Berichte 29.05.2018 | 13:23von Colin McGourty

Norway Chess, R1: Carlsen zeigt Caruana, wer der Chef ist

Weltmeister Magnus Carlsen besiegte seinen nächsten Herausforderer Fabiano Caruana in Runde 1 von Altibox Norway Chess 2018, damit beträgt die Lücke an der Spitze der Live-Eloliste nun 36 Punkte. Magnus bezeichnete den Sieg als “gut für das Selbstvertrauen”, es war seit 2014 erst sein zweiter Sieg am ersten Tag eines Rundenturniers. Da die vier anderen Partien Remis endeten, übernahm er auch die alleinige Führung im Turnier. Hikaru Nakamura war nahe am Sieg, aber Ding Liren entwischte wiederum und ist nun seit 73 Partien ungeschlagen.

Das vielleicht letzte direkte Duell vor dem WM-Match Carlsen-Caruana lief nach Wunsch für den Titelverteidiger | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die Partie des Tages in Runde 1 von Altibox Norway Chess war offensichtlich, und erfüllte die Erwartungen!

Peter Svidler und Jan Gustafsson kommentierten wiederum das gesamte Geschehen, einschliesslich der letzten ein bis zwei Stunden von Carlsen-Caruana nachdem diese Partie bereits entschieden war. Natürlich hatten sie ihren Spass daran!

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Magnus bekommt einen psychologischen Vorteil

Auch wenn Thema des Tages vor Norway Chess 2018 war, ob Shakhriyar Mamedyarov trotz Zahnschmerzen mitspielt, gab es offenbar eine potentiell grössere Story zu Fabiano Caruana, der zur Teilnahme überredet werden musste:

‌Der CEO von Norway Chess bestätigt, dass Caruana sie ansprach und vom Turnier zurücktreten wollte. Aber nach positivem Dialog einigte man sich, dass er spielt.

Vielleicht war Caruana nach seinen vielen Turnieren seit März nun doch müde. Ein Rücktritt wäre analog zu Sergey Karjakins Rücktritt nach Sieg im Kandidatenturnier 2016, und hätte eventuell bedeutet, dass die erste Runde des GRENKE Chess Classic die letzte Partie zwischen Carlsen und Caruana vor dem WM-Match war. Damals schien Magnus klar auf der Siegerstraße, aber landete in einem studienartigen Endspiel. Caruana konnte das Remis halten und gewann später überzeugend das Turnier - Vorteil Fabi. Diesmal konnte er allerdings dem Druck des Weltmeisters nicht standhalten.

Zwei Niederlagen nacheinander gegen andere top10 Spieler sind derzeit für Fabiano ungewöhnlich | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Vielleicht ein Vorzeichen für was im November passieren wird: Magnus vermied die gegnerische Russische Verteidigung mit 1.e4 e5 2.Lc4 - das Läuferspiel. Fabiano wählte mit 7…a5 ein seltenes Abspiel, das sein Gegner allerdings kannte. Carlsens Kommentar später im Gespräch mit Simen Agdestein:

Eigentlich ist das weisse Spiel nicht allzu ehrgeizig. Aber wie Du siehst ist die Stellung zwar recht ausgeglichen, aber die Bauernstruktur nicht komplett symmetrisch, damit Chancen für beide Seiten. 

Es wurde prinzipiell nach Caruanas 12…b5!?


Sowohl Magnus als auch unsere Kommentatoren bezeichneten 12…b6 als den “normalen” Zug, nach dem Partiezug wurde es spannend: 13.a4 b4 14.cxb4 axb4:

‌Svidler über Carlsen-Caruana: "Das ist sehr verpflichtend...beide suchen offensichtlich den Kampf!"

Magnus goss mehr Öl ins Feuer mit dem positionellen Bauernopfer 15.Se3 Lb7 16.d4 e4 17.Se5!


Diese Entscheidung fiel dem Weltmeister nicht leicht, aber nicht wegen der Partiefortsetzung  – nach 17…Sxe5!? 18.dxe5 Txe5 19.Dd4 war Carlsens einzige Frage “stehe ich wirklich besser, oder nur angenehmer?". Er befürchtete das Qualitätsopfer 17…Txe5! – “aus meiner Sicht einfach total unklar”. Offenbar hätte Caruana dann eine aktive Stellung erhalten, die viel eher seinem Stil entspricht. In der Partie riskierte er, langsam erstickt zu werden.

Beide Spieler total konzentriert | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Es war vielleicht ein Zeichen schlechter Form - die Niederlage am Donnerstag gegen Anish Giri hat sicher nicht geholfen – dass Fabiano dann im falschen Moment aktiv werden wollte:


Gute schwarze Kandidatenzüge wie 25…Da6, 25…La8 or 25…Dd8 sind zwar umständlich und unattraktiv, aber Magnus bezeichnete Fabianos 25…Tc7?, was nach 26.Txc7 Dxc7 27.Dxb4 den b-Bauern kostete, als “wahnsinnig”:

Seine Stellung ist unangenehm, aber ich weiss wirklich nicht, ob ich konkrete Fortschritte machen kann. Das Problem war, dass es vielleicht für ihn schwer ist, überhaupt einen Zug zu finden...aber nachdem er so spielte ist es einfach viel schlechter für ihn.

