Berichte 10.06.2019 | 11:13von Colin McGourty

Norway Chess R5: Wie man (nicht) Armageddon spielen sollte

Magnus Carlsen hat seine Führung beim Altibox Norway Chess auf 1,5 Punkte ausgebaut, indem er gegen Maxime Vachier-Lagrave zweimal mit Schwarz nichts zuließ und seine Matchbilanz auf 100 Prozent ausbaute. Alle fünf Duelle wurden im Armageddon entschieden, die weiteren Sieger hießen Vishy Anand (gegen Wesley So), Yu Yangyi (gegen Fabiano Caruana), Levon Aronian (gegen Ding Liren) und Alexander Grischuk (gegen Mamedyarov). Aronian war dennoch stocksauer, dass er eine total gewonnene Stellung fast noch verloren hätte, während Caruana genau das passierte!

Ding Liren ist bestürzt, nachdem Aronian sich beim Armageddon sehenswert retten konnte | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Alle Partien vom Altibox Norway Chess 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Live-Übertragung mit Jan Gustafsson und Peter Svidler:

Auf chess24 könnt ihr euch wieder auf das Dreamteam Peter Svidler und Jan Gustafsson freuen. Wie in den Vorjahren gibt es in Absprache mit dem Veranstalter auch Videos von den Spielern zu sehen, doch dafür müsst ihr Premium-Mitglieder sein. Seid Ihr noch kein Premium, gibt es folgende Spezialangebote für euch:

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Fünf Remis in den Turnierpartien

Dieses Mal konnte MVL Magnus nicht schlagen... | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Wie in Runde 1 endeten alle Turnierpartien remis, aber die einzige, in der nichts passierte, war MVL – Carlsen. Maxime forderte Carlsen in der 7.Sd5 “Weltmeisterschafts”-Sveshnikov-Variante heraus, aber obwohl der Norweger von einer guten Partie sprach…

Carlsen: „Normal gewinne ich unabhängig von der Stellung. Aber sie machen einfach so weiter, daher muss ich damit klarkommen.“

… wurden ab dem 19.Zug nur noch Figuren getauscht und nach 30 Zügen war die Stellung so tot, dass die Spieler sich auf Remis einigten. Mit diesem Ergebnis konnte keiner der beiden Spieler zufrieden sein – MVL hatte mit Weiß keinerlei Druck ausgeübt, und  Carlsen verlor 1,3 Elo-Punkte, womit er im Verlauf dieses Norway Chess keinen neuen Rekord aufstellen kann (sein bestmögliches Resultat im Turnierschach ist nun 7 aus 9).

Grischuk konnte den Bock endlich umstoßen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

So – Anand war ebenfalls eine ruhige Partie, aber immerhin eine strategische Auseinandersetzung, die 46 Züge lang für Spannung sorgte. Bei Mamedyarov – Grischuk war nach 26 Zügen durch Zugwiederholung alles vorbei, aber immerhin gab es einen witzigen Moment, nachdem Grishuk 14…f5!? gespielt hatte:


Das sah nach 15.Lc4+ Kh8 16.dxe5 wie ein hübsches Bauernopfer aus, aber Alexander Grischuk konnte das hinterher nicht bestätigen:

Grischuk: Ich war an meiner Partie nicht sonderlich interessiert. Ich bin im Grunde nur noch Zuschauer – das Turnier habe ich aufgegeben!

Polgar: Aber du hast ein sehr schönes Bauernopfer gebracht.

Grischuk: Das war aber zum Großteil ein Einsteller.

Wie sich zeigte, hatte Grischuk gesehen, dass 15.dxe5? fxe4 16.Lc4+ an 16…Le6 scheitert, aber das sofortige 15.Lc4+ komplett übersehen! Dennoch war in der Partie recht schnell nichts mehr los. Hier Grischuks erster Auftritt bei der offiziellen Live-Übertragung:

Derweil schien die faszinierende zweischneidige Partie Ding Liren-Aronian ganz im Sinne des Schwarzen zu verlaufen, bis Aronian mit 24…Sd8? „alle Tricks aus der Stellung nehmen wollte”:


Stattdessen jedoch konnte Ding Liren mit einer brillanten Zugfolge alle Probleme lösen: 25.a6! Lxa6 26.Lxa6 Txa6 27.Sc4! dxc4 28.Dxd6! Txa1 29.Txa1 Dxf3 30.Dxe7 und nun musste Aronian mit 30…Se4! 31.Dxd8 Kh7 32.Tf1 ums Remis kämpfen:


32…Sxg3! 33.fxg3 mit Remisschluss, da das Dauerschach nach Dxg3+, Dh3+ unausweichlich ist.

