Berichte 17.06.2015 | 10:41von Colin McGourty

Norway Chess (1): Carlsen verliert durch Zeitüberschreitung

In der ersten Runde des Superturniers Norway Chess unterlag Magnus Carlsen gegen Veselin Topalov durch Zeitüberschreitung. Der Weltmeister stand nach sechs Stunden harten Ringens kurz vor dem Sieg, ging aber fälschlicherweise davon aus, dass er ab dem 60.Zug eine Zeitgutschrift bekäme. Zuvor hatten Anish Giri, Hikaru Nakamura und Maxime Vachier-Lagrave ihre Weißpartien gewonnen, doch das war noch längst nicht alles an diesem aufregenden Turniertag. Absolut sehenswert sind auch die Interviews mit Garry Kasparov und Nakamura, der Fabiano Caruanas Verbandswechsel als “schädlich” bezeichnete.

Wer hätte gedacht, dass eine typische Carlsen-Gewinnpartie sich plötzlich zur schockierendsten Verlustpartie seit Wesley Sos kampfloser Niederlage in St. Louis entwickeln würde? | Foto: Macauley Peterson

Norway Chess 2015: Ergebnisse der 1.Runde (mit einem Mausklick auf das Ergebnis könnt ihr jede Partie mit Computeranalyse nachspielen)

Magnus Carlsen kam etwas zu spät zur ersten Runde des Norway Chess 2015 und ließ dadurch Garry Kasparov, der den ersten Zug ausführen sollte, warten. Was zunächst noch ein Witz war, hatte später spektakuläre Konsequenzen:

"Vielleicht sollte Garry einspringen und ein paar Züge für Magnus ausführen! Der Weltmeister kommt."

Nachdem die Uhr schließlich in Bewegung gesetzt worden war, nahm die Partie zunächst ihren gewohnten Verlauf. Carlsen erreichte in der Eröffnung nicht viel, war aber dennoch mit ihrem Verlauf zufrieden, da er am Damenflügel einen Minoritätsangriff starten konnte. Dem norwegischen Fernsehen teilte er mit, „dass Topalov nicht gern verteidigt“. 

Carlsen war durchaus optimistisch, als er sich während der Partie auf TV2 äußerte. 

Topalov verteidigte sich zwar gut, doch Carlsen erhöhte in seiner unnachahmlichen Art immer mehr den Druck, bis der ehemalige Weltmeister doch noch zusammenbrach. Nach sechs Stunden befand sich die Spannung aber weiterhin auf dem Siedepunkt, da nicht nur die Stellung, sondern auch die Zeit eine Rolle spielte.

Am besten ist es, sich die letzten Minuten der Originalübertragung anzusehen, bei der Dirk Jan ten Geuzendam und Jan Gustafsson (die zeitweilig gemeinsam mit Garry Kasparov kommentierten) das Drama live kommentieren.

Magnus hatte nicht mitbekommen, dass er nach dem 60.Zug keine Zeitgutschrift bekommt und war zunächst sprachlos, ehe die (etwas andere) Post-mortem-Analyse begann: 

"Was ging schief? - Diskussionen kurz nach der Partie."

2014 gab es beim Norway Chess nach dem 60.Zug noch zusätzliche 15 Minuten, doch auf der Website der Grand Chess Tour (chess24 überprüfte das am 2. Juni bei den Vorbereitungen auf das Turnier) und in den Spielerverträgen wird die neue Bedenkzeitregelung ausdrücklich erwähnt. Magnus hatte die Erinnerung vor der Partie leider verpasst:

Nakamura: "Erwähnenswert ist, dass der Schiedsrichter vor der 1.Runde auf die Bedenkzeitregel hinwies, aber Carlsen kam zu spät. Schrecklich, so zu verlieren/gewinnen."

Dieser war sich aber nicht sicher, ob das geholfen hätte!

Carlsen: "Selbst wenn ich zu Beginn der Partie bei der Bekanntgabe dagewesen wäre, hätte ich es nicht unbedingt gehört. Wäre in meiner eigenen Welt unterwegs gewesen." 