In der Partie funktionierte aus schwarzer Sicht nichts, und seine Probleme verschlimmerten sich durch etwas, an dem Fabiano vor dem Match arbeiten muss - Zeitnot. Es gibt in Norwegen kein Inkrement (Bonussekunden nach einem Zug) vor dem 61. Zug, damit musste Caruana kritische Entscheidungen in Sekunden treffen. Er kämpfte weiterhin:


33…e3! 34.fxe3 Se4! war der beste Versuch, im Trüben zu fischen, aber nachdem Caruana die Zeitkontrolle mit 6 Sekunden auf der Uhr schaffte hatte der Weltmeister schlichtweg zwei freie verbundene Mehrbauern. Die Partie ging danach noch lange weiter, Carlsen fasste zusammen: “Auch wenn ich vermute, dass meine Technik nicht sublim war, konnte eigentlich nichts mehr schief gehen". Magnus folgte dem Rat, in Endspielen nichts zu überstürzen ("Don't rush"), und als Caruana nach 77 Zügen endlich aufgab hatte er drei Bauern weniger:

‌Es ist vorbei! Carlsen besiegt seinen WM-Herausforderer Caruana und übernimmt die Führung bei Altibox Norway Chess...Magnus hat nun 36 Punkte Vorsprung auf Fabiano in der Live-Eloliste!

Magnus wurde darauf angesprochen, dass sein Gegner sehr lange weiterspielte, und meinte "vielleicht wollte er mich an mein Match gegen Karjakin erinnern, in dem ich keine Gewinnstellung verwerten konnte", aber vor allem dachte er, dass es heutzutage eben üblich ist:

Es ist wohl eher die moderne Einstellung - jede Chance nutzen, die vielleicht vorhanden ist. Wenn man 1% Gewinnchancen hat sollte man weiterspielen, auch wenn man dafür bestraft wird.

Unsere Kommentatoren spekulierten, dass Magnus ohnehin seinen Spass hatte, aber anscheinend stand dafür zu viel auf dem Spiel. Magnus selbst meinte:

Es machte keinen Spass, ich war nervös. Ich wollte das nicht verderben!

Mehr zu dieser Partie im Video von Niclas Huschenbeth (auf Englisch):

Das Ergebnis und wie es zustande kam erinnerte an den Status quo in der Schachwelt, die Probleme des Weltmeisters 2016 und 2017 sind offenbar Vergangenheit. Er hat auf der Live-Eloliste nun 36 Punkte Vorsprung auf Nummer 2 Caruana  – 2847.7 zu 2811.7. Hinterher redete er im Gespräch mit Simen Agdestein Klartext:

[Caruana] ist offenbar bis zu einem gewissen Grad in WM-Zyklen ein anderer Spieler als sonst - ich weiss daher, dass ich nicht davon ausgehen kann, jede Partie so zu gewinnen. Aber natürlich bringt ein Sieg gegen einen so starken Spieler Selbstvertrauen. Er ist Schachprofi, er verliert nicht gerne. Aber ich denke, er fühlt auch, dass er besser spielen kann, und er wird diese Partie abhaken.

Auf Twitter war Magnus lakonischer:

‌Aber kann er es auch in einer kalten Novembernacht in London?

Das ist eine Anspielung auf ein englisches Fussballcliche - vor vielen Jahren (2010) redete ein Fan über Lionel Messis Brillianz und fragte dann "aber kann er das auch in einer kalten Winternacht in Stoke?". Stoke City ist gerade aus der ersten Liga abgestiegen, aber jahrelang hatten sie bei Heimspielen den Ruf eines unangenehmen Gegners für Starteams. London ist natürlich der geplante Austragungsort des WM-Matches. Und Magnus ist Messi.

Carlsen blieb allerdings auf dem Teppich und kommentierte “Ich denke, es ist ein härterer Schlag für [Caruana] in diesem Turnier als für das WM-Match". In einer Hinsicht ist es auch für Magnus schockierend!

‌Carlsen gewann seit 2014 zuvor nur einmal in der ersten Runde eines geschlossenen Turniers: Norway Chess 2016 gegen Harikrishna.

Carlsens Kommentar:

Es ist eine ungewöhnliche Situation für mich. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr in der ersten Runde gewonnen - ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll!


Vier umkämpfte Remisen

Die anderen Partien mussten zweite Geige spielen, aber alle hatten zumindest interessante Momente.  Shakhriyar Mamedyarov beschrieb seine Eröffnungen gegen Maxime Vachier-Lagrave als “einfach Schach spielen, am Brett”. Es funktionierte fast perfekt:

‌Svidler: "Eine ungewöhnliche Stellung nach 10 Zügen in einem Grünfeld..."

