Berichte 30.05.2018 | 10:08von Colin McGourty

Norway Chess, R2: Caruana patzt am Tag der Remis

Fabiano Caruanas holpriger Start beim Altibox Norway Chess 2018 setzte sich in Runde 2 gegen Shakhriyar Mamedyarov mit „einem lächerlichen Patzer“ fort. Der Amerikaner gab grundlos einen Bauern, doch zum Glück hatte er zu diesem Zeitpunkt schon einen Bauern mehr und die Partie mündete ins Remis. Karjakin-Carlsen und die anderen drei Partien endeten innerhalb von drei Stunden ebenfalls friedlich, doch Peter Svidler meinte trotzdem, “diese Runde war nicht langweilig, es gab nur fünf schnelle Remis“.

Caruana erzielte auch gegen Mamedyarov keine Normalform | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Alle Partien des Altibox Norway Chess 2018 könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Schauen wir uns von jeder Partie eine Stellung an und beginnen mit dem dramatischsten bzw. bizarrsten Moment der ganzen Runde:

Caruana–Mamedyarov | Stellung nach 20…Txg4


In seiner Partie gegen Caruana wählte Mamedyarov dessen schärfste Waffe des Jahres 2018, die Russische Verteidigung. Obwohl Weiß eine optisch aggressive Stellung bekam, stand Schwarz vermutlich gut. Allerdings sah Shak das nicht ganz so: „Ich dachte, dass die Stellung einfach schlecht ist, daher gab ich einen Bauern. Das war aber falsch.“

Damit kommen wir zur Diagrammstellung, in der Weiß einen Bauern mehr hat und aller technischen Probleme zum Trotz reelle Gewinnchancen haben sollte. Caruana meinte hinterher, der Zug 21.h5 sei ihm in den Sinn gekommen, und er habe gesehen, dass 21…Tg2 mit 22.Th2 beantwortet werden kann. Daher entschied er sich für “das klügere” 21.Ta5?, doch als er das Brett verließ, wurde ihm klar, dass 21…Tg2! einfach den Bauern f2 gewinnt. Nach 22.a4 Txf2 23.h5 überlegte Mamedyarov, ob er selbst auf Gewinn spielen oder das Remis anstreben sollte. Dabei ging es nicht nur um Schach:

Caruana hatte noch 40 Minuten für 20 Züge, doch dann dachte ich mir, dass ich morgen zum Zahnarzt muss und ein Remis völlig in Ordnung ist... Mein Arzt hat mir versprochen, dass es mir morgen viel besser geht!

Falls das Turnier gut für ihn läuft, hat Shak zudem versprochen, den Namen seines Zahnarzts zu nennen. Derweil läuft es für Caruana überhaupt nicht gut, der das bisherige Geschehen so zusammenfasste:

Es ist nicht schön, in der ersten Runde [gegen Carlsen] zu verlieren, doch im Grunde habe ich nur einen wirklich schlechten Zug gemacht. Insgesamt habe ich eine gute Partie gespielt, nur ein Zug war absolut lächerlich. Heute war es im Grunde genauso.


Karjakin-Carlsen | Stellung nach 14.Td1


Nach 40 Turnierpartien, darunter einem WM-Match, die sie gegeneinander ausgetragen haben, haben die beiden Spieler gegenseitigen Respekt voreinander. Sergey Karjakin:

Ich verspürte ein wenig Überdruss, da ich so viele Partien von ihm studiert habe und wieder einmal erkannte, wie stark er ist. Vermutlich sind wir uns beide ein wenig überdrüssig.

Magnus:

Ich hätte mir eine etwas interessantere Partie gewünscht, aber okay. Es ist ja nicht so, dass ich ihn mit Schwarz … oder auch mit Weiß … immer schlage. Natürlich habe ich großen Respekt vor ihm. Ich werde sicher nicht versuchen, ihn mit einer dubiosen Variante hereinzulegen.

Langeweile? | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Carlsen gelang es jedoch, seinen Gegner mit 5…Lc5 im Spanier zu überraschen, worauf Karjakin sich für eine Variante entschied, in der Weiß kleinen, aber stabilen Vorteil hat. Die Diagrammstellung hatte er schon einmal 2010 in Poikovsky gegen Alexander Onischuk auf dem Brett, wo er nach 14…Lf5 komfortabel in Vorteil kam. Carlsen war aber gut vorbereitet und gab mit 14…Lg4! zeitweilig einen Bauern. Karjakin ließ 15.Txd6 folgen, doch darauf kam das paradoxe 15…Lf5!:

"Svidler gibt als tieferen Grund, dass Carlsen den Zug 15...Lf5 schnell ausführte, an: Meine Erklärung ist, dass er der erste Vorschlag des Computers ist und Carlsen das weiß." 