Aronian nimmt einen Schluck von seinem ominösen Getränk | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Damit bleibt noch die chaotische Partie Yu Yangyi – Caruana, in der es viele verblüffende Ideen wie Caruanas 22…e5!? zu bestaunen gab:

"Svidler: 'Ich muss sagen, diese Partie hat eine sehr ungewöhnliche Wende genommen!' Es scheint keinen Grund zu geben, warum Yu Yangyi nicht den Bauern e5 schlagen sollte."

Die Aufgabe des Zentrumsbauern war eine äußerst mutige Entscheidung mit der Pointe, dass Schwarz nach 23.Lxe5 Dd7 den weißen Angriffsplan mit Dg4 unterbunden hat. Wenig später endete die Partie durch Zugwiederholung, wobei die Computer eindeutig der Meinung sind, dass Yu Yangyi hätte auf Gewinn spielen sollen.

Zum Glück hat Jan diese Partie und die anschließende Armageddon-Partie für euch analysiert:

Damit wurden alle Matches im Armageddon entschieden.

Wie man Armageddon spielt

Es ist nach wie vor umstritten, ob es beim Armageddon besser ist, Weiß oder Schwarz zu haben. Bei der normalen Verteilung von 5 Minuten zu 4 Minuten haben die Spieler in der Regel lieber Schwarz, während Alexander Grischuk generell die weißen Steine bevorzugt. Angesichts der Verteilung von 10 Minuten zu 7 Minuten beim Norway Chess könnte man denken, dass diese Weiß begünstigt, aber Aronian meinte nach Runde 5:

Heutzutage spielt jeder gern mit Schwarz – das überrascht mich! Ich dachte, Weiß wäre im Vorteil, doch die Ergebnisse zeigen, dass die Sache unklar ist. 

Tatsächlich war in Runde 5 in allen Duellen Schwarz am Drücker, wobei vor allem die beiden Weltmeister im Feld nichts anbrennen ließen. Vishy Anand stand nach 12 Zügen gut gegen Wesley So und hatte bis zum Schluss alles unter Kontrolle, wozu Grischuk meinte, “Vishy hat schon 100, wenn nicht 1000 Mal so remisiert!” Damit hat der Inder drei Siege in Folge beim Armageddon erzielt.

Vishy hatte alles im Griff | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Magnus Carlsen sah sich zumindest einer gewissen Kreativität von Maxime Vachier-Lagrave ausgesetzt. Direkt nach dem Damentausch in scheinbar geklärter Lage spielte MVL 15.Le5!?, wonach der Bauer c7 unter Beschuss gerät:


Magnus war zunächst überrascht, tauschte dann aber diesen Bauern mit 15…Te8 16.Sxb6 axb6 17.Lxc7 Txa2 gegen den Bauern a2, und obwohl 18.Se5! noch einmal Öl ins Feuer goss, hatte der Weltmeister nun alles unter Kontrolle. 

Aufgabe erledigt! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Damit feierte der Weltmeister seinen vierten Sieg beim Armageddon. Er scherzte:

"Carlsen: Bogoljubov meinte einst, wenn ich Weiß habe, gewinne ich, weil ich Weiß habe, und wenn ich Schwarz habe, gewinne ich, weil ich Bogoljubov bin. Bei mir ist es andersrum, ich gewinne, weil ich Schwarz habe."

An den anderen Brettern ging es deutlich wackliger zu. Alexander Grischuk spielte mit 10…d4! einen guten Zug gegen Shakhriyar Mamedyarov:


Nach 11.exd4 exd4 12.Dxd4 jedoch verbrauchte er für seine beiden nächsten Züge je eine MInute. Danach erklärte er das so:

d4 muss sehr gut für Schwarz sein, aber ich wusste nicht mehr den Grund, was ich natürlich nicht so toll fand… Es ist sicher gut für Schwarz – mit einem Computer weißt du nach fünf Sekunden warum – aber ich hatte diesen Luxus nicht! 

