Berichte 06.06.2019 | 23:07von Colin McGourty

Norway Chess R2: Shak führt, Magnus entkommt

Der alleinige Führende beim Altibox Norway Chess heißt Shakhriyar Mamedyarov, nachdem er Vishy Anand nach einem groben Fehler des Inders in Runde 2 bereits in der klassischen Partie besiegen konnte. Fabiano Caruana sammelte ebenfalls 2 Punkte gegen MVL ein, während Magnus Carlsen gegen Levon Aronian nur um einen Hauch an der ersten Niederlage im klassischen Schach innerhalb der letzten 10 Monate vorbeischrammte. Doch der Armenier verspielte den Vorteil zum Remis und verlor dann sogar noch die Armageddon-Partie. Yu Yangyi gegen Ding Liren und Wesley So gegen Alexander Grischuk hießen die anderen beiden Gewinner im Armageddon.

Knapper als Magnus Carlsen schrammte keiner an einer Niederlage in der klassischen Partie vorbei! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Alle Partien des Turniers kannst du nachspielen, wenn du auf eine Partie in der untenstehenden Box klickst. Die Buchstaben R und A stehen dabei für die entsprechenden Runden im klassischen Schach (R) bzw. Armageddon (A). Der Score im Armageddon ist so wie angegeben, während man bei einem regulären Sieg in der klassischen Partie 2 Punkte bekommt (da dann auch die Armageddon-Partie entfällt).

Und hier findest du Jans und Peters Live-Kommentierung aus Stavanger:

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So 1.5:0.5 Grischuk: Das Armageddon-Gambit geht schief

Die frühe Armageddon-Partie gab den anderen Spielern die Chance, während ihrer Eröffnungsphasen zu kiebitzen! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Nach der ersten Runde des Norway Chess Turnieres gab es Einiges an Kritik an den neuen Regeln, da diese Remisen in den klassischen Partien sogar noch befördern würden. Mit dem Ende der zweiten Runde sollte diese Kritik schon wieder eher als voreilig anzusehen sein - doch zu Beginn goss Alexander Grischuk noch Öl ins Feuer der Kritiker, denn er erzwang mit Weiß in unter 10 Minuten ein Remis!

Wesley So meinte zu dem schnellen Remis: "So ganz überrascht war ich nicht, aber ich fühle mich schlecht, den ich hatte mich vier Stunden lang vorbereitet!" War es also bloß ein Gangster-Move, wie es der Post von Romain Edouard nahelegt? Nicht, wenn man Grischuk glauben mag. Er begründete seine Entscheidung für ein schnelles Armageddon mit der unnötigen Niederlage gestern gegen Aronian. Zum norwegischen Fernsehen sagte er, dass diese Niederlage eine der drei schlimmsten seines Lebens gewesen wäre:

Tarjei J. Svensen: Grischuk sagt dem Fernsehsender TV2, dass er keine Energie hatte: "Ich fühle mich natürlich schlecht. Ich habe verloren. Aber es fühlte sich einfach so an, als ob ich nicht spielen könnte. Das konnte man auch im Armageddon sehen, das war der Grund für das schnelle Remis. Ich dachte, nach 20 Minuten Energie finden zu können."

Tarjei J. Svensen: "Ich bin gesund. Ich war einfach nur extrem verärgert über die gestrige Partie. Normalerweise werfen mich Niederlagen nicht aus der Bahn, aber das gestern war einfach zu schmerzhaft."

Wesley So beschrieb seine Strategie folgendermaßen: "Gutes Schach im klassischen Schach zeigen und im Armageddon überhaupt kein Schach spielen!" Aber auch wenn er das Gefühl hatte, überspielt worden zu sein, gab es keinen Moment, zu dem Grischuks Aggression im Königsflügel auch nur nahe dran gewesen wäre, Früchte abzuwerfen. Wesley meinte, der Wendepunkt der Partie sei nach 20...Lxa3 gekommen:


Grischuk fühlte das ebenfalls, denn er dachte hier anderthalb Minuten nach, bevor er 21.Txa3!? spielte. Nach 21...bxc4 startete Wesley nach und nach die Invasion auf dem weißen Damenflügel. Er hatte das Gefühl, dass Weiß mit einer stabileren Bauernstruktur nach 21.cxb5 axb5 22.Txa4 bxa4 noch auf einen Angriff am Königsflügel hätte hoffen können. Ob das genug gewesen wäre, damit Grischuk die Partie gewinnen könnte, steht natürlich in den Sternen. Aber es wäre womöglich eine andere Geschichte geworden.