Reaktionen gab es reichlich:

Lawrence Trent: "Unglaubliche Szenen. Magnus verliert in Gewinnstellung gegen Topalov. Die Grausamkeit dieses Spiels kennt keine Grenzen."

Ellen Carlsen: "Nach einer solchen Niederlage könnte ich auf keinen Fall einschlafen. Hoffen wir, dass Magnus sie aus dem Kopf bekommt und morgen mit einem Sieg zurückschlägt.

Topalov: "Es tut mir leid für ihn, aber was soll ich tun."  

In der 1.Runde hatte Caruana in der Berliner Mauer eine Überraschung für Vishy Anand vorbereitet, und während der Inder für seine Züge 10 und 11 ganze 40 Minuten aufbrachte, hatte Caruana Zeit, aus dem Nähkästchen zu plaudern und zu erklären, dass Anand überlegte, ob er ins Remis einwilligen oder mit 11.e5 die Partie fortsetzen sollte.

Der Computer braucht ein wenig, um das hübsche Remis zu finden, dass Fabiano bei der Vorbereitung entdeckt hatte.

Der Ex-Weltmeister setzte die Partie schließlich in leicht besserer Stellung fort, das Remis im 37.Zug kam aber nicht überraschend. Es sollte das einzige Remis des Tages bleiben.  

Giri 1-0 Grischuk: Die Partie des Tages

Lange sah es in der 1.Runde danach aus, als würde Alexander Grischuk, der für seine letzten 11 Züge weniger als 2 Minuten hatte, die einzige Zeitnotgeschichte des Tages liefern. Garry Kasparov, der Dirk Jan ten Geuzendam ein halbstündiges Interview gab, kommentierte Grischuks Zeiteinteilung diplomatisch: “Ich finde sie seltsam…“

Wie üblich hingen Grischuks Zeitprobleme stark mit der Stellung zusammen, der er hinterher als „sehr schlecht“ bezeichnete. Im Rossolimo-Sizilianer zeigte sich Anish Giri bestens präpariert, da sein Freund und chess24-Autor Robin van Kampen sie spielt, "und dessen Varianten generell nichts taugten!" Robin schug zurück:

"Ohne mich würde er diese Varianten nicht einmal kennen!"

Wie auch immer, jedenfalls wurden wir alle Zeuge einer grandiosen Angriffspartie, die ein anderer chess24-Star, IM Lawrence Trent, kommentierte:

Vachier-Lagrave 1-0 Aronian: Riesige Probleme

Nach schachlich schweren Zeiten ist Maxime Vachier-Lagrave derzeit der Mann der Stunde! | Foto: Macauley Peterson 

Maxime Vachier-Lagrave hat einen Lauf! Seinem Sieg beim Blitzturnier ließ er in der 1.Runde seinen ersten Sieg gegen einen Supergroßmeister seit Februar folgen. Levon Aronian schob die Niederlage auf sein Gedächtnis, nachdem er sich auf eine kritische Variante eingelassen hatte…

Die Variante mit 14…g4 ist sehr kompliziert; man muss extrem viel wissen.

…und dann stellte er fest, dass er sich nicht erinnern konnte. Damit war die Katastrophe vorprogrammiert, und nach 19.e4! fand er keinen guten Zug mehr:


Schließlich hatte er einfach zwei Bauern weniger (Kasparov: “ein sehr starkes Argument!”), und obwohl er sich im Damenendspiel bis Zug 59 quälte, stand das Ergebnis immer außer Zweifel. Aronian fasste das Geschehen zusammen:

Ich hätte meine Analyse noch einmal durchgehen müssen. Das war ein Vorbereitungsfehler.

MVL dagegen hatte sich nach seinem Husarenritt durch Europa optimal vorbereitet: 

Ich ging vor Mitternacht schlafen, das ist vielleicht vor fünf Jahren das letzte Mal passiert! 


