Berichte 02.06.2018 | 12:21von Colin McGourty

Norway Chess, R4: Karjakin und Aronian gewinnen

Am Freitag wurden nur vier Partien gespielt, da Ding Liren wegen einer gebrochenen Hüfte im Krankenhaus landete, aber erstmals bei Altibox Norway Chess 2018 gab es zwei Sieger - keiner der beiden Magnus Carlsen. Sergey Karjakin und Levon Aronian wählten denselben Tag für den aus der Mode gekommenen klassischen Grünfeld - Karjakin bekam nach starker Vorbereitung entscheidenden Königsangriff gegen MVL, Aronian überwand Shakhriyar Mamedyarov in einem technischen Endspiel. Carlsen führt nach einem ruhigen Remis gegen Hikaru Nakamura weiterhin alleine.

Aronian siegte dann am Freitag, aber MVL landete in etwas, das Karjakin zu Hause ausgekocht hatte | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Traditionell können sich die Spieler am ersten Ruhetag von Altibox Norway Chess nicht wirklich ausruhen. Letztes Jahr landeten sie auf einem Bauernhof, diesmal testete HTH Norge in der Küche des Clarion Hotel Air ihre Kochkünste. Duos wurden geformt, klare Favoriten waren Maxime Vachier-Lagrave und Levon Aronian. Überraschenderweise landete das französisch-armenische Team allerdings dann auf dem letzten Platz. Nach Runde 4 sagte Aronian "Ich denke, dass jeder für sich alleine besser abgeschnitten hätte", wobei er am Tag selbst deutlichere Worte fand!

‌Levon ist mit dem Ergebnis unzufrieden und beschuldigt seinen französischen Teamkollegen: "Du bist eine Schande für Dein Land! Du solltest verbannt werden!" Alles unter Freunden :)

Die Sieger waren Vishy Anand und Ding Liren, Vishy war stolz auf wieder einen WM-Titel:

‌Manchmal bewege ich Figuren, manchmal koche ich! Angenehmer war, dass wir gewonnen haben!! Es war nett, dass Aruna zuschaute und wohl wahre Liebe, dass sie das dann gegessen hat. Heilbuttfilet mit Gemüse & Sauce hollandaise.

Peter Svidler meinte im Kommentar zu Runde 4:

Ich war immer misstrauisch, wenn Vishy sagte, dass er nicht kocht. Er hat das immer bestritten, aber nun zeigte er der ganzen Welt, dass er ein Meisterkoch ist. Ich glaube ihm zu diesem Thema nicht mehr. 

Auf Platz zwei landeten Magnus Carlsen (“Ich habe immer gerne gekocht, tat es nur selten") und Wesley So. Sie wussten nicht unbedingt, was sie genau taten…

‌Wie brate ich Fisch? Keine Ahnung.

…aber einigen hat es sehr gut geschmeckt:

‌"Es war überraschend gut!"

"Magnus wird nun jeden Abend kochen!"

Magnus meinte allerdings nach Runde 4 über seinen Trainer Peter Heine Nielsen und seinen Vater:

Was sie sagen bedeutet nicht allzu viel, da sie viel essen und absolut alles! 

Alle hatten offensichtlich ihren Spass, aber wie sich herausstellte gab es auch eine schlechte Nachricht:

‌Mein Partner Ding Liren! Er schnitt Gemüse und Fisch mit derselben Präzision, mit der er Turmendspiele behandelt! Er war verletzt aber biss die Zähne zusammen!

Ding Liren kam humpelnd und schnitt Gemüse vor allem sitzend, da er zuvor am selben Tag vo Fahrrad gefallen war. Später stellte sich heraus, dass er seine Hüfte gebrochen hatte - Freitag musste er operiert werden, seine Partie gegen Fabiano Caruana wurde verschoben. Sie spielen nun am zweiten Ruhetag am Montag, sofern Ding Liren das Turnier nicht verlassen muss. In diesem Fall werden seine Ergebnisse gestrichen (oder alle Spieler bekommen einen halben Punkt). 

Ding Liren konnte zwar kaum gehen oder kochen, aber die Anweisungen konnte er lesen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Damit nur vier Partien in Runde 4, aber zwei Entscheidungen:

Der Livekommentar mit Peter Svidler und Jan Gustafsson:

Die Grünfeld-Killer

Nach einem langen Durchhänger seit dem WM-Match zeigt Sergey Karjakin vielleicht wieder Topform| Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Peter Svidler fasste Runde 4 zusammen als “die willkommene Rückkehr des klassischen Grünfeld”, mit ‌7.Lc4 bei Karjakin-MVL und Aronian-Mamedyarov und dem gängigen "tabiya" nach 10 Zügen (mit leichter Zugumstellung):


Es gab einen witzigen Moment im letzten Interview des Tages zwischen Anna Rudolf und Levon (Teil der offiziellen Liveshow):

Anna: Wann hast Du bemerkt, dass ihr dieselbe Eröffnung spielt? 