Zum Schluss begnügte sich Wesley damit, ein Dauerschach in einer Gewinnstellung zu geben, denn Schwarz reicht in der Armageddon-Partie ja ein Remis zu Sieg:

chess24: Wesley So forciert das Remis und gewinnt damit die Armageddon-Partie - damit hat der Armageddon-Fan Grischuk nun zum zweiten Mal iun Folge verloren!

Überraschenderweise sollte das die einzige Partie sein, die schnell zu Ende ging. An den anderen Brettern gab es zumeist dramatische Szenen. In keiner anderen Partie war das so der Fall wie in Aronian gegen Carlsen:

Aronian 0.5:1.5 Carlsen: Man lebt gefährlich

Die Begräbniszeremonie für den Weltmeister begann vielleicht zu früh, nachdem Aronian das starke 14.Sg1! gefunden hatte! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Letztes Jahr verlor Magnus Carlsen gegen Wesley So beim Norway Chess, aber die einzige weitere Partien im klassischen Schach, in der er eine Niederlage quittieren musste, geschah am 31. Juli in Biel gegen Shakhriyar Mamedyarov. Seitdem ist er seit 10 Monaten und 60 Partien ungeschlagen, aber gegen Levon Aronian ging er am Mittwoch fast in Flammen unter. Einmal mehr blieb Magnus seinem neuen, scharfen Sizilianer treu, aber Levons 11.Db1! erwischte ihn kalt, wie er TV2 erklärte:

Eigentlich war ich ziemlich zufrieden nach der Eröffnung. Doch dann hatte ich plötzlich keine guten Züge mehr. Db1 habe ich nicht kommen sehen. Es war ein bärenstarker Zug. Ich dachte zuerst, dass meine Stellung nicht so schlecht sein dürfte, aber dann überlegte ich einige Zeit an meinem nächsten Zug. Was ich dann tat, war Verzweiflung.

Nach diesem Zug gibt es keine Möglichkeit für Schwarz mehr, den b2-b4-Durchbruch zu stoppen, denn 11...a5 läuft direkt in 12.b4! cxb4 13.axb4 und nach 13...Lxb4:


Und Weiß steht nach dem Damenopfer 14.Dxb4! axb4 15.Txa8+ Lc8 und 16.Lb6! schlicht auf Gewinn. 

Magnus entschied sich stattdessen für 11...Sf4 und versuchte in der Folge, Gegenspiel am Königsflügel zu organisieren - doch dort fand sich keines! Mit wenig Bedenkzeit sah er dann nichts besseres, als in ein grausames Endspiel mit Minusbauern abzuwickeln. Levon sollte dann im weiteren Verlauf einige klare Chancen auf den Partiegewinn ungenutzt verstreichen lassen, insbesondere den Killerzug 45.Td5!! Danach hätte Carlsen wohl auf der Stelle aufgegeben, meinte Svidler.


Mit einem knappen Zeitpolster nach Zug 40 und lediglich einem Inkrement von 10 Sekunden pro Zug hatte es Levon sicher nicht einfach. Dennoch schaffte er es zum wiederholten Male nicht, einen Vorteil gegen Magnus Carlsen zum Gewinn zu verdichten. Und dann schlug die typische Sportlerweisheit zu: Wenn du deine Chancen vorne nicht nutzt und das Tor machst, dann kassiert du irgendwann selbst ein Tor. Oder um es ein wenig religiöser auszudrücken...