Nakamura 1-0 Hammer: Zahlen lügen nicht

Hikaru Nakamura ist nun in der Live-Eloliste auf Platz 2 in der Welt platziert, außerdem hat der Amerikaner sein höchstes Rating aller Zeiten erreicht. Da neun Spieler der Top Ten in Norwegen dabei sind, wird die Tabelle aber auf jeden Fall noch durcheinander gewirbelt.  

Fünf Spieler sind aktuell über 2800! | Quelle: 2700chess.com 

Die Zahlen sind wichtig, wie Garry Kasparov anmerkte, als er zu Nakamuras Entwicklung gefragt wurde, den er zuletzt kritisiert hatte:

Mich musst du nicht fragen, er hat 2800 Elo. Zahlen lügen nicht!

Im selben Interview sträubte sich Kasparov gegen einen Vergleich zwischen Magnus Carlsen und Anatoly Karpov:

Karpov hat nie solche Resultate erzielt wie Magnus. Er ist eine Mischung aus Karpov und Fischer, mit seiner Leidenschaft und der Bereitschaft, bis zum letzten Bauern zu kämpfen… Karpov war nie so dominant wir Magnus.

Hier das ganze Interview, in dem Kasparov auch erzählt, dass Ding Liren eine Einladung für die Grand Chess Tour vorlag, er diese wegen anderer Verpflichtungen aber nicht annehmen konnte:

Gegen Hammer lief es für Nakamura zunächst nicht nach Plan, da sich die Überraschung 7.b3 als Fehlschlag erwies:

Ich spielte diese Variante mit b3, auf die er sich unmöglich vorbereitet haben konnte, doch spielte er stets den besten Zug. Ich war ziemlich sauer. Er blitzte die besten Züge herunter.

Verunsichert wich Nakamura mit 17.Tac1 von seiner Vorbereitung ab und bekam wenig später Probleme. Hammer hatte das Gefühl, besser zu stehen, was der Anfang vom Ende war. Anstatt mit einem Zug wie 32…Df5 das Remis anzusteuern, schlug er um sich: 

Ich hatte recht wenig Zeit, als Jon Ludvig seine Objektivität einbüßte und 32…a5 spielte.


Nach 33.Sg5! war die schwarze Stellung kritisch, und der entscheidende Fehler folgte mit 41…axb4:


Weiß steht nach einfachem Zurückschlagen besser, doch der Zwischenzug 42.Lc5! beendet die Partie mit chirurgischer Präzision. Hammer setzte das normale Turnier fort, wie er das Blitzturnier beendet hatte und ließ sich von seinem Gegner mattsetzen.

Nakamura hielt sich nicht zurück, als er nach seinem neuen US-Teamkollegen gefragt wurde. | Foto: Macauley Peterson

Das Interview nach der Partie war schon allein wegen der vorangegangenen Partie interessant, doch so richtig spannend wurde es erst, als er nach seinem neuen Teamkollegen Fabio Caruana und dessen Verbandswechsel gefragt wurde. Nakamura zögerte zunächst mit den Worten, „Ich überlege gerade, wie ehrlich ich sein soll“, ehe er loslegte: 

Aus amerikanischer Sicht ist das sicher sehr gut, da wir nun drei Top-10-Spieler haben, und bei der Olympiade steigen dadurch auf jeden Fall unsere Chancen. Gleichzeitig wissen viele, dass ich mit einer Italienerin liiert bin und fast fließend Italienisch spreche, und ich deswegen Sympathien für Italien hege, zumal sie alles für Fabiano getan haben. Der Verband investierte viel Geld und stellte ihm in den letzten 10 Jahren alle Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung, da ist es vor allem mitten in einem Einjahresvertrag sicher nicht optimal, wenn er einfach seine Sachen packt und geht. 

Nakamura fuhr fort, dass Caruanas Wechsel für die Attraktivität in den Medien, die Schach in Italien gerade entwickelt hatte, “sehr schädlich” gewesen sei. Das ganze Interview gibt es hier:

Das war die erste Runde von Norway Chess 2015! In der 2. Runde gibt es wieder extrem spannende Duelle zu bestaunen:

Alle Partien gibt es wie immer auf chess24! Diese könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Zum Weiterlesen:


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