Berichte 03.06.2018 | 12:27von Colin McGourty

Norway Chess, R5: Caruana stoppt Karjakin

Fabiano Caruana besiegte Sergey Karjakin in Runde 5 von Altibox Norway Chess. Damit verbesserte er sich auf 50%, was sein Gegner nun ebenfalls wieder hat. Das war eine gute Nachricht für Magnus Carlsen, der nach einem etwas holprigen Remis gegen Vishy Anand wieder einen vollen Punkt Vorsprung hat, da Mamedyarov-Nakamura und MVL-Aronian jeweils eher geräuschlos remis endete. Ding Liren hat das Turnier verlassen - nachvollziehbar, dass er sich von seiner Hüftoperation erholen will.

Die Zeitkontrolle erreichte er, aber dann musste Karjakin Caruana zum Sieg gratulieren | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Und dann waren es neun... Ding Liren hat das Turnier verlassen, die Ergebnisse seiner drei gespielten Partien werden gestrichen. Niemand wird ihn ersetzen, damit bekam in Runde 5 Wesley So einen zusätzlichen Ruhetag, acht andere spielten:

Nach Grünfeld tags zuvor stand in Runde 5 Nimzo-Indisch im Mittelpunkt, damit war Jan zuständig (siehe seine Videoserien 4.Qc2 against the Nimzo-Indian [nur auf Englisch verfügbar] und Schwarzrepertoire gegen 1.d4, Teil 3: Nimzo-Indische Verteidigung) beim gemeinsamen Livekommentar mit Peter Svidler:

Drei schnelle Remisen

Hikaru Nakamura spielte bisher immer remis | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Zuerst zu den Remispartien in der Reihenfolge, in der die Spieler sie hinterher beim offiziellen Livekommentar erklärten. Zuerst kamen Shakhriyar Mamedyarov und Hikaru Nakamura, die Restvorbereitung von Kandidatenturnieren aufwärmten. Shak spielte gegen Nimzo-Indisch 4.Qc2, wie zuvor gegen Magnus in Wijk aan Zee, gegen Aronian und So beim Berliner Kandidatenturnier und gegen Karjakin bei Shamkir Chess. Alle Partien endeten remis - Jan Gustafsson fragte sich, ob diese Eröffnung wirklich Mamedyarovs schachlichen Stärken entspricht.

Shak sagte, dass er die Variante in der Partie für das Kandidatenturnier vorbereitet hatte. Es stellte sich heraus, dass dies auch bei Hikaru Nakamura der Fall war – allerdings das Kandidatenturnier 2016 in Moskau! Sonst hätte er vielleicht bei 16...g5! gezögert:


Shak war von diesem “starken Zug” überrascht und beschloss "er versteht alles, ich sollte besser Remis machen und schlafen gehen!". Zuvor sprach er über seine Zahnschmerzen, aber nun ist sein Problem, dass er zuviel schläft.

17.Sxg5 is spielbar, aber nur ein Remis, wie auch die Partiefortsetzung 17.Lg3 Dxc5 18.Dd8+ Kg7 19.Le5 Dc1+ 20.Ke2 Dc4+ nebst Dauerschach. Nach 24 Zügen war das Remis offiziell.

"Ich kann Leuten versichern, dass ich für mich selbst besser koche als an diesem Tag" war MVLs Kommentar zum ersten Ruhetag, an dem er gemeinsam mit Levon "versagt" hatte | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

MVL-Aronian dauerte nur einen Zug länger, aber schien vielversprechender nachdem Maxime Vachier-Lagrave in Nimzo-Indisch mit 4.Sf3 etwas durcheinander gebracht hatte. Er war offensichtlich überrascht von Levons 11…Tb8 und konnte nach 12.Dc2 La6 13.Td1 mit seiner Stellung nicht zufrieden sein:


Levon übernahm die Kontrolle über die Stellung mit 13…Lxc3 14.bxc3 Da5 15.Lb2 Lc4. Das hatte Maxime nicht vorbereitet, aber…

Ich muss mich bei meinen Helfern entschuldigen. Es ist egal, ob sie gute oder schlechte Arbeit leisten wenn ich mich an die Varianten, die ich heute morgen auf dem Computer hatte, nicht erinnern kann… Ich kannte praktisch alle Kandidatenzüge, aber wusste nicht mehr was gut ist!