Es scheint zur Tradition für Magnus zu werden, als Letzter die Armageddon-Partie zu spielen, wenn überall sonst die Action bereits vorbei ist | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Das Momentum war also auf Seiten von Magnus und dieses Mal wich er im fünften Zug von der klassischen Partie ab. Er spielte frei auf - und gut! Nach und nach übernahm er das Kommando, erst auf dem Brett und dann auch noch auf der Uhr, bevor er schlussendlich mit Schwarz nach 43 Zügen gewann. Verpasse auf keine Fall Peters detaillierte Analyse der beiden Partien:

Obwohl man hätte erwarten können, dass diese Partie im klassischen Schach einen Sieger findet, tat sie das nicht. Dafür gab es Sieger in den anderen Partien, wobei der erste Sieg einem Schock glich:

Anand 0-2 Mamedyarov: LPDO

Mit einem Sieg in der klassischen Partie holte sich Shakhriyar Mamedyarov Platz 4 in der Weltrangliste von Anish Giri zurück | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Der erste Spieler, der an diesem Tag die vollen zwei Punkte auf seinem Konto verbuchen konnte, weil er die klassische Partie gewann, war Shakhriyar Mamedyarov. Zuerst hatte es den Anschein, dass er in einem 3.Lb5 Rossolimo-Sizilianer das etwas schlechtere Endspiel gegen Vishy Anand erwischt hätte. Doch dann kam John Nunns Schachweisheit "LPDO" zum Tragen: "Loose Pieces Drop Off" - Ungedeckte Figuren verschwinden vom Brett! Selten war das angemessener als zu dem Zeitpunkt, als Vishy 33.Sf7? spielte und er mit 34.fxg4? die drohende Gefahr vollkommen ignorierte (es sei denn, der Ex-Weltmeister beschloss, sein Leiden schnell zu beenden):


Turm auf a6 und Springer auf f7 sind beide ungedeckt, sodass der Doppelangriff 34…Lc8! die Partie entscheidet. Vishy gab sofort auf.

Caruana 2-0 MVL: Es kommt immer noch schlimmer

Fabiano Caruana konnte es sich leisten, umherzuschlendern, nachdem ihm Maxime Vachier-Lagrave in die Eröffnungsvorbereitung gelaufen war | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Fabiano Caruanas Achillesferse mag das Blitz sein, weshalb ein Turnier wie das Norway Chess für ihn potentiell trickreich sein mag. Aber für dieses Problem gibt es eigentlich eine simple Lösung - einfach stattdessen die klassische Partie gewinnen! Das schaffte er mit Hilfe der Eröffnungsneuerung 15.Lc4!?, womit er von Wei Yis Zug 15.Lf5 abwich, was der Chinese beim Moskauer Grand Prix gegen Ian Nepomniachtchi gespielt hatte.


Der Zug provozierte definitiv die schwarze Antwort 15...b5!? mit Tempogewinn, aber vielleicht wäre das genau der Zug gewesen, den Maxime hätte spielen sollen. Denn Caruana bestätigte, dass 15...Scxe4?!, was die Nr. 1 Frankreichs nach relativ kurzem Nachdenken (12 Minuten) spielte, "vermutlich nicht das ist, was Schwarz spielen sollte." Maxime meinte dazu (es ist bemerkenswert, dass Super-GMs die Angewohnheit haben, von "erinnern" zu sprechen, auch wenn sie in der Eröffnung glatt erwischt wurden!):

Irgendwie konnte ich mich nicht daran erinnern, was man gegen Lc4 tun sollte. Deshalb spielte ich eine Variante von der ich wusste, dass sie ein wenig problematisch ist. Aber dass es so schlimm ausgehen würde, hatte ich nicht gedacht.

Was Maxime nicht auf der Rechnung hatte war, in welcher Gefahr er nach 21.Rxb7 schwebte!


Den Plan, den er bei Zug 15 gefasst hatte, sah vor, hier 21...d5 zu spielen. Aber er hatte in der Vorausberechnung übersehen, dass nach 22.De6 Df6 23.Te1 Dd4+ 24.Kc1 Da1+ 25.Tb1 Df6 26.Dxf6 gxf6 27.Tb7 er ein Endspiel zu verwalten hat, dass Fabiano als "abscheulich" bezeichnete. Nach 36 Minuten des Überlegens entkorkte Maxime dann 21…Tf8 und war überrascht, als das mit 22.Te1!? statt 22.Txe7+ beantwortet wurde. Unser Kommentatoren-Team hatte den Schlagzug auch als gefährlicher eingeschätzt. An einem bestimmten Punkt hatte Maxime dann aber das Gefühl, dass er das Gröbste überstanden hätte:

Tarjei J. Svensen: MVL: "Ich habe das Gefühl, das Schlimmste ist überstanden, aber natürlich war das total angsteinflößend. Ich habe keine Ahnung, was ich in meiner Vorbereitung übersehen habe."

