Features 20.02.2015 | 13:37von chess24 staff

Normale Gedächtnisprobleme

Nach dem Sieg von Nakamura über Sergey Karjakin und Karjakins darauffolgendem Tweet baten wir den Sportpsychologen Carlos Martínez, der sich auf Schach spezialisiert hat, kurz zu erklären, was in unserem Gedächtnis passiert, wie es funktioniert und vor allem warum wir Dinge vergessen! Und da er schon einmal da war, fragten wir ihn auch nach ein paar praktischen Tipps!

‌"Die schlechteste Art, eine Partie zu verlieren, ist, wenn du die Variante kennst, die zum Remis führt, dich aber nicht daran erinnerst und sofort in eine Verluststellung gelangst..."

In der Runde, die am Montag Nachmittag im Superturnier in Zürich gespielt wurde, verlor Sergey Karjakin gegen Hikaru Nakamura, nachdem er sich nicht an eine Variante erinnerte, die zum Ausgleich geführt hätte.

Jeder Schachspieler hat sicher schon ein- oder zweimal eine Variante vergessen, die er analysiert hat. Er vergaß sie oder verwechselte die Züge, als es darum ging, sie aufs Brett zu bringen. Das ist in der Schachwelt eine recht normale Situation. Aber was kann hinter dieser Vergesslichkeit stehen? Haken wir es ab und sagen, "er hat es einfach vergessen", oder können wir hingegen ein paar Ratschläge aus diesen Fehlern ziehen, um unser Schachspiel zu trainieren und zu verbessern?

Heutzutage ist die Menge an Informationen, die sich Spieler merken müssen, aufgrund von Computerprogrammen und der vielen Zeit, die Spieler mit dem Erlernen von Eröffnungen verbringen, extrem groß. Es gibt Varianten, die bis zu 30 Züge oder weiter gehen, und das Hauptproblem ist, sich am Brett an sie zu erinnern. Besonders, wenn diese Varianten komplex sind und vor einiger Zeit analysiert wurden. 

Ohne zu behaupten, dass ich dieses Thema erschöpfend bearbeitet habe, würde ich gerne eine klassische Studie zitieren, die in allen Psychologie-Fakultäten gelehrt wird und zur Entstehung dessen beigetragen hat, was später als Vergessenskurve bekannt wurde. Laut dieser Studie, die von Hermann Ebbinghaus durchgeführt wurde, ist die Vergessensrate nicht linear: am Anfang vergisst man schnell, später wird die Rate langsamer. Unten seht ihr eine Grafik, die euch helfen wird, diesen Prozess zu verstehen:


Wie ihr sehen könnt, ist die Menge des vergessenen Materials in den ersten Tagen nach dem Erlernen sehr groß und stabilisiert sich nach etwa einer Woche. Obwohl diese Studie Material verwendet, das wenig mit Schach zu tun hat (der Autor benutzte Listen mit dreizehn Silben), kann sie uns trotzdem zeigen, wie wichtig es ist, Material noch einmal durchzugehen, das wir vorher gelernt haben. Nachdem wir eine konkrete Variante erlernt haben, denken wir oft, dass wir "sie jetzt wissen" und gehen sie nie noch einmal durch oder nur mit wenig Interesse. Bis der Tag kommt, an dem wir sie anwenden wollen: dann entdecken wir, dass wir das, was wir damals wussten, vielleicht nicht für immer wissen. Mit diesem Beispiel möchte ich betonen, wie wichtig es ist, Analysen zu wiederholen, die wir uns vor einiger Zeit angeschaut haben - das ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns in einer Partie an sie erinnern.

Abgesehen von der Erinnerung daran ist es essentiell, in der Vorbereitungs- oder Trainingsphase mentale Schlüssel oder Strategien (Mnemoniktechnik) zu finden, die uns helfen, unser Gedächtnis zu stärken. Natürlich sollte man die Stellung vorher verstanden haben, denn ansonsten wird das reine Auswendiglernen sehr viel komplizierter und man vergisst mehr.

Es ist schwierig, konkrete mentale Strategien für das Einprägen von Material vorzuschlagen, da jede Person ihre Vorlieben hat und es für einige sowieso leichter ist. Für Trainer wäre es interessant, zu wissen, wofür sich der Schüler interessiert, um das Lernen und Einprägen für ihn mit verschiedenen Strategien, die zu ihm passen, einfacher zu gestalten. Für Spieler ist es wichtig zu wissen, welcher Weg ihnen am meisten geholfen hat, als es darum ging, gewisse Informationen auswendig zu lernen.

Und was können wir nun tun, wenn wir uns in einer Partie an nichts mehr erinnern? Was machen wir in einer Stellung, die wir gelernt haben, an deren Analyse wir uns aber nicht mehr erinnern? Unsere erste, fast automatische Reaktion in so einer Situation ist der Versuch, uns mit allen Mitteln und aller Kraft daran zu erinnern, was wir gelernt haben. Das dauert ein paar Minuten lang, dann geht es in die Irritationsphase über. Wir erinnern uns nicht an das Material und befinden uns in einer Art Kreislauf, mit einer nicht sehr positiven Nachricht an uns selbst. Das dauert normalerweise auch ein paar Minuten. Schließlich betreten wir die Phase, in der wir eine Entscheidung machen müssen, und spielen etwas, das für uns Sinn zu ergeben scheint, oder überzeugen uns selbst, dass wir uns vage daran erinnern. Das ist (grob und etwas witzig ausgedrückt) das, was uns passiert, wenn wir so etwas wie eine Variante vergessen. Als Alternativvorschlag würde ich Folgendes empfehlen: einen ersten Schritt, in dem wir akzeptieren, dass wir das Material vergessen haben, und dass wir uns nur auf unsere Fähigkeiten und unser Wissen verlassen können. Nach dieser Phase der Akzeptanz - oder währenddessen - ist es gut, sich zu entspannen und zu beruhigen, um die Partie auf die bestmögliche Weise anzugehen. Und schließlich ist es unabdingbar, an unsere Fähigkeiten zu glauben, an unser Wissen und an das Training, das wir durchgemacht haben, um die besten praktischen Lösungen zu finden.  

Carlos Martínez

Carlos ist ein Psychologe und Experte in der Gestalttherapie. Aktuell arbeitet er mit dem Valencianischen und Spanischen Schachverband an Programmen für die technologische Förderung, Unterstützung und Hilfe für Spieler bei Meisterschaften in Spanien, Europa und der Welt. Wenn ihr ihn kontaktieren wollt, schreibt eine Email an: carlosmartinezpsi@gmail.com




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