Levon: Nachdem Karjakin mich dafür lobte!

Ab hier verliefen die Partien unterschiedlich. Shakhriyar Mamedyarov wählte 10…Sa5 11.Ld3 b6, Peter Svidler dazu in seiner Grünfeld Videoserie:

Ich bin stolz darauf, dass ich diese Variante als Erster spielte, vor allem als Folge von mörderischem Jetlag.

Im eBook bespricht Svidler beide Varianten, empfiehlt dann allerdings 10...Bg4

Maxime Vachier-Lagrave folgte stattdessen Svidlers Partie gegen Magnus Carlsen beim Tal Memorial 2011, 10…b6 11.dxc5 Dc7 12.Sd4. Svidler dazu in seiner Serie:

Der Grund, warum ich diese Variante nicht empfehle oder im Detail bespreche ist, dass ich zwar glaube, dass Schwarz sich nach diesem Zug behaupten kann. Aber was er hält, sind diverse Endspiele mit Minusbauer (Weiß kann sogar wählen). Offen gesagt, die Idee, ein Endspiel mit Minusbauer zu halten ist, selbst wenn man sich seiner Sache sicher ist, nicht zu jedermanns Geschmack. Es ist OK, derlei ab und zu zu tun, vor allem wenn man sich ohnehin keine Gewinnchancen ausrechnet, wie ich gegen Carlsen (gegen ihn ist eine passive Stellung mit Minusbauer auch nicht ideal, aber nun ja!). Aber in einer normalen Partie ist so ein Endspiel nicht jedermanns Bier. 

Die Theorie hat sich allerdings seither weiter entwickelt, und Carlsen meinte während der Partie “Diese Variante mit 10…b6 ist wohl der Grund, warum Weiß nicht mehr so spielt". Auf Maxime wartete jedoch eine unangenehme Überraschung, da Sergey die Idee 21.Nc4 zeigte:


Er erklärte hinterher:

Es war Vorbereitung - auch wenn der Computer natürlich zeigt, dass Schwarz keine Probleme hat, in einer praktischen Partie ist es für ihn nicht einfach zu spielen.

Zunächst reagierte Maxime mit 21…e6 22.h3 Lh5 23.exf5 exf5 24.Lg5 richtig, aber dann konnte er der Versuchung nicht widerstehen, die aktivste Methode zu wählen:


Karjakin sagte hinterher “Ich denke, Schwarz sollte 24…Tf8 spielen, dann steht er sehr solide", aber Maxime spielte 24…f4!?, was Zuschauer Carlsen nicht überraschte!

Ich dachte, 24…f4 ist ein typischer Maxime-Zug. Ich sah die Stellung zuvor und war mir sicher, dass er f4 spielt, denn so spielt er gerne. 

Beim Livekommentar hatte Jan den Eindruck, dass Maxime eine schwere Nacht hatte - sein Tag wurde dann keineswegs einfacher! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Maximes Fehler war offenbar auf 25.Df2 25…f3?!, obwohl es natürlich aussah und Hikaru Nakamura (bedingt) gefiel: “Es ist vielleicht objektiv schlecht, aber für Schwarz viel einfacher zu spielen”.

Das Problem war jedoch dass Sergey die Widerlegung des schwrzen Konzepts fand: nach 26.Lxd8 Txd8 27.Dh4 fxg2 hatte er 28.Tfe1! (“ein großartiger Zug, danach fehlt mir die Zeit” – MVL)


Als er 24…f4 spielte, hatte Maxime das Gefühl, dass er mit Läuferpaar und "recht ordentlicher Koordination" keine Probleme habe. Aber nun bemerkte er, dass dies durchaus der Fall war. Der Lh5 würde gerne nach g6 ziehen, aber danach gewinnt 29.Tb7! sofort. Daher war das unschöne 28…Lf3 erzwungen, worauf Weiß mit 29.Te3 ein Tempo gewinnt. Nach 29…Lc6 30.Tbe1 Tf8 31.Se5 Ld5 32.Tg3 f6 33.Sd3 kam der Moment, ab dem es keinen Weg zurück gab:


Mit 33…Kh8 oder 33…Lf7 kann sich Schwarz vielleicht immer noch halten, aber nach 33…Lxa2? 34.c4! gab es keine Verteidigung mehr gegen den weissen Königsangriff: 34…Dd6 35.Sf4 Dd4+ 36.Kh2 Lxc4 37.Dh6! f5 38.Sh5!

