Berichte 06.06.2019 | 08:15von Colin McGourty

Norway Chess 2019, R1: Zeit fürs Armageddon!

Magnus Carlsen, Shakhriyar Mamedyarov, Ding Liren, Yu Yangyi und Levon Aronian gewannen allesamt ihre Armageddon-Partien und führen nun gemeinsam das diesjährige Altibox Norway Chess mit 1,5/2 nach Runde 1 an. Lediglich in Carlsen-Anand kam ein Spieler in die Nähe des Siegs in der klassischen Partie, während die anderen sich anscheinend damit begnügten, sich auf die Armageddon-Partie zu konzentrieren. Vier dieser Begegnungen waren relativ normal, wenn auch blutig, aber in Aronian-Grischuk endete die Partie im schieren Chaos, den nur dieses Format bereithalten kann. Zumindest hat Grischuk nun eine weitere Geschichte, die er erzählen kann!

Grischuks 57...Td8 lief nicht ganz so wie geplant! 

Alle Partien des Turniers kannst du nachspielen, wenn du auf eine Partie in der untenstehenden Box klickst. Die Buchstaben R und A stehen dabei für die entsprechenden Runden im klassischen Schach (R) bzw. Armageddon (A). Der Score im Armageddon ist so wie angegeben, während man bei einem regulären Sieg in der klassischen Partie 2 Punkte bekommt (da dann auch die Armageddon-Partie entfällt).

Und hier findest du Jans und Peters Live-Kommentierung aus Stavanger:

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Carlsen schlägt Anand, nur nicht im klassischen Schach

Grischuk beobachtet die Action in der Partie Carlsen-Anand | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Wie wir bereits angemerkt hatten, sah es am ersten Tag in Stavanger so aus, als ob Magnus Carlsen der einzige Spieler gewesen wäre, der es wirklich im klassischen Schach wissen wollte. Er hatte in diesem Jahr bereits Jan-Krzysztof Duda (Wijk aan Zee) als auch Levon Aronian (Baden-Baden) in denkwürdigen Partien in der Wiener Variante des Damengambits geschlagen, für die sich auch Anand entschieden hatte. Und zum wiederholten Male stellte er unangenehme Fragen. Sein 13. Zug war eine Neuerung, aber bereits von Jan in seiner Video-Serie als "einziger kritischer Zug" bezeichnet. Nach 15...Ld7 meint Jan, dass er "es sehr schwer glauben kann, dass Schwarz hier jemals schlechter stehen kann", wobei er auch Vishys 15...Sc6 erwähnte. "Den Mann einfach zurückzugeben, geht natürlich auch."


Es scheint so, dass Magnus, der Jan als Eröffnungsspezialisten für WM-Kämpfe in der Vergangenheit verpflichtet hat, anderer Meinung war. Im "Beichtstuhl", in dem Spieler während der Partie den Zuschauern ihre Gedanken mitteilen können, sagte er (nach Tarjei Svensen):   

In meiner Partie passiert nicht viel. Die Variante, die ich spiele, ist nicht dafür bekannt, sehr gefährlich für Schwarz zu sein, aber hier und da muss man doch sorgsam spielen. Wir werden sehen, was passiert.

Vishy legte wohl nicht die notwendige Sorgfalt an den Tag, denn ab einem gewissen Punkt begann seine Stellung, sehr gefährlich auszusehen. Am Ende des Tages entwischte er dem Weltmeister aber in ein remisiges Turmendspiel.

Damit entkam Vishy zum zweiten Mal in Folge in einer Partie gegen Magnus nur knapp der Niederlage. Aber in Norwegen bedeutet das nicht etwa das Ende des Leidens! In der Armageddon-Partie hatte der ehemalige Weltmeister im zwölften Zug einen großen Fehler begangen und wurde im Anschluss ziemlich zusammengeschoben, auch wenn er zwischendurch noch Chancen auf Gegenwehr hatte. Verpasse auf keinen Fall Peters Analyse beider Partien - inklusive Magnus, der kurz vor Schluss ein Matt in zwei Zügen übersah!