Weiß musste nun verteidigen, aber kurz nach 21.Lh3 war die Partie plötzlich beendet:


Maximes Traum wäre, dass Aronian hier mit 21…La6? 22.c4! patzt, mit der sehr konkreten Drohung 23.Lc3. Das sahen die Livekommentatoren Jan und Peter und auch beide Spieler, die stattdessen mit 21…Sc8 22.Td2 Sb6 23.Td6 usw. wiederholten.

Vielleicht hatte Levon eine kleine Chance verpasst, aber beide Spieler haben offensichtlich gesunden Respekt voreinander - oder zumindest Levon, dessen Bemerkung zu einer Option nur halb im Scherz war:

Ich muss einige unnatürliche Züge machen, und das ist gegen ein Naturtalent wie Maxime keine gute Idee.

Kurz danach ergänzte er “selbst mit viel Talent kann man ohne die Dame nicht gewinnen.”

Das letzte Match zwischen Magnus und Vishy ist bereits vier Jahre her | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Carlsen-Anand war das dritte Remis und dauerte bis zum 45. Zug, aber de fakto war die Partie schon viel früher beendet. Es schien, als ob Vishy mit 8…Da5 fast forciert Ausgleich erzielte:


Schwarz will nun -d5 spielen, und hier überlegte Magnus 14 Minuten, obwohl es die Stellung schon zigmal gab. Im Beichtstuhl erklärte er, was sein Problem war:

‌Carlsen sagte im Beichtstuhl, dass er Anands 9...Da5 im Jahr 2005 analysiert hatte, aber sich an damalige Schlussfolgerungen nicht erinnern kann. "Es kann für mich nicht wirklich schlecht laufen, aber ich habe kaum Hoffnungen auf Vorteil."

Der schwarze Durchbruch kam mit 9.Ld2 Dh5 10.Le2 d5, aber nach 11.cxd5 exd5 12.exd5 Sxd5 13.0-0 sah Vishy beim Generalabtausch nach 13…Td8 14.Sd4 Sxc3 etwas, das ihm nicht gefiel. Laut eigener Aussage "patzte" er mit 13…Sf6?!


Mit diesem Zug wollte er "sehr präzise" spielen, aber bald bemerkte Vishy, dass Weiß auf das nach 14.Sd4 geplante 14…Sg4 die Antwort 15.Lf4! hat mit plötzlich extrem scharfer Stellung. Er sagte “I really wanted to kick myself”, aber auch wenn es nach 14…Dc5 15.Sxc6 Sxc6 16.Lf3 Da6!? unangenehm war löste wenig später Damentausch auf e2 die Spannung auf. Es war immer noch keine ideale Situation für Vishy, der lamentierte:

Es ist genau sein Lieblings-Stellungstyp. Warum mache ich derlei ausgerechnet heute gegen ihn? 

Wenige Züge später war das Remis allerdings offensichtlich - das einzige Problem war, es formal zu erreichen. Remisangebote sind streng verboten und der Rest der Partie war etwas komisch - fast tragikomisch nachdem Magnus etwas sorglos wurde. Aber dann fanden die Spieler die ersehnte Stellungswiederholung:

‌Sie haben es endlich geschafft! :) Vishy Anand ist der erste Spieler, der bei Altibox Norway Chess gegen Magnus Carlsen mit Schwarz Remis halten kann.

Zum Glück waren diese etwas enttäuschenden Remisen nur Hintergrund für die Partie des Tages.

Caruana-Karjakin 1-0: Fabianos Rache

Karjakin wurde in Stavanger bisher Erster oder Letzter, aber nun hat er wieder 50% | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Sergey Karjakin zerstörte Caruanas Hoffnungen in der letzten Runde des Kandidatenturniers 2016, und schaffte das dieses Jahr fast erneut - durch Sieg gegen Caruana übernahm er in Berlin nur zwei Runden vor Turnierende die Führung. Karjakin hatte damals einen Lauf, und es schien, als ob er auch in Stavanger mit dem Sieg gegen MVL durchstarten würde. In Runde 5 lief es allerdings anders herum. 

Karjakin konnte MVL in der Eröffnung überraschen, diesmal gelang dies Fabiano mit dem nur scheinbar harmlosen 7.b3.


Welches Chaos daraus entstehen kann zeigte vor kurzem Wouter Spoelman gegen Lev Yankelevich in einer wilden Bundesliga-Partie. Spoelman brauchte für keinen Zug mehr als eine Minute, bis er nach 15 Zügen eine Gewinnstellung hatte.