Tarjei J. Svensen: MVL: "Hoffen wir mal, dass ich es bis ins Armageddon schaffe!"

Die Stellung blieb dennoch trickreich und nachdem Maxime einige gute Chancen zum Remis ausgelassen hatte (zum Beispiel hätte Maxime sicherlich 36…De2+! gespielt und die Damen getauscht, wenn er bemerkt hätte, dass nach 37.Kb3 Dd1+ 38.Kb4 er über 38…Db1+! verfügt), verlor Maxime nach und nach den Faden. Er schob das auf die Zeitkontrolle und beide Spieler waren sich einig, dass dies tatsächlich nicht einfach sei:

MVL: Es sollte eigentlich immer noch Remis sein, aber mit der Zeit…

Caruana: Das ist so ein Problem mit dieser Zeitkontrolle. Bist du einmal unter Druck auf der Uhr, kommst du nie mehr zurück.

Schau dir an, wie Maxime und Fabiano über die Partie sprechen. Hier findest du den offiziellen Live-Kommentar von Judit Polgar und Anna Rudolf

Yu Yangyi ist in seinem ersten Superturnier bisher erstaunlich eiskalt | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Damit bleibt noch eine Partie übrig, nämlich das Aufeinandertreffen der beiden Chinesen: Yu Yangyi gegen Ding Liren. Die Partie war womöglich unspektakulär, aber dennoch sehr wichtig. Yu Yangyi drückte in der klassischen Partie, aber als diese nach 44 Zügen Remis gegeben wurde, hatte man den Eindruck, dass Ding Liren mit Schwarz auf ein komfortables Remis aus war - was ihm den Sieg im Armageddon gebracht hätte. Auf unerklärliche Weise ging der chinesischen Nummer 1 dann erst ein Bauer abhanden und dann erlaubte er Yu Yangyi noch, seelenruhig 29.Txe6! zu spielen:


Es gab keinen Grund, den Doppelangriff 29…Lc4 zu fürchten, denn nach 30.Txc3 Lxe6 31.Txc8+ Lxc8 hatten die Spieler eine Stellung mit ungleichfarbigen Läufern erreicht, die Schwarz nicht mehr retten konnte! Yu Yangyi gewann nach 56 Zügen, was bedeutet, dass die derzeitige Nr. 3 Chinas mittlerweile nacheinander erst MVL und dann Ding Liren im Armageddon schlagen konnte. Damit ist er punktgleich mit Magnus mit 3 Punkten auf Platz 2.

Shak hat nach zwei Runden die Führung inne! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Shakhriyar Mamedyarov führt das Feld mit 3,5/4 an, nachdem er eine Partie im klassischen Schach gewinnen konnte. Die Punktzahlen kannst du in der folgenden Tabelle sehen, auch wenn diese etwas verwirrend daherkommen mag. Das liegt daran, dass man natürlich eine Partie weniger spielt, wenn man seine Partie im klassischen Schach gewinnt - denn dann gibt es kein Armageddon!


Runde 3 ist die letzte Runde vor dem ersten Ruhetag und gibt den Spielern noch einmal die Chance, sich neu zu sortieren und ihre Turnierstrategie zu überdenken. Wir werden sehen, ob Grischuk nach zwei harten Tagen zu Beginn zurückkommen kann, denn er muss mit Schwarz gegen Magnus ran. Währenddessen lauten die anderen Paarungen Ding Liren-Caruana, Mamedyarov-Aronian, MVL-Anand und So-Yu Yangyi. Schalte ein und schau dir den Live-Kommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson an, Beginn 17:00 Uhr MEZ.

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