Armageddon

Mit einigen Unklarheiten ging es in die erste Runde in Stavanger, insbesondere in Bezug auf die ungewöhnliche Zeitkontrolle von 10 Minuten für Weiß und 7 Minuten für Schwarz in den Armageddon-Partien. Wie würde sich das auswirken? Ist der Vorteil von 3 Minuten wichtiger oder sind die großzügigen 7 Minuten, die Schwarz zur Verfügung stehen (statt dem normalen 5 vs. 4 Minuten Armageddon), ein wichtigerer Faktor?  Für ein finales Urteil ist es immer noch zu früh, doch an diesem Tag hatten die Weißspieler das Momentum auf ihrer Seite in den Blitzpartien!


Die erste Armageddon-Partie des Tages, Ding Liren-So, war eine wunderschöne Partie, welche die Herzen der Fans höher schlagen ließ. Die chinesische Nr. 1 gestand im Nachhinein Judith Polgar und Anna Rudolf, dass er bereits vor der Partie alles aufs Armageddon setzte:

Heute war mein Plan, in der klassischen Partie solide zu spielen und für das Armageddon etwas aggressives vorzubereiten. Wie es aussieht, hat das sehr gut funktioniert.

Ding wusste immer noch, was er tat, als er 15.Tb3 zog, “eine Idee, die ich vor langer Zeit analysierte - Ich glaube, das ist ein sehr starker Zug mit einigen Angriffsmöglichkeiten."


Weiß droht, den Turm auf die h-Linie zu schwenken und der chinesische Spieler kannte die Idee, im Anschluss seine Läufer auf b1 und b2 aufzustellen, wie es auch in der Partie kam.

Ding Liren hofft, weiter in Norwegen zu glänzen, nachdem ihn ein Hüftbruch beim letzten Mal zwang, nach drei Runden aus dem Turnier auszusteigen | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Wesley reagierte nicht so, wie Ding es erwartet hatte, aber nach 24…Sc6? hatte der Chinese die Chance, einen brillanten und durchschlagenden Zug zu spielen:


25.Sf5!! war ein taktischer Schlag, über den sich die Nr. 3 der Welt nicht 100%ig sicher war, aber er meinte, dass "selbst, wenn es nicht funktioniert, sollte ich gute Kompensation bekommen."

Olimpiu G. Urcan: Ding Lirens energisches Spiel (19.d5 und 25.Sf5!!) ist das Highlight der ersten Runde des Norway Chess Turnieres.

Er plante, 25…gxf5 mit 26.Td7 zu beantworten, was in der Tat gewinnt, auch wenn 26.Dh5! die Partie noch schneller entscheiden würde. Wesleys 25…Txd2 war die beste Verteidigung, aber schlussendlich gab es keine Möglichkeit, den überwältigenden weißen Angriff am Königsflügel zu stoppen:

chess24: Was für ein durchschlagender Angriffssieg von Ding Liren, der die Armageddon-Partie gewinnt und damit nun bei 1,5/2 steht.

Es sollte ein perfekter Tag für China werden, denn Yu Yangyi, der eines seiner allerersten Superturniere spielt, schaffte es, Maxime Vachier-Lagrave mit den schwarzen Steinen zu besiegen. 

Maximes Sieg im Eröffnungsblitz zählte wenig in der Erstrunden-Armageddon-Partie gegen Yu Yangyi | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess

Für die meiste Zeit der klassischen Partie und auch in den ersten 20 Zügen der Armageddon-Partie war Maxime am Drücker, aber er verlor den Faden, als er das Turmmanöver Te1-e4-f4 spielte:


Das sah zwar aggressiv aus, aber nach 25...Da1! ist es der schwarze, der das Ruder übernimmt. Der weiße Angriff verlief schnell im Sande und Schwarz verblieb mit der besseren Bauernstruktur. Es half dann auch nicht wirklich, dass der hilflose Turm schlussendlich am Königsflügel gefangen wurde.

