Berichte 31.05.2018 | 09:29von Colin McGourty

Norway Chess, R3: Magnus besiegt Levon und knackt 2850

Magnus Carlsen besiegte Levon Aronian in einer Partie, die Peter Svidler als “zutiefst beeindruckend” bezeichnete, damit hat er nun nach nur drei Runden bei Altibox Norway Chess 2018 einen vollen Punkt Vorsprung auf das Feld. Mit diesem Ergebnis übertraf Magnus auch 2850 auf der Live-Eloliste, während die neun anderen Spieler bisher noch keine Partie gewonnen haben. Es lag nicht daran, dass sie es nicht versuchten: alle vier anderen Partien waren interessant, mit reichlich Feuerwerk bei Mamedyarov-Karjakin.

Carlsen-Aronian war oft hart umkämpft, diesmal war es einseitig | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Wie in Runde 1 gab es in Runde 3 nur eine Entscheidung bei Altibox Norway Chess, und ein Spieler stand erneut im Mittelpunkt:

Schau Dir den Livekommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson nochmals an (Tip: bis zum Ende für eine Schlusspointe!):

Es geht wieder aufwärts für Magnus

Magnus wie in alten Zeiten | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Es begann bereits gut für Magnus Carlsen. In Runde 1 hatte er seinen nächsten Herausforderer besiegt, tags darauf konnte er nach einer Neuerung in der Eröffnung mit Schwarz gegen seinen letzten Herausforderer mühelos Remis halten. In Runde 3 traf er auf den Titelverteidiger, der ihn vor einem Jahr in Norwegen besiegt hatte. Diesmal hatte Magnus vielleicht schon vor Turnierbeginn einen psychologischen Vorteil:

‌Norway Chess beginnt heute, ich bin so aufgeregt! Das Feld ist dieses Jahr wieder extrem stark, mit 8 top10 Spielern, einem Ex-Weltmeister und Lev Aronian

Ja, nach seinem Einbruch im Kandidatenturnier ist Levon Aronian derzeit nicht mehr top10. Das letzte Mal, als Magnus derlei Witze machte, funktionierte es dann nicht so gut. Vor dem Sinquefield Cup 2015 hatten sie ein gemeinsames Trainingslager (natürlich müssen wir das einzige bekannte Video davon wiederum zeigen)...

...und auf die Frage, ob es eine gute Idee sei, mit einem direkten Rivalen zu trainieren, bezeichnete Magnus dies als OK, da Levon nicht mehr top10 sei! Das war eine Momentaufnahme, da Levon dann das Turnier vor Magnus gewann.

Dieses Mal musste Magnus seine Sprüche aber nicht bereuen, die Partie konnte für ihn kaum besser verlaufen. Zunächst schien 5.Re1 gegen die Berliner Mauer nicht allzu vielversprechend, aber der Weltmeister war vorbereitet und spielte so wie vor kurzem Fabiano Caruana gegen Aronian beim GRENKE Chess Classic. Diese Partie endete nach 32 Zügen Remis, aber Magnus wich mit 12.Txe8+ statt 12.Ld3 ab, nach 12…Dxe8 kam die Pointe 13.Dd3. Levon verwendete bereits 11 Minuten für 13…d6, und traf dann nach 14.Sd2 eine fatale Entscheidung:


Auf den ersten Blick schien 14…Lg5?! logisch - es nutzte die Tatsache, dass der weisse Springer den Lc1 vorübergehend blockierte. Unsere Kommentatoren erklärten, dass Schwarz in derlei Strukturen nach dem Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer oft keine Probleme hat, aber dies war offenbar eine Ausnahme zur Regel:

‌Carlsen im Beichtstuhl nach Aronians 14...Lg5: "Heute kein Unsinn, einfach Schach. Te1 Berlin wird oft als total langweilig bezeichnet, aber daraus kann auch eine echte Partie entstehen. Sein letzter Zug Lg5 überraschte mich. Ich kann wie in der Partie spielen und stehe bequem besser.

... aber es gibt auch die Alternative b3, den Läufer nach b2 entwickeln und den Abtausch vermeiden. Am Ende stellte ich fast, dass dies nicht klar besser ist als was ich tat. Nach Sf3 habe ich komfortablen Vorteil. Ich bin mir nicht sicher, was sein Plan ist.

Wie in Runde 1 hatte Magnus keinen sofortigen KO-Schlag, aber den brauchte er nicht:

Ich weiß nicht, ob es einen entscheidenden Moment gab, ich dachte dass ich immer am Steuer saß. Ich fühlte, dass ich schon früh eine sehr schöne Stellung hatte - nicht viel besser, aber eindeutig angenehmer, und in Stellungen mit leichtem (Raum-)Vorteil ist es für mich einfacher als für ihn, gute Züge zu finden. Er versucht wohl, sich zu befreien, und das kann leicht schief gehen. 