‌Der 2-malige Norway Chess Sieger Sergey Karjakin konnte letztes Jahr keine Partie gewinnen, aber nun besiegte er MVL nach grandioser Eröffnungsvorbereitung, die vielleicht den klassischen Grünfeld wiederbelebt!

Ein beeindruckender Sieg von Sergey Karjakin, der die beiden ersten Auflagen von Norway Chess gewann aber 2017 sieglos Letzter wurde. Er ist nun alleiniger Zweiter nur einen halben Punkt hinter Magnus, außerdem hat er Maxime in der Live-Eloliste überholt. Mit 2788,2 belegt er da nun Platz 6 und hat seine bisher höchste Elo 2788 (vor langer Zeit im Juli 2011) wieder erreicht.

Bei Partien zwischen dem Armenier Levon Aronian und dem Azeri Shakhriyar Mamedyarov steht immer viel auf dem Spiel | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

In der anderen Grünfeld-Partie hatte Mamedyarov gegen Aronian offenbar gute Kompensation für einen Minusbauern, aber langsam wurde seine Stellung unangenehm. Levon betrachtete 20…Lxc1 als notwendig und sagte, dass er "sehr froh" war, sobald er 22.c5 spielen konnte. Shak würde allerdings nicht widerstandslos verlieren und fand eine gute Zugfolge nach 24.Lc4:


24..Sd4! 25.Lxd4 exd4 26.Lxe6 dxc3 27.Lxd7 Dxd7 28.Sxc3 - danach hatte Weiß vorübergehend zwei Mehrbauern, aber einen bekam Mamedyarov zurück. Weiß musste nun genau spielen, um Vorteil zu behalten, das gelang Levon!

Er kann wieder lächeln! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess


39.f5! Ld8 40.f6+ Kh7 41.e6! (die Idee von 39.f5) 41…fxe6 42.Tf2 Lc7


43.f7! Lxg3+ 44.Kg2 Ld6 45.f8=D Lxf8 46.Txf8 und nun hatte Weiß eine Figur für zwei Bauern. Objektiv war es wohl immer noch Remis, aber einige schwarze Ungenauigkeiten reichten und Levon bekam den vollen Punkt.

‌Aronian kompensiert die Niederlage gegen Carlsen mit einem Sieg gegen Mamedyarov und hat nun wieder 50%!

Er hat nun wieder Chancen, seinen Titel zu verteidigen.

"Jemand sollte ihn besiegen!" meinte Hikaru nach Runde 3, und erreichte dann gegen den Weltmeister absolut nichts | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

In Führung liegt natürlich nach wie vor Magnus Carlsen, wobei sein Schwarzremis gegen Hikaru Nakamura absolut nicht der Rede wert war. Die Spieler teilten die Einschätzung, dass Hikaru im abgelehnten Damengambit 12.exd4 mit Isolanistellung spielen musste, um die Partie zu beleben. Hikaru sagte, dass er dafür nicht in Stimmung war, und nach einigen genauen Zügen (Hikaru lobte Carlsens 16…b6!) wurde es ein schnelles Remis in 33 Zügen.

Nakamura kann wohl nicht vergessen, dass er gegen Carlsen bei 12 Niederlagen nur eine Partie gewinnen konnte, wobei er seit fast drei Jahren nicht mehr gegen seinen Angstgegner verlor.

Zwei Meisterköche neutralisierten sich | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Anand-So war immer remisträchtig, aber bot den Zuschauern deutlich mehr - viele kleine Tricks und Zwischenzüge. Es endete mit etwas, das Vishy als "hübsches Finish" bezeichnete:


29…Tc2! 30.Dxc2 Dg4+ und Schwarz gibt mit einem Turm weniger Dauerschach. Nach 31.Kh1 Df3+ 32.Kg1 konnte er gar mit 32…Txe5 Matt drohen, aber es wurde doch Dauerschach.

Damit ist dies der Stand nach vier Runden - Ding Liren und Fabiano Caruana dabei mit einer Partie weniger:


In Runde 5 wird sich herausstellen, ob So-Ding Liren stattfindet…

‌Ich habe gerade erfahren, dass Ding Liren operiert wurde und guter Dinge ist. Dabei ist es zu früh zu sagen, ob er morgen spielen kann.

…aber Carlsen-Anand, Caruana-Karjakin, Mamedyarov-Nakamura und MVL-Aronian sollten bereits mehr als genug Unterhaltung bieten. Verpasse nicht unseren Livekommentar mit Peter Svidler und Jan Gustafsson!


See also:


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