Shakhriyar Mamedyarov erwähnte, dass im letzten Jahr die norwegischen Zahnarztrechnungen genauso schmerzhaft waren wie seine Zahnschmerzen. Dieses Jahr scheint er aber gut in Form zu sein! | Foto: Lennart Ootes, Altibox Norway Chess 



Die Zeit war in dieser Partie kein wirklicher Faktor und auch, wenn die schwankenden Bewertungen des Computers etwas anderes nahelegen, hatten die Spieler in Mamedyarov-Caruana ihre Zeit gut im Griff. Bevor das 3-sekündige Inkrement mit Zug 61 begann, hatten beide Spieler noch mehr als 20 Sekunden auf der Uhr. Die Partie endete dann nach 71 Zügen. Auf dem Brett hatte Shakhriyar das Geschehen im Prinzip von Beginn an mit seinem für ihn typischen aggressivem Spiel, für das er zuvor bekannt war, bevor er zu diesem supersoliden 2800er in den letzten Jahren wurde, dominiert. Wenn man einen entscheidenden Moment herauspicken möchte, wäre das vermutlich die Stellung nach 44.Tb6:


Schwarz könnte den Läufer mit dem subtilen 44...e5! verteidigen oder den Läufer auf h1, g2 oder f3 parken, denn der Qualitätsgewinn mit 45.Sd7+ ist nicht das Ende der Welt. Stattdessen gab er eine Figur auf nach 44…Lxa4? und hatte nach 45.Sxa4 Kg7 46.c5! keine Chance mehr auf Rettung. Die Vermutung liegt nahe, dass das Armageddon-Element in diesem Turnier es für Fabiano sehr schwer machen wird, seinen Titel zu verteidigen. Denn er ist nunmal eher ein Rechner und kein intuitiver Spieler. 

Damit bleibt noch die Partie Aronian-Grischuk. Deren Armageddon Partie war eine perfekte Illustration dafür, warum viele von uns einerseits diese Armageddon-Partie lieben und andererseits hoffen, dass sie niemals wichtige Turniere wie die Weltmeisterschaft entscheiden! Die klassische Partie vor dem Armageddon war im Zweifel nur aus Gründen der Symmetrie interessant...

Tarjei J. Svensen: Carlsen im Beichtstuhl: "Erste Enttäuschung des Tages: Grischuk spielte ...e5 und nicht ...Sd4, was die Symmetrie aufrecht erhalten würde, gefolgt von e3 und ...e6 und so weiter. Ich dachte, das sah spannend aus!"

…und das Rätsel um Grischuks Stuhl!

chess24: Peter Svidler: Ich bin nicht ansatzweise so gut wie Jan wenn es darum geht, zwischen den Kameras zu wechseln. Deshalb bleiben wir bei Sasha (Alexander Grischuk), der auf seinem seltsamen Kinderstuhl sitzt, während wir uns die Stellungen anschauen..."

Das Aufeinandertreffen nahm alsbald Fahrt auf... Die Eröffnung der Armageddon-Partie versprach viel Spaß, denn Levon war absolut freizügig, was seine teuflischen Absichten am Königsflügel anging: 15.Tg1!?

chess24: Svidler: Ich mag Levons Herangehensweise - das ist absoluter Unsinn!

Der Zug war objektiv gesehen nicht der allerbeste, aber Levon fand eine schöne Möglichkeit, sich zu konsolidieren, bis er wieder besser stand. Allerdings war er dafür auf der Uhr ins Hintertreffen geraten. Nach 38.Lc1 hatte Aronian noch 17 Sekunden gegenüber den 47 von Grischuk:


Hier überlegte Grischuk 18 Sekunden lang an 38...Tb1?!, was im Nachhinein selbstmörderisch erscheint. Levon entgegnete sofort mit 39.Kf3 ohne auch nur zu realisieren, dass er gerade mit 39.Txc3! den gefährlichen und wichtigen Bauern hätte schlagen können:

Willum Morsch: Aronian über das Armageddon gegen Grischuk: Und dann spielte er plötzlich Tb1, was mich völlig verwirrte!

Grischuk überlegte 7 Sekunden an seinem nächsten Zug und verspielte nahezu seinen kompletten Vorteil auf der Uhr. Und das, was folgte, erinnert nur noch im Entferntesten an Schach. Als nur noch die Nerven und der Überlebensinstinkt das Kommando übernahmen, gab es ein heilloses Durcheinander, weshalb auch das DGT-Brett mit Zug 50 die Arbeit einstellte und keine Züge mehr erfasste. In den folgenden Zügen beging Aronian zwar einen eigentlich partieentscheidenden Fehler, aber das machte keinen wirklichen Unterschied. Denn als Levon 57.Kc6 spielte, schob er entweder seinen König in Grischuks Turm auf d7 oder Grischuk versuchte gleichzeitig, seinen Turm zu bewegen. So oder so, die Kollision ließ die Figuren fliegen! Unser französischer Kollege Laurent Fressinet brachte den VAR (Video-Schiedsrichter) ins Spiel, aber es ist gar nicht klar, ob das in dem Fall noch hätte helfen können!