Auf Nachfrage bezeichnete Magnus 23.g4! als wichtig. Levon hatte diesen Zug mit 22…Sg7 provoziert, aber wenn es eine Schwächung war konnte er nie davon profitieren:


Carlsens Kommentar:

Ich denke, er hat 23.g4 unterschätzt. Er dachte wohl, dass ich zu viel von der Stellung verlange, aber für mich wirkt es sehr normal. Ich spiele alle diese Züge, a4, g4, alles nur um seine Figuren einzuschränken. 

Nun spielte Levon endlich 23…c6!?, dieser Zug war wohl im 14. Zug (statt des Plans mit Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer) besser. Hier schwächte es nur d6, und seine Stellung brach zusammen nachdem Aronian auch noch in schwerer Zeitnot landete. Da es erst nach 61 Zügen ein Inkrement gibt, hätte er vielleicht schon rein mechanisch nicht alle Züge ausführen können. Soweit kam es allerdings nicht, da 27…Sf6? der letzte Sargnagel war (27…Df6 wäre besser, aber nach 28.Dd2 gewinnt Weiß wohl den Bauern auf a5, selbst wenn Schwarz die Mattdrohungen parieren kann):


28.Tf3! h6 29.Se4! sieht der Weltmeister mit noch 40 Minuten auf der Uhr, und nach 29…Sxe4 30.Dxf7+ Kh8 31.Dxg6 musste Schwarz aufgeben.

Mit noch 6 Sekunden wirft Levon das Handtuch | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Die Partie bereitete Levon vielleicht schmerzhafte Erinnerungen an das Berliner Kandidatenturnier…

…aber in der Vergangenheit sagte er oft, dass eine Niederlage früh im Turnier den Funken bedeuten kann, ab hier gut zu spielen. Derweil hat Magnus Carlsen, der oft langsam in Turniere startet, nun 2.5/3, aber probierte auf dem Teppich zu bleiben:

Es konnte nicht besser beginnen, aber nach drei Runden kann ich die Ernte noch nicht einfahren.

Er sprach darüber, dass er "hungrig" bleiben muss, auf die Frage ob er Druck fühlt allerdings "nun da alles läuft ist es ein reines Vergnügen!"

Nach diesem Sieg ist Magnus wieder im Live-Club "2850", einer der exklusivsten Clubs in der Schachgeschichte, die anderen bisherigen Mitglieder waren nur Caruana und Kasparov:

Carlsens Rivalen verpassten letztes Jahr die Chance, ihn zu überholen | Quelle: 2700chess

Er hat nun auch 39.8 Punkte Vorsprung auf Nummer 2, vielleicht ist es Zeit für "in einem Jahr kann viel passieren" - das ist die Live-Momentaufnahme nach Carlsens Norway Chess Niederlage gegen Vladimir Kramnik am 14. Juni 2017:


Wie Du siehst, fehlte eventuell nur eine Runde für, erstmals in 7 Jahren, eine neue Nummer 1 - und neben Kramnik waren auch So oder Aronian Kandidaten. Das geschah allerdings nie, und ein Jahr später dominiert Magnus wieder.

Die Live-Eloliste wurde zunächst von Hans Arild Runde beibehalten - ein Zweck war vielleicht, Fortschritte des jungen Carlsen zu dokumentieren. Nachdem Magnus am Ziel war, verlor Hans offenbar das Interesse und übergab an andere. Der derzeitige Magnus-Statistiker ist ein anderer Norweger, Tarjei J. Svensen, und natürlich hat er zu tun (dies ist nur eine Auswahl):

Insgesamt: Magnus ist gut!

Nach bekannten Mustern

An anderen Brettern lief es wie in den Runden zuvor - Remisen, die zwar interessant aber selten oder nie atemberaubend waren. Die Ausnahme ist vielleicht Mamedyarov-Karjakin, die Partie in der wir am meisten mit einem Remis rechneten. Die Gründe dafür waren, dass die Spieler befreundet sind, dass wenig auf dem Spiel stand, und dass Mamedyarov sich immer noch von seinen Zahnschmerzen erholen musste.

