Levons Mattangriff kurz vor dem Durchbruch:


Es sieht so aus, als ob es irgendwie einen Ausmacher geben müsste. Unser Kommentatorenteam dachte zuerst, dass 25.Dh5! auf der Stelle gewinnen müsste, aber nach 25....De3 gibt es noch nichts Entscheidendes. Das gleiche Problem gab es in der Partie. Levon dachte zwei Minuten lang nach und spielte 25.Dg4. Der beste Zug war allerdings wohl das sofortige 25.g6!, denn nach 25...Sf6 hat Weiß den Plan Df3-h3, was entscheidende Opfereinschläge auf f6 gefolgt von dem Matt mit der Dame droht. Auch wenn das pariert werden kann, ist es schwierig sich vorzustellen, dass der weiße Angriff aufgehalten werden kann, wenn Weiß noch seinen anderen Turm ins Spiel bringt. Dann sollte das Pendel zu seinen Gunsten ausschlagen.

In der Partie war Wesley kurz vor dem Untergehen, aber auch wenn die kritische Stellung der Partie äußerst unangenehm ist, muss das Folgende nicht zwingend passieren:


Schwarz hat keine Möglichkeit, sich zu befreien und Weiß droht, den a-Bauern zu schlagen und seinen a-Bauern dann zur Dame zur führen. Die Gesamtsituation allerdings ist alles andere als hoffnungslos, denn Levon hatte nur noch 13 Sekunden auf der Uhr gegenüber 30 von Wesley. Bis zur Zeitontrolle (ab Zug 60 gibt es 3 Sekunden Inkrement pro Zug) waren es noch 15 Züge, sodass Schwarz gute Chancen hatte, die Partie auf Zeit zu gewinnen, solange er Züge macht, die nicht sofort verlieren. Bei nur noch 7 Sekunden auf Aronians Uhr konnte man sehen, wie Wesley mit seinem Unterbewusstsein ringt und dann 46...Sf5?? entkorkte. Levon führte den letzten Zug der Partie stilvoll aus:

Jaideep Unudurti: "So musste es kommen"

Olimpiu G. Urcan: "Der zufriedenstellendste Turmzug aller Zeiten"

chess24: Manchmal bist du zu schockiert, um die Hand zur Aufgabe zu reichen.

"Eine weitere kometenhafte Leistung", witzelte Levon im Anschluss, der meinte, das sein Schach besser wird, aber sein Zeitmanagement besser werden muss!

Aronian hat nun drei unvergessliche Armageddon-Partien in Stavanger gespielt | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Verpasse auf keinen Fall Levons Interview mit Judit Polgar und Anna Rudolf während der offiziellen Live-Show:

Wir konnten allerdings nicht wissen, dass das nur der zweitverblüffendste krasse Fehler des Tages werden sollte. Wesley war unter starkem Zeitdruck in einer miserablen Stellung, aber der Patzer in Grischuk-Caruana kam in der Eröffnungsphase, in der Grischuk noch acht Minuten auf der Uhr hatte:


Man sollte vielleicht anmerken, dass Grischuks letzter Zug 16.Dc1 war, was dem Läufer auf e3 röntgenhafte Unterstützung gibt. Grischuk allerdings vergaß aus irgendeinem Grund, dass sein Springer auf d2 steht und spielte 17.Lh6??? Fabiano spielte entschuldigend 17...Lxh6 und nahm die Aufgabe seines Gegners an:

Olimpiu G. Urcan: Während eines Turniers, das absolut schief läuft, beschleicht dich das unerklärliche Gefühl, dass dein eigener Kopf, deine eigenen Augen und deine eigene Hand für den Gegner spielen.

Anish Giri: Ein Matt in 1 zu übersehen, scheint noch nicht ungeheuerlich genug zu sein, oder? Alles ist relativ!

Wenn Super-GMs solche Fehler begehen, gibt es vielleicht Hoffnung für uns?

Tatev Abrahamyan: Aufgrund der heutigen Armageddon-Partien fühle ich mich mit meinem Schach ganz gut.

Natürlich gab es die Suche nach einer Erklärung. Ist das Spielen von Armageddon-Partien 15 Minuten nach Ende der klassischen Partie so hart für die Spieler? Vielleicht und insbesondere dann, wenn man wie Grischuk versucht, über vier Stunden lang einen winzigen Vorteil zu verwerten versucht.

Vielleicht gab es aber auch eine viel simplere Erklärung, wie Magnus meinte:

Tarjei J. Svensen: Carlsen: Ein sehr, sehr anstrengender Tag. Hier ist es wie im Krankenhaus, überall husten die Leute."

Als der Rauch der Runde verzogen war, verblieben wir mit der folgenden Tabelle:


Wie man sehen kann, gewann Magnus bisher alle Matches und ist immer noch 1,5 Punkte vor dem ersten Verfolger, während Yu Yangyi 5 Matchsiege und eine Niederlage in der klassischen Partie gegen Wesley So verbuchen kann. Damit ist der Chinese aktueller Zweiter. Würde das Turnier nur nach den klassischen Partien gewertet werden, wären Carlsen, Aronian, So und Ding Liren alle  mit +1 auf dem geteilten ersten Platz, aber 2 Niederlagen im Armageddon für Aronian, 3 für So und 4 für Ding haben ihre Wirkung in der Tabelle hinterlassen.

Magnus macht das neue Format beim diesjährigen Altibox Norway Chess sichtlich Spaß | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

In der siebten Runde wird Wesley So eine Chance haben, seinen Vorjahressieg gegen Magnus Carlsen im klassischen Schach zu wiederholen. In diesem Fall wäre der Sieger der Begegnung Yu Yangyi-Aronian wieder zurück im Kampf um den Turniersieg. Davor allerdings können die Spieler sich erst einmal während des letzten Ruhetags erholen. Für unsere Kommentatoren gibt es hingegen keinen Ruhetag!

Peter Svidler wird auf Englisch ein Geschwätzblitz auf 17 Uhr MEZ spielen, während Jan Gustafsson das gleiche auf deutsch ab 19:00 Uhr MEZ tun wird. Natürlich musst du die Sprache nicht verstehen, um Peter herauszufordern, aber du musst einen Premium Account bei chess24 besitzen.


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