Mamedyarov hatte seine Chancen, stand dann aber klar schlechter, ehe die Partie recht witzig zu Ende ging:

Grischuk erläuterte:

Er zog 38.Td6+??! und stellte eine Falle! Nach 39…Le6 40.Sg4+ verliere ich den Turm!

Das einzige Problem daran war, dass Weiß im Schach stand, womit der Zug illegal war. Mamedyarov gab auf.

Die beiden letzten Armageddon-Partien sind perfekte Beispiele, wie man nicht spielen sollte, wenn man als Schwarzer großen Vorteil hat und ein Remis reicht. 

Aronian und Ding machten es wirklich spannend | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Nach 20 Zügen war Ding Lirens Angriff am Königsflügel gegen Levon Aronian zum Erliegen gekommen, und der Gegenangriff schien unaufhaltsam zu sein. Nach 25 Zügen war die weiße Aufgabe nur eine Frage der Zeit:


Weiß kämpft aber nicht nur ums Überleben – er muss gewinnen! An dieser Stelle war 25…b4! entscheidend, aber auch Aronians 25…Tab8 mit vier Minuten auf der Uhr war völlig in Ordnung. Bedenklicher wurde es, als Aronian nach 26.Dc2 51 Sekunden in 26…Sxc4 investierte, und nach 27.Sxc4 bxc4 28.Dc1 kostete ihn die objektiv zweifelhafte Entscheidung, die Damen zu tauschen, weitere 43 Sekunden. Hinterher meinte er:

Dann sagte ich mir, mach halt Remis! Sei professionell!

Als Aronian später noch grundlos die Läufer tauschte, um in ein Turmendspiel abzuwickeln, war auf einmal wieder alles möglich, da beide Spieler keine Zeit mehr hatten. Aronian meinte, „Ich habe überhaupt nicht mehr nachgedacht, ich hatte nur noch Panik!“  Er hatte gleich zwei Probleme: Er hatte keine Zeit mehr, und seine Stellung war verloren, bis er nach 55.Kd4? wieder Morgenluft wittern konnte:

"Aronian: Ich stehe nach Millionen von Zügen auf Verlust - und ich verlor auf Zeit. Ich war schon bereit, das Partieformular zu unterschreiben. Ich hatte großes Glück, dass mein Gegner Kd4 spielte."

Nach 55…Td3+! 56.Ke4 d5+ reichten die verbundenen Freibauern, der Turm und der König aus, um eine Festung zu errichten. Welch ein Drama!

Und nicht nur unsere spanischen Kollegen hatten an dieser Partie ihre Freude!

Die Armageddon-Partie bei Yu Yangyi-Caruana verlief ähnlich, aber ohne Happy-End. Auch hier hatte Schwarz großen Vorteil:


19…g4! ist sehr stark, und auch nach dem Opfer 19…Lxh3!? steht Schwarz klar besser. Nach 19…Kh8?! jedoch ließ Caruana Weiß wieder in die Partie zurück, und es entwickelte sich ein spannender Schlagabtausch:

Yu Yangyi holte sich den nächsten Skalp eines Favoriten | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Und wieder endete die Partie mit einer bitteren Note für Fabiano, als das Remis greifbar war:

Peter Svidler dachte sofort, dass 63…g4! Remis ist, und das ist sicher auch der Grund, warum Fabiano an dieser Stelle 32 Sekunden nachdachte, doch am Ende spielte er 63…Kd5?? und gab zwei Züge später auf. Der Amerikaner hat in Stavanger alle drei Armageddons verloren und keine Chance mehr, seinen Titel zu verteidigen.

Peter Heine Nielsen schaut, was sein Schützling macht | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Die Tabelle wird vor allem von den Ergebnissen beim Armageddon bestimmt. Bei einem normalen Rundenturnier würden Carlsen, Aronian und So mit +1 an der Spitze liegen. Magnus hat jedoch alle vier Armageddons gewonnen, während Aronian und So zweimal verloren und daher zwei Punkte Rückstand haben. Dagegen konnte sich Yu Yangyi mit 3 aus 3 beim Armageddon auf Platz 2 vorschieben:


In der 6.Runde ist vermutlich das Duell zwischen Carlsen und Ding Liren der Höhepunkt. Ab 17 Uhr könnt ihr wieder live bei der Übertragung mit Peter Svidler und Jan Gustafsson dabei sein!

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