Sergey investierte 15 Minuten und spielte statt Yankelevichs 7…d5 7…0-0, danach wusste er offenbar nicht so recht, was er wollte. Einerseits wählte er 10…b6, was Fabiano als zu langsam kritisierte, andererseits danach einige hyper-aggressive Züge bis er seine Dame auf g3 installierte. Ein Schlüsselmoment kam nach 19…Sf6!?


Es war sehr ähnlich zu MVLs Spiel tags zuvor gegen Karjakin. Der Computer bestand darauf, dass Weiß fast auf Gewinn steht, die anderen Norway Chess Teilnehmer waren deutlich weniger überzeugt davon. Nakamura wiederholte fast wörtlich seinen Kommentar zu Maximes Stellung tags zuvor – “Karjakins Stellung gefällt mir. Das ist mit Schwarz leichter zu spielen." Caruana selbst sagte “Ich dachte, was er macht ist schlauer" und bezeichnete die Dame auf g3 als "sehr irritant". Caruana betrachtete den Springerzug nach f6 allerdings als "Panikentscheidung" und beschloss, ihn mit 20.Lxf6 gxf6 abzutauschen:

Ich dachte nicht, dass ich schlagen muss, aber ich dachte, wenn ich nicht schlage und er kann ausgleichen, werde ich es wirklich bereuen! 

Selbst danach meinte Vishy Anand, dass die schwarze Stellung “bis auf diesen Doppelbauern” nicht zwangsläufig so schlecht sei. Lange konnte Schwarz Probleme stellen. Fabiano sagte, dass er erst dann das Gefühl hatte, einen Durchbruch zu haben, als Karjakin nur noch mit seinem König hin und her zog. Das Ende kam, nachdem die weisse Dame auf a8 eindringen konnte:


Schwarz konnte immer noch hoffen, da Caruana auf 35…Ld7 36.Dd8 plante, was auf den ersten Blick forciert gewinnt, aber Schwarz hat noch 36…Sg6!. Weiß steht nach 37.Lxg6 oder 37.Dxd7! (möglich wegen der Springergabel auf f5) immer noch klar besser, aber die Partie wäre noch nicht vorbei. Stattdessen realiserte Karjakin offensichtlich, dass er todgeweiht ist. Er liess seine Bedenkzeit fast ablaufen und spielte dann im Blitztempo 35…Lxh3 36.gxh3 Dxh3+ 37.Kg1 Txd4:


38.exd4? Qg3+ ist nicht ganz klar, aber Sergey hatte "Pech", dass sein Gegner genug Zeit hatte um zu berechnen, dass das ruhige 38.Lg2! dem bunten Treiben ein Ende bereitet. Es folgte noch 38…Dg3 39.Txd4 

Karjakin spielt 39...Sg4 | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

39...Sg4 40.Tf3 De1+ 41.Lf1 Schwarz gab auf

Peter Svidler wird am Sonntag ein Video zu dieser Partie aufnehmen, derzeit kannst Du Dir bereits Fabianos eigene Kommentare nach der Partie anhören (und wieder einmal staunen, was er alles gesehen hatte):

Fabiano wurde nach nun wieder 50% keinesfalls übermütig, aber sagte "meine beiden letzten Partien waren deutlich besser als die beiden ersten, damit bin ich zufrieden". 50% ist in diesem Turnier üblich, das haben sechs Spieler (nach Ding Lirens Rückzug haben fünf Spieler eine Partie weniger). Nur Magnus hat einen Plusscore und damit einen Punkt Vorsprung auf das Feld:


Sonntag unter anderem So-Carlsen, was offen gesagt nicht unbedingt unterhaltsam wird:

‌Carlsen ist in 12 Partien gegen So ungeschlagen: "Ehrlich gesagt, normalerweise passiert in diesen Partien nichts. Ich erinnere mich nicht daran, dass er jemals nahe am Sieg gegen mich war. Wenn ich Remis will, bekomme ich es oft problemlos."

Die anderen Partien versprechen allerdings einiges: Aronian-Caruana, Nakamura-MVL und Anand-Mamedyarov sind alles Duelle zwischen Schwergewichten. Sergey Karjakin hat nun vor einem eventuellen Comeback zwei Ruhetage: Sonntag hätte er gegen Ding Liren gespielt, und Montag ist der zweite und letzte Ruhetag für alle Teilnehmer.

Verpasse nicht unsere Liveshow mit Peter Svidler und Jan Gustafsson!


Siehe auch:


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