Erneut erkannte Karjakin nicht sofort die Pointe, doch dann sah er 16.Sa3 Se4! Magnus bestätigte nach der Partie Svidlers Verdacht, “Natürlich ist es eine Idee des Computers“, und bedankte sich bei seinem Team für den Fund. Allzu groß fielen die Lobgesänge aber nicht aus, da die Eröffnungsidee letztlich nicht mehr als ein Remis einbrachte.

Der zweimalige Sieger des Norway Chess Sergey Karjakin | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Ding Liren-MVL | Stellung nach 30.Txd1


Svidler beschrieb die Eröffnung als “eine Nebenvariante der Grünfeld-Verteidigung, deren Ziel eine untypische Kampfstellung ist, in der man sich ausleben kann“. Maxime Vachier-Lagrave war ein wenig unter Druck, fand dann aber eine schöne Umgruppierung seiner Figuren, die in dem hübschen 30…e4! ihre Krönung fand. Svidler:

Er hätte auch erst 30…Txd1 spielen können, doch der Schöngeist in ihm wollte erst 30…e4 sehen, obwohl das keinen Unterschied macht. Ein hübscher Zug.

MVL meinte später, “Dieses 30…e4 hat mir gefallen”. Mit zwei Remis zum Auftakt startete Maxime gut ins Turnier, nachdem er seinem Abschneiden im Blitzturnier einen Nachteil zu verdanken hatte:

Natürlich war es nicht ideal, fünf Mal Schwarz zu bekommen und in den ersten beiden Runden gleich zweimal Schwarz zu haben. Schuld bin aber nur ich daran.

Maxime Vachier-Lagrave ist mit seinem Spiel bisher zufrieden| Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Ding Liren hingegen ist nun 74 Partien in Folge ohne Niederlage.

Aronian-So | Stellung nach 17…Sd7


In diesem Katalanen wurde um Nuancen gekämpft, wie hinterher auch Aronian meinte: „Alles hängt von der Stellung nach 17…Nd7 ab, ob Weiß etwas hat oder nicht.“ Offenbar lautet die Antwort „Nein“, denn nach 18.Se4 c5 19.Tb1 Dxd1 20.Tfxd1 strebte So mit energischem Spiel das Remis an.

Titelverteidiger Levon Aronian | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Nakamura-Anand | Stellung nach 19.Sd2


Anand räumte ein, dass Nakamuras 6.h3!?, das von einem starken Spieler noch nie gespielt worden war, “ihn sehr verwirrte”. Der Inder richtete sein Spiel an analogen Stellungen im Abgelehnten Damengambit aus, doch Nakamura war nach 19.Sd2 optimistisch: „Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr bekommen hatte, als ich erwarten durfte.“ Er bezeichnete 19…Sa4, mit Angriff auf c3, jedoch als guten Zug, nach dem auch die letzte Partie des Tages nach 39 Zügen und 2 Stunden und 40 Minuten mit Remis endete.

Vishy Anand hat nun Weiß gegen Ding Liren und Wesley So, bevor er in Runde 5 mit Schwarz gegen Magnus Carlsen ranmuss  | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Die besten Momente der Live-Übertragung kommen aber noch. Als Zuschauer erhielt man etwa unbezahlbare Infos, auf wen die Russische Verteidigung zurückgeht... 

"Jan: Alexander Petrov, so sieht ein richtiger Schachgroßmeister aus."

"Peter: Die Versuchung ist groß, diesen altehrwürdigen Zustand zu erreichen." 

…und wie Peters vormalige Versuche, sich einen Bart wachsen zu lassen, aussahen…


…ehe Jan Gustafsson am Ende durch Lippenlesen das Gespräch zwischen Vishy und Hikaru wiedergab. Hier das gesamte Video:

Vor dem Ruhetag folgt am Mittwoch noch Runde 3. Dann tritt Carlsen gegen Aronian an (kann sich Magnus für die letztjährige Niederlage revanchieren?), MVL trifft auf Caruana, So und Nakamura tragen das rein amerikanische Duell aus und Anand-Ding Liren bzw. Mamedyarov-Karjakin (hier würde es sich lohnen, auf ein Remis zu wetten!) runden das Geschehen ab.

Verpasst nicht unsere Live-Übertragung mit Peter Svidler und Jan Gustafsson!


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