Maxime opferte dann einen Bauern für Kompensation, aber am Ende konnte Weiß auch weiterspielen:


Der Computer schlägt 22.Db4 oder 22.g3 und bevorzugt Weiß, auch wenn der b-Bauer fällt. Stattdessen Remis durch Stellungswiederholung mit 22.Lh6 Df6 23.Lg5 Dg7. "Wiederholen wenn es geht" spielte vielleicht eine Rolle, da in Stavanger strikte Sofia-Regeln Remisangebote verbieten. Wesley So sagte später “Es ist sehr unangenehm, dass man kein Remis anbieten kann”. Die Gründe, warum Mamedyarov vielleicht keine lange Partie wollte, sind wohlbekannt. Auf die Frage, ob er gut geschlafen habe:

Nein. Mein Zahnarzt sagte, die nächsten Tage wird es besser.

Wesley Sos Methode, gegen Sergey Karjakin endlich Remis zu erreichen, war bis zu den nackten Königen zu spielen. Dabei war der interessanteste Moment dieser Partie vielleicht früh in der Eröffnung. Wesleys Bauernwalze am Damenflügel war eine Idee seines Sekundanten Georg Meier:


Hier spielte er 11.cxd5, erwähnte später den vorbereiteten Trick 11…e4? 12.dxc6! exf3 13.Lxf3 Dc7 14.cxb7! aber ergänzte “das geht wohl nur im Blitz!”. Nach stattdessen 11…cxd5 12.dxe5 Sxe5 hatte Schwarz keine Probleme, auch wenn Sergey den Eindruck hatte, dass er das Endspiel etwas misshandelte. Er landete auch in Zeitnot und machte seinen 40. Zug mit nur 13 Restsekunden.

Wird Levon ebenso glänzen wie letztes Jahr? Damals besiegte er Magnus und gewann Norway Chess.

Anand-Aronian hatte einen ähnlichen Trick auf dem Brett, 8…a6!?


Levon kommentierte “Es ist nett für Amateure, dass man hier die Zeit für -a6 hat!". So spielte zuvor nur Levons Landsmann Hrant Melkumyan, in der damaligen Partie konnte er den Plan 9.Lc4 Sa5 umsetzen. Vishy spielte stattdessen 9.Lxc6, und nach genauem Spiel verflachte es schnell zum Remis. Der Ex-Weltmeister erklärte, warum er in der Eröffnung überrascht wurde:

Ich sagte Levon gerade, dass ich diese Idee zwar kannte, aber nicht viel Zeit dafür verwenden konnte. Es gibt kein Sub-System im Anti-Berliner, das Levon nicht spielt. Also hatte ich zu wenig Zeit für Details.

Das letzte Remis war die andere hart umkämpfte Partie des Tages. Mit Schwarz wiederholte Ding Liren etwas, das sein Gegner Hikaru Nakamura tags zuvor gespielt hatte, aber 9…Da5 war eine Neuerung, die er zusammen mit seinem Sekundanten Wei Yi für das Kandidatenturnier ausgekocht hatte. Zunächst stand Schwarz gut, aber Ding Liren gab zu, dass er 18.Lg4! nicht auf der Rechnung hatte:


Er antwortete 18…Lxg4 19.Dxg4 h5!?, was Hikaru als "etwas verrückt” bezeichnete. Bald beschloss Nakamura, wohl zu Recht, nicht am Damenflügel sondern auf direkten Königsangriff zu spielen. Aber die chinesische Nummer 1 war auch deshalb in zuvor 72 Partien ungeschlagen, da er sehr gut und kreativ verteidigen kann. Mit  30…Sg6? wollte Ding gar die Initiative übernehmen: 


Es folgte 31.Sh6+ gxh6 32.Df7+ Kh8 33.Dxf6+ mit Dauerschach und Remis, aber der Computer sagt, dass Weiß nach 31.Tce1! gewinnt. Zunächst war nicht klar, warum…

‌Peter: "Nakamura befürchtete nach 31.Tce1! wohl 31...Dg4 nebst Sf4, aber der Computer lacht wohl nur"

Jan: "Wie lacht er?"

Peter: "Haha, haha, haha, denke ich mal"

…aber offenbar kommt danach Sd6 und eventuell Sc8, und der e-Bauer ist stärker als das schwarze Spiel an sowohl Damen- als auch Königsflügel. Es war jedoch keinesfalls trivial, auch in der anschliessenden Analyse tappten die Spieler etwas im Dunkeln.

Stand nach Runde 1 ist natürlich Magnus vorne, Caruana hinten und ein halber Punkt für acht andere. In Runde 2 hat Carlsen Schwarz gegen seinen letzten Herausforderer Karjakin. Caruana kann versuchen, Mamedyarov außer Zahnschmerzen noch andere Sorgen zu bereiten. Bei diesem starken Feld sollte man auch die anderen Partien erwähnen: Ding Liren-MVL, Aronian-So und Nakamura-Anand.

Verpasse nicht unseren Livekommentar mit Peter Svidler und Jan Gustafsson!


Siehe auch:


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