chess24: Wir haben die fehlenden Züge in Aronian-Grischuk ergänzt - es scheint so, dass Aronian mit 57.Kc6 (bei 3 Sekunden Inkrement und einer Gewinnstellung für Schwarz) unabsichtlich Grischuks Turm zum Fliegen brachte und mit 1 Sekunde Restbedenkzeit gab es keine Hoffnung mehr für Grischuk, den Schaden zu reparieren!

Levon schaffte es, den König zurück nach c6 zu stellen, aber mit einer Sekunde auf der Uhr hatte Grischuk keine Hoffnung mehr, seinen Turm und seinen König wieder aufs Brett zu stellen und die 4 Züge zu spielen, die es benötigte, um den 61. Zug und damit das Inkrement zu erreichen. Es blieb wenig übrig, als den Verlust mit Würde zu tragen:

Olimpiu G. Urcan: Wie er während der Pressekonferenz erzählte, spielte Alexander Grischuk bisher 9 verrückte Armageddon-Partien in seiner Karriere als Weltklassespieler. Gestern spielte er die zehnte und sein Gesicht sagt alles.

Für eine  großartigen Kommentar im Fußball-Stil solltest du dir unbedingt das Video von GM Pepe Cuenca (zusammen mit IM David Martinez und GM David Anton) ansehen - ein paar Spanischkenntnisse verbessern das Erlebnis, aber wirklich notwendig sind sie nicht!

Im offiziellen Kommentar kannst du dir auch anschauen, was Levon zu Judit und Anna sagt - das Video nach diesem Absatz sollte mit dem Ende des MVL-Interviews beginnen. Dort hörst du von Levons Freunden und Kollegen eine unbeschreibliche Schilderung!

Nach einem ruhigen Start driftete der Tag also ins totale Chaos ab. Wir können nun durchaus berechtigt annehmen, dass das ein reguläres Szenario in diesem Event werden könnte. Es war eine Menge Spaß dabei, auch wenn das nicht jedem geschmeckt haben dürfte. Es war dennoch ein Spektakel. Ian Nepomniachtchi hatte hierzu ebenfalls eine Meinung:

Ian Nepomniachtchi: Der Kampf gegen die Remisen beim Norway Chess Turnier zeigt wirklich großartige Resultate. Erwarte die zweite Runde mit Spannung: 5 weitere Remis ist das, was diese sinnlose Armageddon-Regel verdient. Let's get ready to rumble!

Die Teilnehmer des Events wissen natürlich, dass das Armageddon unausweichlich ist und sie hatten Zeit, sich darauf psychologisch einzustellen. Aber natürlich hatten die Spieler in der Vergangenheit genug Möglichkeiten zu lernen, wie man seine Emotionen im Griff behält. In 2010 verpasste Levon die Qualifikation für das Grand Slam Final in Bilbao, nachdem er in Shanghai im Armageddon Vladimir Kramnik unterlag. Das war eine der wenigen Situationen, in denen man Aronian verärgert sehen konnte:

Natürlich gibt es auch noch die berühmteste Armageddon-Partie der…

Es ist unwahrscheinlich, dass wir jemals offizielle Schach-Events sehen werden, in denen Armageddon mehr ist als der letzte Ausweg, um bei einem Remis eine Entscheidung zu erzwingen, wenn alles andere nicht funktioniert hat. Aber für dieses einmalige Event gibt es keinen Grund, warum wir uns nicht einfach zurücklehnen sollten, um das Spektakel zu genießen!

In Runde 2 spielt Aronian gegen Carlsen, was natürlich das Match des Tages ist. Und vor dem Remis braucht man auch an anderen Brettern keine Angst zu haben, denn wir wissen nun ja: Es wird an jedem Brett Sieger und Verlierer am Ende des Tages geben! Schalte ein und verpasse keine Sekunde der Action! Es kommentieren Peter Svidler und Jan Gustafsson ab 17:00 Uhr MEZ!

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