Mamedyarov hat seine Zahnschmerzen endlich überstanden | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

In gewisser Weise traf die Vorhersage ein, da diese Partie als erste beendet war. Aber wir hatten nicht auf der Rechnung, dass Shak sich soweit erholt hatte, dass er Eiscreme essen kann - wie er glücklich bei der anschliessenden Pressekonferenz sagte. Er war auch bereit für ein super-scharfes Abspiel im Italiener, in dem Sergey Karjakin scheinbar die weisse Dame ins Verderben lockte:

Nach 20.Dxf6 kommt 20…Le7, auch wenn Weiß mit 21.Dxe5 Lxh4 22.Dxe8 Txe8 23.Txe8 offenbar genug Kompensation erhält. Nach 11 Minuten wählte Shak das spektakulärere 20.Sxg6 fxg6 21.Dxf6 Tf8 22.Dh4 g5:


Wieder greift der g-Bauer die Dame an, und nach 23.Dh5? oder 23.Dg4? erwarten Weiß üble Dinge. Mamedyarov war allerdings mit 23.Lxg5! auf der Höhe des Geschehens und erzwang nach 23…Txf2 24.Dxh6+ Kg8 Remis durch Dauerschach.

Diese Partie fesselte einige der anderen Spieler. MVL bezeichnete sie beim Besuch im Beichtstuhl als “brilliant”, Vishy meinte “recht ärgerlich, dass mein Gegner einen Zug machte" wodurch er sich wieder seiner eigenen Partie widmen musste. Andererseits gab Sergey zu, dass alles häusliche Vorbereitung war. Shak wirkte zwar etwas überrascht, aber auch er hätte wohl nicht bis zur kritischen Stellung zügig gespielt wenn er nicht gewusst hätte, dass es wohl gut ausgehen würde.

MVL lächelt vor der Partie diabolisch!? | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Hauptthema von Maxime Vachier-Lagraves Besuch im Beichtstuhl während der Partie gegen Fabiano Caruana war, dass er endlich seiner Vorbereitung folgen konnte - eine neue Idee in einer alten russischen Variante - und mit seiner Stellung sehr zufrieden war:


Es ist für Fabiano bereits gefährlich, nun mit meinem Bauern auf a5 ist es schon schwer, eine Verteidigungs-Aufstellung zu finden. Ich bringe meinen Turm nun irgendwie auf die b-Linie.

Maxime erwartete jedenfalls zumindest eine lange Partie, aber schnell hatte er nichts mehr: 26…Td8 27.Le3 (27.a6! war Fabianos Vorschlag) 27…a6 28.Ta4 Sg8!. Maxime lamentierte:

Ich muss zugeben, dass ich diesen sehr hübschen Zug Sg8 nicht gesehen hatte. Plötzlich kann ich nicht verhindern, dass dieser Springer f5 erreicht. Ich muss ihn dann abtauschen, und es wird doch keine lange Partie.

Vishy Anand sagte, dass er mit ‌16.Te1 statt 16.De2 Karjakins Spiel gegen Ding Liren in der letzten Runde des Berliner Kandidatenturniers "verbesserte", aber dann ging etwas schief: 

Ich kann nicht sagen, was ich genau falsch machte - ich weiß, dass ich zu Hause etwas mehr erreicht hatte!

Es war vielleicht die Stellung nach 19…Dc6:


20.b3! war Dings Vorschlag, während nach 20.axb5?! axb5 21.Se4 Schwarz scheinbar Oberwasser bekam, bis Weiß wie in Berlin eine Remisfestung fand.

Weder Anand noch Karjakin konnten die neueste chinesische Mauer erstürmen - Ding ist nun in 75 Partien ungeschlagen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Die zuletzt beendete Partie war So-Nakamura. Wesley gewann einen Bauern, aber riskierte mit seinem König auf e2 einiges:


Nakamuras 14…e5! war ein mutiger Versuch, davon zu profitieren, aber am Ende war das Endspiel besser für Weiß. Remis nach 47 Zügen, aber beide Spieler waren von potentiellen Bauernrennen, die am Brett nicht erschienen, so fasziniert, dass sie erst minutenlang am Brett analysierten und dann fast mit sanfter Gewalt aus dem Fernsehstudio vertrieben werden mussten - damit der offizielle Livekommentar den Tag zusammenfassen konnte.

Der Stand vor dem Ruhetag ist demnach einfach - Magnus hat mit 2.5/3 einen Punkt Vorsprung auf sieben Spieler, noch dahinter zwei seiner grossen Rivalen: Caruana und Aronian, 1/3 nach Niederlagen gegen Carlsen:


Auf die Frage, wie schwer es sei um Carlsen zu bremsen meinte Hikaru "Jemand sollte gegen ihn gewinnen!". Dieser Jemand könnte er selbst sein, da er Weiß gegen Magnus hat, wenn es Freitag weiter geht.

Vorher allerdings Banter Blitz mit Peter Svidler am Donnerstag um 12:00 MESZ. Verpasse nicht die Chance, gegen eine Schachlegende zu spielen!

Siehe auch:


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